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  1. #21
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Der Flug des Adlers

    Omer Pascha hatte Silistria bereits aufgegeben, als Saint-Arnaud am 19. Mai auf der Berthollet in Varna ankam. Es war das erste Mal, daß sich die drei Oberbefehlshaber der Türken, Engländer und Franzosen trafen. Die beiden Admiräle hingegen fehlten, sie waren im dichten Nebel vor Sewastopol steckengeblieben. aß er eben noch vorausgesagt hatte, das russische Heer werde in der Dobrudscha durch Krankheiten dezimiert, schien Omer Pascha verdrängt zu haben. Ohne seine Verbündeten gedachte er keinen Schritt vorwärts zu gehen; allenfalls zu dritt sollten sie den Russen eine Schlacht liefern. Obwohl Saint-Arnaud nicht wissen konnte, wie viel Truppen inzwischen in Gallipoli eingetroffen waren, sagte er Omer Pascha schnellste Hilfe zu.
    Um so größer war der Schock, als Saint-Arnaud am Morgen des 26. Mai in Gallipoli eintraf: »Er hatte vergessen, daß bei einer so entfernten Expedition die unzähligen Schwierigkeiten der Schifffahrt und hundert andere Hindernisse dazwischen treten, deren Beseitigung außerhalb menschlicher Kraft liegt.«
    Im Fall der englisch-französischen Expeditionsarmee aber lag gerade menschliches Versagen vor, da die Ausrüstung in Toulon und Marseille mit größter Hast und völlig planlos auf die Schiffe verteilt worden war, gleichgültig ob es sich nun um die langsamen Segler oder windunabhängigen Dampfer handelte. Den schwersten Fehler beging man bei dem Transport der Pferde, die man an Bord der Segelschiffe brachte, ohne für Transportgestelle und Gurte zu sorgen, so daß sie auf See ständig hin und her geworfen wurden.
    »Sie fielen schneller hin als wir sie wieder aufstellen konnten«, schrieb der Dragoner Temple Godman seinem Vater. »Sie wieherten schrill vor Angst, auch weil die Zeltplanen über ihren Köpfen im Wind knatterten Zwei Pferde, die nicht mehr aufstanden, mussten wir mit Gewalt an Deck schleifen, um sie dort wieder aufzurichten «In Gallipoli mangelte es dann wieder an Leichtem, so daß man »die Pferde nicht selten ans Meer werfen und an Land schwimmen lassen musste« Das Lager in Gallipoli bestand aus einem einzigen Chaos Geschütze ohne Bespannung, Batterien ohne Munition, Soldaten ohne Verpflegung 24 Geschütze waren uberhaupt erst feuerbereit Die 500 ausge schifften Pferde gehörten verschiedenen Truppenkörpern an Die


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    Infanterie verfügte erst über 27 Bataillone. Der Biskuit-Vorrat reichte für zehn Tage anstatt, wie geplant, für drei Monate.
    »Man kann den Krieg nicht ohne Brot führen«, depeschierte der Marschall, »nicht ohne Schuhe, Kochtöpfe und mindestens 250 Kannen.« Um den Transport von Proviant und Material zu beschleunigen, schickte Saint-Arnaud alle verfügbaren Dampfer durch die Dardanellen, um die gegen den widrigen Nordwind ankämpfenden Segelschiffe abzuschleppen. Erst jetzt begann man einzukalkulieren, daß die Fahrt von Frankreich durch das Mittelmeer (über Malta und Piräus) für Dampfer rund zwei Wochen, für Segelschiffe dagegen bis zu zehn Wochen dauerte.
    In Gallipoli musste Saint-Arnaud auch jene Division Forey vermissen, die er lange vor seinem eigenen Aufbruch in Toulon abgefertigt hatte. Sie war zusammen mit einem Regiment englischer Marinesoldaten von Malta aus nach Griechenland beordert worden, um dort die griechische Regierung wieder mit Gewalt auf den politischen Kurs der Alliierten zu bringen.
    Am 2. April waren die ersten französischen Transporte eingetroffen. Als die Engländer feststellen mussten, daß Gallipoli zu eng und unwirtlich war, fuhren sie mit ihren Schiffen gleich weiter nach Konstantinopel, um gegenüber der Osmanischen Hauptstadt auf dem asiatischen Teil bei Skutari ihr Lager aufzuschlagen, wo riesige Kasernen- anlagen aus den 30er Jahren standen.
    »Die Ansicht von Konstantinopel, Pera etc. vom Bosporus aus ist das schönste, was ich je gesehen habe«, schrieb Temple Godman begeistert nach Hause. »Es ist unbeschreiblich, wie eine Szene aus Arabian Night oder einem Märchen. Das Vielerlei der Häuser, Paläste, Moscheen mit ihren Minaretten, mit dem wundervollen Grün der Bäume zwischen ihnen - nur wenn man an Land kommt, ist es damit aus; die Straßen sind so eng, dunkel und winklig, daß man nichts sieht!«
    Auf die Franzosen dagegen machte die Türkei den denkbar schlechtesten Eindruck. »Jedermann, der dieses verpestete Nest, welches man Gallipoli nennt, gesehen hat, der seine düsteren, engen, Unrat bedeckten Gassen kennt, begreift leicht, daß sich alle Geißeln der Erde dort ein Stelldichein geben und in der verpesteten Atmosphäre üppig fortwuchern mussten«, stellte Baron de Bazancourt fest, der vom französischen Kriegsminister beauftragte Chronist des Krieges.
    Aus diesem Grund wurde das Truppenlager 14km entfernt auf der


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    Ebene von Bulahir zwischen den Dardanellen und dem Golf von Enos eingerichtet. Da noch immer mit einem Durchbruch der Russen bis nach Konstantinopel gerechnet wurde, sollte die Halbinsel sogar durch ein Verteidigungswerk abgeriegelt werden.
    Wegen dieses »gefürchteten Durchbruchs« in die Ebene von Rumelien fasste Saint-Arnaud übereilt einen neuen Plan. Er beschloss, Gallipoli als operatives Zentrum aufzugeben und seine Truppen teils in Eilmärschen, teils zu Schiff in der Gegend um Burgas (zwischen Varna und Konstantinopel) aufmarschieren zu lassen, konnte sich jedoch mit Lord Raglan nicht einig werden, der an dem ursprünglichen Plan festhielt, alle Truppen in Varna zu konzentrieren und den Russen noch vor Erreichen der Balkanpässe bei Schumla zusammen mit den Türken eine Schlacht zu liefern. Raglan vermutete, daß Saint-Arnauds »kleinmütiger Plan« von General Trochu stammte, den man im englischen Heer für den eigentlichen Vertreter der Ideen des Kaisers Napoleon hielt, während Saint-Arnaud wiederum davon überzeugt war, daß Raglan von dem eifersüchtigen Stratford unter Druck gesetzt wurde, am ursprünglichen Plan festzuhalten.
    Nun musste Saint-Arnaud, als er bei Burgas das Schiff verließ, aber feststellen, daß der Hafen unsicher und die Stadt nur ein armseliges Dorf war, in dem es nicht einmal genug Wasser für die Bewohner gab, so daß überhaupt nicht daran gedacht werden konnte, »an diesem Ort eine stehende Proviantierungsbasis anzulegen, auf die sich eine Armee stützen könnte«. Er änderte wiederum seinen Plan und hielt erst einmal in Gallipoli eine Parade ab, um einen Überblick über seine Truppen zu erhalten, bevor er Ende Mai den Befehl zum Abrücken gab.
    Während sich die Kavallerie nach Adrianopel auf den Weg machte, wurden die meisten Infanteristen auf Schiffen nach Varna gebracht. Für die rund 6000 Mann starke Brigade unter General Canrobert, die dazugehörige Bagage und Artillerie mitsamt ihren Zugpferden waren sechs französische Dampffregatten, zwei ägyptische Fregatten, eine Corvette und vierzig Handelsschiffe zum Transport notwendig.
    Eine Division wurde auf dem Landweg in Marsch gesetzt, um nach der endlosen Fahrt zur See wieder den Gebrauch ihrer Beine zu erlernen, wie es im Generalstabsjargon hieß.
    Der Vormarsch Richtung Konstantinopel entlang des Marmarameeres stellte sich jedoch als eine Strapaze heraus, die die Kampfkraft der


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    Soldaten unterhöhlte, da es keine Straßen gab, also gar kein Landweg existierte. Die Truppen der Vorhut, ein Jägerbataillon, mussten der Artillerie mit Hacken und Brecheisen einen Weg durch das Felsgestein bahnen. Den ganzen Weg entlang wurden Fronbauern vorausgeschickt, um den Soldaten den Pfad durch die Schluchten zu zeigen. Nach Rodosto hörten die Schwierigkeiten auf, doch hatte man nun unter der Sonne und dem Staub zu leiden, der in riesigen Wolken auf wirbelte .
    Prinz Napoleon erwartete derweil die Division in seinem kühlen Palast am Bosporus und fand den Anblick seiner Soldaten mit ihren zerrissenen und staubbedeckten Uniformen trotzdem herrlich.
    Am 17. Juni ließ er sie auf einer gemeinsamen Parade dem Sultan vorführen, bevor sie eingeschifft wurden. Das Defilee der Truppen störte nur ein Pascha der Türken, der wie ein »fetter Sack« (Calthorpe) auf seinem Pferd saß. Besonderes Aufsehen erregte ein türkisches Regiment, das praktische Gamaschen statt der Pluderhosen trug, eine Neuerung Omer Paschas, die wegen ihrer »Irreligiosität« von den Muselmanen angefochten wurde, wie der Berichterstatter der Leipziger Illustrierten Zeitung zu berichten wusste. Er bedauerte auch, daß die Franzosen statt der prächtigen Tschakos Feldmützen trugen. »Die Epauletten der Offiziere sind gleichfalls für die Dauer des Feldzugs abgeschafft worden, da sie stets das Ziel der feindlichen Schützen bilden.«
    Die Franzosen ärgerten sich darüber, daß ihre Kameraden aus England in Droschken spazieren fuhren, während Marx im fernen London phantasierte, die alliierten Landtruppen würden sich beim Genuss ungeheurer Mengen des dortigen schweren und süßen Weines verbrüdern. Argwöhnisch orakelte er, daß der Krieg im Osten »ein gut Teil des militärischen Ruhms des verstorbenen Herzogs von Wellington zerstören« würde.
    Tatsächlich fielen die englischen Soldaten eine Zeitlang nach der Landung in Konstantinopel durch stereotype Betrunkenheit auf, aber nur weil Alkohol billig war, die Soldaten jedoch nicht ausreichend zu essen hatten. Am Anfang landeten einmal 2400 Mann volltrunken auf der Wache - bei 14000 Mann Armeestärke.
    Das Interesse der Einwohner Stambuls an der Militärrevue war allerdings gering, was als Beweis für die sprichwörtlich bekannte Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit des »morgenländischen Volkes«


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    gewertet wurde. Nur die Europäer hatten sich in solchen Scharen eingefunden, daß kein Pferd und kein Wagen mehr zu bekommen waren, unter ihnen Abenteurer und Schlachtenbummler aus fast allen Nationen Europas, die sich in den Hotels von Pera niedergelassen hatten und denen der Krieg nicht rasch genug voranging; vor allem äußerten sie sich missmutig über Omer Pascha und dessen zaudernde Kriegführung.
    Einen Tag später, am 18. Juni, begann die Einschiffung, während die Türken ihr Ramadan-Fest feierten. Am Abend boten Goldenes Horn und Bosporus mit den erleuchteten Schiffen und Barken und den illuminierten Moscheen jenes »feenartige Schauspiel«, dessen Erlebnis von den Besuchern der alten osmanischen Hauptstadt überall als einmalig und unverwechselbar gerühmt wurde. Der Donner von Kanonen wurde als nicht störend empfunden.
    Aus Paris erhielt Saint-Arnaud nachträglich die Billigung seines neuen Kriegsplans durch den Kriegsminister: »Nützen Sie das Schuhwerk Ihrer Infanteristen ab, lassen Sie die Gesichter unserer ausgezeichneten Leute von der Sonne bräunen!« Zur selben Zeit schrieb einer der Generalstabsoffiziere des Marschalls: »Genau betrachtet, wissen wir eigentlich gar nicht, was bei den Russen vorgeht; es fehlt uns an Spionen oder doch wenigstens an guten Spionen.«

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  2. #22
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Österreichs Doppelspiel

    In den Augen der deutschen Öffentlichkeit war Napoleon III. der Urheber der europäischen Kriegsgefahr, ein Abenteurer und Spieler, der durch seinen gewagten Einsatz das europäische Mächtesystem von 1815 zu zerstören trachtete und deshalb die Macht zu demütigen suchte, die stets der Hauptträger dieses Systems gewesen war - Russland. So stand es in einem Artikel zu lesen, der im Juni 1854 erschien und aus der Feder des preußischen Historikers Johann Gustav Droysen stammte. Der Autor warnte die europäische Staatenwelt, sich selbst zu überschätzen oder Russland zu unterschätzen. Zur Zeit gäbe es nur drei wirkliche Weltmächte: das ungeheure kontinentale Russland mit seinem cäsarischen Absolutismus, das britische Weltreich und das maßlos wachsende demokratische Nordamerika.
    Die Weltlage konnte natürlich auch aus einem anderen Gesichtswinkel


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    kel gesehen werden. Dies machte ein Gespräch zwischen Napoleon III. und dem Fürsten von Hohenzollern deutlich, der als Sonderbeauftragter nach Paris geschickt worden war; eine der vielen Spezialmissionen, durch die der preußische König für seine Politik Verständnis suchte. Napoleon III. hatte - wie er vorgab - für Preußens schwierige Stellung sogar mehr Verständnis als die Engländer und verlangte noch keine Entscheidung. Ein starkes Preußen sei Frankreich stets willkommen.
    Der französische Kaiser erschien keineswegs in der Rolle des Revolutionärs. Er bezeichnete vielmehr ein Zusammengehen der Vier gegen Russlands Übergewicht als ein Bündnis gegen die Revolution, die in einem langen Krieg Nahrung gewinnen würde. Napoleon III. spielte auch auf seinen Oheim an; im Gegensatz zu dessen Politik der Unterdrückung achte er die Nachbarländer und ihre Grenzen.
    Dann wurde er konkret: Sollte Wien mit Frankreich gehen, so werde er behilflich sein, Österreichs Stellung in Italien zu decken, wenn nicht, dann müsste sich Österreich darauf gefaßt machen, früher oder später mit einer »allgemeinen Bewegung« in Italien zu rechnen. Das war ebenso diplomatisch wie deutlich formuliert.
    In den Augen seines Gesprächspartners hinterließ Napoleon III. den Eindruck eines Mannes, der von »der Unzertrennlichkeit der eigenen Größe und der seines Reiches« überzeugt war. Unklugerweise hatte er nur wieder einmal seine Ideen für eine Neuordnung Europas zu Papier gebracht und sie sogar in einigen Exemplaren verteilen lassen, so daß es dem entsetzten Kabinett nicht mehr gelang, alle Kopien wieder einzuziehen. Tocqueville sah darin wohlmeinend »die Unfähigkeit, zwischen Träumen und Denken zu unterscheiden«. Eine Konzession, die man übrigens dem Zaren nicht machte, wenn er von seinen Wunschträumen sprach, die Hagia Sophia wieder zu einer christlichen Kirche einzurichten.
    Kaum war das Schutz- und Trutzbündnis zwischen Berlin und Wien perfekt, drängten die Österreicher ihren Vertragspartner zu weiteren Konzessionen. »Buol sucht uns zu einer Allianz mit den Westmächten zu treiben«, notierte Gerlach am 2. Mai 1854. Und: »Der Zar ist des Krieges müde, in einem halben Jahr sind es die Westmächte auch.«
    Für Österreich gab es zunächst einen außenpolitischen Rückschlag, als sich die deutschen Mittelstaaten auf einer Konferenz in Bamberg


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    vorerst weigerten, dem Vertrag vom 20. April beizutreten, weil sie in einen Krieg gegen Russland hineingezogen zu werden befürchteten. Russland gegenüber traten die Österreicher trotzdem selbstbewusster auf. Sie setzten den Zar nicht unter direkten Fristdruck, verlangten aber am 3. Juni eine Auskunft über den genauen, »hoffentlich nicht fernen Zeitpunkt« der Beendigung der Okkupation der Fürstentümer, mit dem drohenden Zusatz, »zum Schutz der gefährdeten Interessen selbst die nötigen Mittel in Betracht zu ziehen«.
    Schon zu demselben Zeitpunkt begann Bruck in Konstantinopel auch mit Verhandlungen, um eine Konvention über das Nachrücken österreichischer Verbände im Donauraum abzuschließen.
    Am 8. Juni 1854 trafen sich Friedrich Wilhelm IV. und Franz Joseph mit ihren Ministern auf dem Schloß Tetschen in Böhmen, um Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen. Aber die preußischen Gäste waren kaum wieder in Berlin, als sie von Brucks Reise erfuhren. BuoI bestritt, daß diese Absprachen etwas mit dem Vertrag vom 20. April zu tun hätten: es handle sich um Maßnahmen zur Wahrung der österreichischen Interessen nach erfolgtem Rückzug Russlands. Als Begründung führten die Österreicher an, durch das Nachrücken österreichischer Truppen in die von Russen entblößte Region die »Gefahr einer Anarchie« zu vermeiden - aus »Humanitätsgründen«!
    Inzwischen hatten die Franzosen in einem von Drouyn de Lhuys entworfenen und von Bourqueney redigierten Fünfpunkteplan, der als Basis künftiger Friedensverhandlungen gedacht war, Österreich das Protektorat über die Donaufürstentümer vorgeschlagen. Der Pferdefuß war nur - wie Buol wusste-, daß Napoleon III. dafür die Abtretung der italienischen Provinzen einkalkulierte.
    Buol kam daher auf die Idee, Moldau und Walachei erst einmal dem Schutz Europas - sauvegarde de l‘Europe - zu unterstellen, und Österreich nur mit der politischen Verwaltung zu betrauen, was im Grunde auf dasselbe hinauslief.
    Nun hatte allerdings auch Friedrich Wilhelm IV. hinter dem Rücken der Österreicher Politik gemacht, nämlich Russland in einem Brief an den Zaren, den sein Flügeladjutant Edwin Manteuffel überbrachte, beschworen, Österreichs Wünschen entgegenzukommen, um dem kriegslustigen Buol jeden Vorwand zum Krieg zu nehmen, wobei er zugleich riet, mit der Antwort nichts zu übereilen.


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    Mitten in die weitreichenden Pläne Österreichs platzte Ende Juni die Einwilligung des Zaren, über den Rückzug aus den Fürstentümern zu verhandeln. »Russland ist demütiger geworden«, kommentierte Gerlach in Berlin. Ein Blick auf die Karte hatte den Zaren überzeugt, als Paskiewitsch auf die exponierte Lage der Armeegruppe vor Silistria hinwies. Seit Mitte Juni häuften sich kleinere Landungsunternehmen an der Schwarzmeerküste im Rücken der Russen. Aber am meisten beunruhigte den alten Generalfeldmarschall die Haltung der Österreicher, die, falls es zum Bruch mit dem Zaren- reich kam, die rechte Flanke der Donauarmee bedrohten. Der Befehl zum Abbruch der Belagerung kam zum Entsetzen der Offiziere in einem Augenblick, in dem die Festung endlich sturmreif schien, nämlich am 21. Juni, zwei Uhr nachts, zwei Stunden vor Angriffs beginn. Die Infanterie stand bereits seit abends in den Ausgangsstellungen. Unter den enttäuschten Ordonnanzen und Adjutanten in den Gräben vor Silistria befand sich auch der junge Leutnant Leo Tolstoi. Für ein paar Tage hatte er das gesellschaftliche Leben und Treiben in den Salons der Etappe von Bukarest mit der Front vertauscht, um »Schießpulver zu riechen«. Daß Gortschakow den Befehl zum Rückzug so diszipliniert hinnahm, obwohl ihm hier die Krönung seiner militärischen Laufbahn versagt blieb, imponierte dem jungen, noch ziemlich ungehobelten Artilleristen Tolstoi. »Gortschakow war ganz offensichtlich froh, das Blutbad vermeiden zu können.«
    Damit war der Feldzugsplan für 1854 gescheitert, der »Türkei zu schaden, ohne nutzlos russisches Blut zu vergießen«. Gescheitert war auch ein Vorhaben, das den völligen Bruch mit der bisherigen Politik Russlands und den Prinzipien der Heiligen Allianz bedeutete. Zum ersten Mal hatte ein Zar auf die Revolution gesetzt, um aus dem russisch-türkischen Krieg einen »Kampf zwischen Christen und Heiden zu machen«.
    Aber bis auf den Aufstand der Griechen in Thessalien geschah nichts, »da die christlichen Untertanen der Pforte, eingeschüchtert und müde, nicht plötzlich als tapfere Krieger neu geboren werden konnten, zumal ihnen sogar der Besitz von Waffen verboten war«.
    Fürst Alexander Gortschakow, ein versierter Diplomat und Vetter des glücklosen Generals, überbrachte in Wien die Botschaft von dem Gesinnungswandel des Zaren. Meyendorff wurde abgelöst; er fiel in


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    Ungnade, weil, wie der Zar meinte, er durch ihn einen falschen Eindruck von Österreichs Absichten erhalten habe.
    Der Zar zögerte allerdings, den endgültigen Räumungstermin mitzuteilen und hoffte noch immer, Österreich mit kleinen territorialen Konzessionen zufrieden zu stellen, indem er vorerst nur die Walachei räumte. Auch sollte Österreich durchsetzen, daß die abrückenden Truppen nicht verfolgt und alle Kampfhandlungen ur See vermieden wurden.
    Die Tatsache, daß Gortschakow Bedingungen stellte, gab Buol die Möglichkeit, zurückhaltend zu reagieren, obwohl Österreich noch gar nicht in der Lage war, in die Walachei nachzurücken. Dummerweise hatte man die österreichischen Streitkräfte im Osten aufmarschieren lassen, um Galizien und die Bukowina als Operationsbasis gegen Russland zu benutzen, so daß die Armee erst mit großem Zeitaufwand umgruppiert werden musste.
    Die Hauptmasse stand in Siebenbürgen, ein Vorstoß über die Transsylvanischen Alpen war von hier aus denkbar ungünstig, weil es nur schlechte, für Offensivabsichten ungeeignete Straßen gab.
    Der prekären Situation versuchte Wien dadurch zu entgehen, indem es Berlin an die Einhaltung der Verpflichtungen aus dem Bündnisvertrag erinnerte, in dessen Militärkonvention festgehalten war, binnen 36 Tagen 100000 Mann aufzustellen. Der preußische König hielt die Österreicher erst einmal dadurch hin, daß er die Ergänzung des Pferdegespannes der Artillerie versprach. Friedrich Wilhelm IV. ließ sich nicht einschüchtern.
    Im Grunde waren die Westmächte enttäuscht, daß ihnen durch den freiwilligen Rückzug der Russen der Anlass zum Kriegführen genommen wurde. Wie der englische Botschafter Buol sagte, wäre London die Vertreibung der Russen durch die österreichischen Truppen sogar lieber gewesen. Aber Napoleon III. und Palmerston wollten auch nicht von ihren Kriegsplänen Abstand nehmen, als Gortschakow am 7. August nunmehr die vollständige Räumung der Donaufürstentümer bekanntgab, und zwar aus strategischen Gründen. Nur weil von Räumung und nicht von »endgültiger« Räumung die Rede war und nach der Meinung Buols damit offenblieb, ob die Russen nicht vielleicht die Absicht hatten zurückzukommen, weigerten sich Frankreich und England, einen Waffenstillstand abzuschließen. »Es scheint als sicher, daß die anglo-französischen Truppen nach der Krim dirigiert


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    werden«, hatte Baron Hübner kurz vorher festgehalten. »Es ist klar, daß für den Augenblick von Unterhandlungen keine Rede sein kann.« Buol weigerte sich zu vermitteln und versteckte sich hinter den Westmächten, um nicht auf die geplante Besetzung der Donaufürstentümer verzichten zu müssen.
    Nur in Berlin glaubte man aufatmen zu können. Der geheime Zusatzartikel, der im ungünstigen Fall Krieg bedeutet hätte, schien erledigt. Keiner ahnte, daß Österreich, gerade auf diesen Vertrag gestützt, mit weiteren Forderungen an Russland herantreten würde.
    Die Position der preußischen Konservativen war zu diesem Zeitpunkt gefestigt und die der »Westler« denkbar schlecht, aber nicht etwa auf Grund irgendwelcher Intrigen der Kamarilla unter Gerlach, dem ministre occult, sondern auf Grund eigener ungeschickter Manöver. Nach Bunsen wurde der Kriegsminister Bonin aus seinem Amt entfernt, weil er sich im Kammerausschuß zu einer antirussischen Bemerkung hinreißen ließ.
    Auch Pourtalds fiel in Ungnade, als er im Gespräch mit dem König noch einmal auf ein Zusammengehen mit England dringen wollte. Der König, dem es in erster Linie darum ging, weder Russland noch Österreich zu verprellen, fühlte sich hintergangen. Auch in Zukunft blieb sein Wort gültig, der Einfluss seiner Minister habe seine Grenzen, er gehe bis zu einem bestimmten Punkt, und »auf diesen Punkt lasse ich mir nichts sagen«. Auch nicht von Manteuffel oder Gerlach, der natürlich über den morgendlichen Kaffeevortrag, bei dem er über politische Eingänge und Tagesfragen Bericht erstattete, einen gewissen Einfluss ausübte.
    Der Streit um den richtigen Kurs, um die Orientierung nach Westen oder Osten, setzte sich bis in die königliche Familie fort, da der Prinz von Preußen nur in einem entschlossenen Auftreten gegen Russland eine Festigung der Position Preußens sah, mit Österreich und dem Westen. Die Rolle der Neutralität erschien ihm zu passiv und einer Großmacht unwürdig, zugleich warnte er vor einem Krieg mit Russland, ja fühlte sich sogar zu dem Zaren hingezogen, mit dem ihn im Gegensatz zu seinem von Nikolaus verächtlich behandelten Bruder persönlich ein besseres Verhältnis verband: »Was ein Krieg ganz Europas gegen Russland sagen will, unter dem größten Feldherrn seiner Zeit, hat das Jahr 1812 gelehrt. Es ist also kein Kinderspiel, ein Krieg gegen Russland, den man aus Antipathie herbeiwünscht.


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    »Sonderbare Lage der Dinge«, philosophierte Gerlach, »Österreich will seinen Einfluss im Orient gewinnen und riskiert darüber den doch gewiss viel wichtigeren in Deutschland zu verlieren. Frankreich will Russland bekämpfen und befestigt dadurch Englands Herrschaft zur See. Russland will seinen Einfluss in der Türkei befestigen und verliert darüber seine ganze Stellung in Europa.« Von Preußen hoffte er, daß es nicht eines Tages »zwischen beiden Stühlen« sitzen werde. Am 1. Juli 1854 schrieb Nikolaus 1. dem Feldmarschall Gortschakow einen Brief, wie schwer es ihm gefallen sei, den Rückzugsbefehl auszusprechen.
    Der Zar zweifelte daran, ob die Türken und Alliierten den abrückenden Russen folgen würden. »Eher glaube ich, daß sie alle ihre Kräfte an eine Landung in der Krim oder bei Anapa setzen werden, und dies ist nicht die geringste von allen schweren Folgen unserer jetzigen Lage.« Eine dunkle Ahnung hatte der Zar schon im November 1853 gehabt, als er ahnte, daß die Gefahr nicht auf dem Balkan, sondern ganz woanders drohe: »Eine Landung in der Krim ist nur möglich unter Beteiligung Englands und Frankreichs. Die Ankunft der verbündeten Flotten in Konstantinopel muss bereits Maßnahmen zur Verteidigung der Krim hervorrufen. «

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    Der Kampf ohne Ruhm

    Als Saint-Arnaud am 25. Juni 1854 in Varna eintraf, musste er dort zu seiner Enttäuschung erfahren, daß die Russen die Belagerung von Silistria abgebrochen hatten. Ihren Rückzug empfand er als »Diebstahl«, er fühlte sich von Paskiewitsch, den er schon so gut wie in die Donau geworfen hatte, um den Sieg betrogen. Dagegen feierten die Türken das Verschwinden der Russen als einen Sieg. Der französische Marschall war klug genug, politische Motive hinter der Rückzugsoperation zu vermuten und keineswegs militärische Notwendigkeit, nachdem ihm einer seiner Ordonnanzoffiziere über den fortgeschrittenen Zustand der Belagerungsarbeiten der Russen vor Silistria Bericht erstattet hatte. Als alle Truppen endlich in Varna eingetroffen waren, bedankte er sich in einem Tagesbefehl bei der Marine für die aufopferungsvolle Arbeit des »häufigen Ein- und Ausschiffens, bei der sie sich gegenseitig um die Ehre stritten, den Flug des Adlers beschleunigen zu helfen«.


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    Zusammen mit den Engländern saßen »die Söhne der Sieger von Austerlitz, von Eilau, Friedland und von der Moskwa« nun in Varna untätig herum, badeten und fischten, und es war die Frage, wohin der Flug des Adlers nun gehen würde. Am 5. Juli wurde deshalb erst einmal wieder eine Parade abgehalten, die erste gemeinsame Revue der englischen und französischen Expeditionsarmee.
    Saint-Arnaud liebte es, durch das Lager der Engländer zu reiten und sich für die freundliche Begrüßung mit einem England for ever zu bedanken; nicht weniger populär war Omer Pascha, nach dessen Worten der Zar »verrückt« war, aber »nicht verrückt genug - sonst würde er nicht gegen eine solche Truppe kämpfen«.
    Natürlich brach mitten im Hochsommer die Cholera aus. »Wir haben eine tropische Hitze«, stöhnte ein Generalstabsoffizier, »die Quellen versiegen, die ohnehin spärlichen Bäche vertrocknen. Schon verkünden uns plötzliche Übelkeiten und Erbrechen, daß der Augenblick herannaht, wo wir den furchtbaren Kampf, den Kampf ohne Ruhm, zu bestehen haben werden.«
    Währenddessen suchten Rekognoszierungstruppen die Russen. Auf dem Schwarzen Meer kreuzten Dampffregatten. Tag und Nacht erkundete Saint-Arnaud nach eigenen Worten »die verwundbare Stelle Russlands«. Eine verlorene Schlacht hätte für die Russen »nur geringe Folgen, aber für uns wäre eine Niederlage von unberechenbaren Nachteilen. Die Partie steht nicht auf beiden Seiten gleich.«
    Die Frage war, wo der Koloss Russland getroffen werden konnte. Ein Marsch in das Innere des unermesslichen Reiches kam nicht in Betracht. Das Jahr 1812, Napoleons Zug nach Russland, war noch in schlimmer Erinnerung. Zur See war der Gegner in der Ostsee nicht zu fassen. Überall hatten sich die Russen zurückgezogen und waren einem ernsthaften Zusammenstoß ausgewichen; auch das erinnerte an die Situation von 1812.
    Aus Paris erhielt Saint-Arnaud am 1. und 4. Juli nur die Anweisung, trotz der Aufhebung der Belagerung von Silistria in Varna stehen zu bleiben; dort könne er »Verstärkungen und Lebensmittel am schnellsten an sich ziehen«. Ganz im Gegensatz zu den dunklen Botschaften aus Frankreich erhielt Lord Raglan Anfang Juli klare Anweisungen, nämlich alle Truppen und Mittel zusammenzuhalten, um einen Feldzug nach der Krim und eine Belagerung Sewastopols zu versuchen, »falls die Kräfte der Verteidigung nicht mit jener des Angriffs in


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    handgreiflichem Missverständnis stehen, ein Missverhältnis, welches sich nur steigern könnte, wenn die Expedition nicht unverzüglich ins Werk gesetzt wird«.
    Am 18. Juli 1854 kam es zu einem großen Kriegsrat in Varna, auf dem Lord Raglan Saint-Arnaud davon überzeugen konnte, sich lieber zu einer kühnen Unternehmung zu entschließen, als mit »zwei schönen Armeen und zwei schönen Flotten vor einem Feind, der sich trotzend zurückzieht, untätig zu bleiben und sich vom Fieber hinraffen zu lassen«.
    Die Verehrer Napoleons III. sprachen den Plan, Sewastopol anzugreifen, dem Kaiser der Franzosen zu, doch lag - ohne den Ideenreichtum Napoleons schmälern zu wollen - die Idee einer Krim- Expedition gleichsam in der Luft, nachdem seit Jahrzehnten auf die Bedeutung des Kriegshafens im Schwarzen Meer hingewiesen worden war.
    Im Dezember 1853 hatte die Times vor einem Angriff auf Sewastopol gewarnt, ein Hinweis darauf, daß »die Idee einer Expedition auf die Krim schon damals viele Anhänger besaß«. Baron Hübner hörte schon am 17. Januar 1854 von dem Gerücht in englischen Kreisen, Sewastopol anzugreifen und die russische Flotte niederzubrennen. Im Mai spekulierte der Generaladjutant des Preußenkönigs, von Gerlach, ob die Alliierten »die Krim oder Finnland einnehmen würden, um Russland zum Abzug aus dem Donau-Bereich zu zwingen«.
    Ende Juni hatte sich die englische Regierung entschieden. Der Herzog von Newcastle entwarf eine Instruktion für Lord Raglan, in der dem englischen Oberbefehlshaber »die Notwendigkeit eines unverzüglichen Angriffs auf Sewastopol und die russische Flotte ans Herz gelegt wurde«.
    Der Plan war am 27. Juni bis in die Nacht hinein vom Kabinett durchgesprochen worden, wobei, wie der englische Krim-Historiker Kinglake erzählt, einige Kabinettsmitglieder einnickten, weil der Instruktionsentwurf ziemlich lang und umständlich war. Unmittelbarer Anlass für den Entschluss war die Tatsache, daß ein erfolgversprechender Angriff auf Helsingsfors oder Kronstadt von Admiral Charles Napier als hoffnungslos bezeichnet wurde. Vor der letzten Verantwortung drückten sich die Politiker, sie schoben Raglan im fernen Varna die letzte Entscheidung zu.
    Im Juli brauchte dann die russische Regierung nur noch die Times


