Weiterlesen: Junge FreiheitGruß aus der Gruft
Von Karlheinz Weissmann
Im Grunde ist alles gesagt, seitdem Henryk M. Broder aus dem Nähkästchen geplaudert hat: über seine Erstbegegnung mit Beate Klarsfeld, deren Egozentrik, die Bereitschaft, sich zu inszenieren und andere dazu zu nutzen, das Gespür für Public Relations und die Gier der Medien, verbunden mit einem moralischen Sendungsbewußtsein, das seinesgleichen sucht.
Tatsächlich ist „die Klarsfeld“ als Figur des öffentlichen Interesses nur aus der hysterischen Atmosphäre am Ende der sechziger Jahre zu erklären, als die ältere Generation noch resignierend versuchte zu erklären und die jungen schrecklichen Vereinfacher darangingen, die Geschichte als Waffe zu verwenden. Die berüchtigte Ohrfeige von Beate Klarsfeld für Kanzler Kiesinger auf dem CDU-Parteitag am 7. November 1968 paßte in die neuen Formen symbolischer Politik wie Sit-in oder Go-in, öffentliche Entblößung oder andere Varianten des „gezielten Regelverstoßes“.
Fünfzig rote Rosen für eine Ohrfeige
Wie jede symbolische Politik war auch diese nur wirkungsvoll, weil die Inszenierung auf Rezeptionsbereitschaft traf. Die populären Medien liebten den Skandal, die progressiven die Entlarvung, das breite Publikum wollte gekitzelt sein, die Intelligenz ihr Überlegenheitsgefühl bestätigt sehen. Heinrich Böll schickte Beate Klarsfeld am Tag nach der Ohrfeige fünfzig rote Rosen und steuerte ein Vorwort zu ihrem Büchlein „Die Geschichte des PG 2.633.930 Kiesinger“ bei, in dem die faktische Bedeutungslosigkeit Kiesingers als stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes während der NS-Zeit umgedeutet wurde in die Aktivität eines ruchlosen Schreibtischtäters: ein „feiner Mann“, so Böll, der „alles mit Glacéhandschuhen“ anfaßte; „und so hinterließ er sehr wenig Fingerabdrücke“.
Angesichts dieser Mischung aus Verdacht und Suggestion waren alle Erklärungen von Kiesinger selbst (nach den Worten des Historikers Klaus Hildebrand ein Mann, der nur versucht hatte, „mit Anstand zu überleben“) oder seiner bürgerlichen Anhänger vergeblich, für die Siebenundsechziger und Achtundsechziger und die ganze Alterskohorte, die folgte, war und blieb er seit Klarsfeld „der Nazi“.
Klarsfeld und die DDR-Staatssicherheit
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