Die Welt 21.04.12
Blindflug nach Mittelerde
Nie zuvor gesehene Illustrationen, überraschende Vorbilder: Kurz vor seiner Verfilmung erscheint J.R.R. Tolkiens „Hobbit“ in einer reich kommentierten Ausgabe. Sie zeigt den Autor des „Herrn der Ringe“ auf dem wundersamen Weg in seine wundersame Welt. Denn bei der Erfindung der Fantasy stand ausgerechnet eine Tiergeschichte Pate. Von Wieland Freund
Üblicherweise bleibt das Schriftstellern, die für Kinder schreiben, erspart: „Normale“ Kinderliteratur braucht selbst im Klassikerstatus keine Fußnoten, Anmerkungsapparate und historisch-kritische Editionen. Bei dem Fantastischen verfallenen Oxford-Dozenten allerdings machen die Angelsachsen gern mal eine Ausnahme. Eine annotierte „Alice im Wunderland“ (Lewis Carroll lehrte in Oxford Mathematik) gibt es schon seit 1960, und einen annotierten „Hobbit“ gibt es jetzt auch: Der Tolkien-Experte Douglas A. Anderson hat J. R. R. Tolkiens erstes Buch als „Das große Hobbit-Buch“ neu herausgegeben – mit Hunderten von Anmerkungen, diversen Anhängen und allem bibliografischen Drum und Dran. Und dass es jetzt übersetzt wurde, hat auch seinen tieferen Grund: Wir leben im Jahr des Hobbit. Tolkiens Debüt von 1937 steht vor seinem 75. Geburtstag, vor allem aber steht es unmittelbar vor seiner Monumentalisierung durch das große, digitale Kino (siehe den nebenstehenden Artikel).
Der alte Tolkien hätte sich das wohl nicht träumen lassen. Zwar besaß er eine Schreibmaschine mit zusätzlichen Kursivbuchstaben (woraus sich vielleicht schließen lässt, dass er Sinn gehabt hätte für die neuen Möglichkeiten der Textverarbeitung), von der Opulenz des amerikanischen Films aber hielt er (obwohl er als Leser Triviales durchaus zu schätzen wusste) wenig. Seinen ersten deutschen Illustrator, den, wie Tolkien schrieb, „armen Horus Engels“, beschuldigte er der „Disnität“; Walt Disney selbst, zweifellos sein Zeitgenosse, hielt er für talentiert, aber „korrumpiert“: „In den meisten Filmen, die aus den Disney-Studios kommen, gibt es erstaunliche und bezaubernde Momente, doch der Gesamteindruck ist nur abstoßend für mich. Bei einigen ist mir richtig schlecht geworden.“
Dennoch: Tolkien hat diese Filme gesehen – nicht selbstverständlich für einen Oxforder Linguistik-Professor des Jahrgangs 1892. Obwohl (oder gerade weil) früh verwaist, hat er die Verbindung zu dem Kind, das er war, ein Leben lang gehalten. Die diversen Clubs und Gesellschaften, denen er angehörte, darunter die berühmten „Inklings“, zu denen auch der „Narnia“-Schöpfer C. S. Lewis zählte, Tolkiens bester Freund, waren wohl nicht zuletzt Banden spielender Jungs, die sich statt im Wald oder auf der Straße nun am Kamin eines Oxforder Colleges oder, vorzugsweise dienstags, im „Bird and Baby“ versammelten, um sich dort ihr neues Spielzeug, das heißt: ihre Manuskripte zu zeigen. Dabei spielte gerade Tolkien – wie alle Kinder wesenhaft ein Fragmentarier – seine Spiele oft nicht zu Ende. Mal erlag er einem anderen Reiz, mal scheint er sein Spielzeug einfach verbummelt zu haben.