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    aufzuschlagen, um gewarnt zu sein. Hinter den Ereignissen in der Ostsee schien aber der Marsch auf Sewastopol noch einmal zurückzutreten. Am 21. August schrieb Marx, »die Einnahme von Bomarsund in der Ostsee sei vom militärischen Standpunkt aus weit interessanter als selbst die Einnahme Sewastopols«.
    Wie sich herausstellte, waren die Festungsanlagen eine Fehlkonstruktion. Man hatte die Mauern der Geschützanlagen und Kasematten ohne Erdverkleidung angelegt, so daß sie unter dem Feuer der neuen schweren Geschütze einstürzten. Den bisherigen Kriegsverlauf fand Karl Marx langweilig.
    Die Meldung von der Einnahme Bomersunds stimmte Saint-Arnaud schließlich optimistisch. Auch wenn die Belagerung vielleicht etwas länger als einen Monat dauern würde, so glaubte er doch, den schnellen Fall der Ostseefestung wiederholen zu können. Ihm schwebte, wenn auch nicht gerade ein Handstreich, so doch »ein kurzer brillanter Feldzug mit zwei, drei Schlachten« vor. Das bedeutete auch, daß der Krieg auf der Krim vor Einbruch des Winters zu Ende sein würde.
    Am 28. Juli kehrte ein Kommando nach Varna zurück, das die Küste der Krim inspiziert hatte, um einen geeigneten Landungsplatz in einem Bereich von drei Meilen südlich und nördlich von Sewastopol auszukundschaften. Dabei waren sie der Festungsstadt so nahe gekommen, daß russische Kanonenkugeln das Schiff getroffen hatten. Im Lager hatte sich bereits das Gerücht herumgesprochen, daß es auf die Krim ginge. Um so größer war die Überraschung, als der Befehl kam, sich zu einem Vorstoß in die Dobrudscha bereitzuhalten, wo noch angeblich 10000 Russen mit 35 Kanonen standen, auf die man Jagd machen könnte.
    Dem Unternehmen lag der Gedanke zugrunde, die Truppen vor dem Beginn der Einschiffung »dem ungesunden, pestartigen Einfluss des Ortes zu entziehen, ihren Mut wieder zu beleben, da die Soldaten schon seit langem über die Untätigkeit murrten«. Der englische Stabsoffizier Somerset Calthorpe sah darin einen missglückten Trick, um die Russen von der Krim abzulenken.
    Die drei französischen Divisionen, die durch einen Fußmarsch bis nach Kargalik jenseits des Trajanwalles wieder auf Vordermann gebracht werden sollten, dienten als staffelförmig aufgestellte Sicherungseinheiten, um die Bewegung der Reiterei des Generals Jussuf zu


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    decken. Die Infanteristen luden Verpflegung für vier Tage auf den Buckel; ein Fahrzeugtroß, für jede Division rund 400 Karren, deckte den Bedarf für weitere zehn Tage.
    So war man auf alles vorbereitet - nur nicht auf das, was in dieser Region am wichtigsten war. Die Generäle setzten ihre Truppen in eine der unwirtlichsten und durch die vorangegangenen Kämpfe total verwüstete Region in Marsch, ohne mit den Ärzten, über das Klima Rücksprache gehalten zu haben, ohne »fliegende Lazarette« und ohne Transportmöglichkeiten für Fuß- oder Fieberkranke. Bazancourt schilderte den Weg, den die Soldaten von Varna aus nahmen:
    Schon am ersten Tag Wassermangel, nirgends Schatten vor der brennenden Sonne, die Dörfer niedergebrannt, das Land flach und öde, so weit das Auge reicht, hier und da Grabhügel als Zeugnisse vergangenen Lebens.
    Am Trajanswall wurden die Kolonnen von einem Gewitter überfallen, die Soldaten bis auf die Haut durchnässt. Küstendsche selber, das nach rund 130 km Marsch erreicht wurde, stellte sich als ein »rauchen- der Trümmerhaufen« heraus. Allerdings war es nicht von den Kosaken zerstört, wie Bazancourt meinte, sondern von der englischen Schiffsartillerie zusammengeschossen worden.
    Die Munitionskarren und Kanonenlafetten mussten bald als Krankenfahrzeuge herhalten; die Kavalleristen führten ihre Pferde am Zügel, um die Fieberkranken aufsitzen zu lassen. In Küstendsche erschien der Dampfer Pluto, um die schwersten Fälle an Bord zu nehmen. Der Rückzug war eine beschlossene Sache. 2000 Tote und 5000 Kranke waren das Ergebnis der Russenjagd.
    Die Soldaten hatten in Varna keine Kraft mehr, Latrinen zti graben, obwohl die Kloaken überliefen, die Fliegenplage vergrößerte die allgemeine Lethargie. »Es ist an der Zeit, hier wegzukommen und wir werden bald gehen. Aber die Lethargie ist so groß, daß sich niemand dafür interessiert, ob wir nach Sewastopol gehen oder nach Südamerika oder bleiben, wo wir sind«, stellte ein Major der 8. Husaren fest.
    Auch die Engländer, die außerhalb von Varna kampierten, unternahmen mehrere Übungsmärsche und Vorstöße. Ihre Führung machte dieselben Fehler wie die Franzosen, als sie die Infanterie trotz der Hitze ohne ausreichende Trinkwasserversorgung losschickte.
    James Earl of Cardigan machte sich bei seinen Reitern unbeliebt,


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    indem er schon in der Morgendämmerung vor dem Frühstück taktische Formationsritte ansetzte und auf peinlichste Einhaltung der Vorschriften bestand. Als auf einer mehrtägigen Exkursion sich beim Biwakieren die 13. Leichten Dragoner ihre Zelte auf dem rechten Flügel aufbauten, wo eigentlich der Tradition nach der Platz für die 8. Husaren war, befahl Cardigan trotz der Erschöpfung seiner Leute, die Plätze zu tauschen. Der Dienst war so hart, daß sich die Reiter fragten, ob man sie eigentlich umbringen wolle.
    Fast jeden Tag trat das englische Kriegsgericht zusammen, um Gewaltdelikte und Kameradendiebstahl abzuurteilen, bis zu drei, vier Fälle pro Tag. Als ein Soldat, der seinen Vorgesetzten geschlagen hatte, von zwei Fuhrknechten öffentlich, im Beisein des Regiments, ausgepeitscht wurde, fielen vier Rekruten in Ohnmacht, während der Delinquent »erhobenen Hauptes wegtrat«. Somerset Calthorpe nahm wahr, wie die Franzosen zwei Mann wegen Insubordination erschossen.
    Im Gegensatz zu den Franzosen trafen die Engländer dann doch auf russische Truppen, »wobei sie sich so nahe kamen wie es das Wasser erlaubte«. Es war Cardigans Brigade, die an der Donau auf Einheiten des russischen Generals Lüders stieß. Auge in Auge standen sie sich gegenüber. Ein türkischer Offizier setzte mit Parlamentärfahne zu den Russen über und informierte Lüders, daß es sich nicht um Franzosen, sondern um Engländer handle. Kein Schuss fiel.
    Für den Korpsgeist der Division hatte sich schon bei der Einschiffung die Rivalität zwischen Cardigan und seinem Vorgesetzten, dem Divisionskommandeur George Lucan als Belastung herausgestellt. Der kahlköpfige und bedächtige Lucan war zum Führer der Schweren und Leichten Reiterverbände ernannt worden, obwohl er 17 Jahre Pensionär gewesen war. Der elegante Draufgänger Cardigan hatte Lucan in Skutari ohne Truppen sitzen lassen, als er sich sofort mit den ersten Einheiten nach Varna einschiffte, und verärgerte seinen Chef in einem Maß, daß sich Raglan veranlasst sah, Cardigan an die Einhaltung der Befehlshierarchie zu erinnern. Lucan und Cardigan waren Schwäger, was aber nichts an ihrer Abneigung gegeneinander änderte.
    Da wurde das Expeditionskorps in Varna von einem zweiten Unglück getroffen. Am 10. August, um sieben Uhr abends, brach in einem französischen Spiritus-Lager ein Großbrand aus, dem binnen kurzem


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    sämtliche Gebäude aus Holzkonstruktionen zum Opfer fielen. Allein rund 40 Proviantmagazine gingen in Flammen auf; die Alliierten hatten sogar noch Glück, daß das Feuer nicht auf die Pulvermagazine übergriff, wo acht Millionen Patronen lagerten. Die Krim-Expedition war in Frage gestellt.
    Am 19. August sprachen sich die beiden Admiräle dagegen aus, Raglan zögerte. Jetzt war es Saint-Arnaud, der sich für die Invasion stark machte, obwohl die schon weit vorgerückte Jahreszeit eigentlich wenig Aussicht auf einen glücklichen Erfolg verhieß.
    Über die Russen wussten sie noch immer nichts Genaues. Der Duke of Newcastle teilte mit, daß das Außenministerium nur mit 45000 russischen Soldaten und 17000 Marineangehörigen auf der Krim rechnete, obwohl Russland eine Million Mann unter Waffen hielt. Saint-Arnaud meinte, es seien 70000, Vize-Admiral Dundas rechnete mit 140000- er war sowieso gegen das ganze Unternehmen. Es ließen sich nicht einmal genaue Landkarten von der Krim finden.
    Am 25. August beendete der Tagesbefehl Saint-Arnauds alle Ungewissheit: »Wir werden uns nun bald einschiffen und die Pest weit hinter uns zurücklassen; wir vertauschen das Leichenfeld mit dem Schlachtfelde, und jedes edle Gemüt muss sich darüber freuen.«
    Zugleich wurden die Soldaten durch eine Proklamation Napoleons III. aufgemuntert, der die Engländer und Türken in seinen Aufruf mit einschloss und nachträglich aus der verfahrenen Operation im Balkan einen Triumph machte: »Soldaten und Matrosen der Orient- Armee. Ihr habt noch nicht gekämpft, und schon habt ihr einen glänzenden Erfolg errungen. Eure Gegenwart und die der englischen Truppen war genügend, um den Feind zum Rückzuge über die Donau zu zwingen, und die russischen Schiffe bleiben feige in ihren Häfen.« Von den Österreichern war keine Rede, von vergangenen Zeiten um so mehr, als Napoleon III. an die Sieger von den Pyramiden 1799 erinnerte.
    Am 31. August verhinderte die unruhige See die Einschiffung. Aber bereits einen Tag später hatten die Franzosen drei Divisionen an Bord. Auch die türkische Flotte war segelfertig und traf mit den englischen Transportschiffen auf der Reede von Baltschik zusammen. Wer nicht kam, waren die Engländer. Statt dessen erschien am 5. September Admiral Dundas, um zu berichten, daß er immer noch nicht segelfertig sei, die Transportschiffe hätten noch nicht genug


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    Trinkwasser geladen. Inzwischen hatte Admiral Hamelin den langsamen Segelschiffen bereits den Befehl zum Ankerlichten gegeben, er selber folgte mit den Dampfern und Schleppkähnen einen Tag später, da die Engländer ihre Abfahrt nochmals auf den 7. September verschoben, um besseres Wetter abzuwarten. Als allgemeiner Sammelplatz der verbündeten Flotten wurde die Schlangeninsel bestimmt, ein Eiland, ungefähr 50km vom Ausgang des Donaudeltas entfernt und auf gleicher Höhe wie die Hafenstadt Eupatoria auf der fernen Krim.
    Erst am 8. September erschien das englische Transportgeschwader. Als Entschuldigung für ihre Verspätung brachten die Engländer diesmal die Mühseligkeiten beim Verladen der Kavalleriepferde vor; auf einem Schiff war ein ganzer Tag mit dem Einschiffen von 80 Pferden verlorengegangen, was den simplen Einwand zur Folge hatte, daß sie eben früher damit hätten beginnen müssen. Im Laufe eines Tages war dann immerhin die ganze Armada versammelt - »ein ungeheurer Mastenwald, der von den Meereswellen geschaukelt wurde, während dr Wind das Getöse der auf den Verdecken der Schiffe zusammengedrängten 60000 Mann weit hinaus trug.«
    Die Dampfer hatten zum Teil bis zu drei Segelschiffe im Schlepp, erst durch sie erhielt die ganze Flotte ihre volle Beweglichkeit, da weder auf die Wind- noch auf die Strömungsverhältnisse Rücksicht genommen zu werden brauchte. Ende August war der Bosporus und das Goldene Horn nahezu leer, die Franzosen und Engländer hatten so gut wie jeden »fahrbaren Untersatz« angekauft oder angemietet. Die schwarzen Rauchsäulen der Dampfer gaben der Invasionsfiotte mit den drei Armeen Englands, Frankreichs und der Türkei an Bord das »Aussehen einer Fabrikstadt, die man zur See gelassen hatte«.
    Gleich am 8. September fand an Bord der Ville de Paris eine Konferenz der Befehlshaber statt, an der nur Raglan nicht teilnehmen konnte, da die See zu hoch ging und der einarmige Lord das Risiko des Übersetzens scheute. Während der Sitzung, auf der man sich wieder nicht über einen Landeplatz einigen konnte, wurde Saint-Arnaud von einer so großen Schwäche befallen, daß sein Adjutant Trochu und Admiral Hamelin ein Boot bestiegen, um auf der Caradoc mit Raglan weiter zu beraten.
    Nach langer Diskussion wurde beschlossen, keinen endgültigen Beschluss zu fassen. Noch am Abend fuhr eine gemischte Kommission


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    mit Canrobert, Trochu und zwei englischen Generälen an Bord der Caradoc erneut zur Rekognoszierung Richtung Krim davon, begleitet von zwei weiteren schnellen Dampfern und Lord Raglan auf der Agamemnon, der die Chancen für seinen Plan, an einem vom Gegner verlassenen Gestade zu landen, wachsen sah.
    In der Nacht vom 10. auf den 11. September lagen beide Flotten auf offener See vor Anker, rund 10 Meilen von der Krim entfernt, um ihre Rückkehr abzuwarten. Keine einzige russische Mastspitze zeigte sich. Ein Glück, da die französischen Kriegsschiffe so mit Truppen überfüllt waren, daß sich die Geschützmannschaften bei einem Angriff nicht hätten bewegen können, um die Kanonen zu bedienen. Immerhin hatten die Engländer ihre Kriegsdampfer im Gegensatz zu den Franzosen nicht mit Truppen beladen, so daß sie voll beweglich blieben. Doch hätte ein entschlossener russischer Flottenangriff aus Sewastopol ein Chaos angerichtet, vielleicht das ganze Unternehmen zum Scheitern gebracht und die Alliierten nach Varna zurückgetrieben.
    In der Morgendämmerung, kurz vor 5 Uhr, sichtete das Rekognoszierungskommando einen weißen Punkt am Horizont - die Befestigungswerke von Sewastopol. Innerhalb von 20 Minuten hatten sie sich bis auf zweieinhalb Meilen der Stadt genähert, in der aufgehenden Sonne begann jedes Haus und Fenster zu leuchten. Das Bild erinnerte, wie Calthorpe festhielt, an ein großes Diorama, je klarer die Sicht wurde und je näher sie an Hafen und Stadt herankamen.
    Eine halbe Stunde lang betrachteten sie sich die Szenerie, durch den Gedanken erregt, daß »das der Preis war, für den sie kämpften« (Calthorpe). Danach drehten sie nach Westen und fuhren 1ie Küste entlang. Nahe bei Sewastopol lag ein Infanterielager. Auch in der Nähe der Flussmündung der Katscha lagerten Truppen, Infanterie und Artillerie. Die Gesamtzahl wurde auf rund 30000 Mann geschätzt.
    Noch einmal plädierte Saint-Arnaud für eine Landung an der Stelle, wo der Feind stand. Als Argument führte er an, daß der Marsch von einem weiter von Sewastopol gelegenen Landungsort zu anstrengend für die Truppe sei und der Schlag gegen die Russen zu lange aufgeschoben werde Doch gelang es Raglan, die Kommissionsmitglieder auf der Agamemnon in Abwesenheit von Saint-Arnaud umzustimmen, um »nicht unter dem Feuer des Feindes zu landen«. Die Ausschiffung sollte an der Alma stattfinden, an einem Platz bei Old Fort,
    137

    einem alten genuesischen Fort, dessen Gemäuer niemand mehr so recht auszumachen verstanden hatte. Ein Scheinangriff an der Katscha sollte die Russen irreführen. Saint-Arnaud resignierte: »Ich gebe nach.« Die Flotte fuhr Kurs Nordost. Niemand wusste, wo man den Fuß ans Land setzen würde. Es war allein das Geheimnis der Oberbefehlshaber.

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  4. #24
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    V. Die Invasion Die Landung


    Kein Feldherr entkommt den
    Launen des Geschicks
    Raymond Aron nach Clausewitz 1980


    Im Morgengrauen des 12. September erschien ein dunkler, rötlicher Landstreifen zur Linken der Flotte. Die Posten im Ausguck meldeten »Land in Sicht« - das Gestade der Krim. Den Matrosen und Soldaten erschien es zuerst »öde und unwirtlich«. Dann jedoch, als sich die Schiffe der Küste näherten und die Sonne aufging, belebte sich die Szenerie, »grüne Wiesen, einzelne Bäume, auch weiße Häuser wurden sichtbar« - der idyllische Anblick bestärkte die Hoffnung auf eine ungefährdete Landung.
    Der Sinn der Manöver, die nun folgten, blieb allen unklar. Erst fuhr man in eine Bucht hinein, dann wieder hinaus, wobei ein großes Durcheinander entstand, da die vorderen Dampfer wendeten, bevor die langsameren Segelschiffe das Manöver nachvollziehen konnten, so daß sie in die Fahrtrichtung der Dampfer gerieten.
    Die Signale wurden ständig geändert, nur das Signal zur Ausschiffung kam nicht. Dann fuhr die ganze Armada wieder in die See hinaus, Richtung Norden. Wieder kam Land in Sicht, wieder wurde gewartet
    - »und jetzt begannen die Musikkapellen zu spielen, die Trommeln zu wirbeln und die Pfeifen zu schrillen, als ob sie den Russen die Natur des Geschwaders verkünden wollten, welches vor ihrer Küste erschienen war«. Das war alles. Inzwischen war der Abend herangekommen, und kurz nach Sonnenuntergang lag die Flotte im Schein ihrer vielen bunten Lichter vor Anker - »als ob ein Stück des Sternenhimmels sich auf die Oberfläche der See herabgesenkt hätte«, fand Bazancourt.
    Am 13. September fuhr die Flotte weiter nördlich bis Eupatoria in der Bucht von Kalamita. Ein Kampf erwies sich als unnötig. In der Stadt, als Kurzentrum bekannt, gab es nur ein Lazarett mit pflegebedürftigen russischen Soldaten. »Machen Sie mit uns, was Sie wollen. Wir sind alle krank«, so wenig heroisch äußerte sich der Stadtkommandant. Dem ebenfalls sehr kranken Marschall von Frankreich Saint-Arnaut


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    war das zuviel Schicksalsergebenheit; er hätte sich mehr militärische Zeremonie gewünscht. Dann nahm die Flotte endlich Kurs auf das Ufer, das für die Landung vorgesehen worden war, rund 30 km südlich von Eupatoria.
    Als die Invasionsfiotte auf der Höhe des Ankerplatzes angekommen war, gab es eine weitere Schwierigkeit. Die Boje, die von einem Vorauskommando gelegt worden war, um die Trennungslinie zwischen Engländern und Franzosen zu markieren, hatte sich über Nacht aus unerfindlichen Gründen in Bewegung gesetzt. Ursprünglich war für beide Armeen ein breiter, von zwei Klippen eingefaßter Sandstreifen vorgesehen. Nun nahmen die Franzosen einfach den ganzen Landeplatz für sich ein, während die Engländer nach Norden ausweichen mussten, um einen geeigneten flachen Strand zu finden. Er wurde
    F durch einen landeinwärts reichenden Salzsee begrenzt. Die Szene blieb friedlich. Schafherden weideten, auf den Feldern standen Korngarben. Markantester Punkt war ein kleines zerfallenes Gemäuer mit einer weißen Turmruine - Old Fort. Auf der Straße fuhr eine Postkutsche Richtung Sewastopol. Ein Trupp Kosaken mit kolossal langen
    Lanzen und kleinen, zottigen Pferden erschien auf einer Anhöhe, angeführt von einem eleganten Offizier auf einem hohen Reitpferd. Sie beobachteten das sich anbahnende Landungsmanöver. Der Offizier schien sich Notizen zu machen, wie die Stabsoffiziere durch ihr Teleskop sehen konnten.
    Während die Kriegsschiffe feuerbereit den Landeplatz abschirmten, landeten mehrere Schaluppen. Bei den Franzosen war es General Canrobert, der mit als erster um sieben Uhr an Land sprang, bei den Engländern später General Brown; den Betrachtern schienen die Soldaten am Strand ein Grab ausheben zu wollen, doch handelte es sich nur um das Loch für die Landesfahne. Um acht Uhr war bereits die erste Welle der Franzosen an Land, binnen einer halben Stunde über eine Division mit 6000 Mann auf dem Weg zur Küste, der für die Franzosen kürzer war als für die Engländer, da Admiral Dundas sich nicht entscheiden konnte, näher heranzufahren.
    Vorposten sicherten in 4 Meilen Entfernung den Strand. Weiße, blaue und rote Signaltafeln markierten die einzelnen Sammelplätze der
    Divisionen - »es blitzte das Ufer, das zuvor nur von Möwen und wilden Gänsen bewohnt gewesen war, so weit das Auge reichte, in
    einem unendlichen Gewimmel von Bajonetten«.


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    Andere Betrachter verglichen die Ausschiffung mit dem Bild eines sich entfaltenden Fächers. Saint-Arnaud sah optimistisch historische Parallelen. »Am 14. September 1812 zog die große Armee in Moskau ein«, schrieb er seinem Bruder, »am 14. September 1854 landete die französische Armee in der Krim und betrat russischen Boden«.
    Erst um neun Uhr ging auf der »Agamemnon« ein schwarzer Ball am Mast hoch, auf den ein Kanonenschuß aufmerksam machte - das Signal für die Landungsfahrzeuge, sich an die Seite der Transport- schiffe zu legen.
    Den kommandierenden Offizieren waren Instruktionen in die Hand gegeben worden, mit deren Hilfe sie den geordneten Ablauf der Ausschiffung überwachten. Der Befehl an die Soldaten lautete, »die Boote in der Ordnung zu besteigen, in welcher sie in Reih und Glied stehen«, sie sollten also nicht drängeln; sie sollten »sitzen oder stehen, je nachdem es verlangt wird, und sich vollkommen still und schweigsam verhalten«, falls es zu Beschuss durch den Gegner vom Strand her kommen würde. In den Booten durfte der Tornister nicht auf dem Rücken getragen werden, die Decken wurden an Bord zurückgelassen, zusammengefaltet und mit der Registriernummer jedes Soldaten versehen. Paragraph 8 ordnete an, die Gewehre erst nach der Landung auf ausdrücklichen Befehl der Offiziere hin zu laden; mit einem Kampf an der Küste wurde offenbar nicht gerechnet.
    Schwer beladen stiegen die englischen Grenadiere die Strickleitern in die Landungsboote hinab. Zur feldmäßigen Ausrüstung gehörten Tornister, ein paar Ersatzschuhe, eine Garnitur Unterwäsche; über die Schulter hing der Verpflegungsbeutel mit 4V2 Pfund Pökelfleisch und mehreren Pfund Zwieback, die Ration für drei Tage, weiterhin Kochtopf und hölzerne Feldflasche, das unhandliche Gewehr mitsamt Bajonett, und am schwersten die Patronentasche mit 50 Patronen. Die Matrosen bedachten die Landratten, die sich mühsam in die auf und ab tanzenden Boote fallen ließen, mit gutmütigem Spott. Die Highlander, die Schotten, gaben wie immer die dankbarste Zielscheibe ab und wurden mit einem »Hallo Girls« begrüßt, wenn sie sich über die Reling schwangen.
    Der tagelange Aufenthalt auf den Schiffen in qualvoller Enge machte sich bemerkbar. Völlig erschöpft stolperten die Soldaten an Land, viele brachen auf dem Weg zu ihrem Sammelplatz zusammen und mussten weggetragen werden.


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    Gegen Abend wurde die Ausschiffung unterbrochen. Ein heftiger Wind ließ die Wogen höher gehen, so daß Geschütze und Pferde ins Meer zu stürzen drohten. Um Mitternacht ging der leichte Regen in einen schweren Wolkenbruch über; nun rächte es sich bei den Engländern, daß Decken und Zelte noch immer an Bord waren, während die Franzosen zu diesem Zeitpunkt längst ihre Dreieck-Segeltücher, von denen jeder Mann eins im Gepäck mit sich führte, zu Dreimannzelten zusammengesetzt hatten. Die englischen Soldaten verfluchten ihre Offiziere und deren Anweisungen. Allerdings ging es ihren Vorgesetzten auch nicht besser, die ihre schönen Uniformen ruiniert sahen - ein »zu teurer Schlafanzug«, wie ein Offizier sarkastisch meinte.
    Erst gegen Mittag des 15. September ließ der Seegang nach, so daß mit der Ausschiffung der Artillerie und Kavalleriepferde fortgefahren werden konnte. Die Kavalleristen wandten ihre Blicke ab, um nicht zu sehen, was mit ihren ängstlichen und um sich schlagenden Tieren geschah. Ein Pferd an Land zu schaffen, erforderte eine Zeit, die am Tag zuvor für die Ausschiffung von 100 Infanteristen benötigt worden war.
    Lord Cardigan wurde am 16. September mit einer Reiterabteilung und zwei Feldgeschützen zum Rekognoszieren ausgeschickt, kehrte aber am Abend zurück, ohne auf russische Soldaten gestoßen zu sein. Statt dessen erschienen die zur einheimischen Bevölkerung gehörenden Tataren und hießen die Briten willkommen, ohne einen Hehl daraus zu machen, die Russen nicht zu mögen. Lord Raglan setzte in Verhandlungen mit den Dorfältesten feste Preise für Eier und Geflügel fest, doch hielten sich in erster Linie seine französischen Bundesgenossen nicht an die Abmachungen, plünderten die umliegenden Dörfer aus und trieben das Vieh zusammen, wobei sich die Zuaven besonders unangenehm aufführten, die nach einem Gerücht sogar Tatarenfrauen raubten.
    Kurze Zeit später trieben sie sogar eine Herde blökender Schafe während eines Gottesdienstes unter freiem Himmel in die Reihen der Versammelten.
    Am 18. September war die Landung abgeschlossen. Zelte und Ausrüstungsgegenstände der Engländer wurden auf die Kriegsdampfer zurückgebracht, die als schwimmender Tross die Kolonnen auf ihrem Weg nach Sewastopol begleiten und schützen sollten. Der größte Teil der Flotte fuhr nach Varna zurück, unter ihnen die Känguru als


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    Sanitätsschiff Richtung Skutari, mit über 1 000 Cholerakranken an Bord, viermal mehr Kranke als Platz vorhanden war.
    Die Matrosen konnten sich zwischen den Toten und Sterbenden an Deck kaum bewegen.
    Die Verluste waren schnell vergessen. In der Armee herrschte Optimismus und Siegeszuversicht. Hatten die Russen nicht in Silistria gekniffen, anstatt sich zum Kampf zu stellen? »Ich werde am Bulganak übernachten, am 19. bin ich dann frisch und munter«, schrieb am 17. September Saint-Arnaud. Er brannte darauf, die Russen zur Schlacht zu stellen und ihnen »die Adler zu zeigen«. Bulganak war der erste der vier Flüsse, die es auf dem Weg nach Sewastopol zu überqueren galt. Als am 18. September die Engländer noch einmal den Abmarsch verschieben wollten, beschloss der Marschall, sich nicht länger aufhalten zu lassen und am folgenden Tag allein abzurücken, obwohl er auf die englische Armee angewiesen war, wenn es zum Zusammenstoß mit den Russen kam. Raglan gab schließlich seine Zustimmung.
    Kaum war am 19. September um drei Uhr nachts der Befehl zum Wecken gegeben, als die Franzosen anfingen, stundenlang zu trommeln, indessen die Engländer in »tödlicher« Unordnung auf dem Strand herumliefen. Viele Soldaten benutzten die Dunkelheit, um sich lästiger Ausrüstungsgegenstände zu entledigen. Aber erst sechs Stunden später, um neun Uhr, konnte Saint-Arnaud den Befehl geben, abzumarschieren. Die Franzosen beanspruchten, vorn zu sein und die Führung zu übernehmen.
    Mittlerweile war »Mr. Russell von der Times« für die Soldaten der Invasionsarmee eine vertraute Erscheinung. Daß ein Zivilist eine Armee in den Krieg begleitete, war nichts Ungewöhnliches. Neben Russell gab es einen weiteren Zivilisten, Alexander William Kinglake, in dessen Person die Engländer gleich ihren eigenen Historiker mit sich führten; daß ein Journalist aber seine Nase in Angelegenheiten steckte, die ihn nach Meinung der Generäle nichts angingen, war völlig indiskutabel. William Howard Russell, ein 34 Jahre alter Ire, war von seinem Verleger erst nach Gallipoli, dann nach Varna und schließlich Richtung Sewastopol losgeschickt worden, um den Times-Lesern den Krieg möglichst ungeschminkt und aktuell nahezubringen.
    Den Beruf des Kriegsberichterstatters gab es zwar noch nicht, aber


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    schon einmal hatte ein Times-Reporter englische Truppen an die Front begleitet; Wellington hatte sich hinterher über das Geschwätz in den englischen Zeitungen beschwert.
    Da Russell keinen offiziellen Status besaß, hatte ihm die Armee alle nur denkbaren Schwierigkeiten bereitet, um ihn wieder los zu werden. Erst als seine ersten Berichte in der Times erschienen, wiesen die Minister Raglan an, Russell zu unterstützen, weil seine Berichte die Öffentlichkeit zu beunruhigen begannen. Sein Zelt sei eine Fliege im großen Topf der militärischen Salbe, schrieb Russell, aber »bald machte sie sich Flügel und flog der Leichten Division hinterher«. Russell war kein Neuling. Seine Feuertaufe hatte er im deutschdänischen Krieg von 1850 erhalten, zusammen mit einer harmlosen Fleischwunde.
    Russell nutzte am 18. September die Verzögerung, um sich die Truppen der Verbündeten anzuschauen, wobei ihm in erster Linie die scharlachroten Hosen der französischen Infanterie und die Zuaven gefielen, deren Abteilungen - wie er fand - bunt wie Blumenbeete aussahen. Mit den rund 6000 Türken, deren Detachement den Franzosen unterstellt war, hatte er Mitleid. Weder Raglan noch Saint-Arnaud wussten offenbar so recht etwas mit den Türken anzufangen und benutzten sie erst einmal als Packesel, Munitionsträger, Holzhauer und Wasserholer.
    In den Augen der Militärs bot er einen fürchterlichen Anblick. Da Russells Koffer noch immer auf irgendeinem Schiff auf See schwamm, hatte er sich seine Garderobe für die Invasion zusammengestoppelt die Kappe mit einem breiten Goldband stammte von einem Verpflegungsoffizier, die Patrouillenjacke von einem Infanteristen, dazu trug er Cordhosen und ein Paar »Schlächterstiefel« mit riesigen Messingsporen.
    Den Engländern war in den sechs Stunden kaum Zeit genug geblieben, ihre Wasserkanister zu füllen, geschweige denn, ihr Frühstücksfleisch zu kochen. Das Hauptproblem bestand für sie darin, genügend Transportwagen und Gespanne aufzutreiben, um Munition und Proviant zu verstauen.
    Umsonst hatte Raglan immer wieder London auf diesen Engpass hingewiesen. So kam Raglans Armee von ca. 27000 Mann nur auf 350 zusätzliche Bagagewagen, die zum Teil sogar von Kamelen gezogen wurden, Ambulanzwagen fehlten völlig. Im Gegensatz zu den Engländer


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    hatten die Franzosen ihr eigenes Transportkorps mitgebracht.
    An der Tete marschierten die Militärkapellen und spielten aufmunternde Marschmusik, zu deren Melodie die Männer obszön-humorige Verse machten. Aber die Fröhlichkeit dauerte nicht lange an, die Sonne brannte, Trinkwasser fehlte, Einheiten mussten zurückbleiben, um die Nachzügler aufzusammeln. Wieder machte sich die Cholera bemerkbar, fast von einen Augenblick zum anderen. Soldaten brachen plötzlich taumelnd zusammen. In erster Linie wurden diejenigen krank, die das Wasser nicht abgekocht hatten.
    Teilweise brach die Marschordnung auseinander, die Soldaten ließen ihre Mäntel fallen und warfen sogar ihre Helme (Tschakos) weg; gleichgültig trampelten die folgenden Kolonnen drüber hinweg. Wie Ertrinkende klammerten sich die Fußkranken an den Wagen fest. Ab Mittag wurde nur noch eine halbe Stunde ohne Pause durchmarschiert. Sie befanden sich jetzt in einer öden, baumlosen Steppe, die durch kleinere Erhebungen aufgelockert wurde. Vor ihnen am Horizont standen die dunklen Rauchfahnen brennender Dörfer.
    10km vor der Alma bekam die Vorhut Feindberührung. Das folgende Gefecht wurde auf beiden Seiten mit größter Zurückhaltung geführt. Die Gegner tasteten sich nur ab. Die Russen glaubten, daß Lord Raglans Reiterei vor einem Angriff zurückschreckte.
    In der Dämmerung wurde Halt gemacht und der Befehl zum Biwakieren gegeben. Aus Zweigen und den Dauben der zerschlagenen, leeren Rum- und Proviantfässer wurde Feuer gemacht - in der Nacht waren in Entfernung von einer halben Wegstunde die Wachtfeuer der Russen deutlich sichtbar. Inzwischen trafen auch die Fußkranken ein und meldeten sich bei ihren Divisionen. Still lagen sich in der Dunkelheit beide Armeen gegenüber, mit den Gedanken an den kommenden Tag beschäftigt. »Die Russen sind vor mir. Und meine eigenen Leute sind hinter mir«, schrieb ein englischer Füsilieroffizier seiner Schwester. »Und ich glaube nicht, daß du mich jemals wiedersehen wirst.«


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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    »Der sicherste Hafen der Welt«

