Die Türkei hat laut Wikipedia 74.724.269 Einwohner und eine Bevölkerungsdichte von 90,5 Einwohner pro km² (Zum Vergleich Deutschland 81,859 Mio. Einwohner, 229 Einwohner pro km²). 2,1 Kinder pro Frau halten eine Bevölkerung stabil. Laut Süddeutscher Zeitung von 2010 liegt die Geburtenrate der Türkei bei 2,2 Kindern pro Frau, was Panik hervorruft. Die SZ schreibt:
Premier[...]
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... Tayyip Erdogan hatte schon vergangenes Jahr die Türkinnen aufgerufen, fürs Vaterland wieder mehr, nämlich mindestens drei Kinder zu gebären.
Offenbar werden Erdogans Vorstellungen zur türkischen Geburtenrate nicht erfüllt, denn nun wird in dem – laizistisch konzipierten – Staat religiös argumentiert. In den Stuttgarter Nachrichten heißt es:Viele islamische Gelehrte sind der Ansicht, dass ein ungeborenes Kind erst etwa im vierten Monat eine Seele erhält und damit zum Menschen wird.Diese Grenze möchte Erdogan verschieben lassen:
Gesundheitsminister Recep Akdag kündigte an, ein Entwurf für das neue Abtreibungsgesetz soll noch vor der am 1. Juli beginnenden Sommerpause ins Parlament eingebracht werden. Bis dahin will die Regierung von Wissenschaftlern festlegen lassen, ab welcher Schwangerschaftswoche das menschliche Leben beginnt. [...]Nicht dass man uns hier falsch versteht: PI-Leser wissen, dass wir der durch die 68er-Ideologie ausgelösten Abtreibungswelle kritisch gegenüberstehen und grundsätzlich für eine kinder- und familienfreundliche Politik einstehen. Von daher freuen wir uns natürlich über jedes Kind, das gesund zur Welt kommt und gute Lebensbedingungen vorfindet. Was wir allerdings grundverkehrt finden ist, wenn die Politik (egal in welchem Land) Frauen als Gebärmaschinen betrachtet, die gefälligst für Nachschub zu sorgen haben. Neben der Abtreibung, von der hier die Rede ist, gibt es ja auch noch die Möglichkeit der Familienplanung durch verschiedene Verhütungskonzepte und es sollte jeder Frau bzw. Familie anheimgestellt sein, die Zahl ihrer Kinder selbst zu bestimmen. Ein familienfreundlicher Staat, der für günstige Rahmenbedingungen sorgt, wird sich dann auch über zahlreichen Nachwuchs freuen können.
Der türkische Staat schert sich aber weniger um die Bedingungen, unter denen die Frauen leben und das ruft Entsetzen hervor:Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan kündigte jetzt die Abschaffung der bisherigen Regelung an, die Abtreibungen generell bis zur zehnten Woche erlaubt. Erdogan will auch gegen die steigende Zahl von Kaiserschnitt-Geburten vorgehen – wie die jährlich rund 70.000 Abtreibungen in der Türkei seien die Operationen ein Hindernis für das nötige Bevölkerungswachstum im Land, sagte er. Frauenpolitikerinnen sind entsetzt.Erdogan wird vorgeworfen, sich in das Selbstbestimmungsrecht der Frauen einzumischen und er konterte, dann könne man ja auch Selbstmörder von der nächsten Brücke springen lassen.
Auch die Kritik der Opposition, die Zahl der Kinder in einer Familie sei allein Sache von Mann und Frau und nicht die des> Ministerpräsidenten, lässt Erdogan kalt: Als Regierungschef sei er nun einmal für alles Mögliche im Land zuständig.Für Vergewaltigungsopfer soll es keine Ausnahme geben:
Offen blieb zunächst, ob die geplante Vier-Wochen-Regel bei der Abtreibung selbst für Schwangerschaften nach Vergewaltigungen gelten soll. Gesundheitsminister Akdag sagte, grundsätzlich solle es nur noch Abtreibungen und Kaiserschnitt-Geburten geben, die medizinisch notwendig seien.Spätestens bei der Frage nach der Wahl zwischen natürlicher Geburt und Kaiserschnitt wird deutlich, worum es Erdogan eigentlich geht:
Er bezeichnete die Kaiserschnitt-Geburten allen Ernstes als Teil einer Verschwörung, die das Ziel habe, ein gesundes Bevölkerungswachstum in der Türkei zu verhindern. Schließlich könne eine Frau nach einem Kaiserschnitt höchstens noch ein weiteres Kind bekommen, behauptet Erdogan.Die Oppositionspolitikerin Aylin Nazliaka bringt es auf den Punkt:
Dieses allumfassende Macht- und Amtsverständnis des Premiers wird nach Ansicht seiner Kritiker immer mehr zu einem Problem. „Ich wünsche mir, dass der Ministerpräsident aufhört, Vagina-Wächter zu sein“, erklärte die Oppositionspolitikerin Aylin Nazliaka. „Er hat die Türkei an einen Punkt gebracht, an dem sich ein totalitäres Regime ins Privatleben der Menschen einmischt.“Und genau darum geht es: Ein moderner Staat, der Anreize zur Erhöhung der Geburtenrate schaffen möchte, sollte nicht den Fehler begehen, religiös zu argumentieren. Er sollte ganz einfach die Rahmenbedingungen für die Familien verbessern. Denn genauso wie Familienplanung Privatsache ist, ist auch die religiöse Einstellung Privatsache. Es gibt Menschen, die aus religiösen Gründen Kinder bekommen möchten und andere, die ganz einfach Kinder haben möchten und wieder andere, die ganz einfach keine Kinder möchten. Die persönliche Motivation sollte keine Rolle spielen und der Staat sollte sich da heraus halten und ganz einfach eine kinder-, frauen- und familiengerechte Politik betreiben.
Ein Staat aber, der seine Familien und Bräute in großem Maßstab exportiert, sollte sich über angeblich mangelndes Bevölkerungswachstum nicht beschweren. Ein Staat, der dann auch noch die im Ausland Lebenden mit religiös motivierter Politik an ihre Herkunft binden will, verhindert, dass die Menschen in ihrer neuen Heimat glücklich werden können. Ein Blick auf die türkischen Zwangsverheiratungs-, Verwandtenehen-, Ehrenmord- und Selbstmordstatistiken reicht vollkommen aus, um zu sehen, wie der türkische Staat die Frauen behandelt, die mit der Forderung nach Erhöhung der Geburtenrate weiter unter Druck gesetzt werden.
Die Zukunft eines Landes hängt nicht alleine davon ab, wie viele Kinder pro Frau auf die Welt kommen, sondern unter welchen Voraussetzungen diese Kinder aufwachsen. Wie lange noch will der türkische Staat seine Kinder von der Normalität fernhalten und sie in einer islamischen Parellelwelt ohne Zukunft aufwachsen lassen? Wie lange noch sollen durch Zwangsheiraten, Verwandtenehen, polygame Strukturen, Clanwillkür, Ehrenmorde, Paschaverhalten und dergleichen unglückliche Generationen entstehen? Man kann den Türkinnen nur wünschen, dass sie sich endlich von der religiös begründeten Bevormundung befreien.



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