Andererseits fand er stets mühelos ins Spiel zurück. Einen Brief, den er im Laufe des Jahres 1967 aus welchen Gründen auch immer abbrach, konnte er im Herbst 1968 einfach so fortsetzen. Und so ist es ihm auch mit dem „Hobbit“ gegangen. Auch das Buch, das ihn überhaupt erst zum (veröffentlichten) Schriftsteller machte, brach er ab und vergaß es dann so gründlich, dass es Douglas A. Anderson und viele andere Tolkien-Forscher, von denen es nicht wenige gibt, bis heute viel Mühe und detektivischen Spürsinn kostet, die Entstehungsgeschichte zu rekonstruieren. Jede Menge Briefe, Erinnerungen und ein peinlicher Abgleich diverser erhaltener Manuskripte sind nötig, um den berühmten ersten Satz „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit“ auf den reichlich vagen Zeitraum 1928 bis 1930 zu datieren.
In jedem Fall war der „Hobbit“ im Frühsommer 1936 nicht fertig. Damals lieh sich eine Lektorin des Verlags Allen & Unwin, die wegen einer Übersetzung des angelsächsischen Heldenepos „Beowulf“ in Oxford war, das unvollendete Manuskript eher beiläufig aus und ermunterte Tolkien nach der Lektüre, es fertig zu stellen. Der zehnjährige Verlegersohn verfasste ein etwas vollmundiges, aber sehr freundliches Gutachten; Tolkien begann sein Kinderbuch (denn das war es) selbst zu illustrieren, der Verlag kündigte (in erheblicher Verkennung der Tatsachen oder mit einer gehörigen Portion Frechheit) „vielleicht ein neues Alice in Wunderland“ an, und dann druckte man ganze 1500 Exemplare. Wie so ziemlich jedes Buch kam auch „Der Hobbit“ am Abgrund des Vergessens zur Welt. Letzte Reste einer zweiten Auflage von 2300 Stück gingen 1940 im deutschen Bombenhagel unter. Und in der Notzeit danach fehlte es dem Buch, dem ein nicht ganz unvoreingenommener C. S. Lewis „das Zeug zum Klassiker“ attestiert hatte, erst einmal an Papier. Hätte Tolkien nicht den „Herrn der Ringe“ geschrieben (und damit die Fantasy begründet), sein „Hobbit“ wäre heute vergessen. Hätte er nicht den „Hobbit“ geschrieben allerdings – er hätte den „Herrn der Ringe“ vergessen können. Es war erst der „Hobbit“ (als Buch wie als Identifikationsfigur), der das Tor zu Tolkiens fantastischer Welt Mittelerde aufstieß und auch solchen Menschen Zugang gewährte, die keine Mediävisten, Linguisten oder Mythomanen waren.
Wie heute jeder seiner Fans weiß, hat Tolkien schon als Jugendlicher Sprachen erfunden. Zum Erzähler aber wurde er erst, als er in einem billigen Notizbuch mit dem Verfassen der so genannten „Lost Tales“, der Verschollenen Geschichten, begann, aus denen mit der Zeit „Das Silmarillion“ erwuchs, Tolkiens große Kunstmythologie, der Eisberg unter der Spitze, die „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ darstellen. Tolkien hatte, als er mit den „Lost Tales“ begann, erkannt, dass eine (erfundene) Sprache einen (erfundenen) mythologischen Urgrund braucht; ebenso aber wollte er den historischen Verlust einer solchen Mythologie in England wettmachen. Über die normannische Eroberung konnte er wie ein Bierkutscher fluchen, über das finnische „Kalevala“, eine im 19. Jahrhundert zusammengestellte Sammlung finnischer Mythen, schrieb er: „Ich wünschte, wir hätten noch mehr davon – etwas von der gleichen Art, das uns Engländern angehörte.“ In Tolkien steckte von Anbeginn an ein fantastischer Bruder Grimm, nur war, was er schrieb, keiner Öffentlichkeit vermittelbar. Eriol, übersetzbar als „einer, der alleine träumt“, hieß sein erster Erzähler.
Im Familienmenschen Tolkien jedoch, dem Vater von vier Kindern, steckte auch so etwas wie ein Gelegenheitsdichter, und im „Hobbit“ fanden der mediävistisch inspirierte Eriol und der auf der Bettkante erzählende Vater zusammen. Und der erste Satz,................
weiter siehe:
http://www.welt.de/print/die_welt/li...ittelerde.html




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Aber jedem das Seine!

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