    Auf dem Wiener Kongress hatte die Krim eine so unwichtige Rolle bei der Neuaufteilung Europas gespielt, daß Talleyrand es als besonders witzig empfand, den Herzog von Richelieu, der in russischen Diensten stand, als »besten Kenner der Krim« zu bezeichnen, um dessen Ahnungslosigkeit in allen anstehenden europäischen Angelegenheiten bloßzustellen. Das sollte Ludwig XVIII. nicht hindern, ihn zum Nachfolger Talleyrands zu machen, als wiederum dessen Ahnungslosigkeit über die wirklichen Absichten Napoleons 1. nach dessen Rückkehr von Elba zu Tage trat.
    Nach der Eroberung durch Russland 1783 hatte die Krim einen trostlosen Eindruck geboten, an dem die Eroberer nicht schuldlos waren:
    das Land verwüstet, Bäume umgehauen, heilige Moscheen und öffentliche Gebäude niedergerissen, die Einwohner ausgeplündert. Unter Richelieu, dem Gouverneur der drei Provinzen zwischen Odessa und Cherson am Schwarzen Meer, einem Urgroßneffen des Kardinals, nahm das Land einen großen Aufschwung. Deutsche und französische Gartenbauexperten legten im Süden der Krim Parks und Gärten an, die die Halbinsel als Park- und Blumenlandschaft berühmt machten. Deutsche Kolonisten führten die Zuckerrübe ein, französische Weinbauern pflanzten Reben an, aus denen der berühmte Krimsekt (Krimskoje Schampanskoje) gewonnen wurde; später kamen italienische Architekten dazu.
    Als der Österreicher Joseph de Ligne 1787 im Gefolge Kaiser Josephs II. und Katharinas II. an das Schwarze Meer kam, fand er statt »unwirtlicher Gestade« ein reiches, blühendes Land vor. »Ich hatte damit gerechnet, mich in Taurien an den wahren und erdichteten Geschehnissen dieses Landes ergötzen zu können. Ich war bereit, auf den Spuren des Mithridates zu wandeln, mit Iphigenie ins Sagenreich zu reisen und das Kriegerische der Römer, die schönen Künste der Griechen, das Räubertum der Tataren und den Handel der Genueser aufs neue vor meinen Augen erstehen zu lassen. . . doch alles ist ganz anders gekommen. Denn all dies ist verschwunden und hat Tausendundeiner Nacht Platz gemacht.«
    Fürst de Ligne stand bei diesen Worten unter dem Eindruck eines orientalischen Tatarenschlosses in Baktschisarai.
    Danach ritt er zum südwestlichen Punkt der Krim, zum Cap Chersones


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    jener Punkt, wo Goethe Iphigenie »das Land der Griechen mit der Seele« suchen ließ. De Ligne fand noch eine Säule, den traurigen Rest eines Dianatempels, wie er meinte, »berühmt durch Iphigenies Opferung, zur Linken die Klippe, von der Thoas Fremde hinabzustürzen pflegte, kurzum der schönste und merkwürdigste Ort«. In der Welt der Gebildeten lebte der griechische Mythos aus der Ilias wie eine Erinnerung an eine wirkliche Begebenheit fort, Opern und Bühnenfassungen hielten ihn am Leben. »Keiner beschädige den Feind, so lange wir reden« - ließ Goethe in seiner Version der griechischen Tragödie den Skythenkönig Thoas sagen, der durch Iphigenie vom barbarischen Brauch der Menschenopfer abgebracht wird. Im Herbst 1854 hatten manche noch die Hoffnung, daß die feindlichen Großmächte wieder miteinander reden würden, anstatt sich gegenseitig zu beschädigen. Aber in der Realität des Jahres 1854 gab es keine Windstille, durch die die Invasionsflotte an der Weiterfahrt gehindert worden wäre wie tausende Jahre zuvor die Griechen der Ilias, um den Kriegführenden eine Atempause zu gönnen.
    1854 galt das an der Westküste gelegene Sewastopol neben Kronstadt als der größte befestigte Kriegshafen des zaristischen Russlands und als eine der mächtigsten und sichersten Seefestungen der Welt überhaupt. Die »erhabene Stadt« galt überdies als einer der schönsten Plätze, soweit der Betrachter auf ästhetische Urteile Wert legte: tief, geräumig und gegen Stürme geschützt, ohne gefährliche Klippen oder Felsen im Hafenbecken.
    Alles an dieser Stadt war neu. Zwar hatte der russische Kronrat, als es 1768 wieder einmal zu einem russisch-türkischen Krieg kam, als erstes den Bau eines Hafens und einer Festung als allgemeines Kriegsziel bestimmt. Doch als Fürst de Ligne die Krim bereiste, gab es die Festungsstadt Sewastopol noch nicht. Erst 1834, vier Jahre nach der Februarrevolution, kam unter Nikolaus I. ein neuer Festungsplan zustande, der bis 1852 zum großen Teil realisiert war.
    »Sie ist, ungleich ihren sämtlichen Schwestern der Halbinsel, eine ganz moderne Stadt, eine durchaus neurussische Schöpfung«, konnte man in einem Russland-Handbuch 1854 lesen. Wo das antike Cherson gelegen hatte, befand sich nun der Schlachthof der Festungsstadt.
    Ein Schiff, das in den Hafen einlief, passierte die schmale, von zwei Forts zur Rechten und Linken geschützte Einfahrt und hatte einen Meerbusen, die große Bucht, vor sich, auch Tschernaja-Bucht genannt,


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    weil in ihr am anderen Ende die Tschernaja mündete. Das Schiff ließ die erste kleine Bucht zur Rechten (die Artillerie-Bucht) hinter sich und bog dann rechts in den großen Kriegshafen ein, nachdem es wiederum den Engpass von zwei flankierenden Forts (Fort Nikolaus und Fort Paul) durchfahren hatte. Zur Rechten lag nun ansteigend die Stadt, zur Linken die seitliche Bucht mit den Dock und Kasernenanlagen und dem Gebäude der Admiralität; die Buchten zum Teil so tief, daß die Schiffe »unmittelbar am Kai anlegen können und der Schiffsmannschaft erlauben, vermittels eines Brettes vom Schiff ans Ufer zu gehen«.
    Die Stadt selbst erschien - ebenso wie das von Richelieu gegründete Odessa - »wie auf dem Reißbrett entworfen« mit ihren regelmäßigen, rechtwinklig angeordneten• Straßenzügen und Häusermassen.
    Von den Dockanlagen erzählte man sich Wunderdinge. Sie waren so groß, daß an drei Linienschiffen zur gleichen Zeit gearbeitet werden konnte.
    Als Architekt der ganzen Anlagen zeichnete ein englischer Ingenieur namens Hupton verantwortlich, dem während der Arbeiten der Rang eines Oberst gegeben worden war, um ihm als Zivilperson die notwendige Autorität zu sichern.
    In Sewastopol wurden allerdings keine Schiffe gebaut, die Schiffswerkstätten wurden nur zum Kalfatern der Schiffsrümpfe und zu Reparaturen benutzt. Die Schiffswerften Russlands lagen aus Verkehrsgründen in Nikolajew.
    Da als Baumaterial für die Docks, Kais, Forts und Marinegebäude Kalkstein verwendet worden war, strahlten Stadt, Werft und Kriegshafen einen fast schneeweißen Glanz aus, der bei Sonnenbeleuchtung das Auge blendete - so schön, wie einst das antike Cherson gestrahlt haben sollte. Das Material hatte nur den Nachteil, schnell zu verwittern, so daß die architektonisch wichtigsten Gebäudeteile durch Granitstein gesichert wurden.
    Im französischen Moniteur wurde der Zeitungsleser darauf aufmerksam gemacht, daß die Festung auf der Seeseite und im Innern des Landes durch vierzehn, höchst bedeutende, regelmäßige Verteidigungswerke gesichert war - ein System aus mehrstöckigen Festungen, deren Geschützfeuer sich kreuzte und keinen toten Winkel ließ. Das war also die Stadt, die auch mit einer geladenen Riesenkanone verglichen wurde, »mit ihrer Mündung nach Stambul gerichtet und stets


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    fertig, auf einen Ruck an der Percussionsleine von Petersburg ihr genau berechnetes Geschoß in die Stadt der Sultane zu schleudem«.
    »Nun mögen die Herren Engländer kommen, wenn sie sich die Nase blutig schlagen wollen«, hatte ein Russe 1837 stolz erklärt. Im September 1854 war diese Siegeszuversicht verflogen. Es waren zwei Dinge, die gerade zu einer Stimmung der Mutlosigkeit bis zur Panik unter der Bevölkerung Anlaß gaben: die schnelle Einnahme von Bomarsund und die Tatsache, daß zu wenig russische Truppen auf der Krim standen.
    Es war schon einigermaßen unbegreiflich, daß die angeblich »furchtbare Militärmaschine« des Zaren nicht in der Lage schien, sofort Abhilfe zu schaffen. Aber ebenso wie die Westmächte hatte Russland keinerlei Vorkehrungen für einen großen europäischen Krieg getroffen, es lag sogar weit hinter den Vorbereitungen der westlichen Alliierten zurück. Es fehlte an Waffen und Munition, vor allem aber an einem gut ausgebauten Straßennetz, um den Vorteil der inneren Linie und schnelle Truppenverschiebungen von einem Teil des Landes zum anderen ausnutzen zu können, von einem leistungsfähigen Eisenbahnnetz ganz zu schweigen.
    Custine hatte 1843 treffend von der Entfernung als »Geißel Russlands« gesprochen. Der Raum hatte Napoleons Armee verschlungen, aber er erwies sich für das Riesenreich selbst auch als Verhängnis.
    Russlands gesamte Heeresmacht bestand 1854 aus rund 1,2 Millionen Mann, und doch war es den Russen unmöglich, auch nur an einem Punkt ein Heer von 200 000 Mann zu versammeln, da die große Ausdehnung des Reiches eine ständige Präsenz von Truppeneinheiten an allen bedrohten Grenzen verlangte. Die Ostseeprovinzen und die baltischen Küsten mussten vor einem eventuellen Landungsversuch der Engländer und Franzosen geschützt, Polen durfte wegen der ständigen Revolutionsgefahr nicht von Truppen entblößt werden, Südosteuropa nicht wegen der Gefahr, die von den Österreichern und den Türken ausging. Die kaukasische Front forderte den Einsatz von rund 100 000 Mann, die Garnisonen im Innern des Landes mussten besetzt bleiben. »Es gab also vom finnischen Meerbusen bis zum Kaukasus keinen Teil des russischen Grenzgebietes, welchem eine entsprechende Sicherung beigemessen werden konnte«, bemerkte General Todleben im Rückblick.


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    Für Sewastopol stellte es sich als Fehler heraus, daß man alles zur Verteidigung der Stadt von der Seeseite aus getan und die Batterien am vorderen Teil der Hauptbucht massiert hatte; nun drohte der Stadt mit dem Anmarsch der Invasionsarmee die größte Gefahr von der Landseite, deren Verteidigung bisher sträflich vernachlässigt worden war.
    »Wer sich im Besitz des oberen Teils der Stadt, den umliegenden Höhen zu setzen vermöchte, würde bald Herr des Hafens sein« - das war der Kenntnisstand der Alliierten bei Beginn des Feldzugs.
    1852 hatte Seymour in seinem Bericht die englische Admiralität auf diesen Punkt aufmerksam gemacht. Zwischen Sewastopol und seinen Angreifern schien im Grunde nur eine Mauer zu stehen, die russische Infanterie, die lebende Mauer Russlands.
    Admiral Menschikow beschloss nach einer realistischen Einschätzung der Lage, sich ganz auf den Kampf zu Land einzustellen und die Flotte zu desarmieren, um die Schiffsgeschütze bei den äußeren Befestigungswerken einsetzen zu können. Menschikow galt als Menschenverächter, doch konnte ihm ein deutscher Arzt, der hier zum Chronisten des Geschehens wurde, seine Achtung nicht versagen, als er ihn am Abend des 17. September in der Stadt dabei beobachtete, wie er Anweisungen gab, die Bevölkerung beruhigte, den Truppen Mut zusprach.
    Eine Ordonnanz überbrachte ihm den Befehl, sich zum Abmarsch bereitzuhalten, zum Dienst im Hauptquartier Menschikows. Es war ihm ganz recht, die dem Verderben geweihte Stadt zu verlassen; »Sewastopol ist verloren, jedermann sagt es«. Es war die Entwaffnung und Stilllegung der Flotte, die diese Stimmung der Resignation auslösten, und der Beobachter fragte sich, ob »dieses freiwillige Verzichten auf den einen Kampfplatz, auf das Meer«, mochte es auch von der Klugheit geboten sein, nicht völlig ungeeignet war, dem »Mannesmut eine rechte, innere Befriedigung zu gewähren«.
    Nach dem Verlassen der Stadt mitten unter den an die Front marschierenden Truppen kam er auf andere Gedanken: »Und dennoch ist nicht zu leugnen, daß in dem allen ein gewisses Etwas lag, das von großen und erhabenen Entschlüssen sprach; dennoch steht es jetzt in meinem Innern felsenfest, daß Menschikow und sein Heer, daß die Matrosen und Kanoniere der Flotte, ja daß selbst die Einwohner von Sewastopol zum Kampfe auf Tod und Leben entschlossen sind, und daß sie in


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    diesem Entschluss beharren werden, bis das letzte Bollwerk und der letzte Turm dieser stolzen Feste über ihrem Haupte zusammenbricht«.
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    Die Schlacht an der Alma

    Menschikow erwartete Raglan und Saint-Arnaud an der Alma. Die letzten Verstärkungen erreichten ihn in der Nacht zum 20. September 1854. In Eilmärschen waren 42 Bataillone Infanterie, 16 Schwadronen Kavallerie, 11 Gruppen Kosaken und 96 Geschütze hier zusammengezogen worden.
    Der zum Stab des Fürsten gehörende deutsche Arzt hatte in der letzten Nacht vor der Schlacht keinen Schlaf gefunden, wie so viele andere: »Denn überall, wohin ich meine Schritte lenkte, kauerten im Halbdunkel Gestalten am Boden und tauschten im flüsternden Gespräch die Erinnerungen an die ferne Heimat und die letzten Aufträge für den Fall des Todes aus.« In der Ferne waren die Lichter der alliierten Flotte zu sehen. Die Soldaten beunruhigten die Wunderwaffen der Engländer, Raketen, die angeblich ganze Bataillone auslöschten, mit Dampf betriebene Kanonen, weittragende Flinten. Die 21 französischen Kriegsgefangenen, die von Kosaken beim Marodieren festgenommen worden waren, brachten wenig Ermutigung.
    Menschikow standen rund 34000 Mann zur Verfügung. Damit war er rein zahlenmäßig den Alliierten unterlegen, doch machte er dies durch eine Verteidigungsstellung wett, die gut ausgesucht war und als fast unangreifbar galt. Er hatte mit seinen Truppen auf einem Bergplateau Stellung bezogen, das die sich vor ihm ausbreitende Ebene beherrschte. Zu seinen Füßen, im Tal, schlängelte sich die Alma durch drei Dörfer, um fast senkrecht auf das zur Linken liegende Meer zu treffen.
    In der Mitte der Front verlief quer zur Alma die Poststraße, die Hauptverbindungsstraße zwischen Eupatoria und Sewastopol. Sie führte durch das Dorf Burliuk, passierte eine Brücke und stieg dann durch einen Taleinschnitt auf das Plateau hinauf. Hier lag nach Menschikows Ansicht die Hauptstoßrichtung der Alliierten. Ein Ausweichen war unmöglich, da ihr Vormarsch dicht am Meer erfolgen musste, um die Verbindung zu den Schiffen nicht zu verlieren. Der


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    linke Flügel war durch einen felsigen Steilhang begrenzt, der zum Meer abfiel und - wie er meinte - unersteigbar war. Die zur Ebene abfallenden Terrassen hatte Menschikow mit Geschützen gespickt, in den Weinbergen und Gärten unten standen seine Plänkler und Scharf- schützen, um den ersten Ansturm aufzufangen.
    Die ganze Front hatte eine Ausbreitung von rund 7km; den rechten Flügel kommandierte Fürst Peter Gortschakow, ein Bruder des bekannten Generals von der Donaufront, den linken Flügel General Kiriakow. Und genau auf diesen Punkt richtete Saint-Arnaud seine Aufmerksamkeit. Er hatte erkannt, daß dieser Frontteil nur schwach besetzt war, weil offenbar niemand hier mit einem Ängriff rechnete, vor allem nicht mit einem kombinierten Land- und Seeangriff.
    Ungeduldig ließ Saint-Arnaud die Division von General Bosquet bereits um halb sechs Uhr abrücken, da sie den weitesten Weg hatte. An diesem Morgen war ohne das übliche Trommeln geweckt worden. Über 150 Mann standen überhaupt nicht auf, sie waren nachts an der Cholera gestorben. Kurze Zeit später wollte er selbst mit der ganzen Armee abrücken, doch wer zu spät erschien, war Raglan mit seinen Engländern. Der Lord war nicht aus der Fassung zu bringen.
    Die Schlacht an der Alma begann auf der Seite der Alliierten mit Missverständnissen. Nach der festen Überzeugung von Saint-Arnaud hatte Raglan seinen Schlachtplan akzeptiert, den er ihm am Abend zuvor mit vielen enthusiastischen Worten dargelegt hatte, offenbar durch ein Medikament in überreizte Stimmung versetzt. Eine zittrige Skizze diente als Unterlage. Raglan hatte volle Kooperation zugesagt. Aber es widerstrebte dem pragmatisch denkenden Raglan, mit einem fertigen Plan in den Kampf zu gehen, bevor er nicht eine ausreichende Kenntnis von der endgültigen Aufstellung des Gegners hatte, und das konnte er nur kurz vor Schlachtbeginn.
    Am Rand der Ebene machten beide Armeen noch einmal Halt, bevor sie in die Reichweite der feindlichen Geschützbatterien gerieten.
    Vor den verbündeten Armeen lag nun im Tal das Schlachtfeld: die drei Dörfer Alma Tamak (am Meer), Burliuk in der Mitte, und zur Linken, weiter entfernt, Tarkanla. Zwischen Burliuk und Tarkanla lag der Abschnitt der Engländer; hier standen auf der Anhöhe die besten Truppen Menschikows, Gardeeinheiten. Die Landstraße talaufwärts war zu beiden Seiten durch Geschütze gesichert. Das größte Problem stellten auf dem Hügel zur Linken der Straße - dem Kourgan-Hügel


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    - zwei Redouten dar; zwei Schanzen, besetzt mit weitreichenden, schweren Geschützen. Es war ein Uhr. Die Schlacht begann mit großer Verspätung, der Moment der Überraschung schien dahin zu sein.
    In der Zwischenzeit war die Division von General Bosquet in Brigaden hintereinander gestaffelt längst unterwegs, hatte die Alma dicht am Meer durchquert und begann sich am Steilhaug hochzuarbeiten. In diesem Augenblick setzte auch das Feuer der Schiffsartillerie ein, um die Russen oben auf dem Plateau niederzuhalten und zu vertreiben. Zu ihrem Glück entdeckten die Leute von Bosquet einen Hohl- weg, der ganz offensichtlich von den Bauern benutzt wurde und nach oben führte, eine andere Kolonne stieg einen steilen Fußpfad hoch, sich an Wurzeln und Gestrüpp festhaltend. Es waren die berühmten algerischen Zuaven, »von Afrika an das Klettern gewöhnt«, wie ein deutscher Chronist später etwas abfällig bemerkte. Nach weniger als einer halben Stunde war das Unmögliche geschafft. Die Zuaven erreichten, ohne beschossen zu werden, die Hochebene und begannen sofort zu feuern. Trotz allem hätten sie keinen Erfolg gehabt, wenn es Bosquet nicht gelungen wäre, auch Geschütze nach oben zu schaffen. »Es waren furchtbare Anstrengungen nötig, um die Geschütze auf die Hochfläche zu bringen, je 20 Mann stemmten sich mit den Schultern gegen die Protzen, die Räder, die Lafetten, während gleichzeitig die Pferde mit äußerster Kraft anzogen«.
    Saint-Arnaud jubelte: »Ich sehe rote Pantalons. Es ist Bosquet. Er hat die Anhöhen erstiegen. Daran erkenne ich meinen alten Bosquet von Afrika wieder.«
    Zu spät erkannte Menschikow, der die Schlacht von eine im Bau befindlichen Telegrafenturm in der Mitte der Front leiten wollte, die Situation, zu spät ließ er Reserven nachführen, während General Kiriakow verzweifelt hin- und hergaloppierte, um seinen Oberbefehlshaber von der Größe der Gefahr zu überzeugen. Jetzt rächte sich das Versäumnis, die auf das Plateau führenden Wege nicht unbrauchbar gemacht zu haben.
    Die Russen machten zusätzlich den Fehler, ihre Geschütze nicht sofort näher an die Franzosen heranzufahren, um auf ihren Gegner einwirken zu können; die weiterreichenden Batterien von Bosquet töteten die Bedienungsmannschaften und zerstörten die Geschütze. Hier kam der französischen Armee die Modernisierung durch Napoleon III


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    zugute, wie Bazancourt registrierte: ein einheitliches Kaliber (12 Pfünder), durch das Vollkugeln wie auch Explosivgeschosse verschossen werden konnten.
    Im Tal lief der Angriff der beiden französischen Divisionen von Canrobert und Prinz Napoleon zwischen Alma Tamak und Burliuk nicht so glücklich. Auf der Suche nach den besten Übergängen gerieten die Angriffskolonnen ins Stocken, die Vorderen stürzten, die Nachfolgenden drängten über sie hinweg und traten auf die Verwundeten und Toten. An ein weiteres Vorgehen war nicht zu denken, die Artillerie konnte nicht auffahren, da das Wasser zu tief war. Zum ersten Mal geriet Saint-Arnaud in Panik, da Bosquet auf dem Plateau isoliert war, wenn Canrobert nicht nachkam. Der Marschall entsandte einen Stabsoffizier zu Raglan mit der Bitte, ihm englische Truppen zu schicken. Er hatte auch damit gerechnet, daß Raglan zur selben Zeit wie er angreifen würde.
    Die Engländer waren schon während des Vorrückens unter stärksten Beschuss geraten. Raglan hoffte, daß der Angriff der Franzosen auf dem linken Flügel ihm Luft verschaffen würde, wenn Menschikow gezwungen war, Truppen von der Front der Engländer abzuziehen, um sie gegen Bosquet zu werfen. Die britischen Geschütze waren in diesem Augenblick in ihrer Reichweite noch den russischen unterlegen, sie konnten die Geschütze auf dem gegenüberliegenden Hang, knapp 2000 m entfernt, noch nicht erreichen.
    Raglan befahl der Infanterie, sich in Linie auseinanderzuziehen und hinzusetzen, um kein leichtes Ziel zu bieten. Die Vollkugeln der russischen Artillerie hüpften mit großer Gewalt über den Boden. Die Soldaten machten sich den Spaß, die einzelnen russischen Geschütze, die sie sehen konnten, mit den Namen unbeliebter Offiziersfrauen zu belegen, und bedachten die rollenden Kugeln mit obszönen Redensarten.
    Als ihn der Hilferuf der französischen Nachbardivision erreichte, sie würden massakriert, gab Raglan seine Wartestellung auf und ließ seine Truppen vorgehen: die 1. Division unter dem Herzog von Cambridge am äußersten linken Flügel, daneben die Leichte Division unter General George Brown, und direkt auf Burliuk angesetzt, die 2. Division. In diesem Augenblick setzten die zurückgehenden russischen Soldaten das Dorf Burliuk in Brand. Das trockene Heu, das in den Häusern gestapelt worden war, entzündete sich mit einem Schlag,


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    dichter schwarzer Qualm verhinderte jegliche Sicht. Im letzten Augenblick wurde die einzige Brücke über die Alma von den russischen Pionieren (Sapeurs) abgebrochen.
    Aber bereits vorher war es im Bereich der Leichten Division zu einem völligen Durcheinander gekommen, weil General Brown die Abstände für seine Regimenter nicht richtig einzuschätzen verstand. Die einzelnen Abteilungen marschierten in die Vormarschrichtung der anderen, jeder behinderte jeden, binnen kurzem war es mit der berühmten englischen Schlachtordnung ä la Wellington vorbei.
    Die Antwort auf die Frage nach der Ursache dieser Konfusion lag in der simplen Tatsache begründet, daß Sir Brown kurzsichtig war und aus purer Eitelkeit eine Brille verschmähte.
    Seine beiden Brigadegeneräle waren ebenfalls kurzsichtig, doch benutzte Major-General Codrington immerhin einen Feldstecher, während Brigade-General Buller sogar davon überzeugt war, besser zu sehen als ein Normalsichtiger. Das sollte bald dazu führen, daß er während des Angriffs auf dem Hang ein Karree bilden ließ, um einen Reiterangriff abzuwehren, obwohl gar keine Reiter in Sicht waren.
    Die Schlacht an der Alma entwickelte sich teilweise zu einer Farce, aber es war eine blutige Farce. »Bei Gott«, stellte Raglan fest, ohne seine Ruhe zu verlieren, »diese Regimenter gehen nicht wie englische Soldaten vor.« Keiner seiner Untergebenen getraute sich, Brown zu korrigieren, da er der Ranghöhere war und auch Ratschläge hasste. Und Raglan selbst vermied es, Untergebene vor den Kopf zu stoßen, eine Eigenart, die die Engländer fast um den Sieg brachte.
    Seltsamerweise fanden die Russen, die vom Hang aus den lärmenden Haufen der Engländer beobachteten, dies alles gar nicht verwunderlich. Man hatte ihnen erzählt, daß sie in der Schlacht auf Matrosen stoßen würden, und sie selber hatten eine sehr schlechte Meinung von ihren eigenen Seeleuten.
    Als die Engländer von der Leichten Division die Gärten und Häuser am Ufer erreichten, löste sich die Ordnung der Truppen vollends auf. Die Kranken und Mutlosen verkrochen sich in Heuschobern, die Vorwärtsgehenden sprangen, Bauernkaten und Sträucher als Deckung benutzend, in die Richtung vor, aus der der Beschuss kam. Die Offiziere hatten die Hoffnung aufgegeben, ihre Leute wieder in die »schönen paradeähnlichen Formationen zu bringen, die in der Praxis so einfach schienen«. Explodierende Granaten, brennende Holzhäuser,


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    an Mauern klatschende Vollkugeln vollführten zusammen mit dem Zischen und Singen der Gewehrkugeln einen Höllenlärm, in dem die Schreie der Soldaten fast untergingen.
    Der Angriff stockte erneut, als sie an die Alma kamen. Es gab nur den Befehl, nicht Halt zu machen. Gewehre und Munition über dem Kopf haltend, wateten die Angreifer durch das schnell fließende Wasser, das stellenweise sehr tief war, so daß einige stürzten und ertranken. Stabsoffizier Calthorpe fand zwar die Spur einer Furt, versank aber mit seinem Pferd bis zur Hüfte im Wasser, da die Russen an dieser Stelle ein Loch gegraben hatten, um die Furt unbrauchbar zu machen. Mit einem zweiten energischen Satz war er wieder aus dem Wasser heraus und suchte Raglan.
    Am jenseitigen Ufer versuchten die Offiziere erneut, ihre Leute zu ordnen: »Die Männer schrien nach ihren Offizieren, die Offiziere nach ihren Männern, Sergeanten boten fremden Regimentern ihre Dienste an.« Obwohl es keinen neuen Befehl gab und nur General Codrington in seinem Bereich die Mannschaften anbellte, vorwärts zu gehen, stürmten die Soldaten nun bergan.
    Auch General Brown lief noch immer mit zornrotem Gesicht zwischen den Soldaten hindurch und gab ein offensichtlich so einmaliges Bild ab, daß ihn die russischen Soldaten, in deren Nähe er aus Versehen geriet, zu erschießen versäumten.
    Über den Köpfen der Engländer erschien nun die Große Redoute. Es war ein Glück, daß die russischen Kanoniere mit dem Feuern aufhören mussten, weil die zurückgehenden russischen Plänkler und Jäger- Truppen in die eigene Schusslinie gerieten. Neben den Redouten stand abwartend in dichten, bedrohlichen Massen russische Infanterie - in einer Haltung, als ob sie die Redouten mit den kostbaren Geschützen »wie einen heiligen Tempel bewachen«. Dann setzten sich die russischen Kolonnen in Bewegung und stießen bergab, die Bajonette vor sich ausgestreckt. Mit letzter Kraft stellten die englischen Offiziere brüllend und handgreiflich ihre eigenen Leute in zwei lange, dünne Reihen auf - denn nur eine Formation, die ein gleichmäßiges Feuern und Flankenschutz ermöglichte, »bedeute die einzige Chance zum Überleben«. Aber zur Überraschung aller fingen die hartnäckigen und zähen Engländer den Ansturm auf. Ihre lose Aufstellung hatte im Grunde sogar ihr Gutes, da sie dem massiert einsetzenden Artillerie und Infanteriefeuer der Russen kein gutes Ziel boten, während fast


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    jeder Schuss der Engländer einen Russen »niederstreckte«. Nun setzten die Regimenter der Leichten Division sogar frontal zum Gegenstoß hangaufwärts an - ein Vorgang, den der deutsche Hauptmann a. D. von Trützschler später im »Soldatenfreund« mit dem so beliebten Ausdruck »Den Stier bei den Hörnern packen« umschrieb. Daß übereifrige Offiziere erst einmal ihre Leute nach der Vorschrift des Handbuches ordentlich aufzubauen trachteten, anstatt den Angriffsschwung sofort auszunutzen, beschrieb er nicht.
    Als die ersten Engländer vor der Großen Redoute erschienen, sahen sie, wie die russischen Kanoniere mit großer Schnelligkeit und Perfektion wie im Manöver ihre Geschütze zurückzogen und in die Protzen hängten, um sie schleunigst in Sicherheit zu bringen und ja kein Risiko einzugehen. Trotzdem gelang es den Engländern, eine Kanone zu erbeuten und abzufahren, bevor der nächste Gegenstoß der Russen einsetzte. Die Situation der Engländer begann heikel zu werden.
    Raglan, unermüdlich hin- und hergaloppierend, hatte selber im Tal dafür gesorgt, daß Geschütze über die Alma herübergeführt wurden, um die Leichte Division zu unterstützen. Als die Bedienungsmannschaft fehlte, sprangen erst einmal Stabsoffiziere als Kanoniere ein. Den englischen Pionieren war es gelungen, die Brücke wieder gangbar zu machen.
    Saint-Arnaud hatte inzwischen seine Probleme auch ohne die Hilfe der Engländer gelöst. Da der Hang zwischen Burliuk und Alma Tamak für die Geschütze zu steil war, dirigierte einer seiner Generäle die Artillerie kurzerhand um, nahm einen kilometerlangen Umweg in Kauf, um die Geschütze dann hintereinander durch einen Hohlweg, der aus Alma Tamak hinauf auf das Plateau führte, nach oben schaffen zulassen. Nun standen über zwei französische Divisionen mitsamt Artillerie auf der Hochebene. Unter mörderischem Feuer begannen sie den Sturm auf den Telegraphenhügel. Entsetzt mußte Menschikow feststellen, daß damit die Entscheidung der Schlacht gefallen war, während der Kampf um die Redoute unterhalb des Kourgan-Hügels weiterging.
    Hier konnten nur noch die 1. Division, die königliche Garde und die schottischen Highländer, Hilfe bringen, so sehr wurden die nur noch in Teilen vorhandenen Regimenter der Leichten Division von zwei russischen Regimentern, Borodino und Fürst Michael, bedrängt. Aber die Garde hing noch immer weit am linken Flügel zurück. Sie


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    stand unter dem Kommando des Herzogs von Cambridge, der kein Mann von großen Entschlüssen war und aus Furcht vor Fehlern am liebsten gar nichts unternahm. Die 1. Division, die ihre Nachbarn befehlsgemäß unterstützen sollte, war in großer Ordnung über die Alma gegangen, wobei die schweren Bärenfeilmützen die Gesichter fast ins Wasser drückten, und stieg nun erst langsam und beharrlich den Hang hoch, nachdem ein sehr deutlicher Befehl Raglans Cambridge in Fahrt gebracht hatte. Calthorpe sah sie »wie auf dem Paradefeld« vorgehen und war sehr stolz.
    Als die vorgehenden Schotten in den Rückzugsweg einer Füsiliereinheit gerieten, die vor dem Bajonettangriff der Russen flohen, wurden sie mitgerissen und mussten sich erst neu unten an der Alma formieren. Der Flankenangriff der 1. Division verschaffte jedoch insgesamt der Leichten Division Luft. Codrington wollte sich ihrem Angriff anschließen, fragte aber erst einmal um Erlaubnis, als ihm rechtzeitig einfiel, daß es sich um die »hochnäsige« Garde handelte und er selbst ja nur Kommandeur eines ordinären Linienregiments war. Auf der ganzen Front prallten unterhalb der Redouten Russen und Engländer aufeinander. Zwischen ihren eigenen Linien und Kolonnen liefen auf beiden Seiten die Offiziere hin und her, Befehle und Anfeuerungsrufe herausbrüllend, um sich auflösende Abteilungen wieder zum Stehen zu bringen. Die Soldaten beider Seiten konnten ihnen ihre gegenseitige Bewunderung nicht versagen.
    Die Offiziersverluste waren auf beiden Seiten entsprechend hoch. Zum Nachteil der Russen hatten die Engländer mittlerweile fast zwanzig Geschütze über die Alma gebracht, was der Initiative Raglans zuzuschreiben war. Raglan war überall, wenn auch von der lenkenden Hand eines Feldherrn nirgends mehr die Rede sein konnte. Einmal erschien der englische Oberbefehlshaber sogar weit in den Stellungen der Russen an der Straße nach Sewastopol, jedermann an seinem hohen, weißen Federbusch als Offizier erkennbar, als ob er sich vergaloppiert hätte. Nach Russells sarkastischer Bemerkung kam er nur mit dem Leben davon, weil seitens der Russen kein Befehl vorlag, ihn zu erschießen. Neben Raglan fielen mehrere Stabsoffiziere, er selber blieb »coolx, nahm sich sogar Zeit, mit seinem Pferd zu sprechen, als ob er sich auf einem »Ausritt im Hyde Park« (Calthorpe) befand.
    General Gortschakow führte seine Gardeeinheiten selber in den


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    Kampf, dabei streiften ihn mehrere Schüsse. Als sein Pferd getroffen wurde, stürzte er schwer und lief halb von Sinnen über das Schlachtfeld. Hier traf er auf seinen Vorgesetzten Menschikow, der inzwischen wusste, daß die Schlacht verloren war. Sein linker Flügel war nicht mehr zu halten. 48 französische Bataillone und 84 Geschütze standen gegen 16 Bataillone und nur noch 40 Geschütze. Der Telegraphenhügel war so gut wie verloren, die letzten, fliehenden Nachzügler der Russen wurden gnadenlos von den Zuaven mit dem Bajonett niedergestochen. Menschikow gab schweren Herzens den Rückzugsbefehl.
    Neue englische Einheiten, die noch nicht am Kampf teilgenommen hatten, stiegen den Hügel hoch.
    Viele Russen warfen ihre Waffen weg und flohen. Die meisten Einheiten jedoch lösten sich ohne Panik von ihren Gegnern. Nach nur vier Stunden war die Schlacht vorbei. Das »Hurra«-Geschrei von mehreren tausend Engländern toste den Hang herauf. Die Soldaten fielen sich in die Arme, die Offiziere gaben sich die Hand. Der letzte Kanonenschuß fiel von russischer Seite aus großer Entfernung - eine Art »Trotzhandlung«, wie Calthorpe meinte.
    Russell verzichtete später darauf, einen Bericht über den Verlauf der Schlacht abzufassen. Es erschien ihm unmöglich, den Ablauf der Ereignisse synchron und genau zu beschreiben. Zum ersten und berühmtesten Chronisten der Schlacht an der Alma wurde Alexander William Kinglake, obwohl nur sein Pony in vorderster Linie bei Raglan erschienen war, es hatte seinen Reiter abgeworfen. Ein Leipziger Verleger sollte rund ein Jahrzehnt später Kinglakes »The invasion of the Crimea« als Taschenbuchausgabe drucken, damit die vielen Engländer sich ihren Kinglake kaufen konnten, wenn sie sich in Deutschland zur Kur oder als Touristen aufhielten.
    Russell passierte die Brücke über die Alma und geriet in eine Gruppe von verwundeten und sterbenden Offizieren. Einer von ihnen, der in einer Blutlache saß, witzelte verzweifelt, daß er kein Bein mehr habe, um darauf zu stehen.
    »Mr. Russell, Mr. Russell. Erzählen Sie zu Hause, wie wir massakriert wurden, ohne Hilfe zu bekommen! Aber wir haben sie geschlagen.«


    Seite 159
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  7. #27
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Die vier Punkte

    Nicht etwa der Sieg der verbündeten Armeen an der Alma, sondern der Fall von Sewastopol war Anfang Oktober das Tagesgespräch in ganz Europa. Am 2. Oktober las in Berlin Leopold von Gerlach zu seinem Entsetzen in einem Extrablatt der Kreuzzeitung von dem Ereignis. Ein zweites Extrablatt nahm den Fall der Festungsstadt zwar wieder zurück, beließ es aber bei dem Sieg über Menschikows Armee. Zwei Tage später bestätigte dies ein Brief des preußischen Gesandten aus Petersburg, in dem ein Gespräch mit dem Zaren wiedergegeben wurde: Menschikow geschlagen, weil er den Angriff im Zentrum erwartet und nicht mit der Mitwirkung der feindlichen Flotte gerechnet hatte, Rückzug bis in das Tal von Inkerman; gelänge es nicht, den Feind vom nördlichen Ufer der Bucht abzuhalten, sei Sewastopol wahrscheinlich verloren. Auch Friedrich Wilhelm IV. wurde von der deprimierten Stimmung des Zaren angesteckt.
    Zu seinem Pech hatte Napoleon III. im Heerlager von Boulogne, wo er Truppen inspizierte, die Nachricht vom Fall Sewastopols verkündet, anstatt erst einmal die schriftliche Bestätigung abzuwarten. »Als er das sagte«, kommentierte Friedrich Engels bissig, »kam er sich vielleicht wie ein wirklicher Napoleon vor. Zum Pech des Neffen hatte es der Onkel niemals notwendig, einen Sieg zu verkünden; er schlug seine eigenen Schlachten, und seine Soldaten, die den Feind fliehen sahen, brauchten keine Bestätigung.«
    Bei der Nachricht vom Fall Sewastopols handelte es sich um eine gezielte Falschmeldung, die als Tatarenpost berühmt wurde. »Danach war ein von Konstantinopel nach Bukarest reitender Tatar einem anderen, in umgekehrter Richtung reitenden begegnet und hatte es diesem mündlich erzählt, worauf sie, die Depeschen austauschend, wieder zurückgeritten waren. «
    Die Tatarennachricht hielt sich zwei Tage, bis sie sich als Börsenente herausstellte. Ein Wiener Spekulant, Redakteur der Zeitung Der Wanderer, hatte sie telegraphisch von Bukarest veranlasst und daraufhin 200000 Gulden an der Börse verdient.
    Die Diskussionen, was mit Sewastopol nach der Einnahme geschehen sollte, gingen trotzdem weiter, obwohl die Königin von England Clarendon vorschlug, die Entscheidung bis zur wirklichen Eroberung zu vertagen. Der Sieg an der Alma und der Glaube, die Einnahme von


    Seite 160

    Sewastopol sei »nur noch eine Zeitfrage« (Prokesch-Osten), veranlasste Buol zu einem verschärften antirussischen Kurs. Am 3. Oktober wies er Hübner in Paris an, die ins Stocken gekommenen Verhandlungen mit den Westmächten wieder aufzunehmen. Hübner hatte die Drohungen Napoleons III. kurz vor seiner Abreise in das Kriegslager von Boulogne nicht vergessen: Er sei - so zu Hübner, während er sich eine Zigarre anzündete - voller Vertrauen in die Politik Österreichs:
    »Aber Sie wissen auch, daß ich Feuer an Europa legen kann wie an diese Zigarre.« Die Zeiten von Kongressen und Konferenzen seien »passes«, jetzt gelte es, Krieg zu führen!
    Feldzeugmeister (FZM) Hess hatte von Buol sogar den Befehl erhalten, den Türken nicht etwa den Weg zu verlegen, falls sie über den Pruth gingen, um Russland in Bessarabien anzugreifen; ein erneut unfreundlicher Akt gegenüber Russland, da es ja die erklärte Absicht der Österreicher war, durch das Dazwischenschieben ihrer Truppen im Donauraum ein Aufeinanderprallen von russischen und türkischen Truppen zu verhindern.
    Nach dem Rückzug der Russen aus den Fürstentümern hatte sich die Situation an der ersten Front entschärft. Doch waren neue Komplikationen aufgetreten. Zuerst einmal benutzte Omer Pascha die Langsamkeit der Österreicher, die ihre Truppen umgruppieren mussten, dazu, entgegen allen Abmachungen als erster in Bukarest einzuziehen.
    Um alle Streitpunkte aus dem Weg zu räumen, kam es im September zu einer Begegnung, die ebenso »historisch« wie pikant war - zum persönlichen Zusammentreffen zwischen FZM Hess und dem osmanischen Seraskier Omer Pascha, dem ehemaligen Deserteur ier österreichischen Armee, welcher nun von einem hochgestellten Beamten Wiens mit Hoheit angeredet werden musste.
    Aber auch mit der Bevölkerung und den lokalen Behörden gab es Reibereien und Streit. Trotz der Rückkehr der Hospodare gaben die Österreicher die Verwaltung nicht aus den Händen. Sie übten weiterhin die Polizeigewalt aus, um das Land von »unsauberen Elementen« zu reinigen, verboten Einfuhr und Vertrieb von Druckerzeugnissen, die »der Ordnung und Sittlichkeit entgegenarbeiteten«, führten die Theater-Zensur ein und organisierten natürlich ein Netz von bezahlten Spitzeln, eine alte österreichische Spezialität. Das Land hatte wieder einmal nur die Besatzer gewechselt.


    Seite 161

    Seit August drehte es sich in den diplomatischen Auseinandersetzungen um die sogenannten vier Punkte, auf die die fünf KriegszielPunkte der Westmächte geschrumpft waren. Drouyn de Lhuys Forderung nach der Errichtung einer permanenten Kriegsbasis für die Seemächte im Schwarzen Meer war als eine zu große Zumutung für Russland gestrichen worden. Aber auch die restlichen vier Punkte stellten als unerlässliche Vorbedingungen für weitere Verhandlungen
    - wie Nesselrode sagte - eine unzumutbare Demütigung und Schwächung Russlands dar. Das als Mindestprogramm formulierte Papier sah vor:
    1) Das Protektorat Russlands über die Donaufürstentümer abzuschaffen und die staatsrechtliche Stellung der »osmanischen Provinzen« durch eine Kollektivgarantie der Großmächte zu ersetzen.
    2) Die Sicherung der freien Schifffahrt im Donaumündungsgebiet gemäß der Wiener Kongreßakte.
    3) Die Revision des Dardanellenvertrages von 1841 im Interesse des europäischen Gleichgewichts und die Neutralisierung des Schwarzen Meeres.
    4) Die Abschaffung des russischen Anspruchs auf die offizielle Schutzherrschaft über die christlichen Untertanen der Pforte.
    Die vier Punkte machten deutlich, daß es im Krimkrieg schon lange nicht mehr um den Erhalt der Türkei oder um die Verbesserung der Rechtslage der christlichen Konfessionen im Osmanenstaat ging, sondern um die Eindämmung Russlands auf dem Balkan und dem Schwarzen Meer. Der Verdacht lag nahe, daß die Bedingungen absichtlich extrem formuliert waren, so daß die Russen sie unmöglich akzeptieren und die Westmächte ihren Krieg weiterführen konnten, nachdem mit der Räumung der Donaufürstentümer der Kriegsanlaß weggefallen war. Nicht zufällig hatte Bourqueney in Wien die Räumungsabsichten als »Schiffbruch unserer schönsten Hoffnungen< bezeichnet. Selbst Hübner in Paris, ein Anwalt der Westorientierung Österreichs, meinte, die vier Punkte hätten nichts anderes zum Gegenstand als den Verzicht Russlands auf alles, was seit Peter dem Großen das politische Leben Russlands ausgemacht habe.
    Unter fadenscheinigen Rechtfertigungsgründen forderte Buol von Petersburg die »rückhaltlose Annahme de.r vier Punkte«. Gegenüber dem neuen russischen Botschafter in Wien, Alexander Gortschakow, meinte er, auf diese Art und Weise zusammen mit Russland an den


    Seite 162

    Verhandlungstisch zu kommen, um ihm dort als Freund Hilfe zu leisten - er halte sich »fern von Russland, um ihm besser zu dienen«. Was Gortschakow mit der Bemerkung konterte: »Wir sind keine Kinder, denen man Schläge gibt, und sagt, es geschehe zu ihrem Besten.«
    Buol lag daran, Russland ebenso wie die Westmächte hinzuhalten. Er selber hatte diese heikle Situation ganz treffend mit der Bemerkung charakterisiert, daß »Österreich ein Gegner Russlands war, ohne mit ihm Krieg zu führen, und ein Freund der Alliierten, ohne mit ihnen alliiert zu sein«.
    Preußen hatte sich »wohl oder übel« dem Vierpunkteprogramm angeschlossen, um nicht isoliert zu werden. Friedrich Wilhelm IV. sprach aber nur von »moralischer Unterstützung«. Der Zar sah in Österreichs Politik dagegen nur eine »Perfidie ohnegleichen« und bezeichnete Franz Joseph als »demütigen Vollstrecker der englischen und französischen Launen«, als einen »eifrigen Freund der Türkei« und »Diener des Halbmonds«.
    Im September verschärfte Österreich den Druck auf Preußen und die deutschen Mittelstaaten, um seinen Einfluss in Deutschland zu behalten. Es bestand trotz der Entspannung im Balkanraum auf Mobilisierung von Bundestruppen zur Unterstützung der Vier-Punkte-Somnation und begründete die erforderliche Kriegsbereitschaft ganz Deutschlands mit den Verpflichtungen aus dem Zusatzartikel des Aprilvertrages: der casus belli sei gekommen, da Russland jederzeit in die Fürstentümer zurückkehren könne.
    Für die mangelnde Kriegsstimmung in Deutschland spricht ein Brief Wilhelm von Kügelgens, des Kammerherrn des Herzogs vn AnhaltBernburg, vom 24. September 1854: »Seit die Fürstentümer geräumt sind, bin ich entschieden auf russischer Seite. Preußen ist jetzt dank der Adelspartei entschieden neutral, und nur seiner Haltung ist es zu danken, wenn Österreich sich weiterer feindlicher Schritte enthält.« Für den Fall einer Niederlage der Alliierten reservierte er für sich eine Flasche Champagner.
    Preußen weigerte sich nun, die vier Punkte auf der in Permanenz tagenden Wiener Botschafterkonferenz zu unterstutzen, mit dem Argument, die Konferenzen seien dazu da, Ergebnisse zu protokollieren, doch nicht um politischen Druck auszuüben Es blieb der Wunsch Friedrich Wilhelms IV ‚ die Kriegführenden wieder an den Verhandlungstisch


    Seite 163

    zu bringen: »Der grüne Tisch ist der Rettungsanker der Welt. Der Rest findet sich mit Hilfe der Vorsehung.«
    Da Österreich ohne die Rückendeckung Deutschlands nicht offen auf die Seite der Westmächte zu treten wagte, lenkte es den Unwillen Londons und Paris‘ auf Preußen ab, Franz Joseph sprach in einem Brief an die Queen vom »Schaukelsystem in Berlin«; er warnte Preußen, »seine Feigheit unter der Maske der deutschen Nationalität zu verbergen«.
    Die Niederlage Russlands hatte Friedrich Wilhelm IV. verunsichert, was auch an seiner Hamletnatur liegen mochte, die ihn »an der Entfaltung eines vollen und ungebrochenen Gefühls seiner Kraft hinderte«. Nach der Schlacht an der Alma ging das Eingeständnis seiner Einflusslosigkeit so weit, daß er dem Zaren wenig diplomatisch mitteilte, man würde auf seine Stimmen so viel hören wie auf den »Enten tragenden Tatar« - eine Anspielung auf den reitenden Boten mit dem Schwindel von Sewastopol. Bei seinem Versuch, durch persönliche Briefe an die Regierungen der Großmächte Einfluss zurückzugewinnen, nachdem die Sonderbotschafter gescheitert waren, handelte er sich bei Prinz Albert nur pampige Antworten ein; wahrscheinlich hatte Albert die Bemerkung gekränkt, England sei ein Sklave der öffentlichen Meinung.
    Der Prinzgemahl benutzte die Argumente Österreichs, um dem König »Preußens Sündenregister« vorzuhalten; Berlin habe durch eine für Russland wohlwollende Neutralität die Annäherung Deutschlands an die Westmächte behindert und auch das Bündnis mit Österreich dazu benutzt, es von England und Frankreich fernzuhalten; es sei ein Kriegsverlängerer, öffne der Revolution Tür und Tor und verdiene die Animosität Englands und Frankreichs - die Strafe werde nicht ausbleiben! Zuerst werde es zwischen zwei Stühlen sitzen - eine Formulierung, die von Gerlach hätte stammen können. Natürlich konnte der immer stärker pragmatisch denkende Prinz nichts mit der religiös-moralischen Mentalität des Preußenkönigs anfangen, der ihm schrieb: »Russland kann ich nur um seiner Sünden willen, nicht als Alliierter helfen, da ich gegen Niemand Krieg mache, der mir Nichts zu Leide getan hat.«
    Doch kam es durch die Niederlage an der Alma zu neuen Konzessionen gegenüber Österreich. In einem Brief beschwor Friedrich Wilhelm IV. den jungen Franz Joseph, sich an die Spitze Mitteleuropas mit


    Seite 164

    seinen 72 Millionen Menschen zusetzen; Franz Joseph sollte sich nicht allein »von Westwinden treiben« lassen.
    Für die Ratlosigkeit der preußischen Führung sprach auch die bis dahin undenkbare Vorstellung einer französisch-russisch-preußischen Allianz, geboren aus der alten Furcht vor einem Zusammengehen Russlands mit Frankreich, falls es doch zu einem russisch-österreichischen Krieg käme. Ein »Graus« für Friedrich Wilhelm, doch: »Was zum Frieden führt, da bin ich obenan. Denn ich halte dafür, daß der Friede ein Segen, der Krieg aber ein Fluch ist.« Und er ließ sogar einen seiner Generaladjutanten nach Paris fahren, um Napoleon III. zum Geburtstag zu gratulieren.
    Die Berater des Königs hatten den Eindruck, daß der nervöse König nicht zu einer gelassenen Haltung den Ereignissen gegenüber zu bewegen war, als Wien nach dem 3. Oktober den Mobilmachungsbefehl für die Gesamtarmee von 400 000 Mann herausgab. Friedrich Wilhelm IV. wollte auch weiterhin durch eine enge Beziehung mit Franz Joseph Österreich von unüberlegten Schritten gegenüber Russland abhalten, von dem »Verbrechen des Bruchs der Bundestreue«, nachdem Buol und der Kaiser unverhüllt gedroht hatten, die Ereignisse könnten sich »sehr unglücklich verketten, wenn nicht dem unseligen Krieg ein Ziel gesetzt wird«.
    »Ich glaube, unsere Sachen stehn nicht ganz schlecht«, schrieb Buol am 24. Oktober dem Vertreter Österreichs beim Bundestag in Frankfurt. »Preußen hat sich evident in dem Einfluss verrechnet, den es auf die deutschen Regierungen ausüben zu können wähnte. Man möchte in Berlin nur so lange als immer möglich bei halben Maßregeln stehen bleiben; man wird sich drehen und wenden, um es nach keiner Seite hin zum Bruche kommen zu lassen, am Ende aber, wenn es zur Entscheidung käme, doch vom Strome mit fortgerissen werden.« Prokesch-Osten sah bereits den Triumph der österreichischen Politik in Sicht - und als Folge ein »neues Olmütz«.

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  8. #28
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    Ein verhängnisvoller Sieg

    »Wir sind geschlagen worden«, schrieb am 24. September der deutsche Arzt, der mit den Verwundetentransporten nach Baktschisarai zurückging, während Menschikows Armee Richtung Sewastopol marschierte.

    Seite 165

    »Viele unserer Tapferen schlummern dort auf den Höhen der Alma den ewigen Schlaf.«
    Die Säbel-»Blessuren« waren überraschenderweise am leichtesten zu kurieren. Die furchtbarsten Verletzungen gingen auf das Feuer der Schiffsartillerie zurück, auf die Bombensplitter der 68er und 120- Pfünder; »denn wen eines dieser Eisenstücke dieser furchtbaren Feuerbälle auch nur gestreift, dessen ganzes Knochengerüst ist zersplittert und selbst die Amputation des getroffenen Gliedes vermag deshalb bei diesen entsetzlichen Verletzungen in den meisten Fällen keine Hilfe mehr zu schaffen«.
    Die hohen Offiziersverluste waren den französischen Scharfschützen zuzuschreiben. Als Ergebnis der Schlacht konnte auch etwas Gutes verbucht werden: die Gerüchte über die Wunderwaffen der Alliierten hatten sich als unwahr herausgestellt. Für den Arzt war die Schlacht ein »Ehrentag für beide«, für die Russen und ihren Gegner; für den letzteren war der Gewinn im Grunde »gleich Null», da er keinen Vorteil aus dem Sieg zu ziehen vermochte.
    In der Tat hatten die verbündeten Armeen noch nicht einmal am
    v 24. September die energische Verfolgung Menschikows eingeleitet, nachdem es ihm gelungen war, seine Truppen in voller Ordnung ohne
    jegliche Panik vom Feind zu lösen und sogar noch einen französischen Adler zu erbeuten und mehrere Gefangene zu machen. Für den
    Angriffselan der Franzosen fand Menschikow bewundernde Worte,
    für die Engländer, die sich zu Beginn der Schlacht durch Hinlegen und Hinsetzen vor dem russischen Artilleriefeuer zu schützen versucht hatten, nur Spott - »als ob diese Rotröcke es der größeren Bequemlichkeit wegen vorgezogen hätten, im Liegen statt im Stehen totgeschossen zu werden«. Für Menschikow war der Vorstoß der Engländer nur deshalb erfolgreich gewesen, weil er inzwischen, auf der linken Flanke von den Franzosen bedrängt, den Befehl zum Rückzug gegeben hatte.
    Die Russen kostete der Kampf fast 5000 Mann, unter den 2315 Verwundeten befanden sich 5 Generäle.
    Die französischen und englischen Verbündeten hielten sich zwei Tage an der Alma auf, um die Verwundeten einzusammeln und die Toten zu begraben. Auf französischer Seite gab es lediglich 260 Tote und etwa 1300 Verwundete, bei den Engländern rund 1700 Tote und Verwundete. Raglan war gedrückter Stimmung. »Noch solch ein


    Seite 166

    Sieg«, so der Herzog von Cambridge, »und England hat keine Armee mehr.« »Welch schöner Tag«, stellte dagegen erst einmal Sain-tArnaud fest. »Unsere Soldaten sind noch immer die Franzosen von Austerlitz und Jena.« Daß die Engländer auch ihren Anteil zum Sieg beigesteuert hatten, unterschlug der Marschall. »Sieg, Sieg, Sieg« - schrieb er seiner Frau, »gestern schlug ich die Russen völlig. Die Russen fochten tapfer, aber niemand konnte dem Elan der Franzosen widerstehen.« Auch die französischen Offiziere redeten so, als ob sie die Schlacht mit der linken Hand gewonnen hätten, eine Einstellung, die Lord Raglan fast um seine sprichwörtliche Ruhe brachte. »Toot, toot, tooting«, imitierte er die ständig blasenden Trompeten der Franzosen, »das ist alles, was sie können.« Im Grunde hatte jeder seine eigene Schlacht geführt.
    Der französische Oberbefehlshaber besichtigte seine Truppen, »eine Revue mitten unter den Trümmern der rauchenden, noch blutenden Schlacht«; dann ließ er seine Zelte am Telegraphenturm mitten auf dem Schlachtfeld aufschlagen, wo sich auch Menschikow aufgehalten hatte, obwohl sich dort ein grauenvoller Anblick bot, wie ein Chronist schrieb, während Saint-Arnaud alles eher furchtbar erhaben vorkam. Neugierig las er in den Papieren, die aus der erbeuteten Kutsche Menschikows stammten.
    Die russischen Gefangenen wurden auf die Schiffe zum Abtransport nach Skutari gebracht. Ein sterbender russischer Offizier, der den Angriff der schottischen Garde erlebt hatte, meinte, daß sie mit dieser Truppe, diesen »Wilden ohne Hosen«, alle schlagen könnten.
    Der einzige gefangene russische General war durch Zufall im allgemeinen Durcheinander in die Hände der Engländer geraten, weil er zu alt war, sein Pferd allein zu besteigen. Er bat darum, nach Sewastopol geschickt zu werden, weil er alt und nutzlos sei und äußerte seine absolute Abneigung gegenüber der See. Auf dem englischen Admiralsschiff wurde er wie ein Gast aufgenommen.
    Während der ganzen Nacht war das Stöhnen und Jammern der Verwundeten von allen Seiten zu hören. Am schlimmsten sah das Terrain vor den beiden Redouten aus, um die der Kampf mehrmals hin- und hergegangen war. In den Gräben und Vertiefungen bei den Schanzen standen buchstäblich Lachen von Blut, an einigen Punkten lagen Leichen drei und vier Mann hoch übereinander geschichtet.


    Seite 167

    Einem Soldaten hatte die Wucht einer Vollkugel Hand und Arm
    durch den Leib hindurchgetrieben.
    Die Ufer der Alma waren zu beiden Seiten mit Toten bedeckt, denen
    Gliedmaßen und Kopf fehlten, manche Körper zu »unförmigen
    Klumpen blutiger Lumpen verwandelt«. In den stehengebliebenen
    Häusern und Schuppen im Dorf Buliuk hatten die Feldschere ihre
    Operationsräume eingerichtet, »um die Wände häuften sich Massen j. abgeschnittener Gliedmaßen«; die Amputation war das beste Mittel,
    um den tödlichen Wundbrand zu vermeiden.
    »Morgen werden wir die Kehrseite des Bildes zu sehen bekommen, die Verwundeten und die Wunden zu zählen haben. Wenn doch der Sieg rein und unbekümmert bleiben könnte, aber das ist unmöglich«, stellte Saint-Arnaud auch fest. Er machte selbst einen zu Tode erschöpften Eindruck, seine Stimme war kaum mehr zu verstehen. Er hatte fast zwölf Stunden im Sattel ausgehalten. Vor versammelter Mannschaft und Generalität fand am nächsten Morgen bei den Fran1 zosen ein Gottesdienst statt. Die Matrosen, die Landurlaub bekommen hatten, vertrieben sich damit die Zeit, ihre toten Gegner nach
    Gegenständen abzusuchen, die ihnen nützlich erschienen.
    Die Offiziere begutachteten die Ausrüstung der Russen. Die Gefallenen des 16. und 52. Regiments trugen kurze Mäntel von grobem,
    grauem Tuche, blaue Waffenröcke, blaue Hosen mit einem schmalen roten Streifen, dazu starke, rindslederne Stiefel, weiterhin weißes sauber gehaltenes Lederzeug. Die russische Infanteriewaffe war der der Engländer in der Reichweite unterlegen. Das Bajonett taugte nicht viel, das Eisen ließ sich glatt mit beiden Händen zerbrechen.
    Erstaunen und Bewunderung erregte der russische Tornister, es war leicht und zweckmäßig, aus ungegerbter Rindshaut angefertigt; jeder Ranzen enthielt zwei baumwollene Hemden, zwei Paar Socken, ein paar Hosen und ein Paar Ersatzstiefel, ebenfalls in einem ordentlichen und reinlichen Zustand, worüber sich die Engländer nicht genug wunderten. Das Spiel Karten, das fast jeder Russe bei sich hatte, fand ebenfalls dankbare Abnehmer.
    Die Toten lagen »fast sämtlich auf ihren Gewehren. Sie hatten jene lächelnde Miene, welche der Tod, wenn er plötzlich erfolgt, in der Regel dem menschlichen Gesicht aufdrückt«, fand Calthorpe; andere, unter ihnen die Soldaten mit Bauchschüssen, hatten verkrampfte Gesichtszüge, weil sie lange leiden mussten.


    Seite 168

    Nach außen hin hatten die verbündeten Armeen einen glänzenden Sieg erfochten. Der Weg nach Sewastopol war frei. In England wurde der Triumph auf den Höhen der Alma mit Kanonenschüssen und Glockenläuten gefeiert. An der Börse verkündete ihn ein Fanfarenstoß, im Theater erhob sich jubelnd das Publikum, und der Erzbischof von Canterbury würdigte das Ereignis durch ein besonderes Dankgebet. Inzwischen war die Zahl der besiegten Russen auf 50000 Mann gestiegen.
    Nur Friedrich Engels blieb skeptisch. Zwar war die Kutsche des Oberbefehlshabers erbeutet worden, doch wo blieben die Kanonen? Galt doch in der damaligen Zeit die Eroberung des gegnerischen Geschützparks als Zeichen des Triumphs.
    Gerade die magere Zahl der Beutewaffen nahm Engels als den besten Beweis dafür, daß es sich kaum um einen vollständigen Sieg handeln konnte, da es den Russen gelungen war, so gut wie ihre ganze Artillerie zu bergen, eher also um eine abgebrochene Schlacht und einen geordneten Rückzug.
    Auch die ungenauen Angaben über die Stärke der Russen irritierte ihn: Wie konnten gerade 50000 Mann geschlagen worden sein, wenn auf der ganzen Krim nur 45000 Mann standen?! Für Engels war alles an dem alliierten Sieg »hausbacken« und »rein taktischer Natur«, bar aller Strategie. »Der Abbruch der Schlacht, das Zurückziehen der Truppen aus der Feuerzone, der Abtransport der Artillerie gereichen Menschikow als Feldherrn mehr zur Ehre als den alliierten Generalen der Sieg!«
    Noch schärfer beurteilte später ein Beobachter vom amerikanischen Kontinent das Geschehen, ein Kapitän der US-Kavallerie namens George McClellan, der mit einer Kommission seines Landes den Kriegsschauplatz bereiste. Der Ausgang der Schlacht war eher verhängnisvoll für den ganzen weiteren Fortgang des Feldzugs. Bosquets kühner Vorstoß in die linke Flanke der Russen hatte zwar den Kampf entschieden, aber auch den Russen die Möglichkeit gegeben, geordnet abzurücken. Wäre es nicht besser gewesen, Menschikows ganze Armee gegen die Küste zu drücken und sie dort von den Schiffsgeschützen erledigen zu lassen?! »So einfach ist es nicht mit dem Insmeerwerfen«, stellte dagegen der ungarische General Georg Klapka fest, der als Emigrant in der türkischen Armee diente.
    Erst zwei Tage nach der Schlacht, am Morgen des 23. September,


    Seite 169

    nahmen die Alliierten die Verfolgung Menschikows auf. Franzosen und Engländer schoben sich gegenseitig die Schuld an der Verzögerung in die Schuhe. »Meine Soldaten rennen, die ihrigen gehen«, stöhnte Saint-Arnaud. »Welche Langsamkeit in unseren Bewegungen! Auf diese Weise läßt sich nicht gut Krieg führen.« Er gestand seinen Verbündeten immerhin zu, sich um mehr Verwundete kümmern zu müssen und vom Meer weiter entfernt zu sein. Saint-Arnaud stellte den Engländern mehrere Maultiere und Cacolets - kleine Karren - zur Verfügung, um ihnen zu helfen. Die russischen Verwundeten ließen sie einfach liegen.
    Auf ihrer Vormarschstraße standen zerbrochene Wagen, lagen weggeworfene Gegenstände und Tornister - der Rückzugweg der Armee Menschikows. Noch nicht einmal die Brücken über die Flüsse waren in der Eile zerstört worden, die Eimer hingen unbeschädigt an den
    Brunnen. Die Soldaten hatten das Gefühl, den Krieg so gut wie gewonnen zu haben; es ging das Gerücht um, Menschikow habe sich die Kehle durchschnitten.
    Doch eine schlechte Nachricht ließ nicht lange auf sich warten. Admiral Hamelin, der mit der Flotte vorausgedampft war, überbrachte beim nächsten Halt am Belbek die Hiobsbotschaft, daß sich die russische Schwarzmeerflotte im Hafen von Sewastopol selbst versenkt hatte und damit die Zufahrt blockierte - ein heroischer Entschluss, der an den Brand von Moskau erinnerte. Damit brach der Plan zusammen, die Festung von der Nordseite anzugreifen und den Sturm über die große Bucht (Tschernaja-Bucht) auf die Stadt mit dem gleichzeitigen Eindringen der alliierten Schiffe in die Hafenanlagen zu verbinden. Die Stärke der Invasionstruppen reichte jedoch nicht aus,jlie ganze Landseite Sewastopols im Norden und im Süden abzuriegeln und sich zugleich der Bedrohung durch die russische Feldarmee zu
    widersetzen.
    Angesichts des mächtigen Forts im Norden von Sewastopol hielt man mehrmals Kriegsrat. Es schien in der Tat schwer einzunehmen, weil die Kanonen zur Rundumverteidigung nach allen Himmelsrichtungen
    ausgerichtet waren.
    Raglan schlug trotzdem einen Handstreich auf die Festung von hier
    aus vor, auch weil es ihm vor einer langen Belagerung mitten im Winter grauste.
    General Burgoyne gab den Ausschlag; er schlug den Angriff auf die


    Seite 170

    Südseite Sewastopols vor, da hier die Befestigungsanlagen unvollständig seien und auch das Gelände mehr Schutz biete als die Nordseite, wo die Russen den Angriff erwarteten. Außerdem gäbe es an der Südküste der Krim geeignete Häfen, um den Nachschub und das Belagerungsgerät auszuschiffen.
    Die Soldaten nahmen es von der besten Seite; damit entfiel auch der Sturm auf das berüchtigte Nord-Fort: »Wozu so1hn wir also gleich anfangs mit dem Kopf gegen eine Festung rennen, die, wenn Sewastopl genommen, sich doch nur pro forma halten kann?«
    Damit hatte Menschikow nicht gerechnet. Er hatte den »von Silistria her bewährten« Oberstleutnant Todleben beauftragt, sich erst einmal besonders um die Befestigungen der Nordseite zu kümmern. Menschikow erblickte hier die Chance, den Alliierten eine Niederlage beizubringen, während Todleben, dem als Festungs-Ingenieur der jämmerliche Zustand der Anlagen sofort aufgefallen war, gerade hier den schwachen Punkt Sewastopols sah. In der Hafenstadt standen zur Zeit nur ältere Milizeinheiten, Matrosen und Festungsbautruppen, auch waren nicht genügend Gewehre vorhanden.
    Auf alliierter Seite setzten sich jetzt die Engländer an die Spitze. Der Kompass gab den Wegweiser ab. Es gab nur eine einzige Straße. Der später als berühmt bezeichnete Flankenmarsch war ein Marsch ins Ungewisse. Hinter dem Belbek wurde das Gelände waldig, steil und unübersichtlich. Ein französischer Offizier: »Wir kommen sehr langsam vorwärts, denn unser Weg führt durch eine Gegend, die uns nicht nur, wie die ganze Krim, völlig unbekannt ist, sondern sich auch auf Karten im kleinen Maßstab - und nur solche haben unsere vorsichtigen Gegner veröffentlicht - schwer vorzeichnen läßt. «
    Die Kolonnen gerieten immer wieder ins Stocken, es gab stundenlange Aufenthalte, der Durst peinigte Tiere und Menschen.
    Nächster Orientierungspunkt war Mackenzies Farm, ein Gutshof, den sich der schottische Admiral Mackenzie gebaut hatte, als er Ende des 18. Jahrhunderts im Auftrag des Zaren die Anlage der Verteidigung Sewastopols zur See entwarf. Hier stieß Lord Raglan, der gerne weit vorn ritt, am Waldrand auf einen haltenden russischen Troß. Unglücklicherweise hatte sich General Lucan, der die Vorhut bildete, zur Schadenfreude von Cardigan verirrt, und war nicht zur Stelle, als es zu einem Überraschungsangriff der mit Raglan nach vorne gegangenen Leichten Artillerie kam.


    Seite 171

    Es handelte sich um Nachzügler der Armee Menschikows, die sich quer zur Stoßrichtung der Alliierten von Sewastopol Richtung Simferopol-Baktschisarai absetzte.
    Die russischen Kolonnen wurden völlig überrumpelt. Als Beute fielen den Engländern Proviant, Uniformstücke und pornographische Geschichten in französischer Sprache in die Hände, dazu ein völlig betrunkener russischer Artillerieoffizier, der alle zum Trinken einlud, während sich Raglan angewidert abwandte. Mackenzies Farm war nur noch eine rauchende Ruine.
    Die Franzosen warteten hier auf ihre Nachzügler und ihre Nachhut, die erschöpft zusammen mit vielen Kranken im Lager eintrafen. Canrobert beobachtete eine bedenkliche Auflösung der Disziplin; er selbst mußte wegen seiner Verwundung gefahren werden, Saint-Arnaud war nach einem Choleraanfall nicht mehr in der Lage, ein Pferd zu besteigen.
    Die Nacht verbrachte Raglan sorgenvoll mit der Vorhut an der steinernen Brücke von Traktir im Tal der Tschernaja, wo die Straße nach Balaklawa verlief. Aber Menschikows Armee war wie vom Boden verschluckt. Am Morgen des 26. September erreichten die Engländer, nachdem sie die Geschütze von Sewastopol in respektvollem Abstand passiert hatten, das Plateau von Balaklawa und wurden in dem Dorf Kadikoi von den Einwohnern mit Weintrauben und Salz - als Zeichen der Gastfreundschaft - begrüßt.
    Einen Tag später verabschiedete sich Saint-Arnaud von Lord Raglan; an seiner tödlichen Erkrankung war nicht mehr zu zweifeln. Bereits im Lager an der Tschernaja hatte er den Oberbefehl an General Canrobert übergeben, was vielen Offizieren nicht behagte. Canrbert galt als »Afrikaner«, weil er lange Zeit in Algier Zuaven und Fremdenlegionäre kommandiert hatte. Auch befürchtete man, daß er als viel Jüngerer keinen Einfluss auf den alten englischen Oberbefehlshaber haben würde. Matrosen trugen Saint-Arnaud auf die Berthollet, deren Seeoffiziere um die Ehre gebeten hatten, den Marschall nach Konstantinopel zu bringen. Am 29. September starb er auf der Überfahrt, im Alter von 53 Jahren.
    Noch immer herrschte Unklarheit darüber, wie es nun weitergehen sollte. Raglan plädierte erneut für einen sofortigen Angriff, bevor die Russen noch mehr Zeit gewannen, ihre Verteidigungsmaßnahmen zu verstärken. Diesmal war es der neue Oberbefehlshaber der Franzosen,


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    der widersprach, weil er sich nicht sicher war, ob seine Leute dem Befehl zum Angriff Folge leisten würden, wenn sie über offenes, ungeschütztes Gelände vorgehen mussten. Auch General Burgoyne unterstützte diese Vorbehalte, so daß Raglan wieder einmal zurück- steckte, weil er das Bündnis der beiden Alliierten keiner Belastungsprobe unterwerfen wollte.
    Inzwischen hatten zwei englische und zwei französische Divisionen das Plateau besetzt, an dessen Ende Sewastopol lag. Zum ersten Mal sahen die Offiziere, die zum Rekognoszieren ausgeschickt worden waren, in vier Kilometern Entfernung die Stadt vor sich, das von tiefen Schluchten durchfurchte Gelände hatte bisher jegliche Übersicht erschwert.
    Zu ihren Füßen lag wie in einem Kessel der Hafen mit seinen Arsenalen, seinen Kasernen und anderen großen Gebäuden, mit seinen Dächern, die »wie Smaragde in der Sonne glänzten«. Russische Soldaten, aber auch Frauen und Kinder waren Tag und Nacht mit dem Ausheben von Gräben beschäftigt. Die Alliierten sahen die »Masten der Kriegsschiffe, die Einfahrt in den Hafen, wo die versenkten Kriegsschiffe lagen, und die Herzen der Heerführer und der Soldaten schlugen vor Freude, Ungeduld und stolzem Selbstgefühl«, so meinte es jedenfalls Baron de Bazancourt, der den Augenblick für die Weltgeschichte festhielt.
    Der Kommandeur der englischen 4. Division, General Cathcart, fiel aus allen Wolken, als er von der Entscheidung des Hauptquartiers erfuhr, erst einmal das schwere Belagerungsgerät auszuschiffen. Er war der festen Überzeugung, in der Nacht oder eine Stunde vor Morgengrauen regelrecht nach Sewastopol »hineinzuspazieren«. Bei den Befestigungen handle es sich um eine niedrige Parkmauer; die Russen würden keinen weiteren Ärger machen.


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  9. #29
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    VI. Die Belagerung Im Garten Eden

    »Wir sehen den Krieg nicht in seiner korrekten, schönen, glänzenden Form, mit Musik und Trommelschlag, mit wehenden Fahnen und stolz zu Rosse sitzenden Generalen, sondern in seiner wahren Gestalt: in Blut, Leiden und Tod.«
    Leo Tolstoi 1854


    Die Belagerung von Sewastopol begann als Idylle. Die Alliierten hatten sich entschieden, erst einmal ihr Kriegsmaterial auszuladen und vor allem ihre schweren Belagerungsgeschütze an Land zu bringen, bevor sie die Festung stürmten. Der Herbst war schön, das Land reich an Früchten, man brauchte sie nur abzupflücken. Enten und Gänse flogen den jagenden Offizieren fast vor die Flinte. Eine sanfte Seebrise ging, der Krokus blühte, die Zuaven stahlen wie immer. Nach den schrecklichen Erfahrungen in Varna kamen sich die Soldaten »wie im Garden Eden« vor oder - eben - wie in England, wie ein Leutnant nach Hause schrieb.
    Da die Bucht von Balaklawa zu klein war, um die Versorgungsschiffe beider Armeen aufzunehmen, mussten sich die Franzosen einen anderen Hafen suchen, einfach aus dem Grund, weil die Engländer in Balaklawa die ersten gewesen waren. Die Franzosen wählten als Versorgungsbasis eine Doppelbucht nördlich der Südspitze der Krim oberhalb des Kap Chersones, die Bucht von Kamiesch. Dadurch hatten sie wiederum den Vorteil eines weitaus kürzeren Weges zwischen Etappe und Front, während der Weg der Engländer von Balaklawa zu den Belagerungsgräben fast dreimal so weit war.
    Durch die Lage der beiden Häfen ergab sich auch die Aufteilung der Front. Die Franzosen übernahmen den westlichen Abschnitt zwischen Meer und Kriegshafen, also die Stadtseite von Sewastopol; die Engländer den östlichen Abschnitt zwischen Kriegshafen und Tschernaja-Bucht, so daß die verbündeten Armeen nunmehr in einem riesigen Halbkreis die Stadt umgaben. Geteilt wurde die Frontlinie durch eine Doppelschlucht zwischen Südspitze des Kriegshafens und Plateau von Balaklawa, die Hafen- und die Woronzowschlucht. Obwohl


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    hier zwei Chausseen nach Sewastopol endeten, verbot sich an dieser Stelle wegen des flankierenden Feuers von zwei Bastionen ein Vorstoß eigentlich von selbst. Trotzdem wählten die Alliierten gerade diese Stelle als Schwerpunkt ihres Angriffs.
    Von einer völligen Abriegelung der Stadt konnte keine Rede sein, da die Nordseite jenseits der Tschernaja- oder großen Bucht wegen Truppenmangels den Russen überlassen bleiben musste. Über das Nordufer wickelte sich beim großen Nord-Fort, das den Alliierten im September so unbezwingbar erschienen war, der russische Nachschub ab, Stadt- und Nordseite waren durch Fährbetrieb verbunden.
    Die Alliierten hatten nicht vergessen, daß Menschikows Feldarmee auf der Krim stand. Ein aus Truppen beider Armeen zusammengesetztes Beobachtungs-Korps schützte zusammen mit den türkischen Einheiten den Rücken der Belagerer am Rand des Plateaus, verteilt auf eine Länge von rund neun Kilometern zwischen den Sümpfen an der Mündung der Tschernaja und der Straße Balaklawa-Sewastopol.
    Eine Woche später war wie mit einem Schlag die Idylle zu Ende, das
    Land kahl und ausgeplündert wie nach dem Überfall durch einen »Heuschreckenschwarm«. Obwohl der Winter noch gar nicht begonnen hatte, gab es kein Feuerholz. Mit dem Herbst kam die Cholera zurück und forderte bis zu 25 Tote am Tag.
    Da Transportwagen und Zuggespanne fehlten, mussten die schweren Belagerungsgeschütze zu ihrem Standort auf den Höhen geschleift werden, 50 Matrosen vor jeder Kanone an den Seilen. Die Wege waren bald ruiniert. Vor allem begannen nun die verhaßten Grabenarbeiten, um die Belagerung einzuleiten, auch belästigten die Russen von Tag zu Tag mehr die Belagerer durch Geschützfeuer, nächtliche Patrouillen und größere Angriffe in Bataillonsstärke aus der Festung (»Ausfälle«). Die Russen galten bald als Experten in plötzlichen Bajonettangriffen. Von nervösen Offizieren wurde allerdings viel zu häufig unnötig Alarm gegeben. Bei einem Rekognoszierungsritt gab es den ersten Toten, einen französischen Pionieroffizier namens Schmitz, ein Beweis dafür, daß dem Geniekorps bei der Belagerung die Hauptaufgabe zufiel.
    Daß sich die Verteidiger von Sewastopol bald auf ein vorzügliches Verteidigungssystem stützen konnten, war in erster Linie einem Deutschen in russischen Diensten zu verdanken - dem Ingenieur-Chef


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    Eduard von Todleben, einem »Kurländer Bürgerssohn«. Auf die militärischen Entscheidungen hatte er keinen Einfluss, auch wurde anfangs seine Leistung unterbewertet, da von Bajonettangriffen und Attacken natürlich mehr militärischer Glanz ausging als von der technischen Maulwurfsarbeit. Außerdem galt er als Ausländer. Durch die Desarmierung der Flotte standen Todleben mit einem Schlag ungeahnte Reserven an Geschützen und Bedienungsmanschaften mit den ans Land versetzten Matrosen zur Verfügung. Menschikow hatte den Entschluß, fünf Linienschiffe und zwei Fregatten eingangs der Bucht zu versenken, um den Alliierten den Zugang zum Kriegshafen zu versperren, nur gegen das äußerste Widerstreben des Admiralitätsrats durchsetzen können, dem unter anderem General Kornilow und Vizeadmiral Nachimow angehörten. Kornilow plädierte leidenschaftlich dafür, mit der ganzen Flotte das englische und französische Geschwader anzugreifen und in einem selbstmörderischen Akt zu vernichten, um auf diese Weise dem gelandeten Heer den Rückweg abzuschneiden. »Die russischen Schiffe sollten sich an die feindlichen anklammern und sich mit ihnen in die Luft sprengen.«
    Aber angesichts der feindlichen Übermacht erwies sich die Selbstversenkung, die Saint-Arnaud als »Tat der Verzweiflung« vorkam, als einzig richtige Maßnahme. Für Menschikow musste es von tragischer Ironie sein, daß sich unter den auf Grund gesetzten Kriegsschiffen auch der Donnerer befand, auf dem er rund eineinhalb Jahre zuvor nach Konstantinopel gefahren war, um jene verhängnisvolle Mission durchzuführen, die den Krieg auslösen sollte.
    »Da es drängte« - so Todleben im Rückblick - »zunächst nur in die Lage zu kommen, mit einiger Aussicht auf Erfolg dem Feind die Stirn bieten zu können, behalf man sich an den Hauptpunkten einstweilen mit Werken, deren Profilstärke bzw. Böschung der Geschützbedienung nur gegen Feldkaliber Schutz gewähren konnten und suchte die Ausgleichung in einer möglichst imposanten Armierung.« Die Folge war, daß dem Feind bald mehr Geschütze zur Verteidigung entgegengesetzt werden konnte als er selbst besaß. Es wurde Tag und Nacht geschanzt, innerhalb von 24 Stunden wurden bis zu 12000 Arbeiter, darunter Frauen, Alte und Kinder, eingesetzt, um so »langjährige Versäumnisse durch Improvisation wieder wettzumachen«.
    Die Verteidigungsanlagen zogen sich bis nach Sewastopol hinein. Straßenzüge wurden durch Batterien verriegelt. Ein verwirrendes


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    System von Laufgräben und Erdschanzen, Geschützstellungen und Kasematten, Türmen und Mauern, künstlichen Hindernissen und gedeckten Unterständen, Redouten und Lünetten umgab die Stadt. Außerdem übernahmen die Kriegsschiffe gleichsam als schwimmende Batterien den Schutz der Uferbereiche. Als Bodenhindernisse wurden unter anderem sogenannte Eggen mit aufwärts stehenden Zinken vergraben, gemeine Fußangeln. »Mit den Werken wuchs begreiflich auch die Zuversicht der Verteidiger«, wie Todleben registrierte. Mitte Oktober war die Zahl der Kombattanten in der Stadt auf 32000 Mann angewachsen. In den Batterien an der Frontseite standen 341 Geschütze, die Armierung in den Forts der Seeseite (719 Geschütze) nicht mitgerechnet. Als Munition standen rund 1 Million Geschosse zur Verfügung; es fehlte nur an Pulver, der Vorrat zum Verfüllen der Granaten betrug 21000 Zentner.
    Innerhalb des ganzen Verteidigungssystems stellten die Bastionen die Schwerpunkte der Befestigungsanlagen dar. Den Franzosen lagen an der Stadtseite gegenüber: am Meer die Quarantäne-Bastion, dann in der Mitte die Zentralbastion (Nr. 5), vor der sich der große Friedhof außerhalb der Stadtmauern ausbreitete, durch den sich die Angreifer erst hin durchgraben mussten, und die Mastbastion (Nr. 4), die die Südspitze des Kriegshafens schützte; im Frontbereich der Engländer gab es anschließend den großen Redan (Nr. 3) und an der Tschernaja-Bucht Bastion Nr. 1 und 2 (auch kleiner Redan genannt). Beherrscht wurde die russische Verteidigungsanlage in der Mitte dieser Seite durch eine Bastion, die von dem später berühmt gewordenen Malakow-Turm gekrönt wurde, einem runden Turm von zwei Gewehretagen und einer Plattform-Batterie für fünf Geschütze, rund 11 m hoch, zusätzlich durch eine Doppellinie von Erdwerken umgeben. Hinter diesen vier Bastionen lag die Schiffer-Vorstadt (Karabelnaja), lagen die Docks, Werften, Kasernen, Lager.
    Die Engländer konzentrierten sich auf den großen Redan auf ihrem linken Flügel. Daß der »weiße Turm« auf dem Malakow-Hügel der »eigentliche Schlüssel der Verteidigungsanlagen« war, hatten sie noch nicht erkannt.
    Am 7. Oktober begannen die Belagerungsexperten den Verlauf der ersten Parallele abzustecken, d. h. des ersten, parallel zur Front der Verteidiger verlaufenden Deckungs- oder Laufgrabens für die Aufnahme der Infanterie, Kanoniere und Pioniere. Die Franzosen gingen


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    damit nach der klassischen Festungslehre vor, die »von dem berühmten Vauban zwar nicht erfunden, aber doch zur höchsten Vollkommenheit gebracht worden war«. Im Bereich dieser Parallelen wurden auch die Batterien angelegt; Kanonen, um die feindlichen Geschütze im direkten Beschuss zu bekämpfen, und Mörser, »dazu bestimmt, das Innere der Bastionen oder auch die Stadt zu bewerfen und die von oben bedeckten militärischen Etablissements, Kasernen, Pulvermagazine zu zerstören«.
    Von der ersten Parallele führten nach rückwärts zu den Depots und Lagern Verbindungsgräben (Kommunikationen), nach vorn mit dem Fortschritt der Belagerung Annäherungsgräben (Approchen), d. h. im Zickzackkurs oder Sägeschnitt vorgetriebene Sappen, von denen aus dann die zweite Parallele angelegt wurde, wiederum mit Demontierbatterien ausgestattet, um nun noch gezielter feuern zu können. Und dieses System von Parallelen und Annäherungsgräben sollte so lange wiederholt werden, bis man an der Festungsmauer des Gegners herangekommen war und nunmehr die Infanterie direkt zum Sturm einsetzen konnte.
    Der Plan ging dahin, die Mastbastion links von der Südspitze des Kriegshafens und den großen Redan rechts davon zusammenzuschießen, dann am Grund der Schlucht in die Stadt einzudringen, die an dieser Stelle durch den Hafen geteilten feindlichen Kräfte zu überwältigen und nunmehr beide Bastionen von hinten aufzurollen - worauf dann der Fall des ganzen Befestigungssystems wie von selbst folgen musste; aber es sollte sich bald zeigen, daß man diese Rechnung ohne den Wirt gemacht hatte.
    Für Vauban war eine Belagerung eine Operation, die mit mathematischer Sicherheit zum Erfolg führte, eine »reine Frage der Zeit, wenn sie nicht von außen gestört wurde«. Nach den Grundsätzen des französischen Festungsklassikers musste bei einer Belagerung das Feuer des Angriffs dem der Verteidigung überlegen sein. Das aber traf im Fall Sewastopols nicht zu. Es sollte sich überhaupt bald als charakteristisch herausstellen, daß sich der Kampf um Sewastopol ganz gegen die herkömmliche Festungsdoktrin abspielte, nicht nur weil sich inzwischen die Artillerie weiterentwickelt hatte, sondern auch weil General Todleben die Prinzipien deutscher Fortifikationsingenieure gegen den veralteten Vauban setzte: ein unübersichtliches System aus kleinen, vorgeschobenen Werken und Gräben, aus Feldschanzen zwischen


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    den großen Bastionen, mit Breschen für offensive Ausfälle durch die Infanterie.
    Außerdem hielt er sich lieber an Scharnhorst, den deutschen General aus den Befreiungskriegen, nach dessen Worten man im Kriege alles versuchen musste und sich in keiner, noch so verzweifelt scheinenden Lage von vornherein verloren geben durfte: »Der schlechteste Ort ist eines großen Widerstandes fähig, wenn der Kommandant entschlossen ist, alle Hindernisse wegzuräumen, und mit Mut ans Werk geht.« Todleben war über den neuen Zeitgewinn, der ihm durch das systematische Vorgehen der Alliierten gegeben wurde, äußerst erfreut.
    Für Friedrich Engels war die Unentschlossenheit der Alliierten und ihr Respekt vor der berühmten Festungsstadt ein deutlicher Beweis dafür, daß »in demselben Maße, wie sich während der langen Friedensperiode das Kriegsmaterial durch den industriellen Fortschritt verbessert hat, die Kriegskunst heruntergekommen ist«. Denn wie Engels, obwohl in Manchester weitab vom Schuss, erkannte, waren die Alliierten unfähig, die schwächsten Stellen des Gegners ausfindig zu machen; anstatt alle Kräfte zu konzentrieren, führte jede Armee voller Stolz, unabhängig von der anderen zu operieren, bald ihren eigenen Belagerungskrieg.
    Während die Franzosen fleißig zu schanzen anfingen, legten die Engländer in erster Linie Stellungen für ihre Batterien an, die sie je nach ihrer Reichweite auch im Hinterland postierten, so z.B. die modernen Lancaster-Kanonen. Zuerst hatte Raglan sogar daran gedacht, auf Erdbewegungen ganz zu verzichten, die Kanonen auf freiem Feld aufzubauen, Bresche zu schießen und die Infanterie stürmen zu lassen, ohne sie durch das mühselige Graben von Annäherungsgräben zu ermüden. Sein großes Vorbild Wellington hatte so operiert, auch auf Kosten großer Verluste. General Burgoyne, der Chef der Pioniere bzw. Ingenieurtruppen, hatte ihn schnell vom Leichtsinn dieses Unternehmens überzeugt.
    Raglan ließ am 3. Oktober sogar noch fünf russische Bataillone und einen Provianttroß über die Brücke von Inkerman in der Tschernaja-Niederung in die Stadt marschieren anstatt sie anzugreifen, weil sie seiner Meinung nach so nur in die Falle gingen, »der Platz sei überfüllt« - was Engels den »Gipfel der Albernheit« nannte.
    Während die Offiziere Wetten abschlossen, ob man innerhalb von 24 oder 48 Stunden in der Stadt sein würde, wuchs die Unruhe unter den


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    Soldaten, die sich von Tag zu Tag vertröstet sahen. Auch von den Alliierten wurden nun Schiffsgeschütze an Land gebracht; die zu ihrer Bedienung abkommandierten Teerjacken, die sich auch an Land nicht von Pistole und Entersäbel trennen mochten, führten anfangs ein lärmendes Lagerleben. »Die Rächer von Sinope« stand auf einer Tafel an einer Zeltreihe.
    Die gefangengenommenen Russen, auch der ehemalige Kommandant vom Ort Balaklawa, wurde zunächst im St. -Georgs-Kloster untergebracht. Raglan beschlagnahmte sein Landhaus auf halber Strecke zwischen Sewastopol und Balaklawa, um dort sein Hauptquartier einzurichten. Das Haus gehörte zu den wenigen stehengebliebenen ländlichen Villen in der Umgebung, da die Kosaken fast alle Häuser abgebrannt hatten, um den Alliierten das Leben so schwer wie möglich zu machen. Trotz aller Widrigkeiten bahnte sich zwischen der Tochter des Kommandanten und einem englischen Offizier eine Liebesbeziehung an, die sogar später in die Ehe münden sollte, wie Times-Korrespondent Russell sorgfältig festhielt.
    Seit Belagerungsbeginn war die Infanterie Mädchen für alles; sie musste zum Schanzen ausrücken und Kanonen schleppen, Schanzkörbe und Faschinen flechten und Häuser niederreißen, um an die Holzbalken zu kommen, Sprenggranaten zu den Batterien transportieren und die Vollkugeln zu Pyramiden stapeln, in den bald eisig kalten Nächten Wache halten und Proviant nach vorn bringen. Dennoch war die Stimmung gut. Es bestand die feste Hoffnung, spätestens Weihnachten wieder zu Hause zu sein.
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  10. #30
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Bomben auf Sewastopol

    Bisher hatte die russische Artillerie das Vorfeld von Sewastopol beherrscht; das sollte nun endlich anders werden. In der Nacht vom 9. zum 10. Oktober begannen die Schanzarbeiten im unmittelbaren Frontbereich. Die Franzosen hatten Glück, daß ein günstiger Nordostwind die Geräusche nicht zu den Verteidigern hinübertrieb. Bereits die Vorausabteilung, die das Gelände sichern sollte, war zwei Tage zuvor angegriffen worden.
    Insgesamt waren 1600 Mann zum Schanzen abkommandiert, um den ersten Laufgraben von rund 1000 m Länge anzulegen. Sie arbeiteten



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    in zwei Schichten von je 12 Stunden. Die erste Schicht musste sich also anstrengen, um bis zum Morgengrauen soviel Erde zwischen sich und dem Feind aufzuhäufen, um ihrer Ablösung Schutz zu bieten, ein hartes Stück Arbeit. Offiziere des Geniekorps hatten das Gelände so abgesteckt, daß die Kolonnen bei Dunkelheit eingewiesen werden konnten. Eine »mondhelle« Nacht erleichterte die Orientierung. Bazancourt beschrieb die Schanztätigkeit: »Jeder Arbeiter hat einen Schanzkorb mitgebracht, den er vor sich aufbaut. Auf dem Erdboden liegend, ihre Werkzeuge und Gewehre in der Hand haltend, warten sie auf das Zeichen zum Beginn der Arbeit. Achthundert Hacken dringen in den steinigen, widerstrebenden Boden ein. Die Erde wird in Schanzkörbe geworfen; so errichtete man die Schanzkorbbedeckung für die Batterien Nr. 1 und 2.«
    Als markanter Orientierungspunkt diente am linken Flügel das »Ab- gebrannte Haus«, eine Villa auf dem Höhenrücken zwischen Stadt und französischem Lager, die von den Russen in Brand gesteckt worden war.
    Um Zeit und Energie zu sparen, wurde von den Franzosen die erste Parallele bereits im Bereich der russischen Artillerie angelegt, nur 950m von der Zentralbastion entfernt, während die Engländer auf größere Distanz (1200 m) gingen. Allerdings besaßen sie mit den modernen Lancaster-Kanonen die weiter reichenden Geschütze. Auch legten sie nur wenige Ausgangsstellungen für die Infanterie an.
    Natürlich entdeckten die Russen die aufgeworfene Erde im Morgengrauen. Vergeblich versuchten ihre Festungsgeschütze in den folgenden Tagen den Fortgang der Grabungsarbeiten am Mont Rodolpho und bei den Engländern vor dem Grünen Hügel und auf der Anhöhe vor dem großen Redan zu verhindern. Da bei Tage nur die Hälfte der Arbeiter eingesetzt wurden, blieben die Verluste gering, obwohl die Russen am 14. Oktober ihr Artilleriefeuer verstärkten; innerhalb einer Stunde zählten die Franzosen in ihrem Abschnitt 845 Granaten und Vollkugeln.
    Rund eine Woche später waren die Geschütze in Stellung gebracht:
    Fünf Batterien gegen die Zentral- und Mastbastion, auf der Todleben 50 Geschütze postiert hatte, und eine Batterie im alten Genueser Fort am Meer gegen die Quarantäne-Bastion - insgesamt nur 57 Geschütze auf französischer Seite, wobei immerhin die schwersten Kaliber


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    überwogen. Gegenüber dem Malakow-Turm mit seinen 33 Geschützen und dem großen Redan brachten es die Engländer immerhin auf 73 Geschütze, denen zusätzlich die Aufgabe zufiel, im Hafen die Kriegsschiffe zu beschießen.
    Bei dem Bau der Stellungen hatten die Alliierten die gleichen Schwierigkeiten wie die Russen. In Sewastopol fehlte es wegen des felsigen Bodens an Erde, um die Umwallungen und Böschungen ausreichend stark aufzuschütten, und auch an Verkleidungsmaterial wie Rasen, Sträucher, Holz, so daß man auf Sandsäcke und mit Lehm beworfene Bretter zurückgriff als Schartenfassungen und Masken (Vorsätze) für die Kanonen. Nach einem Schuss brach das Ganze meist schon zusammen. Im Lager der Alliierten mussten alle Tonnen, in denen die Lebensmittel verpackt waren, an die Materialparks abgeliefert werden, um anstelle von Schanzkörben verwendet zu werden; gepresste Heuballen wurden den Fouragebeständen entnommen und als seitliche Verschläge für die Belagerungsgeschütze benutzt. Da die Schiffsgeschütze keine geeigneten Bettungen besaßen, wurden Notroste aus Balken, schlittenförmige Gestelle, angefertigt. Und da die in Konstantinopel bestellten Balken noch nicht eingetroffen waren, riss man die Häuser der Umgebung ein, um an die Dachbalken zu kommen. Todleben standen für die Erdbewegungen nur hölzerne Schaufeln zur Verfügung!
    Am 17. Oktober sollte das Bombardement eröffnet werden, über einen Monat nach der Landung auf der Krim. Und noch immer waren sich Engländer und Franzosen nicht einig, welche Rolle die Landtruppen und die Flotte dabei zu spielen hatten. Raglan und Lyons, der englische Vizeadmiral, plädierten zusammen mit Canrobert für einen gleichzeitigen Schlag gegen Sewastopol von der Land- und Seeseite aus; der französische Admiral Hamelin und der englische Admiral Dundas, der als übervorsichtig und schwierig galt, stimmten schließlich zu. Wer aber am Morgen des 17. Oktober nicht auftauchte, das waren die beiden Flotten, da Dundas Hamelins dringenden Vorhaltungen nachgab, wegen des Munitionsmangels erst nachmittags in Stellung zu gehen, um sich nicht zu früh verschossen zu haben, während die Landkanonade noch lief Immerhin handelte es sich um den Einsatz von 27 Kriegsschiffen mit 1244 Kanonen an einer Bordseite Als die Kriegsschiffe endlich vor der Einfahrt von Sewastopol erschienen, um in einem Halbkreis vor Anker zu gehen, hielten Hamelin



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    und Dundas einen so großen Abstand ein, daß ihre Breitseiten erst einmal ohne Wirkung blieben. Von Kooperation konnte also keine Rede sein.
    Statt der Belagerer eröffneten überdies die Russen im Morgengrauen das Bombardement, als sie das aufgeregte Treiben hinter den französischen und englischen Batterien beobachteten; außerdem waren sie durch das Legen von Markierungsbojen am Eingang der Tschernaja-Bucht vor der Schiffsbarriere am Vorabend auf die Absichten der Alliierten aufmerksam gemacht worden. Jedenfalls wurden die französischen und englischen Artilleristen völlig verwirrt, weil sie auf die drei Schüsse einer Mörserbatterie als Signal für die Eröffnung des Feuers auf ganzer Frontbreite gewartet hatten, und nun nicht wussten, ob sie anfangen sollten oder nicht. Auch dachten die bei den Schiffsgeschützen eingesetzten Matrosen nicht daran, sich an das vorgeschriebene Schießen in Gruppen zu halten, was eine bessere Beobachtung erlaubte, sondern feuerten ganz nach ihrer Gewohnheit schnelle Breitseiten ab, was zu einem planlosen Munitionsverbrauch führte, und sprangen überdies nach jedem Schuss auf die Brustwehr, um sich den Einschlag anzuschauen. Auf diese Weise konnten sie leicht ein Opfer der russischen Scharfschützen werden, die sich wie die Zuaven und Plinkler mit ihren Rifle-Büchsen im Vorfeld, gleichsam im Niemandsland zwischen den Fronten umhertrieben, um die Artilleristen hinter den Scharten abzuschießen Auf russischer Seite sollten die Verluste an ausgebildeten Kanonieren bald so groß werden, daß Infanteristen zur Bedienung der Geschütze eingesetzt werden mussten, die natürlich keinerlei Übung im Umgang mit dem Gerat mit brachten Als gleichsam liebenswerter Zug wurde von den Chronisten hervorgehoben, daß viele Zuaven auch ins Gefecht ihre Katzen mit brachten
    Rauch und Dreckfontänen verhinderten allerdings bald jede genaue Sicht, so daß von genauem Zielen nicht mehr gesprochen werden konnte Da völlige Windstille herrschte, standen Pulverqualm und Rauch bald in riesigen, schwarzen Dunstwolken, in denen es von den Explosionen aufblitzte, über Stadt und Hafen Die gespenstische Szenerie wurde untermalt vom unaufhörlichen Donnern von mehr als 3000 Kanonen - einem »ununterbrochenen Geschmetter einer im rasend schnellen Lauf heranbrausenden Lokomotive ähnlich - nur viel stärker« Admiral Dundas, der auf einige Seeschlachten bis in die


    Seite 184

    napoleonische Zeit zurückblicken konnte, meinte, »noch nie eine so kraftvolle Kanonade erlebt« zu haben.
    Im Eifer des Gefechts hob er nun den Befehl auf, Abstand zu den Batterien und Forts an den Ufern der großen Bucht zu halten, und musste nun die Erfahrung machen, daß die Marineexperten zu Recht vor dem Feuer aus den drei Forts gewarnt hatten. Der Tag endete für beide Flotten mit einem Debakel. Auf russischer Seite stellte sich nur, heraus, daß die offenen Plattformbatterien auf den Forts am meisten gelitten hatten, das hufeisenförmige Fort Konstantin erwies sich als Fehlkonstruktion. Mit 138 Mann waren die Verluste gering.
    Die Ville de Paris, das Flaggschiff der französischen Flotte, die Fort Alexander bekämpft hatte, zählte 150 Einschüsse in Mastwerk und Rumpf; eine Granate zertrümmerte die Kajüte, wo Hamelin nur durch Zufall dem Tod entging, eine andere zerstörte die Maschine der Charlemagne, so daß sie abgeschleppt werden musste; schwer getroffen wurden die Bellerophon und Napoleon. Auf den englischen Schlachtschiffen war der Schaden noch größer. Albion, Agamemnon, Queen und London waren demoliert, die Mannschaft hatte nur mit Mühe ein Ausbreiten der Brände verhindern können. Die Rodney war gesunken. Mit über 500 »blutigen Verlusten«, worunter Tote und Verwundete fielen, zogen sich die Flotten zurück. Es sollte ihr letztes Gefecht im Krimkrieg gewesen sein, und der letzte Versuch einer Flotte, den Hafen von Sewastopol zu bombardieren — in diesem Sinn war am Abend des 17. Oktobers der Nimbus der russischen Hafenfestung wieder hergestellt. Nach Todleben musste dieser Tag als Bankrott der hölzernen Schiffe und als Geburtsstunde der Panzerschiffe betrachtet werden.
    Angesichts der 30000 Schuss, die auf die Verteidigungsanlagen niedergegangen waren, war der Schaden gering. Den Alliierten gelang es nicht, die Festung »sturmreif zu schießen«. Die Infanterie wartete vergeblich in ihren Ausgangsstellungen auf den Befehl zum Angriff.
    Eine Granate der russischen Artillerie traf auf dem Rudolphsberg genau den Eingang zum Pulvermagazin der Batterie Nr. 4, das offenbar nachlässig angelegt worden war — eine Kettenreaktion löste eine furchtbare Explosion aus, über fünfzig Mann wurden getötet oder verwundet. Die Überlebenden waren mit ihren geschwärzten und verbrannten Gesichtern und vom Körper heruntergerissenen Uniformen


    Seite 185

    kaum von den Toten und Verstümmelten zu unterscheiden. Ein Treffer in einem Munitionswagen in der von der Marine bedienten Batterie folgte. Einige vermuteten, daß an dem Explosionsunglück Ungeschicklichkeit oder Sorglosigkeit des Kanoniers Schuld war, der mit der brennenden Zündrute gegen einen Kameraden stieß, welcher einen Sack mit 40kg Schwarzpulver trug.
    Bereits um halb elf Uhr, vier Stunden nach Beginn der Beschießung, ließ der verantwortliche Artillerie-General Thiery das Feuer einstellen; General Canrobert blieb es überlassen, den Engländern die Nachricht mitzuteilen, was umso bitterer war, als nur die britischen Artilleristen an diesem Tag erfolgreich waren. Ihre Verluste blieben gering, da ihre Kanonen zum Teil außerhalb der Reichweite der russischen Geschütze standen und ihre Stellungen eine weitaus größere Ausdehnung als die der Franzosen besaßen. Der sternförmige große Redan, der von den zwei Artilleriegruppen der Engländer umfasst wurde, litt am meisten. Um 3 Uhr durchschlug eine Granate die Decke zum Pulvermagazin, die Explosion kam einem Erdbeben gleich, der vordere Teil des Werkes stürzte ein. Als sich die Staub- und Dreckfahne verzogen hatte, sahen die Offiziere von ihren Observationspunkten, daß ein riesiger Trichter im Frontbereich entstanden war. Von 22 Geschützen waren nur noch zwei intakt. Der »Glückstreffer« forderte fast hundert Tote auf russischer Seite. Doch erkannten die Belagerer nicht die Chance, die sich ihnen in diesem Augenblick bot, wie Todleben später bestätigte. Am Abend war vom MalakowTurm die obere Etage zertrümmert, nur noch eine Kanone feuerte, der »große, weiße Turm hatte seine Regelmäßigkeit und Schönheit verloren und war durch die Löcher, welche die Kugeln in ihn gebohrt, in eine halbe Ruine verwandelt« Überall rutschte die Erde vor dem Mauerwerk weg, Walle und Aufbauten wurden in Grund und Boden gestampft
    Hier traf die Russen der empfindlichste Verlust General Kornilow, der Befehlshaber der Sudseite der Stadt, seit dem Morgengrauen unermüdlich unterwegs, um den Soldaten ein Beispiel zu geben und die Front zu inspizieren, wurde von einer Sprenggranate getroffen und sterbend ins Hospital gebracht Der Kommandant der Malakow Bastion hatte ihn vergeblich gebeten, fernzubleiben und sich nicht unnötig zu exponieren »Meine Pflicht ist, alles zu sehen« — so die Antwort Korrnlows, dessen Risikobereitschaft von vielen Offizieren


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    imitiert wurde und Leichtsinn einschloss, da ein Offizier sich nicht mit der gleichen Vernünftigkeit in den Dreck warf wie der einfache Soldat, wenn eine Granate heranpfiff. Auf der Zentralbastion war auch Admiral Nachimow verwundet worden, als er es sich nicht nehmen ließ, hinter offenen Scharten Geschütze zu richten, um »seinen Matrosen das Beispiel der Unerschrockenheit zu geben«, wie Todleben schrieb.
    Die russischen Verluste waren weitaus höher als die der Alliierten, da die Massen der Infanterie fast den ganzen Tag in den vorderen Bereitstellungen warten mussten, um den eventuellen gegnerischen Angriff abzufangen. 1100 Gesamtverlusten auf russischer Seite standen 520 auf alliierter entgegen.
    Die beiden Chronisten Kinglake und Russell waren Augenzeugen des ersten großen Schlags gegen die Festung. Für Russell war es der erste Ausflug nach langer Krankheit. Er hatte das Glück, bei einem befreundeten Offizier in der Nähe der Landvilla Raglans untergebracht worden zu sein, wo er die Generäle und Generalstabsoffiziere aus nächster Nähe studieren konnte. Den legendären Flankenmarsch hatte er als Cholerakranker auf einem Karren nur wie im Fieber erlebt. Obwohl auch Kinglake nicht offiziell eingeladen, doch geduldet war, bekamen beide die Erlaubnis, sich auf dem Observationspunkt im »Verbrannten Haus« aufzuhalten, so daß sie wie von einem Logenplatz aus die Stadt in Qualm und Rauch verschwinden sahen. Kinglake wollte eigentlich abends in Sewastopol sein und wurde zusehends leicht hysterisch: er sei es leid, er werde krank, wenn er das sehe! Damit meinte er das misslungene Bombardement. Nach Ansicht des kurzsichtigen Generals Brown war der bleiche, scharfnakige Kinglake »blind wie ein Maulwurf!«
    Wie der Stabsoffizier Calthorpe registrierte, stellten sich die modernen Lancaster-Kanonen als ziemlich große Enttäuschung heraus. Von der schweren Lancaster, die über eine Distanz von fast 3 km schoss, mussten fast 30 Granaten abgefeuert werden, um auf eine Quote von einem Treffer zu kommen, so groß war die Streuung. Immerhin zwang sie das russische Kriegsschiff auf der Höhe der ersten Bastion an der Bucht, sich zurückzuziehen. Die Abschüsse der Lancaster waren aus dem allgemeinen Lärm herauszuhören, ihre Granaten sausten durch die Luft mit dem Geräusch eines Eisenbahnzuges und wurden »Eilzug« genannt.


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    Der versäumte Sturm war nicht nachzuholen. Über Nacht wurden der große Redan und die Malakow-Bastion wieder ausgebessert; die Schießscharten wurden repariert, die Geschützplätze neu besetzt, die Deckung verbessert. Die Russen stellten Posten auf, die vor den langsam herangurgelnden Mörsergeschossen warnten. Am 18. und 19. Oktober zählten die Russen noch einmal 1060 Gesamtverluste, danach blieb es bei einer Verlustquote von rund 250 Mann täglich.
    Nach siebentägiger, immer schwächer werdender Beschießung setzte sich die Erkenntnis durch, daß an keinen Überraschungsangriff mehr zu denken war und Sewastopol nur durch eine regelmäßige, systematische Belagerung zu bezwingen war.
    Am 21. Oktober ging den Geschützen die Munition aus. Am 24. Oktober standen nur noch 1000 Schuss insgesamt zur Verfügung. Lange Feuerpausen wurden üblich; kurz vor Einbruch der Dunkelheit wurden noch einmal ein paar lebhafte Salven abgegeben, von denen man sich »eine gute Wirkung auf den Geist der Truppen versprach«.
    Von Haß oder Verachtung zwischen den Gegnern konnte keine Rede sein. Als die Russen einen französischen Offizier, der sich bei Inkerman verirrt hatte, gefangen nahmen, ließen sie ihn selber zum französischen Lager zurückreiten, um seine Gefangennahme anzuzeigen; auf Ehrenwort! Eines Tages erschien ein russischer General vor einer englischen Batterie vor dem Grünen Hügel und forderte die Engländer zu einem Wettkampfschießen zwischen dem besten russischen und dem modernsten englischen Geschütz auf, und da Johnny wiederum die ältere Kanone war, durfte sie auch als erste beginnen. Nach einem kurzen Schusswechsel schlug eine englische Granate bei den Russen ein — die überlebenden Kanoniere schwenkten ihre Mützen als Eingeständnis ihrer Niederlage. Die Engländer hatten bereits am Ende der Schlacht an der Alma ihren Sportsgeist bewiesen, als sie die zurückgehenden Russen einfach laufen ließen, anstatt gefangen zu nehmen.
    Ein so großer Munitionsverbrauch wie bei dem Oktober-Bombardement hatte es bisher noch nie gegeben. »Die russischen Kugeln, welche um unsere Schanzen die Ebene zu verschütten drohten«, hieß es in einem franzosischen Bericht, »wurden ausreichen, die Stadt Marseille zu pflastern «
    Übereifrige berechneten, daß den Russen jeder tote Engländer und Franzose 40 Zentner Pulver und 120 Zentner Eisen kostete, bei 400 Toten insgesamt und einem Verbrauch von 16000 Zentnern Pulver


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    und 48000 Zentnern Eisen — für die Experten ein grobes Missverhältnis! Sieger konnte offenbar nur bleiben, wer mehr Eisen verschoss und die längere Ausdauer besaß; individueller Kampfgeist und persönlicher Einsatz schienen angesichts dieser neuartigen Materialschiacht keine Rolle mehr zu spielen. Aber diese Vermutung sollte sich sogleich als Irrtum herausstellen.
    Patriotisch, Antiislamisch, Proisraelisch, Für ein Europa der Nationen und der Christlich-Jüdisch (-Heidnischen) Identität pro-Köln Pro-Nrw Pro-Berlin Pro-Deutschland

  11. #31
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Balaklawa - Das Tal des Todes

    Im Morgengrauen des 25. Oktober 1854 erschienen russische Verbände vor der östlich gelegenen Redoute an der Woronzow-Chaussee. Diese Schanze gehörte zu einer ganzen Reihe von hochgelegenen Stützpunkten und Vorposten, durch die die Engländer die Straße von der Traktir-Brücke nach Balaklawa sicherten, die hier die Woronzow-Chaussee kreuzte. Die Entfernung vom Hafen betrug rund 5km. Die Überraschung war perfekt. Im Nu war die Redoute eingenommen, nach kurzer Gegenwehr warfen die 500 Türken ihre Waffen und Tornister weg und flohen den Abhang hinunter Richtung Kadikoi, dem letzten Ort vor Balaklawa, zusammen mit den englischen Artilleristen, die zu der Besatzung gehörten.
    Die anderen Redouten auf den Woronzow-Hügeln oder Causeway-Heights fielen der Reihe nach von selbst. Elf Kanonen blieben zurück, die meisten unvernagelt und damit so gut wie gebrauchsfertig. Der Weg nach Balaklawa schien frei zu sein. Zwischen den Russen und dem Hafen standen bis auf ein Regiment Schotten nur noch eine Handvoll Soldaten, eine Genesungseinheit von 100 Mann und ein paar Matrosen-Batterien. Aber die russischen Einheiten legten nun erst einmal eine Pause ein, demolierten (rasierten) die westliche Redoute (Nr. 4) und stürzten die Kanonen den Hang hinunter. Die russische Hauptmacht war noch gar nicht in Erscheinung getreten; sie wurde von General Liprandi kommandiert, der in Eilmärschen aus Bessarabien eingetroffen war und bei dem Dorf Tschorgun (östlich von Balaklawa) rund 16000 Mann zusammengezogen hatte. Es war ganz offensichtlich sein Plan, den Hafen anzugreifen und die Engländer von ihrer Versorgungsbasis abzuschneiden.
    Durch die Schwerfälligkeit der Russen, das umständliche Hin- und Herziehen der beiden für den weiteren Angriff vorgesehenen Kavalleriegruppen,


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    erhielt Raglan mehr als eine Stunde Zeit, um seine Truppen zu alarmieren und Verstärkungen heranzuholen. Er selber erschien kurz nach 8 Uhr mit seinem Stab und seinen Ordonnanzen zusammen mit General Canrobert auf dem Sapun-Rücken am Rand des Chersones-Plate aus, durch ein Tal von Kadikoi und den Redouten getrennt. Mit ihnen kamen auch Kinglake und Russell. Vor ihnen lag wie auf dem Präsentierteller der Schauplatz der kommenden Ereignisse: Parallel zu den Redouten lief die Nordschlucht auf sie zu (Mulde von Brod genannt); sie machte am Fuß des Sapun-Rückens einen Knick nach Süden Richtung Kadikoi, deshalb nunmehr Süd- schlucht oder Schlucht von Kadikoi genannt.
    Aber lange davor hatte Lord Paget, der Vertreter Cardigans, dem Chef der Leichten Brigade, die Regimenter vor Kadikoi bereitgestellt, wo sich ihr Lager befand. Dem Kommandeur der gesamten englischen Kavallerie, Lord Lucan, war bereits beim Morgenritt eine Vollkugel vor die Beine seines Pferdes gerollt, als er mit seinem Stab in Richtung des Kampflärms ritt. Nur Cardigan schlief nicht im Lager, sondern auf seiner Yacht im Hafen von Balaklawa, aber nicht etwa, um sich vor den Plagen des Lagerlebens zu drücken, wie böse Zungen meinten, sondern weil er den Befehl erhalten hatte, sich »an Bord zu begeben«; gemeint war das Lazarettschiff Richtung Konstantinopel. Doch Cardigan, an einer Diarrhöe erkrankt, hatte den Befehl einfach auf seine Weise interpretiert, um auf der Krim bleiben zu können.
    Die Lage war dramatisch und grotesk zugleich. Während eine Soldatenfrau in Kadikoi auf die fliehenden Türken einprügelte, die voller Schreckensrufe Richtung Hafen liefen und dabei auf zum Trocknen ausgebreitete Wäsche traten, während in Balaklawa eine Panik ausbrach, versah Raglan seine dringenden Befehle an die 1. und 4. Division mit einem höflichen »Bitte«, so daß weder der Herzog von Cambridge noch General Campbell die Notwendigkeit einsehen wollten, ihre Truppen sofort in Bewegung zu setzen, von denen ein großer Teil gerade von der Nachtschicht bei der Belagerung zurückgekommen war.
    Im Gegensatz zu der konfusen Schlacht an der Alma entwickelte sich das Gefecht vom 25. Oktober in einzelnen überschaubaren Etappen und schon dadurch spannend, daß sich die einzelnen gegnerischen Einheiten in dem zerklüfteten Gelände nur schlecht sehen konnten und ständig mit Überraschungen rechnen mussten, während Raglan


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    und Canrobert auf dem Sapun-Rücken einen hervorragenden Aussichtspunkt eingenommen hatten und sich gleichsam im Besitz eines Feldherrnhügels wähnten.
    Die Aufgabe, den Zugang nach Kadikoi zu verriegeln, fiel zunächst den 650 Hochländern vom Regiment Nr. 93 von der 1. Division zu, die von Campbell geführt wurden. An der Alma waren sie nicht zum Zuge gekommen, hätten aber auch schon dort unter dem vorzüglichen und von der Truppe geachteten, erfahrenen General sicherlich eine gute Figur gemacht. Es zeigte sich, daß sie das nun nachholen konnten. Campbell ließ seine Leute sich erst einmal ins Gras setzen, um dem Gegner seine wirkliche Stärke zu verbergen. Erst als vor ihm mehrere russische Schwadronen auftauchten, gab er den Befehl, sich zu erheben, und beschwor seine Leute, keinen Schritt zu weichen; ein Rückzug käme nicht in Frage!
    Es herrschte eine »erdrückende Stille«, wie die Beobachter im »Logenplatz« auf dem Sapun-Rücken bemerkten; zwischen einzelnen, weither knallenden Kanonenschüssen hörte man ganz deutlich das Schnauben der Pferde und das metallische Klirren des Zaumzeugs und der Waffen, Nur eine dünne, rote Linie, zwei Glieder tief, verlegte der Kavallerie den Weg.
    Als eine weitere englische Einheit hielt sich unmittelbar links von Campbell die Schwere Kavallerie unter Brigade-General Scarlett auf, ebenfalls seit der Morgendämmerung in Wartestellung. Auch Scarlett wurde durch die »Berufskrankheit der englischen Generalität«, nämlich durch Kurzsichtigkeit, behindert, nur daß er im Gegensatz zu seinen Kollegen auf seinen erfahrenen Stabsoffizier hörte; er war es auch, der ihn auf einen »Wald von Lanzen« aufmerksam machte, der langsam heranschwankte — der rechte Angriffsflügel der Russen.
    Der linke Flügel der russischen Kavallerie, der sich in der auf Kadikoi zulaufenden Südschlucht unterhalb der Redoute Nr. 3 und 4 vorwärts- bewegte, stieß nun auf das 93. Highlander-Regiment, das sich auch nicht aus der Ruhe bringen ließ, als die Russen — rund 1500 Mann — plötzlich angaloppierten. Die Hochländer waren mit weitreichenden modernen Mini-Gewehren ausgestattet, deren Existenz den russischen Kavalleristen offenbar unbekannt war. Trotzdem lag die erste Salve der Engländer zu kurz. Zu ihrer Überraschung aber drehten die Reiter nach der zweiten Salve, der einige von ihnen zum Opfer fielen, 200 Schritt vor den Schotten wie auf dem Exerzierplatz ab und versuchten,


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    in die Flanke der Engländer zu reiten, konnten jedoch nichts erreichen, da die Infanteristen ebenfalls wie auf dem Manöverfeld mit der Bewegung der Russen mitgingen. Von den hochgewachsenen, bedächtigen Schotten schien eine solche grimmige Entschlossenheit auszugehen, daß die Russen erst einmal den Rückzug antraten, um ganz offensichtlich auf Artillerieunterstützung zu warten. Ein »Hurra« donnerte ihnen hinterher.
    Nun kam die Stunde der Schweren Brigade. Die rechte russische Reiter-Abteilung, rund 3000 Mann, darunter die Nikolai-Husaren und Don-Kosaken, überquerten die Höhen, auf denen die Verschanzungen lagen, in der Nähe der vierten Redoute, um dem Feuer eines französischen Artilleriegeschützes auf dem Sapun-Rücken auszuweichen, und ritt in das Südtal hinunter, wo Scarlett mit den Dragonern und Schottischen Grauschimmeln stand. Zum Teil trugen sie noch ihre »Futterkleidung« statt ihrer Kampfmontur, was Scarlett bemängelte, obwohl er wusste, daß seit dem Alarm keine Zeit geblieben war, um sich auf den Kampf korrekt vorzubereiten. Keiner von ihnen schenkte ihrem Oberkommandierenden Lucan, der hin und her ritt und Signale blasen ließ, irgendwelche Aufmerksamkeit. Die Russen machten Halt und schienen ihre Gegner nicht gerade mit großer Achtung zu mustern — es war das erste Mal, daß die Kavallerie der beiden Gegner im Krimkrieg aufeinandertraf. Zur Überraschung der Russen übernahmen die Engländer, weitaus in der Minderzahl, die Initiative. Scarlett ließ zum Angriff blasen und war schon nach ein paar Galoppsprüngen weit voraus, hinter ihm das schottische Regiment. In der Hast übersah der kurzsichtige General sogar seinen ersten völlig verdutzten Gegner in der Front der Russen.
    Das Gelände war so ungünstig, daß so gut wie kein Raum für Aus- weich- oder Flankenbewegungen blieb. Den Zuschauern auf dem Sapun-Rücken schien es, als ob die Rotröcke von der Masse der russischen Kavallerie regelrecht verschluckt würden aber zum größten Erstaunen aller tauchten die Dragoner bald wieder auf, nachdem sie sich durch die russischen Formationen »durchgehackt« hatten, als ob es sich bei ihren Gegnern um Pappfiguren handelte. Das Gedränge war sogar so dicht, daß kaum Platz blieb, um mit dem Säbel auszuholen. Die Klingen verfingen sich in den schweren Mänteln der Russen. Die Russen schlugen wiederum so unorthodox zu, daß sich die englischen Ärzte später über die »unmöglichen« Schnittwunden wundern


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    sollten. Kaum waren die Dragoner durch die russischen Linien einmal hindurch, als die sofort umdrehten, um erneut auf dem Rückweg auf sie »einzuhacken«. Es gab kaum Tote, doch erhielten die Reiter zahllose Hieb- und Stichwunden; ein englischer Offizier kam auf 15 Säbelwunden, von denen eigentlich jede tödlich sein musste.
    Das Kampfgewühl Mann gegen Mann animierte nun auch andere Einheiten der Schweren Brigade dazu, sich zu beteiligen, ohne daß ein Befehl vorlag. Sogar zwei Fleischer kamen aus dem englischen Lager, das in der Nähe lag, hemdsärmlig herausgeritten, ihre Schlachtbeile schwingend. Nach nicht einmal zehn Minuten war der Kampf vorbei. Die russischen Formationen lösten sich auf und verschwanden unbehelligt über der Anhöhe, zur Überraschung der Zuschauer auf dem Sapun-Rücken, die mit einer Verfolgung rechneten; vor allem die französischen Offiziere regten sich über das Versäumnis auf. Statt dessen kam von Raglan ein schlichtes »Weil done«, von einer Ordonnanz überbracht. Die Verfolgung aufzunehmen, wäre Aufgabe der Leichten Brigade gewesen, da die Pferde der Schweren Brigade nunmehr viel zu ermüdet waren, um einen weiteren Kampf zu riskieren. Cardigan, längst eingetroffen, hatte sich auch in rund 400 m Entfernung voller Neid das Gefecht angesehen, nervös auf seinem Pferd hin und her tänzelnd.
    Er machte Lucan für die vertanene Chance verantwortlich, hielt er sich selber doch an dessen Anordnung, an Ort und Stelle zu bleiben, bis ein neuer Befehl käme, eingedenk der Rüge Raglans, auch den Befehlen seines Schwagers Folge zu leisten und nicht etwa auf eigene Faust zu handeln! Also kanzelte er auch einen seiner Offiziere (Captain Morris) ab, der schon immer die Trompete zum Angriff blasen ließ. Lucan, der wie viele andere Cardigan für einen »gefährlichen Esel« hielt, doch Eigeninitiative nicht verboten hatte, falls sich die Gelegenheit dazu bot, hielt das Gelände für viel zu zerklüftet und unübersichtlich, um den Befehl zur Verfolgung zu geben, und wunderte sich nur über den Starrsinn seines Schwagers.
    Langsam und umständlich marschierte nunmehr Cathcarts 4. Division vorbei, um die Redouten zurückzuerobern. Cathcart ließ die Kanonen sogar jetzt schon feuern, obwohl die feindlichen Stellungen noch gar nicht in Reichweite lagen, treu seiner Devise, Artillerie sei »gut für jede Distanz«.
    Eine Dreiviertel-Stunde verging, in der Raglan zum ersten Mal von


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    Minute zu Minute ungeduldiger wurde, weil Cathcart seine Truppen zu umständlich in der Gegend verteilte, anstatt anzugreifen. Russell beobachtete, wie der Armstumpf in Raglans Rock nervös hin- und herwippte. Es gab für ihn wahrscheinlich mehrere Gründe, noch einmal die Kavallerie einzusetzen; vielleicht hatte er gegenüber Cardigan ein schlechtes Gewissen, vielleicht spürte er, daß nun der Moment gekommen war, entscheidend in den Verlauf der Schlacht einzugreifen, vielleicht war es die simple Tatsache, daß er plötzlich durch sein Fernrohr den Versuch der Russen ausmachen musste, die eroberten Kanonen aus den Redouten abzutransportieren. Und wahrscheinlich wollte er auch seinen eigenen Fehler wieder gutmachen, alle Warnungen vor einem russischen Angriff am. Tag zuvor, als ihn ein Spion von Liprandis Angriffsabsicht informiert hatte, in den Wind geschlagen zu haben.
    Als ob er die Engländer in eine Falle locken wollte, hatte General Liprandi am Ende der langen Nordschlucht (Richtung Tschorgun), die zwischen den Woronzow-Höhen und den fast parallel sich hinziehenden Fediukin-Höhen verlief, Artillerie postiert und dahinter Kavallerie; die Abhänge der beiden Anhöhen waren ebenfalls von russischen Truppen besetzt, so daß ein englischer Vorstoß auf dem Grund der Schlucht von drei Seiten ins Kreuzfeuer geraten musste - eine »infernalische Gasse«, wie Todleben sagte.
    Raglan, der seine Kanonen wiederhaben wollte, platzte nun der Kragen; er rief General Airey zu sich und diktierte ihm den Befehl: Er, Lord Raglan, wünsche, daß die Kavallerie schnell avanciere, den Feind verfolge, ihn an dem Abtransport der Kanonen hindere — und zwar »sofort!« Und damit begann die Kette der Missverständnisse, die jenen 25. Oktober für England zum denkwürdigsten Tag des ganzen Krimkriegs machen sollte.
    Airey gab den Befehl, den er schriftlich vor sich hatte, seinem jungen Ordonnanz-Offizier Captain Nolan mündlich weiter, zur Übermittlung an Lord Lucan Um den Befehl zu Überbringen, war Nolan der denkbar schlechteste Bote, er war ziemlich eitel und hiet Lucan und Cardigan zusammen für »die größten Dummkopfe der ganzen englischen Armee«, also gab er Aireys Anweisung in denkbar knappster Form weiter, so daß sich Lucan verärgert fragen musste, um welche Kanonen es sich eigentlich handelte, da die Vorgange auf den Hohen bei den Redouten seinen Blicken entzogen waren Lucan und Cardigan


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    mussten zwangsläufig annehmen, daß der Gegner gemeint war, den sie alle als graue Masse, doch mit im Sonnenlicht blinkenden Geschützen am anderen Ende der Nordschlucht in Wartestellung sahen, Entfernung rund 2400 m - eine Verwechslung, für die Airey und Nolan gemeinsam verantwortlich waren. Lucan zögerte, seinem Schwager den Befehl zum Angriff zu geben, obwohl nach dem Einsatz der Schweren Brigade nunmehr die Leichte Brigide an der Reihe war.
    Ihm kam die ganze Sache unsinnig und gefährlich vor und überdies auch als Verstoß gegen das Reglement, da Kavallerie nicht ohne Artillerieunterstützung gegnerische Batterien frontal anzugreifen hatte. Nach Cardigans erregten Worten würde es nicht möglich sein, einen einzigen Mann zurückzubringen! Aber Nolan quittierte Lucans Fassungslosigkeit von oben herab ungeduldig mit einer verwaschenen, knappen Handbewegung: »Dort ist ihr Feind, my Lord, dort sind ihre Kanonen!« Und er wiederholte die Anweisung auch gegenüber Cardigan, nachdem Lucan und Cardigan ganz und gar gegen ihre Gewohnheit miteinander geredet hatten, in einer so beleidigenden Weise, daß Cardigan gegen die Unterstellung der Feigheit protestierte. Man werde sich nach der Schlacht vor Gericht wiedersehen!
    Cardigan bestand darauf, den Befehl zum Angriff vor der Front der versammelten Regimenter erhalten zu haben, um die Verantwortung zurückweisen zu können, und setzte sich mit einem »Vorwärts! Der Letzte der Cardigans!« an die Spitze der Leichten Brigade, befahl Schritt und schwenkte wie zur Parade rechts in das langgezogene Nordtal ein, hinter sich 673 Reiter die 13 Dragoner rechts, die 17 Lancers in der Mitte, und links hinter sich die 11 Husaren, sein eigenes Regiment, das Wellington einmal als das schonste der ganzen englischen Armee bezeichnet hatte, die 4 Dragoner und 8 Husaren unter Paget als zweites Treffen dahinter Da trabte er auch schon an Es war kurz nach 11 Uhr
    In diesem Augenblick mußte Nolan zu seinem Entsetzen erkannt haben, daß Cardigan seine Geradeausrichtung beibehalten wollte Schreiend und winkend Jagte er quer über das Feld vor der Reiter masse auf Cardigan zu, der wiederum Nolans merkwürdiges Benehmen für eine weitere Unverschämtheit hielt — als ob sich Nolan noch vor dem Kommandeur der Brigade an die Spitze des Angriffs setzen wollte Aber es war ohnehin zu spat, den Lauf der Dinge aufzuhalten


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    Die Regimenter gingen in den Galopp über. In demselben Augenblick begannen die russischen Geschütze von den Anhöhen zu feuern. Als erster Reiter starb Nolan, von einem Splitter ins Herz getroffen, mit einem gellenden Schrei; sein Pferd fiel sofort zurück - mit einem Reiter, der noch eine Weile mit seiner eleganten, prunkvollen Uniform im Sattel sitzen blieb - wie eine »Parodie auf seine vorherige Kühnheit«.
    Nach 20 Minuten war alles vorbei. Auf der Ebene wälzten sich Hunderte Pferde und Reiter, Verwundete und Sterbende wurden getreten und überritten, reiterlose scheuende Pferde irrten umher oder schleiften ihren blutverschmierten Reiter mit, dessen Fuß am Bügel festhing, Kavalleristen, die ihr Tier verloren hatten, stolperten über das Feld.
    Aber Cardigan hatte mit den letzten zweihundert Mann nach einer rasenden Attacke die 12 Kanonen erreicht, eine Wand von Feuer und Blitzen, Qualm und Gestank vor sich; die Artilleristen, die sich im letzten Augenblick unter ihren Kanonen und Wagen zu verkriechen suchten, waren erschlagen oder erstochen worden; Wut und Kampfesrausch waren so groß, daß sich ein englischer Offizier, durch den Blutgeruch und dem Höllenlärm wie von Sinnen, auf einen Russen warf, um ihn mit den Händen zu erwürgen. Danach hatten sie sogar die russischen Reiter angegriffen, die sich in einiger Entfernung voller ungläubigem Entsetzen die Attacke angesehen hatten und sich vor diesen Verrückten zur Flucht wenden wollten. Auch auf dem Sapun-Rücken herrschte blankes Entsetzen. Nach den Worten des Franzosen Bosquet, dem die Tränen in den Augen standen, war diese Attacke das Großartigste, was er jemals gesehen hätte - »aber, bei Gott, kein Krieg!« General Liprandi dachte zuerst, Betrunkene vor sich zu haben und fürchtete um die Moral der russischen Kavallerie.
    Nur unter größten Schwierigkeiten hatten dann die Überlebenden der Leichten Brigade noch einmal versucht, mit ihren ermüdeten Pferden eine Front zu bilden. Sie ließen von dem Kampf mit den Gegnern ab und mussten zu ihrem Schrecken sehen, daß russische Reiter auch von den Abhängen herunterkamen, um ihnen den Rückweg abzuschneiden - und kamen schließlich doch unbehelligt zurück, weil die russischen Kavalleristen ganz offensichtlich kein Interesse hatten, sie nun ihrerseits zu attackieren - es war, als ob einige


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    sie beim Vorbeireiten nur mit ihren Lanzen »kitzelten«, voller Erbarmen mit dem traurigen Rest einer ehemals so großartigen, farben- prächtigen Reiterschar.
    Nur Russell hatte es anders gesehen. Er schilderte seinen Lesern in der Times, wie die fürchterlichen moskowitischen Kanoniere, kaum daß die Leichte Brigade ihren Rückweg angetreten hatte, angeblich an ihre Geschütze zurückkehrten, um in die überlebende Kavallerie- menge mörderische Salven von Schrot und Kartätschen zu pumpen - dieselben Kanoniere also, die doch nach Russell gerade niedergesäbelt worden waren!
    Cardigan hatte sich nicht an dem Handgemenge nach der Einnahme der Batterie beteiligt. Er wendete, fast blind und taub vom Geschützfeuer, sofort sein Pferd, jagte durch die Schlucht zurück und auf den Sapun-Rücken hinauf, um Raglan zur Rede zu stellen, musste sich aber von ihm den Vorwurf anhören, eine Batterie gegen alle Regeln und Dienstvorschriften frontal angegriffen zu haben - während er selbst sich auf den Befehl Raglans berief. Wiederum sah Russell, daß Raglans leerer Uniformärmel vor Aufregung hin- und herhüpfte.
    Das war alles. Cardigan ritt zu der Stelle an einem Abhang, wo sich die Überlebenden seiner Brigade sammelten, mit blutbefleckten, zerrissenen Uniformen - es waren nur noch die Hälfte. Für sie war Cardigan der Held des Tages, sie ehrten ihn mit einem dreimaligen Hurra und wollten am liebsten gleich noch einmal mit ihm gegen die Russen reiten.
    Von den 150 Mann der 13. Leichten Dragoner waren nur noch 14 Mann angetreten, von Cardigans Husaren sogar nur noch acht Mann am Leben. »Ich habe meine Brigade verloren« - Cardigans Kommentar zu General Cathcart. Die Verluste wurden später maßlos übertrieben. Calthorpe bezeichnete sie trotzdem als schwer! 156 Reiter tot oder vermisst (vermutlich gefangengenommen), 122 verwundet; doppelt so hoch die Zahl der getöteten Tiere: 335 Pferde. Diese Nacht verbrachte Cardigan bei seinen Leuten auf dem Feld, in der Nähe seines verwundeten Adjutanten, in seinen Mantel gewickelt - und nicht auf seiner Yacht nach dem Genus einer Flasche Champagner, wie Böswillige später erzählten.
    Was nach dem Angriff der Leichten Brigade kam, war nur noch ein Epilog, obwohl dieser Epilog bis zum nächsten Tag dauerte und obwohl der Kampf sogar noch den Schauplatz wechselte. Zunächst


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    hatte die französische Reiterei die russischen Batterien auf den Fediukin-Höhen attackiert, hatte die Artilleristen getötet, sich aber vor der russischen Infanterie wieder zurückgezogen. Eine Aktion, die auch den Überlebenden der Leichten Brigade den ungefährdeten Rückzug ermöglichte. Dann hatte Cathcart endlich die vierte Redoute wieder besetzt, nur daß die Russen längst verschwunden waren. Der Kampf löste sich in Einzelaktionen der Plänkler und Kosaken auf.
    Am 26. Oktober erfolgte ein massierter Angriff auf die Belagerer aus ganz anderer Richtung, nämlich aus Sewastopol. Gegen 10Uhr verließen rund 8000 Russen mit 32 Geschützen die Bastion Nr.2 und drangen über die Sapeur-Straße auf die Höhen von Inkermann vor,, dem Plateau oberhalb der Tschernaja-Bucht, wo der rechte Belagerungsflügel der Engländer endete.
    Hier befand sich in der Nähe des Bombenberges, der von den Festungsgeschützen besonders gerne »eingedeckt« wurde, falls sich hier jemand sehen ließ, das Lager der 2. Division unter Sir de Lacy-Evans. Die Russen rückten in drei Kolonnen vor, je 1 500 Mann stark und trieben die englischen Pickets, Beobachtungs- und Postentruppen, in Kompaniestärke, erst einmal vor sich her, ließen sich dabei aber fast zwei Stunden lang hinhalten, daß den Engländern Zeit gegeben wurde, die Division in Schlachtordnung mitsamt ihrer Artillerie aufzubauen. Zusätzlich rückte der Herzog von Cambridge mit der Garde-Brigade (darunter Grenadiere und Schottische Füsiliere) und General Bosquet mit fünf Bataillonen heran. Die Russen brachen daraufhin dieses halbherzig geführte Unternehmen ab und zogen sich, da auch die englischen Lancaster-Geschütze ihrer Infanterie Feuerunterstützung aus der Ferne gaben, in großer Unordnung zurück, ohne ihre Toten mitnehmen zu können. Neunundsechzig russische Soldaten, darunter vier Offiziere wurden gefangengenommen, der Verlust der Engländer belief sich auf 82 Mann. Am gleichen Tag wurden aber auch über achtzig gefangene alliierte Soldaten in Sewastopol eingebracht.
    Das Ganze war aber nur der Auftakt und gewissermaßen die missglückte Generalprobe für einen entschieden schwereren und ernsthafteren Angriff wenige Tage später.
    Während dieser Kämpfe herrschte im stillen Tal von Balaklawa eine inoffizielle Waffenruhe. Einige russische und englische Kavalleristen gingen über das mit toten und sterbenden Menschen übersäte Feld


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    und erschossen mit ihrer Pistole die Pferde, die unfähig waren, wieder auf die Füße zu kommen und schaumbedeckt und zähnebleckend im Gras lagen oder mit den Beinen schlugen. General Liprandi machte den gefangenen Engländern Komplimente und versicherte sie seiner Trauer.
    Lucan hatte seinen kühlen Kopf bewahrt und die Schwere Brigade nicht mehr eingesetzt, als er sehen mußte, wie Cardigans Brigade massakriert wurde: »Sie haben die Leichte Brigade geopfert, sie werden nicht die Schwere Brigade bekommen!« Für böse Zungen hatte er nur seinen Spitznamen gerechtfertigt: General Look-on.
    Trotz allem wälzte Cardigan die Schuld an diesem »verrückten Streich« ganz auf Lucan ab, mit dem ihn nun wieder der alte Haß verband. Raglan zog sich in seinem Bericht an die Regierung in London elegant aus der Affäre, indem er von einer heroischen Attacke auf Grund eines Missverständnisses sprach, Lucan nicht direkt verantwortlich, jedoch den Vorwurf machte, die Situation nicht übersehen zu haben, während Lucan in einem Schreiben, das er auf dem Dienstweg weiterleitete, auf völliger Rehabilitierung bestand; denn seiner Meinung nach hatte der Mann die Verantwortung zu tragen, der die beste Übersicht von allen gehabt hatte — der Oberbefehlshaber. Und dieses Schreiben versuchte wiederum Airey zu verhindern, um dem Ansehen der Armee nicht zu schaden. Es muß anerkannt werden, daß keiner von ihnen die Schuld dem toten Nolan gab, von dem Lucan annahm, er hätte die Attacke sogar mitreiten wollen.
    Wenige Tage später verließ der Earl of Cardigan, der fortan Cardigan von Balaklawa hieß, die Krim. Die Russen feierten die Schlacht von Balaklawa als Sieg, weil sie das Schlachtfeld behaupten konnten. Ein Unentschieden entsprach dem wirklichen Schlachtverlauf.
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  12. #32
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Inkerman - »Welch eine Schlachtbank!«

    Wenige Tage nach der halbherzig geführten Schlacht bei Balaklawa holte Menschikow zu einem großen Schlag gegen die Alliierten aus. Die Zeit drängte. Die Belagerung war so weit fortgeschritten, daß mit einem baldigen Sturm auf Sewastopol gerechnet werden musste. Nachdem alle Verstärkungen, darunter das 4. Korps aus dem Donauraum, eingetroffen waren, konnte der Fürst auf eine respektable

    Seite 199



    Streitmacht zählen, die den Belagerern zahlenmäßig überlegen war. An der Ausarbeitung des Angriffsplans war sogar der Generalstab in Petersburg beteiligt, und der Zar hatte seine beiden Söhne, die Großfürsten Nikolaus und Michael, auf die Krim gesandt, um an dem Kampf teilzunehmen. Insgesamt standen auf der Krim zwar 108 000 Mann, aber nur knapp 60000 wurden operativ eingesetzt.
    Mittlerweile war den Russen klargeworden, daß die Verteidigungsstellungen der Engländer und Franzosen von der Landseite her ziemlich unangreifbar waren. Aber es gab doch noch eine »weiche Stelle« in der Front der Alliierten, und das war der rechte Belagerungsflügel der Engländer, die Ostecke des Plateaus.
    Die englische Front schloss nicht direkt mit der großen Bucht ab, sondern ließ zwischen Vorposten und Ufer eine Lücke, durch die die neue Sapeurstraße nach Sewastopol verlief. Sie begann bei der zweiten Bastion, dem kleinen Redan, schlängelte sich ein Stück landeinwärts und führte dann unterhalb des Steilufers bis zur Mündung der Tschernaja, wo sie vor der Brücke von Inkerman auf die alte Poststraße traf. Neben dem Fährbetrieb über die große Bucht an der Nordseite war dies die zweite Verbindung der belagerten Stadt mit dem Hinterland; die Russen benutzten sie aber so gut wie nie, da sich hier alles unter den Augen der Belagerer abspielte.
    Die Engländer hatten dieser Stelle bisher keine große Beachtung geschenkt und nur oberhalb der großen Bucht auf den steilen Höhen von Inkerman mehrere Erdwerke und Batterien angelegt, darunter auf dem äußersten rechten Flügel die Redoute Nr. 1 oder »Sandsackbatterie« in der Nähe der alten Poststraße. Es war eine Batterie ohne Kanonen! Die Redoute Nr. 2 lag 500 m weiter südlich unmittelbar an der Straße, ein Graben zerschnitt ihre Trasse. Den Engländern unterlief hier derselbe Fehler wie den Russen an der Alma: Sie hielten einen Angriff von Infanteriekolonnen mit Artillerie von dieser Seite aus auf die Anhöhen für so unwahrscheinlich, daß sie den Ausbau der Redouten vernachlässigten und noch nicht einmal die Brücke über die Tschernaja bei den Ruinen von Inkerman gründlich zerstört hatten. Andererseits waren die Engländer gar nicht stark genug, um zugleich die Belagerung intensiv vorwärts zu treiben und auch noch sich gegen einen Angriff von außen zu sichern. Vergeblich hatte Raglan Canrobert gebeten, ihm Truppen für die Verteidigung der exponierten Flanke zur Verfügung zu stellen, da die Franzosen mit ihren 40000


    Seite 200

    Mann um 15000 Mann stärker waren als die Engländer. Die englischen Generäle verzichteten auf die Anlage von Erdwerken auch deshalb, weil sie der Ansicht waren, sich in einer offenen Feldschlacht mit beweglichen Truppen besser schlagen zu können. Eine gewisse Sorglosigkeit war ihnen nicht abzusprechen.
    Der russische Angriffsplan schloss die Beteiligung der Truppen in Sewastopol ein und beruhte auf einer genauen Koordination aller beteiligten, aus verschiedenen Richtungen anmarschierenden Kolonnen. Die Experten bescheinigten ihm »napoleonische Kühnheit«; die Frage war nur, ob die russischen Regimenter in ihrer bekannten Schwerfälligkeit überhaupt in der Lage waren, die Idee in die Tat umzusetzen.
    Optimistisch schrieb Menschikow, der ja auch das Gefecht von Balaklawa als einen Sieg betrachtete, an den alten Paskiewitsch nach Warschau, daß man in Zukunft »die Erinnerung an die exemplarische Züchtigung der vermessenen Alliierten bewahren werde: Sewastopol bleibt uns! Der Himmel beschützt sichtbar Rußland!«
    Die erste Kolonne, als rechter Flügel eingesetzt, wurde von Generalleutnant Sojmonow geführt und bestand aus sieben Regimentern, rund 19000 Mann. Sie sollte Sewastopol um 5 Uhr über die Schiffswerftbucht beim kleinen Redan verlassen, ein Stück die neue Sapeurstraße benutzen und dann eine Stellung am Kilen-Grund (Kiel-Schlucht) beziehen, und zwar zeitlich vor dem Eintreffen der anderen Kolonne des linken Flügels. Diese zweite Kolonne war 16000 Mann stark und führte mit 96 Geschützen doppelt so viel Kanonen mit sich; sie rückte über die Brücke von Inkerman an. Ihr Ziel, die Redoute Nr. 1 auf dem Plateau, konnte sie nur über die Poststraße und einen Hohlweg gewinnen, weshalb Sojmonow die Aufgabe zufiel, ihr Feuerschutz zu geben und die Engländer abzulenken. Nach Vereinigung beider Kolonnen war General Dannenberg als Oberbefehlshaber und Lenker der Schlacht vorgesehen. Einer dritten Gruppe unter Fürst Peter Gortschakow, 20000 Mann stark und vor allem mit Kavallerie ausgerüstet, war der Angriff aus dem Dorf Tschorgun Richtung Sapun-Rücken zugeteilt. Nach dem Plan gerieten Engländer und Franzosen also unter Druck aus drei Richtungen! Und um das Maß der Verwirrung vollzumachen, war ein Ausfall aus der Bastion Nr. 4 vorgesehen mit dem Ziel, sich des französischen Artillerieparks zu bemächtigen und die Geschütze zu zerstören.


    Seite 201

    Zwar setzte Menschikow wie Liprandi bei Balaklawa auf den Augenblick der Überraschung, doch veranstalteten die Russen in der Nacht vor dem Angriff eine Fülle von Gottesdiensten und Festlichkeiten in einer derartigen Lautstärke, daß Gesänge und unablässiges Glockengeläut bis zu den Wachtposten und Zelten der Belagerer drangen. Auch die Wachtfeuer der lagernden russischen Truppen bei den Ruinen von Inkerman in der Nähe der Brücke waren den Engländern nicht entgangen.
    »Unsere Truppen sind durch priesterlichen Segen zum Siege oder Tode geweiht, und das Geschrei, mit dem sie zu Ende dieser Zeremonie in den Kampf geführt zu werden verlangten, war so gewaltig, daß die Feinde, wenn sie dadurch nicht aus der Ruhe geschreckt und auf die ihnen drohende Gefahr aufmerksam gemacht worden sind, fürwahr den Schlaf der Gerechten schlafen müssen«, schrieb der deutsche Arzt, der wieder nach Sewastopol abkommandiert war, in der Nacht vom 4. zum 5. November; vor allem wurde »das Trinken nicht vergessen, eine russische Nationalleidenschaft, vom General abwärts bis zum gemeinen Soldaten«.
    Die Überraschung gelang tatsächlich. Sprühregen, Nebel und dichtes Gestrüpp auf dem Plateau begünstigten das Unternehmen. Ein schwerer Fehler unterlief Menschikow aber gleich zu Beginn; anstatt westlich der Kiel-Schlucht, am Malakowturm vorbei, vorwärts zu gehen, wählte Sojmonow den kürzeren Weg östlich der Schlucht und griff dadurch nicht den linken Flügel der Engländer, sondern deren Zentrum an und geriet überdies auf die Angriffsseite der Kolonnen aus Richtung Inkerman, so daß sich hier bald eine heillose Verstopfung auf dem engen Terrain ergab und die russische Übermacht überhaupt nicht zur Entfaltung gebracht werden konnte.
    Das Missverständnis ergab sich aus einem unklar formulierten Befehl, der es Sojmonow überlassen hatte, selber seine Route zu wählen, während es Dannenberg wiederum unterließ, in der Nacht vom 4. zum 5. November den Sachverhalt zu klären, als ihm Sojmonow noch einmal schriftlich sein Vorgehen mitteilte. Unglücklicherweise verirrten sich auch noch zwei seiner Regimenter in der pechschwarzen Dunkelheit, so daß sie beim Angriff vorerst fehlten. Hinzu kam, daß die Wiederherstellung der Brücke über die Tschernaja länger dauerte und die zeitliche Disposition durcheinander geriet. Dadurch verzögerte sich der Aufmarsch der Artillerie.


    Seite 202

    Ein Teil der Engländer von der 2. Division, die hinter der Redoute Nr. 2 ihr Lager hatte, war gerade dabei, Holz zu sammeln und Wasser zu holen, um sich nach der Nachtschicht in den Belagerungsgräben Frühstück zu machen, als die ersten Schüsse fielen.
    Geistesgegenwärtig schickte der verantwortliche General Pennefather sofort alle Mann, die er in der Eile zusammenbringen konnte, zur Verstärkung der Feldwachen und Vorposten (Pickets) los, um die Russen hinzuhalten und damit Zeit zu gewinnen. Inzwischen fegten die Granaten der russischen Artillerie, aufs Gratewohl abgefeuert, auch schon durch die Zeitreihen, töteten die an Pfählen angebundenen Pferde und richteten eine allgemeine Verwirrung an. Die Redouten gingen erst einmal verloren.
    Reguläre Linienbildung oder Schlachtaufstellung war unmöglich. Aber auch bei den Russen löste sich in dem muldenreichen und mit dichtem Unterholz bestandenen Gelände bald die Front auf. Dazu kam der dichte Nebel, der nur eine Sicht auf wenig mehr als 1Dm erlaubte und die Unterscheidung zwischen Freund und Feind erschwerte. Entscheidende Hilfe bekamen die Männer der 2. Division auf ihrer linken Flanke von vier Kompanien des 77. Infanterie-Regiments, das auf Initiative von General Buller heraneilte. Nun wurde der Nebel zum entscheidenden Nachteil der Russen. Er erlaubte nur noch den Kampf von kleinen Rudeln oder einzelnen Soldaten; sobald die russischen Infanteristen ihren Halt in der kompakten Masse, den Schulterkontakt mit dem Nebenmann verloren, verloren sie auch ihren Kampfgeist, im Gegensatz zu den Engländern, deren Kampfmoral sich gerade jetzt überlegen erwies. Zwar gingen drei englische Geschütze verloren, doch drängten die »77er« die Russen bald zurück und verfolgten sie sogar bis zum Bombenberg, von den Russen Kosakenberg genannt, auf dem die Artillerie stand. Zahllose russische Infanteristen, die auch mit dem ihnen zugeteilten Wodka nicht ihre Angst hinuntergespült hatten und sich tot stellten, wurden von den Engländern mit dem Kolben erschlagen.
    Der erste Erfolg auf Seiten der Engländer war aber nur der Auftakt zu einem der mörderischsten Gemetzel auf den Schlachtfeldern des vorigen Jahrhunderts. Die Schlacht von Inkerman bestand aus einer Folge rücksichtsloser Bajonettangriffe, in denen die Engländer den Russen um nichts nachstanden. »Man kämpfte mit einer an Wut grenzenden Erbitterung in Schluchten und Talengen, in Gebüschlichtungen und


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    abgelegenen Vertiefungen, nirgends sah man mehr als 30 Schritte vor sich, niemand konnte sagen, wo der Feind stand. woher er kam und wohin er zog« hieß es in einem Bericht.
    Die Engländer standen nun in einem dem Gegner zugekehrten offenen Halbkreis aufgebaut: in der Mitte hei der Redoute Nr. 2 die Brigade Pennefather, zur Linken, am Kilen-Grund. die Brigade Codrington, zur Rechten an der Rcdoute Nr. 1 die Brigade Adarns jede Brigade drei Regimenter stark. Nach dem Gefecht im Zentrum ging der Kampf nun um den Besitz der nördlichen Redoute. Codrington hatte einen Angriff des Regiments Katharinenburg abwehren können. Nach dem Tod von Sojmonow entfiel auf dem rechten Flügel der Russen jegliche einheitliche Leistung. Anstatt im Feuer gewesene Regimenter neu zu formieren und mit Munition zu versehen, wie es die Engländer machten, marschierten Sojmonows abgekämpfte Bataillone einfach ab und davon.
    Um 8 Uhr verschwanden damit zehn Bataillone vorn Gefechtsfeld, und die Engländer konnten sich ganz auf ihren eigenen rechten Flügel konzentrieren.
    Raglan erschien um 7 Uhr und musste sich erst einmal orientieren, wo der Schwerpunkt des Angriffs lag. Fast zur selben Zeit trafen die ersten Einheiten der russischen Angriffsgruppe aus Richtung Inkerman, die Regimenter Borodino und Tarutino (acht Bataillone) ein. Der rechte Flügel unter General Adams geriet mehr und mehr in eine verzweifelte Situation, das 41. und 49. Grenadier-Regiment war nur noch jeweils 700 Mann stark. Da die Gewehre durch den Regen und Nebel feucht wurden, konnten die Engländer nicht ihre überlegene Reichweite ausspielen. Angeblich wechselte die Redoute Nr. 1 viermal den Besitzer. doch kam in der Hitze des Gefechts niemand zum Zählen. In der Umgebung dieser Stellung sollten später über 1 500 tote und schwer verwundete Russen gefunden werden sie lagen buchstäblich »in Schichten übereinander«.
    Ohne Raglans Befehl kam die Garde-Brigade der 1. Division unter dem Herzog von Cambridge vom linken Flügel herüber, um General Adams zu helfen, gerade rechtzeitig, weil hier nun 12 Bataillone der Regimenter Ochatsk, Jakutsk und Selenginsk eingesetzt wurden.
    Als die Schotten, die mit ihren Bärenfellmützen einen großen Eindruck bei den Russen hinterließen, auftauchten, hatten sich die englischen Grenadiere jedoch gerade aus der Redoute zurückgezogen.


    Seite 204

    Einen Kampf um ein paar Quadratmeter sahen sie als völlig nutzlos an und gedachten lieber aus der Bewegung her wieder von einem erhöhten Punkt aus anzugreifen.
    Ihr aufmunterndes Geschrei lud die Russen geradezu ein, sich wieder in den für sie wertlosen Besitz der Redoute zu setzen, was den Offizieren der Garde völlig absurd erschien.
    Kaum hatten die Schotten die Russen aus der Redoute vertrieben, als sie zu ihrem Schrecken ein völlig neues, weitaus stärkeres Regiment der Russen im Anmarsch bergan sahen. Nun überließen die Gardesoldaten den Russen die Stellung, die mit großem Siegesgeschrei von der Umwallung hinuntersprangen und dabei auf die weichen, zuckenden Leiber der Toten und Halbtoten traten. Und wiederum sahen sich jetzt die Grenadiere in ihrer Regimentsehre herausgefordert und begannen, die Russen mit dem Bajonett, mit Felsbrocken und Knüppeln anzugreifen, weil ihnen die Munition ausgegangen war.
    Inzwischen war auch George Cathcarts 4. Division heran. Da er die meisten seiner Bataillone an alle Brennstellen der Front abgegeben hatte, standen ihm nur noch 400 Mann zur Verfügung, die er nun auf Raglans Befehl auch noch zur Unterstützung der Garde an den rechten Flügel schicken sollte. Der alte General, der einmal der Liebling Wellingtons gewesen war, dachte jedoch nicht daran, seine letzten Leute zu verzetteln, und griff auf eigene Faust ein allein stehendes Regiment der Russen im Tal an, ein gutes Ziel, das Raglan seiner Meinung nach übersehen hatte. Nun riß der Nebel auf, deutlich waren die feuerroten Röcke der Engländer und das gelblich-graue Tuch der Russen zu unterscheiden. Cathcarts Regiment geriet in schweres Artilleriefeuer, dann wurde ihm der Rückweg abgeschnitten; seine erschöpfte Truppe musste bergan zurück. Nur wenige kamen wieder bei den eigenen Linien an. Cathcart stürzte, tödlich getroffen, von seinem Pferd.
    In dieser kritischen Phase der Schlacht entschloss sich Raglan nun endlich, das Hilfsangebot der Franzosen anzunehmen. Die beiden erfahrenen Generäle Canrobert und Bosquet hatten längst erkannt, daß Fürst Gortschakow, der Führer der dritten Angriffsgruppe bei Tschorgun, überhaupt nicht daran dachte, sich mit seinen Truppen in eine exponierte Stellung zu versetzen, bevor der Kampf auf den Höhen von Inkerman entschieden war. Kurz entschlossen dirigierte


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    Canrobert Bosquets 2. Division um und ließ sie dem rechten Flügel der Engländer zueilen. Damit begann der Kampf der Franzosen um die Redoute Nr. 1. Der ständige Nachstrom frischer Truppen von Zuaven, algerischen Scharf schützen, Infanterie, Chasseurs d‘Afrique brachte die Entscheidung.
    Noch immer war die Sicht beschränkt, da der Regen den Pulverdampf herunterdrückte. Als Bosquet zur Redoute ritt, war er entsetzt von dem Bild, das sich seinen Augen bot. Nur mit Mühe konnte er sein Pferd bewegen, über die Leichenhaufen hinwegzutreten. Sein Kommentar »Was für eine Schlachtbank!« gab der Sandsackbatterie ihren neuen Namen: »Batterie de l‘Abattoir«.
    Bald darauf musste Dannenberg zur Kenntnis nehmen, daß die Schlacht verloren war. Der Rückzug begann. Für viele Truppenteile wurde der schmale Weg vom Plateau hinunter zu einer Katastrophe. Die Zuaven verfolgten die Russen bis in die Schluchten, Steinbrüche und Hohlwege; viele wurden von den »vom langen Gemetzel trunkenen Franzosen«, wie Bazancourt zugab, die Steilhänge hinuntergestoßen. Das völlige Chaos wurde durch zwei Kriegsdampfer in der großen Bucht verhindert, die den Rückzug deckten, weiterhin durch Artillerie, die den zurückströmenden Regimentern aus dem Festungsbereich entgegenkam, eine Initiative Todlebens.
    Auch der Ausfall aus der Festung beim Quarantänefort war gescheitert. Rund 5000 Mann, darunter das Regiment Minsk, hatte die Franzosen zunächst im dichten Nebel überrascht und aus den Batterien der ersten Parallele herausgedrängt, sahen sich dann aber bald in einer unhaltbaren Position. Zwei Regimenter, ein Jägerbataillon, vier Kompanien der Fremdenlegion begannen nun, die Russen zurückzudrängen und bis an die Festungswälle zu verfolgen, als die Rückzugsbewegung in eine wilde Flucht überging. Hier fingen sich nun aber wiederum die Russen und begannen, die Franzosen zurückzujagen. Auch deren Rückzugsbewegung artete in eine Flucht aus. Ein französischer General fiel.
    »Nein, es ist zum Rasendwerden! Geschlagen, trotz des Heldenmutes unserer Soldaten, geschlagen, während wir den Sieg schon in den Händen hatten«, schrieb der deutsche Arzt in sein Tagebuch. Ihm fiel es schwer, eine Bilanz zu ziehen, »denn gesehen hat bei dem Regen und Nebel jedermann nur das Nächste, was er vor Augen hatte und auch das kaum genau.«


    Seite 206

    Ein Rätsel stellte nicht nur die Passivität Gortschakows dar, sondern vor allem eine merkwürdige Pause im russischen Angriff zu einem Zeitpunkt, als die Russen auf dem Schlachtfeld noch überlegen gewesen waren. Zwischen 10 und 11 Uhr hatten sie ihre Truppen zeitraubend und umständlich unter dem Geschützfeuer der Engländer um- gruppiert, nur um eine »reglementmäßige Gefechtsformation« einzunehmen, die auch schon vorher auf den Exerzierplätzen von Sewastopol geübt worden war, ohne mehr als eine allgemeine Verwirrung zu erzielen. Der deutsche Arzt, selber in der Schlacht verwundet, fand, daß »im Hauptquartier dieser Fehler mit einer ungewöhnlichen Schweigsamkeit bedacht wurde«. Seiner Meinung nach konnte »die Sache nur eine sehr hochgestellte Person angehen, da die Herren sonst gerade eben nicht durch Schonung oder Zurückhaltung bei Beurteilung anderer sich auszuzeichnen pflegen«, wie er seinem Tagebuch anvertraute.
    In der Tat ging diese Anordnung auf den Zaren zurück. Er hatte mit der Formationsänderung von Bataillonskolonnen in Kompaniekolonnen sogar die beste Absicht: die Russen sollten sich der alliierten Kampfweise anpassen, um die bisherige typische Massierung aufzulockern. Doch durch die hohen Offiziersverluste war es während der Schlacht unmöglich, die Truppen besser zu führen. Wie in der Schlacht an der Alma war es die besondere Aufgabe der vor den Linien ausgeschwärmten Einzelschützen, der Plänkler, die Offiziere herauszuschießen, um die Mannschaft kopf- und mutlos zu machen. Beide Seiten setzten ihre Scharfschützen dazu ein.
    Die Russen mochten sich trösten, daß auf englischer und französischer Seite Glück und Improvisation geherrscht hatten und nicht etwa überlegene Feldherrnstrategie, wie Bazancourt schrieb. Auch der Zar war nicht der Hauptschuldige. General Dannenberg hatte seine Bataillone hintereinander in den Kampf geschickt und rund ein Drittel (vier Regimenter bzw. 16 Bataillone) seiner Streitmacht in Reserve gehalten, anstatt alles auf eine Karte zu setzen. Und während sich die russische Artillerie so gut wie gar nicht bewegte, obwohl ja ihre brillante Manövrierfähigkeit bei der Parade gerühmt wurde, hatten die Engländer und Franzosen die Geschütze ihren Truppen folgen lassen, was die Russen aus der bekannten Angst unterließen, Geschütze zu verlieren.
    Auf allen Seiten waren die Verluste hoch: über 4000 Mann bei den


    Seite 207

    Alliierten, darunter neun Generäle; die russischen Verlustzahlen erreichen 12000 Mann, darunter sechs Generäle und 289 Offiziere.
    Die Russen konnten noch nicht einmal ihre Schwerverwundeten bergen. Sie hatten zwar die Schlacht verloren und damit die Hoffnung, die Alliierten ins Meer zu werfen, doch blieb die Niederlage nicht ohne günstige Auswirkungen Für die Engländer bedeutete die Schlacht von Inkerman ein Pyrrhussieg. Der Plan, am 7. November Sewastopol zu stürmen, musste aufgegeben werden. Raglans Ziel, den Winter auf keinen Fall auf der Krim zu verbringen, war fehlgeschlagen. Denn nun betrat ein neuer Feind den Schauplatz — General Winter, der alte Verbündete Russlands.

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  13. #33
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    Novemberstürme

    Auf die Engländer und Franzosen kam nun die schaurige Pflicht zu, das Schlachtfeld aufzuräumen. In einem formellen Brief baten Raglan und Canrobert Fürst Menschikow, sich an der Bergung der toten und schwerverwundeten Russen zu beteiligen. Doch Menschikow lehnte ab: das sei die Aufgabe desjenigen, der das Schlachtfeld behaupte, also die des Siegers. Über drei Tage brachte man mit dem Einsammeln der Toten zu, die in seltsam verkrümmten Stellungen die Höhen von Inkerman bedeckten, noch im Tod hatten sie ihre Gewehre an si
    geklammert. Allerdings unterließ man es, in den unwegsamen Tälern nach Russen zu suchen; noch Jahre nach Beendigung des Krimkrieg
    sollten Einwohner aus der Stadt hier auf die Skelette von Soldaten stoßen. Über 4000 tote Russen kamen ins Massengrab. Die Türken, die ja an der Schlacht nicht beteiligt gewesen waren, wurden
    Leichenträger eingesetzt.
    Zur großen Überraschung der gefangenen Russen stellten sich die Engländer und Franzosen nicht als Ungeheuer heraus, schnitten ihnen auch nicht die Ohren ab, wie ihnen ihre Vorgesetzten versichert hatten, ganz offensichtlich in Erinnerung an die Bräuche aus der Kriegen mit den Türken.
    Es war ein deutscher Prinz, Eduard von Sachsen-Weimar, der aL Adjutant Lord Raglans auf der Krim stand und die Queen Victoria persönlich von den schrecklichen Ereignissen informierte, wobei c auch nicht auf so unerhebliche Details verzichtete, daß eine Granate


    Seite 208

    im Lager der 2. Division einen Offizierskoffer getroffen habe und dessen Inhalt in alle vier Winde zerstreut: »Niemals werde ich den Anblick der toten und sterbenden Russen vergessen, einige dieser armen Unglücklichen hatten wenigstens 60 Stunden auf dem Felde zu liegen, bevor sie in die Lazarettzelte geschafft werden konnten. Die Mehrzahl starb natürlich. Ich fürchte, das ist eins der notwendigen Übel des Krieges, denn wir mussten unsere eigenen Leute natürlich zuerst versorgen.«
    Die Schlacht von Inkerman hatte noch ein übles Nachspiel. Nach Gerüchten war es auf russischer Seite zu Übergriffen gekommen, angeblich hatte ein russischer Major seine Soldaten ermuntert, auf der Erde liegende englische Verwundete zu töten. Dieser Major geriet durch einen Zufall in englische Gefangenschaft, doch konnte ihm kein Kriegsverbrechen nachgewiesen werden.
    Trotzdem hatten die beiden alliierten Oberbefehlshaber bereits bei Menschikow Protest eingelegt, obwohl sie selber fairerweise zugaben, daß in einer kämpfenden Armee einzelne Gewalttaten schwer zu verhüten seien — »solche Handlungen sind allerdings bei uns durchaus nicht zu befürchten, weil sie nicht nur dem Kriegsbrauch als auch den Vorschriften des Christentums zuwider sein würden«. Menschikow wies den Vorwurf natürlich zurück und beschwerte sich seinerseits, daß die christlichen Belagerer die Plünderung christlicher Kapellen auf der Krim geduldet hätten.
    In der Tat gab es einen englischen Soldaten, der von den Russen trotz seiner Verwundung mehrmals bajonettiert worden war; doch hatten ihn seine eigenen Leute wiederum nachher hochgehoben und brutal auf den Boden fallen zu lassen, um zu sehen, ob noch Leben in ihm war. Bei den Briten waren es die Regimentsmusiker, die als Kranken- träger abgestellt wurden. Die Belagerungsarbeiten waren trotz der Kämpfe mit der russischen Entsatzarmee weitergegangen. Am 1. November hatten die Franzosen den dritten Parallelgraben angelegt und waren damit nur noch 150 m von der Mastbastion an der Woronzow-Straße entfernt. Zu den artilleristischen Neuheiten gehörte auch eine mobile Batterie von sechs leichten Mörsern, die je nach Notwendigkeit »bald hier, bald dort« aufgebaut werden konnte. Es gab keinen Tag ohne Kanonade, die Alliierten rechneten bei einem normalen Tag, an dem nichts Besonderes vorlag, mit 100 Mann Verlust, bei den Russen war es die doppelte Zahl.


    Seite 209

    Während die Franzosen die Beschießung intensivierten, ging die Tätigkeit der Engländer immer mehr zurück. Am 1. November standen ihnen nur noch 550 Schuß für die schwere Belagerungsartillerie zur Verfügung, auch steckten sie noch immer in ihrer ersten Parallele, da ihnen die Grabungsarbeiten wenig zusagten.
    Nach dem 5. November machte sich eine allgemeine Entmutigung im Lager der Engländer breit. General de Lacy-Evans empfahl sogar Raglan, die Belagerung aufzugeben. Viele Offiziere quittierten ihren Dienst und reisten ab. Auch machte die Abreise des Prinzen Napoleon und des Herzogs von Cambridge, des Kommandeurs der Garde- Division, in der Öffentlichkeit einen schlechten Eindruck. Aber nur im Fall des Prinzen reiste ein Mann ab, der sich weder in die Hierarchie noch in das Lagerleben hatte einordnen können. Der Duke of Cambridge war nach dem blutigen Gemetzel auf den Höhen von Inkerman einem Nervenzusammenbruch nahe, er hatte sich nicht den Anforderungen gewachsen gezeigt und mehr Unordnung angerichtet als Ruhe in seine Truppen zu bringen. »Alle meine Waffenbrüder sind tot, meine Schuld ist es nicht, wenn ich nicht mit gefallen bin«, wiederholte er. Man befürchtete einen Selbstmordversuch.
    Hinzu kam die Tatsache, daß sich die Generäle gegenseitig mit Vorwürfen bedachten. General Burgoyne wurde als »nincompoop«, also als Trottel bezeichnet. General Brown, der sich noch immer als der Sieger von der Alma vorkam, als »der größte Idiot der britischen Armee«.
    Eine Woche nach dem Sieg bei Inkerman mussten die Alliierten einen weiteren schweren Rückschlag hinnehmen, der für den kommenden Winter nichts Gutes verhieß. Am frühen Morgen brach ein orkanartiger Sturm los, unter dessen verheerender Wucht das Lager der Engländer und Franzosen in eine Trümmerlandschaft verwandelt wurde. Zelte und Holzbaracken wurden in die Höhe gerissen und über die Ebene verstreut, der strömende Regen verwandelte die Schluchten und Vertiefungen in Schlammseen, Pferde ertranken, Laufgräben standen knietief unter Wasser, das wegen des felsigen Untergrunds nicht absickern konnte, die Pulvervorräte in den Magazinen wurden durchnässt.
    Am schlimmsten traf die Engländer die Wucht der Sturmsäule im Hafen von Balaklawa, wo auch Depots und Materialschuppen standen. In dem schmalen, sackähnlichen Hafenbecken herrschte ohne


    Seite 210

    hin eine drangvolle Enge, die wenig englischen Ordnungssinn verriet. Mehrere Schiffe gingen auf Grund, stießen ineinander oder wurden so beschädigt, daß sie in die Werft mussten. Kurz vor der Einfahrt der Bucht sank der Schraubendampfer Prince, mit ihm gingen nicht nur der so dringend benötigte Munitionsnachschub unter, sondern auch die Winterbekleidung: 40000 Überröcke, Socken, Handschuhe, Stiefel, also die gesamte Ausrüstung der Armee. Von 150 Mann Besatzung überlebten nur zehn. Weiterhin sank die Resolute mit 900 Tonnen Schießpulver an Bord.
    Zwischen Sewastopol und Eupatoria wurden mehrere Kriegsschiffe und 17 Transportschiffe auf die weit ins Meer reichenden, gefürchteten Sandbänke gedrückt, darunter der Schraubendampfer Lord Raglan. Das französische 100-Kanonen-Linienschiff Henri lV trieb in der Bucht von Eupatoria an Land. Seine Kanonen wurden später geborgen und vor Sewastopol eingesetzt. Das Gestade der Krim war mit Schiffstrümmern und Leichen übersät. Kosaken feuerten auf die Matrosen, die sich nicht ergeben wollten. In Panik geratene Kapitäne setzten ihre gestrandeten Schiffe in Brand, damit die Ladung nicht in russische Hände fiel. Kriegsschiffe feuerten auf die in Rudeln umherschweifenden beutegierigen Kosaken. Nach Bazancourt bedeutete der 14. November beinahe der Untergang der verbündeten Flotte.
    Aber auch Sewastopol wurde durch den Sturm in Mitleidenschaft gezogen. Inder Bucht, die man für völlig sicher gehalten hatte, sanken mehrere Schiffe, andere rissen sich von ihrem Anker los, trieben aufeinander zu und gerieten mit ihrer Takelage ineinander, Masten brachen. »Es war, als ob der Orkan die Stadt aus ihren Grundfesten reißen und in das Meer hinausschleudern wollte«, kritzelte der deutsche Arzt in sein Tagebuch. Ältere Offiziere, auf der Flotte des Schwarzen Meeres »alt und grau« geworden, waren der Überzeugung, in ihrer mehr als dreißigjährigen Dienstzeit kaum zwei oder dreimal ein solches Unwetter erlebt zu haben »Ware ich Fürst Menschikow, so wurde ach diesen Aufruhr der Elemente zu einem plötzlichen Angriff benutzen, denn eine bessere Gelegenheit, den Gegner vollständig unvorbereitet zu Überraschen als die jetzige, findet sich wohl schwerlich jemals wieder, aber alles steckt jedoch auch bei uns den Kopf unter die Decke und niemand denkt daran, diese unverhoffte Gunst des Himmels gebührend auszubeuten«, man trank offensichtlich lieber auf den Untergang des Feindes Allerdings nutzten


    Seite 211

    die Russen die Gelegenheit dann doch zu einem Angriff auf Eupatoria, jedoch erfolglos.
    Nach einer Woche trat endlich besseres Wetter ein. Am 6. Dezember verließen zwei russische Kriegsdampfer die als unpassierbar geltende Schiffsbarriere an der Hafeneinfahrt und griffen alliierte Kriegsschiffe an, beschossen die Belagerungsanlagen der Franzosen und kehrten unbehelligt zurück, bevor die Gegner genug Dampf in ihren Kesseln hatten, um nachsetzen zu können. Danach wurde die letzte Lücke in der Hafeneinfahrt endgültig gesperrt. Es war der letzte dramatische Vorfall im alten Jahr. Der wenig spektakuläre Kampf mit den Elementen, mit Kälte, Schnee und Eis begann.


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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    VII. Zermürbungskrieg Preußen - zwischen zwei Stühlen

    »Mit der Belagerung von Sewastopol beginnen die monotonen und nivellierenden Operationen, bei denen die Artillerie dominiert — das Vorbild künftiger Material- schlachten.«
    Ernst Jünger 1974

    In England und Frankreich erwartete man tagtäglich den Fall von Sewastopol, wie Baron Hübner in Paris schrieb. Dabei hätte man es sich schon bei der unter außerordentlichem Pomp vollzogenen Beisetzung Saint-Arnauds im Invalidendom am 16. Oktober 1854 denken können, daß Wunsch und Vorstellung ganz offensichtlich nicht mit der Wirklichkeit auf dem Kriegsschauplatz übereinstimmten, wenn man sich ein näheres Bild von den Offizieren und Adjutanten machte, die den Leichnam des Marschalls von Frankreich auf seiner Fahrt durch das Mittelmeer begleitet hatten und »selber wie Leichen aussahen«. Nach den Worten eines Frontoffiziers konnte sich niemand »von den Entbehrungen, den Krankheiten, den Leiden aller Art im Lager und besonders in den Laufgräben« einen Begriff machen. »Ihre eingefallenen Wangen, bleichen Gesichter, der erloschene Blick« hinterließen - wie Hübner bemerkte - einen peinlichen Eindruck bei der zahlreichen, hochkarätigen Begräbnisgesellschaft
    Die anfängliche Unzufriedenheit mit Raglan war im britischen Kabinett nach der Schlacht an der Alma und dem »wunderbaren Marsch« nach Balaklawa in höchstes Lob umgeschlagen Optimistisch wünschte ein Regierungsmitglied den Invasionstruppen ein »fröhliches Weihnachtsfest« und machte den Krimkampfern schon jetzt auf einen ehrenvollen Empfang in der Heimat im kommenden Frühjahr Aussichten Ein Brief, den Raglan am 23 Oktober 1854 nach London richtete, um auf die Erfahrungen des ehemaligen britischen Konsuls Catley in Kertsch hinzuweisen, der vor der »russischen Kalte« warnte, blieb ohne Beachtung
    Wahrend die Lage vor Sewastopol stagnierte, kam es in der Politik nun doch zu entscheidenden Weichenstellungen Obwohl der österreichische Kaiser betonte, eine defensive Allianz mit Preußen sei ihm


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    lieber als eine offensive mit England und Frankreich, blieben in Berlin die Befürchtungen bestehen, Österreich würde zuletzt doch noch zu den Westmächten übergehen. Ein Indiz war der enge Kontakt zwischen Hübner und dem französischen Außenminister. Die alte Furcht vor der »Isolierung« ging um. Friedrich Wilhelm IV. wurde zusehends nervöser, während seine Berater zum Abwarten rieten. Im Oktober bot der preußische König schließlich Wien eine »Bekräftigung« des Bündnisvertrages vom April in Form eines Zusatzartikels an, »um Osterreich zum Stillstand auf dem verderblichen Weg zu bringen«.
    Österreich fühlte sich nun in der Situation des Umworbenen und war nicht dazu bereit, bedingungslos ein Zusatzabkommen zu unterzeichnen. Offiziell teilte Buol am 9. November mit, er wolle sich weder zur Defensive gegenüber Russland verpflichten, noch es bei der Festlegung auf die vier Punkte bewenden lassen. Doch in einer weiteren, diesmal vertraulichen Depesche, gab er seine Zusicherung, sich »aufs wärmste« bei den Westmächten für Russland einzusetzen und versprach sogar, mit keiner fremden Macht Abkommen zu treffen ohne vorherige Information seines Bundesgenossen Preußen.
    In dem erweiterten Abkommen sollte Preußen allerdings festgenagelt werden, den casusfoederis ‚ also den Bündnisfall auch dann in Kraft zu setzen und damit Österreich militärisch beizustehen, wenn es auf dem Gebiet der Donaufürstentümer, die Österreich zusammen mit den Türken besetzt hielt, von Russland angegriffen würde. Außerdem wollte man nun gemeinsam mit den deutschen Mittelstaaten auf die Annahme der vier Punkte in Petersburg drängen, und das bedeutete, daß Preußen auch im Frankfurter Bundestag für die Mobilisierung der Bundesstreitkräfte stimmte, falls es zum Krieg Österreichs gegen Russland kam.
    Den Konservativen um Gerlach, die die Entfernung von Russland kritisierten, obwohl sie der Politik des Zaren nicht unbedingt zustimmten, gefiel dies alles nicht; doch war der Entschluss Friedrich Wilhelm IV., auf die Bedingungen Österreichs einzugehen, im November gar nicht mehr so extrem, da sich Petersburg immer mehr mit dem Gedanken vertraut machte, die Bedingungen der Westmächte zu akzeptieren. Daß Russland nicht das Vertrauen zu Preußen verlor, war zu einem guten Teil dem geschickten neuen preußischen Gesandten in Petersburg, Carl Freiherrn von Werther, zuzuschreiben; er gab dem Zaren den Rat, die vier Punkte erst einmal anzunehmen und


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    dann in den Verhandlungen auf Änderungen zu bestehen, obwohl der österreichische Außenminister zwei Schritte unternommen hatte, die den Zaren aufs äußerste verärgern mussten.
    Gegen den Willen des österreichischen Generalstabschefs überredete Buol den Kaiser, in eine Ausweitung der Operationen über die Grenzen der Donaufürstentümer hinaus einzuwilligen, und zwar sollte den Türken unter Omer Pascha gestattet werden, die russische Grenze am Pruth zu überschreiten. Buols Argument: Österreich könne unmöglich im Sinn haben, die Türken »an der Besitzergreifung dessen, was ihnen rechtens gehöre, zu hindern!« Buol kalkulierte damit den Zusammenstoß österreichischer und russischer Truppen ein, falls letztere die Türken bei einer fehlgeschlagenen Operation auf das Gebiet der Donaufürstentümer verfolgten. Es war der Zar, der diese neue gefährliche Lage durch den Befehl an seine Truppen entschärfte, auf die Türken zu schießen und vor den Österreichern »zu präsentieren«.
    Natürlich war der Zar auch über das Glückwunschtelegramm Franz Josephs an Napoleon III. nach der Schlacht an der Alma verbittert, da sich der österreichische Kaiser — seiner Meinung nach — ganz offensichtlich »über den Tod Tausender Russen freue, die für die Ehre ihres Herrschers gefallen seien«. Gerlach bezeichnete es als Unverschämtheit, den Türken den Übergang über den Pruth zu ermöglichen und Russland die Verfolgung türkischer Soldaten zu verbieten. Österreich, nicht Russland war für ihn der »Kriegshetzer«.
    Weiterhin ließ Buol am 22. Oktober 1854 die totale Mobilmachung der gesamten österreichischen Armee anordnen, was zur Folge hatte, daß in Kürze über 300 000 Mann und 1000 Geschütze an der österreichisch-russischen Grenze standen; eine Anordnung, die nach den üblichen Regeln als Kriegserklärung ausgelegt werden konnte.
    Für Buol bot der Krimkrieg die einzigartige Gelegenheit, Österreich als gleichberechtigte Großmacht neben Frankreich und England zu etablieren und damit ein entscheidendes Wort beim Ausgang des Krieges mitzusprechen. Das Risiko eines Krieges mit Russland wurde dabei bewusst eingegangen. Durch den österreichischen Truppenaufmarsch an der Westgrenze des Zarenreiches sollte Russland daran gehindert werden, weitere Truppen aus dem Westen abzuziehen und auf die Krim zu werfen.
    Mehr noch. Hübner erhielt am 30. Oktober die Anweisung aus Wien,


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    die abgebrochenen Allianzverhandlungen in Paris wieder aufzunehmen und Napoleon III. zu bitten, auch London von den nunmehr ernsthaften Absichten der Österreicher zu überzeugen. Österreich drängte sich förmlich den Westmächten auf und bestand sogar auf eine Fristenverschärfung gegenüber Russland. Als Termin für Russlands »Unterwerfung« sollte nun der 31. Dezember und nicht erst der April 1855 festgesetzt werden. Einzige Bedingung Österreichs war die Aufnahme einer Klausel in den Tripelvertrag, in der sich die Alliierten verpflichteten, »durch uns in Friedensverhandlungen mit Russland zu treten, wenn es die vier Punkte bedingungslos akzeptiert«. Napoleon III. versprach Hübner, sein Möglichstes zu tun. Er beglückwünschte Franz Joseph, nunmehr zu den »drei großen Reichen« zu gehören, die Europa den Frieden vorschrieben, »wenn sie in der Verteidigung der Angelegenheit der Ordnung und der Zivilisation übereinstimmen«.
    Doch die schwere Niederlage bei Inkerman gab in Petersburg den letzten Anstoß, Verhandlungen aufzunehmen. Am 28. November traf die Zustimmungserklärung des russischen Kabinetts in Wien ein. Zwei Tage zuvor war in Wien das Zusatzabkommen mit Preußen unterzeichnet worden.
    Es war zugleich der letzte Versuch, Österreich von dem Übertritt zu den Westmächten zurückzuhalten; eine vergebliche Hoffnung, wie sich bald herausstellte. Die Hoffnung des Zaren, Preußen von Österreich zu trennen und »wie 1813 und 1814 zusammen zu stehen oder zufallen«, hatte sich allerdings auch nicht erfüllt. Durch Edwin von Manteuffel hatte Friedrich Wilhelm IV. dem Zaren deutlich sagen lassen, daß ein »Treuebruch« für ihn nicht in Frage kam, trotz der für Preußen wichtigen Freundschaft Russlands.
    Für Österreich dagegen war ein Treuebruch kein moralisches Problem, obwohl man in Wien ebenso wie in Berlin seit langem von der Absicht des Zaren zum Einlenken wusste. Für den Neutralitätswunsch Preußens hatte Buol, der sich in seiner Verhandlungskunst unfehlbar vorkam, von Anfang an kein Verständnis gehabt, für die politischen Wünsche der deutschen Mittelstaaten blieb nunmehr nur noch Verachtung übrig: »Eine große Einigung mit Deutschland, um nach Osten und Westen hin den Ausschlag zu geben, ist ein schöner, aber leerer Traum. Preußen fühlt nur Haß und Missgunst für uns, und die kleinen Staaten kann man nur zu dem, was ihnen frommt, zwingen.«
    In Österreich glaubte man sich im Herbst 1854 am Ziel aller politischen


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    Wünsche. Im Deutschen Bund hatte man wieder die Führungsrolle übernommen, Preußen durch einen Zusatzvertrag an sich gebunden, gegenüber Russland Selbständigkeit demonstriert, und gleichzeitig durch die Verbindung mit den Westmächten den territorialen Zugewinn auf dem Balkan abgesichert. Und auch die italienischen Besitzungen schienen durch die enge Beziehung mit Frankreich weiterhin garantiert; im Gespräch war ein Geheimvertrag mit Frankreich, der den Status quo in Italien für die Dauer des Krieges fest- schrieb - und das alles »ohne einen Flintenschuß«. Österreichs Farben wehten von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer.
    »Ganz reuevoll kehrt man in Österreichs Schoß zurück«, stellte Prokesch in Frankfurt fest, der nun auch Bismarck an die Kandare gelegt sah, »auch Preußen fügt sich.«
    Vergeblich warnte Bruck im fernen Konstantinopel vor der Freundschaft Englands und Frankreichs: »Man bekämpft den Einfluss Russlands, um sich den Alpdruck Englands und Frankreichs aufzuladen!«
    Aber der Vertrag war bereits in Paris paraphiert worden und galt als so gut wie abgeschlossen. Nur die Engländer blieben skeptisch. »Wir werden nun einen Allianzvertrag unterzeichnen«, sagte Palmerston Hübner unverblümt ins Gesicht, als sie sich in Paris begegneten, »er wird ein totgeborenes Kind sein.
    Unter Allianz verstehe ich Ihre Beteiligung an dem Kriege. Nun aber werden Sie nie gegen Russland Krieg führen. . .
    Der Vertrag sah vor: keine separaten Friedensverhandlungen mit Russland ohne vorherige gegenseitige Verständigung, die Verteidigung der Donaufürstentümer durch Österreich, den Abschluss eines Offensiv- und Defensivbündnisses für den Kriegsfall — von einer Kriegsbeteiligung war also nicht die Rede; noch nicht. In krassem Missverhältnis zu dieser Politik der Stärke standen Österreichs Staatsfinanzen. Die politische Annäherung an Frankreich ging einher mit Anleihen vom französischen Kapitalmarkt gegen Verkauf und Verpachtung österreichischer Staatsbetriebe und Überlassung eines Teils der österreichischen Eisenbahnen.
    Ausgerechnet am 2. Dezember 1854 - dem Jahrestag von Austerlitz und der Wiedererrichtung des französischen Kaiserreiches - wurde der Bündnisvertrag Österreichs mit den Westmächten unterzeichnet. Der Austausch von Militärataches folgte.


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    Obwohl man seit langem durch den preußischen Gesandten in Paris von den Verhandlungen Ahnung hatte, schlug die Nachricht in Berlin wie eine Bombe ein. »Österreich hat uns von neuem verraten, man will uns verderben«, so Friedrich Wilhelm IV. Er dachte zuerst sogar daran, preußische Truppen an der schlesischen Grenze zu Österreich aufmarschieren zu lassen und wurde durch den Jahrestag der Schlacht bei Leuthen am 5. Dezember dazu inspiriert, beruhigte sich aber unter dem Einfluss Manteuffels, der mit Buols Doppelspiel gerechnet hatte. Prinz Wilhelm sah in der neuen Situation nur die Quittung für das monatelange »Schwanken« der preußischen Politik.
    Buol überließ seinem Gesandten in Berlin das delikate Geschäft, die erneute Brüskierung seines Bundesgenossen zu rechtfertigen. Nunmehr hieß es, daß eine Defensivallianz mit Deutschland eine Offensivallianz mit den Westmächten nicht ersetzen könne, eine festere Verbindung mit den Westmächten diene überdies »zur Erreichung des gemeinsamen Zweckes«.
    Erst recht musste sich der Zar hintergangen fühlen. Es war wenig glaubhaft, daß die neue Bündnisverpflichtung »aufs Versöhnlichste« gemeint war, wie Buol Gortschakow versicherte, und nur zeitlich mit dem Entgegenkommen Russlands »unglücklich zusammenfiel«.
    In der Geschichtsschreibung hielt sich lange die Legende, Franz Joseph habe im letzten Augenblick, als er von der Annahme der vier Punkte durch Russland erfuhr, versucht, den Vertragsabschluß rückgängig zu machen und sei von den Westmächten förmlich gezwungen worden, zu seiner Zusage zu stehen.
    In Wahrheit gab es keine Unstimmigkeiten zwischen Minister und Kaiser. Zu dieser Geschichtsfälschung gehört auch die Anekdote, Franz Joseph hätte sich in diesem Herbst 1854 mehr um sein junges Eheglück mit »Sissi« und um die Auerhahnj agd gekümmert als um Buols Aktivitäten auf dem diplomatischen Parkett.
    Preußen war isoliert, seine Neutralität gefährdet, da es nun auf sich selbst gestellt zwischen Ost und West stand — »zwischen zwei Stühlen«, wie Gerlach befürchtet hatte. Für Napoleon III. spielte nunmehr Frankreich die Hauptrolle im europäischen Konzert: »Jetzt ist Deutschland mit uns, und der Zar hat aufgehört, der Schutzengel der deutschen Regierung zu sein.«
    Am 31. Dezember 1854 zog Gerlach die Bilanz: »England und Frankreich in einer unnatürlichen Allianz« - der sich nun auch noch der


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    »Kriegshetzer« Österreich zugesellt hatte - »führen einen Krieg ohne Zweck und rufen ein Gottes-Urteil in der Eroberung oder Nichteroberung von Sewastopol an, die von Wind und Wetter, Hitze und Kälte, nicht nur von Menschen abhängt«.
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  15. #35
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    General Winter

    Mit Eintritt des Winters verlor der Krieg endgültig allen Glanz. Das prächtige Bild, das die englische Kavallerie bei ihren Attacken geboten hatte, gehörte der Vergangenheit an. Wenn viele englische Offiziere den Krieg schon deshalb verabscheuten, weil er die Uniformen verdarb, so war das Lagerleben noch weniger geeignet, die Kriegslust zu fördern. Mit den Infanteristen und Artilleristen war kein Staat mehr zu machen. Seit der Schlacht an der Alma waren sie kaum aus ihren Uniformen gekommen. »Die Parademäßigkeit der äußeren Erscheinung des Soldaten wie auch des Gardeoffiziers machte mit reißender Schnelligkeit Platz für die Unsauberkeit und Zerlumptheit des Lagerlebens, ein übler Umstand für eine Nation, welche ihren Stolz darin setzt, unter allen Völkern die meiste Seife zu verbrauchen«, stellte etwas gehässig ein Beobachter fest. Das Scharlachtuch glich nur noch schwach dem strahlenden Rot von einst, die goldenen Epauletten und Tressen waren matt und verblichen, die Stiefel zerrissen.
    »Gestern musste ich durch alle Laufgräben gehen«, berichtete der Stabsoffizier Calthorpe nach London, »es regnete meist die ganze Zeit, und nie habe ich etwas dem Schmutz Ähnliches gesehen, den wir zu durchwaten hatten. Die Leute sahen größtenteils erfroren und elend aus. Alles, was sie trugen, war durch und durch naß, und selbst wenn sie endlich nach ihren Zelten zurückkehren, haben sie keine trockenen Kleider anzuziehen«. Schon aus der Ferne roch man buchstäblich eine Ansammlung von Soldaten.
    Die Zahl der Kranken stieg dramatisch an. Im ganzen waren fast 11000 Mann dienstunfähig, fast ein Drittel der englischen Armee.
    In den Lagern konnte kaum Feuer gemacht werden, da es kein Brennholz gab. Nach dem Ende des Sturms hatten die Matrosen die Schiffstrümmer im Hafenbecken von Balaklawa geborgen. An den Felsenriffen und Ufern lagen ganze Berge von Masten, Planken und Raastangen der geborstenen und gesunkenen Fahrzeuge, »mit denen das


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    britische Lager sich wochenlang wärmen und sein Essen kochen könnte«, schrieb Russe!! für die Times, »aber man läßt dieses Holz lieber verfaulen, da die Befehlshaber der Flotte es denen am Lande nicht gönnen« - ein Zeichen der alten Rivalität zwischen Marine und Landheer.
    Die Wache in den Gräben wurde im 24-Stunden-Rhythmus abgewickelt. Eine Nacht musste in dem mit Wasser angefüllten Frontgraben zugebracht werden, wo natürlich auch kein Feuer angezündet werden durfte, um sich gegen die Kälte zu schützen. »Den Rücken an Schanzkörbe gelehnt, auf einem Haufen Steine stehend, mit dem Gewehr in Schußbereitschaft, fast ohne einander zu sehen, kämpfen Offiziere und Gemeine gegen den Schlaf an«, schrieb Russell weiterhin, der sich in eigener Person von den Zuständen überzeugte.
    Der Krieg ging trotzdem weiter. Die Russen überraschten die erschöpften Wachen der Alliierten immer wieder durch Ausfälle aus dem Festungsbereich. Viele Engländer wurden im Schlaf erstochen. Den Russen brachten diese Unternehmen nicht viel Gewinn, da sie selbst Verluste hinnehmen mussten. Die Kanonen, die sie in den feindlichen Stellungen vernagelten, um sie unbrauchbar zu machen, waren meist schon am nächsten Tag wieder schußfertig, »entnagelt«. Weitaus mehr als durch die tägliche Gefahr, getötet oder verwundet zu werden, wurden die Soldaten durch die Cholera entmutigt, mit der ständig zu rechnen war.
    Die Franzosen, die übrigens ihren Kriegshafen in der Bucht von Kamiesch ungleich ordentlicher hielten als die Engländer Balaklawa, nutzten die Atempause, um eine feste Straße von ihrer Versorgungsbasis bis zu ihren Lagern und zu den Engländern anzulegen. Später sollte sie mit der Woronzow-Chaussee verbunden werden. Während sie zu diesem Zweck rund 6000 Mann ihrer eigenen Armee ten, um den Ausbau voranzutreiben, beschäftigten die Engländer ungefähr 1000 Türken, um die Straße von Balaklawa Richtung Plateau auszubessern. Calthorpes Meinung nach war nicht nur der z“
    Lehmboden denkbar ungeeignet, um einen Erfolg zu erzielen, son dem auch auf den Einsatz der Türken wenig Verlas; für ihn waren s die schlechtesten Arbeiter der Welt, besonders bei nassem Wetter
    Daß die Alliierten auf der Krim erschienen waren, um den türkischen Bundesgenossen bei seinem Kampf gegen den russischen Erzfeind unterstützen, schien längst in Vergessenheit geraten.


    Seite 220

    Der Türke wurde auf beiden Seiten der Front mit der größten Verachtung bedacht. Zwischen den englischen und russischen Vorposten kam es bei Inkerman im Januar zu einem Wortwechsel, der sich danach sogar noch zu gegenseitiger Hilfeleistung ausweitete, als die Russen ihren Gegnern das so bitter benötigte Brennholz schenkten. Nachdem sich englische und russische Soldaten wechselweise bescheinigt hatten, »bono« zu sein, spuckte ein Russe nach dem Wort »Moslem« auf den Boden und schnitt eine Fratze, während der Engländer auf das Stichwort »Turk« so tat, als ob er ausreißen wollte, was alle zu großer Erheiterung veranlasste. Calthrope, dem die Szene nicht verborgen blieb, fand nichts Böses dabei. Er war ohnehin der Ansicht, daß Vorpostengefechte, bei denen sich die Gegner nur belauerten, um sich bei der ersten besten Gelegenheit zu erschießen, nur unnötige Opfer kosteten. Auch Calthorpe selbst hatte noch keine Winterbekleidung bekommen. Viele Engländer trugen viel zu kleine türkische Überzieher, das Ergebnis einer Winterhilfsaktion in Konstantinopel. Viele Soldaten hatten nicht einmal eine wollene Decke; Ersatz gab es vorerst nicht; dummerweise hatte man im Herbst die kostbaren Schlafdecken als Leichentücher an Stelle von Särgen benutzt.
    Da die Truppen tagelang auf halbe Ration gesetzt werden mussten, weil auch der Landtransport zu wünschen übrig ließ, behalfen sie sich mit Pferdefleisch; wo immer ein Tier zusammenbrach, an Überanstrengung, Entkräftung oder an der Witterung verendete, waren auch sofort findige und hungrige Soldaten zur Stelle.
    Die Türken dagegen, denen neben Zwieback und Reis auch zweimal die Woche von den englischen Verpflegungsämtern Pökelfleisch zugeteilt wurde, warfen das Fleisch weg, da sie es für Schweinefleisch hielten. Die türkische Regierung schien sie vergessen zu haben. Auf beiden Seiten gab es Deserteure, jede Seite glaubte wohl, daß es der andere besser hätte. Aber nur bei den Engländern glich die Desertion schon einer Massenflucht. »Diese Unglücklichen wissen nicht genug von den Leiden zu erzählen, denen sie draußen im Lager ausgesetzt sind und man braucht nur auf die weißleinenen Hosen zu blicken, um alles, was sie über die Unordnung, Nachlässigkeit und Verschleuderung in ihrer Armee, und über den scheußlichen Betrug und die Gewissenlosigkeit ihrer Lieferanten mitteilen, glaublich und erklärlich zu finden«, hielt der deutsche Arzt in Sewastopol fest.
    Die Franzosen setzten Maultiere als Zug- und Transporttiere ein,


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    während den englischen Kavalleristen das Herz brach, wenn sie ihre Pferde sahen — »matt, müde, mit weit hervorstehenden Hüftknochen, die lebendige Erinnerung an die selige Rosinante des Ritters von der traurigen Gestalt«.
    Mit der zunehmenden Kälte nahm die gegenseitige Belästigung ab. Zwischen den erschöpften Feldwachen der beiden Gegner kam es zu regelrechten Verbrüderungsszenen. Die Offiziere machten keine Ausnahme und hielten auch das Zeremoniell ritterlicher Höflichkeit ein. Admiral Lyons schickte dem russischen Admiral Istomine, den er vom griechischen Befreiungskrieg her kannte, einen Chester-Käse, um sich für das Arrangement eines Austauschs gefangener Offiziere zu bedanken, und teilte ihm mit, wie leid es ihm täte, daß sie sich gegenwärtig »feindlich gegenüber« ständen; weil er sich an seine alte Vorliebe für englischen Käse erinnere, sende er ihm einen Chester, das sei besser als eine Kugel! Istomine revanchierte sich mit einem Rehbock. Kam jedoch der entsprechende Befehl, ging der Kampf weiter. »Auf ein gegebenes Zeichen grüßt man sich im Kriege, auf ein anderes gegebenes Zeichen schießt man auf einander - so ist nun einmal der Kriegsbrauch«, resümierte Russell.
    Ein Soldat des englischen 7. Füsilier-Regiments erschoss sich nach einer durchwachten Nacht in dem vorderen Grabenstück. Seinen Kameraden hatte er kurz vorher anvertraut, den strengen Winter und die harte Arbeit nicht länger ertragen zu können, er sei entschlossen, seinem Leben ein Ende zu machen. Wie Calthorp herausfand, hatte er sechzehn Jahre in dem Regiment gedient und sich stets sehr gut geführt
    Hoher Schnee lag in den Tälern, ein eisiger Nordwind fegte über kahle, unwirtliche Plateau, auf welchem die meisten Truppen noch immer unter leinenen Zelten lagen.
    Den Russen erging es nicht besser. Nach der verlorenen Schlacht v“ Inkerman hatte der ehemalige Militär-Gouverneur von Odessa, von Osten-Sacken, den glücklosen General von Dannenberg im Oberkommando der 4. Division abgelöst und gleichzeitig auch den Oberbefehl über die Garnison von Sewastopol übernommen. Viele russische Offiziere sahen in der Unfähigkeit General Dannenbergs die Ursache an der Niederlage bei Inkerman, auch Leo Tolstoi Der junge Leutnant der Artillerie hatte sich freiwillig nach Sewastopol gemeldet, als er von dem Tod eines alten Kameraden in


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    Schlacht erfuhr; das Leben in der Etappe erschien ihm unerträglich, wo mit gesellschaftlichen Veranstaltungen, Bällen und festlichen Diners alles so weiterlief, als ob es gar keinen Krieg gäbe, in dem Russland um seine Existenz kämpfte. Der ziellose Landadlige, am Spieltisch fast um Hab und Gut gebracht, begann sich in einen ernsthaften Mann zu verwandeln, der in der patriotischen Liebe zu seinem Land und zu seinem Volk neuen Halt fand.
    Der Kampf um Sewastopol begeisterte Tolstoi, obwohl ihn die Realität des Krieges zunächst einmal schockierte, weil der erste Eindruck von der belagerten Stadt gar nicht heroisch, eher unerfreulich war, so das abstoßende Durcheinander von Front, Biwak und städtischem Treiben, da ja ein Teil der Bevölkerung in Sewastopol geblieben war.
    Nach der Überfahrt über die große Bucht kommt Tolstoi mit dem Kriegsalltag in Berührung: »Keine Spur von Enthusiasmus, Todesbereitschaft, äußerste Entschlossenheit.« Auch die überfüllten Frontlazarette sind kaum geeignet, die Stimmung zu heben. Tolstoi schreckt nicht davor zurück, eine dieser Stätten im ehemaligen Offizierskasino der Stadt zu besuchen, wo man »den Krieg nicht in seiner schönen, glänzenden Form sieht, mit Musik und Trommelschlag und wehenden Fahnen, sondern in seiner wahren Gestalt, in Blut, Leiden und Tod«. Auf den Straßen begegnet er den Leichensammlern, von Kamelen gezogenen Karren.
    Er selber gehört zur Artillerie der vierten Bastion, der Mastbastion, dem französischen Feuer am meisten ausgesetzt ist. Hinter einer
    Barrikade beginnt der Weg zur vorderen Linie. Es geht an unbewohnten Häusern vorbei, Türen und Fenster sind vernagelt, die Dächer zertrümmert. Auf dem Weg stolpern die Kolonnen über herumliegende, verrostete Kanonenkugeln, über Ziegeltrümmer, treten in Wassergefüllte Granatlöcher. Auf der steilen Anhöhe erreicht Tolstoi zuerstdie Redoute Jasonow, die auf allen Seiten von Schanzkörben, Erdhütten, Wällen und Geschützplattformen umgeben ist; das von Gräben durchzogene, aufgewühlte Gelände macht mit seinem Durcheinander von Blindgängern, Vollkugeln, Eisensplittern, Ausrüstungsgegenständen den Eindruck einer Müllhalde.
    Aber erst ab hier ist der Weg wirklich gefährlich. Ein schmaler Laufgraben führt zur Bastion. Er wird in gebückter Haltung passiert, während die Kugeln über die Kopfe hinweggurgeln und pfeifen


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    Matrosen von der Ablösung quetschen sich vorbei, Soldaten mit Tragbahren, auf denen wimmernde, schlamm- und blutbespritzte Bündel liegen. Aus dem Graben führen Nebenwege zu anderen Stellungen, zu Stolleneingängen, wo Minensprengungen vorbereitet werden. In der Batterie zeigt ein Marineoffizier dem Neuen durch eine Schießscharte vorsichtig den Feind, der nur 120 Schritt entfernt ist - ein weißer Steinwall, kein Mensch ist zu sehen. Doch bei Tag ist es wegen der gegnerischen Scharfschützen gefährlich, die »Masken«, das Mattengeflecht von den Kanonenscharten zu nehmen. Ein Abschuss! Die ganze Stellung vibriert, der Körper zittert, dicker Pulverqualm erfüllt die Stellung. Tolstoi bewundert die Ruhe, Konzentration, Unaufgeregtheit, mit der die Matrosen ihrer Pflicht nachkommen. Ihn erfülle Stolz, schreibt er gleich in seiner Erzählung »Sewastopol im Dezember«; Schlichtheit, Ausdauer - darin besteht für ihn die Stärke des russischen Soldaten. Er ist überzeugt, daß »es unmöglich ist, die Kraft des russischen Volkes zum Wanken zu bringen«.
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    Ein neuer Alliierter

    In dieser desolaten Situation sahen sich die Westmächte nach einem neuen Bundesgenossen um. Der englisch-französisch-türkische Allianzvertrag vom 10. April 1854 enthielt ohnehin den Artikel, »bereit- willig jede andere europäische Macht, die dazu geneigt ist, in ihr Bündnis aufzunehmen« Preußen weigerte sich, am »Kriegswillen« Österreichs zweifelten die Engländer; Schweden wollte es nicht n Russland verderben; Spanien hatte innenpolitische Schwierigkeiten; blieben nur die Italiener.
    Als aus dem Königreich beider Sizilien ebenfalls ein ablehnenden Bescheid kam, wandten sich die Alliierten an das norditalienische Königreich Piemont-Sardinien. Es traf sich gut, daß Nikolaus I. die diplomatischen Beziehungen zu Piemont, der einzigen konstitutionellen Monarchie in Italien, abgebrochen hatte. König Carlo-Alberto von Savoyen hatte sich am Kampf gegen Österreich beteiligt “ wenn auch mehr aus dynastischen als nationalen, geschweige d revolutionären Gründen. Die Verhandlungen mit London und Paris:
    liefen schon seit dem Frühjahr 1854. Es waren die Engländer, die«den italienischen Mittelstaat zur Teilnahme am Krieg gegen Russland aufforderten,


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    sahen sie doch in der Beteiligung eines sardischen Truppenkontingents ein Gegengewicht zum militärischen Übergewicht der Franzosen auf der Krim. Und die Norditaliener sahen im Krimkrieg eine Chance, sich der Vorherrschaft der verhassten Österreicher zu entledigen.
    Die Hoffnungen der italienischen Patrioten auf die Einigung Italiens und Befreiung von der österreichischen Militärdiktatur und politischen Bevormundung waren 1848/49 ebenso enttäuscht worden wie die der deutschen auf die Beseitigung der Vielstaaterei und auf die Beteiligung des Volkes an der Regierungsgewalt. Bis auf Piemont- Sardinien war ganz Ober- und Mittelitalien militärisch und politisch in der Hand der Österreicher, die die Politik Metternichs fortsetzten, Italien als geographischen Begriff und nicht als nationale Größe zu behandeln.
    Für die liberalen und nationalen Kräfte war Piemont die letzte Hoffnung. Schon früh war hier der Gedanke entstanden, Österreich für seinen Rückzug aus der Lombardei und die Preisgabe seiner italienischen Besitzungen durch territoriale Gewinne auf dem Balkan, speziell durch türkische Gebiete an der unteren Donau, zu entschädigen.
    1846 schrieb der spätere Ministerpräsident von Piemont-Sardinien Camillo di Cavour: »Wenn die Zukunft für Italien ein glücklicheres Schicksal bereithält, wenn, wie man nur hoffen kann, dieses herrliche Land dazu bestimmt ist, seine nationale Einheit wiederzuerlangen, dann kann dies nur als Folge einer politischen Neuordnung in Europa geschehen oder als Folge einer dieser großen Erschütterungen oder Ereignisse, die irgendwie von der Vorsehung geschickt weiden.«
    Daß der Krimkrieg die von der Vorsehung geschickte Gelegenheit zur nationalen Einigung war, dies war Cavour aber im Jahr 1854 ebenso wenig bewusst wie in Deutschland dem Bundestagsgesandten Bismarck, der Österreichs Einfluss nur einzudämmen beabsichtigte, um Preußen die Gleichberechtigung neben Habsburg zu sichern.
    Als Österreich im Dezember 1854 in das Lager der Westmächte trat, kam diese Nachricht für Piemont einer Katastrophe gleich, da man auf die alte Allianz Österreichs mit Russland, dem »nordischen Koloss und ärgsten Feind der Christenheit«, gehofft hatte. Daß die Österreicher zur gleichen Zeit auch noch ein Geheimabkommen mit Napoleon III. schlossen, in dem Habsburg für die Dauer des orientalischen Krieges


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    die Erhaltung des Status quo in Italien und damit des italienischen Besitzstandes garantiert wurde, war den Italienern dabei nicht einmal bekannt.
    Am 26. Januar 1855 wurde der Vertrag mit Piemont unterzeichnet. Turin hatte den Wünschen des englischen Außenministers Clarendons nicht nachgegeben, das sardische Kontingent nur als Hilfstruppe zur Verfügung zu stellen und dafür Subsidien zu kassieren. Clarendon wiederum hatte die Bedingungen Piemonts abgelehnt, das Königreich von Savoyen bei den kommenden Friedensverhandlungen zu beteiligen und die Erörterung der politischen Verhältnisse in Italien zuzulassen. Clarendon fand es zwar zeitgemäß, die »italienischen Verhältnisse« zur Sprache zu bringen, wenn ein allgemeiner Friede geschlossen würde, schob jedoch das Thema erst einmal auf. In einer Militärkonvention wurde die Aufstellung eines sardischen Korps von 15000 Mann festgehalten, den Transport auf die Krim übernahmen die Engländer, unentgeltlich.
    Der Vertrag war in Italien nicht unumstritten, er galt in vielen Kreisen sogar als Verrat an den nationalen Zielen, weil es sich um ein Bündnis auch mit dem »Erbfeind« handelte. In Turin kam es zu einer Regierungskrise, die Cavour, von seinem König Vittorio Emanuele II. unterstützt, erfolgreich durchstand; er plädierte dafür, die nationale Frage erst einmal aufzuschieben, auch die italienischen Großmachtambitionen als neue Macht am Mittelmeer, und erst einmal die Beziehungen z“ England und Frankreich intensiver auszunutzen: »Die Lorbeeren, welche die Soldaten Piemonts auf den Schlachtfeldern im Orient erringen«, seien für das künftige Schicksal Italiens »von größeren Nutzen als alle möglichen Deklarationen und Schreibereien«. Verständlicherweise kam auch Österreich der neue Bündnispartner ungelegen. Buol konnte von den Westmächten nur erreichen, - Turin zu den anstehenden Wiener Friedenskonferenzen nicht zugelassen wurde, übrigens ebenso wie Preußen. Anfang des Jahres strotzte Buol vor einem Selbstbewusstsein, das in seiner Arroganz gegenüber - Preußen und Deutschland seinesgleichen suchte: »Kommt es zu Krieg, so ist es mir viel lieber, Preußen hält nicht mit uns. Ein Krieg ii Preußen gegen Russland ist für uns eine große Verlegenheit. dagegen Preußen mit Russland, so führen wir mit Frankreich gegen Preußen. Da nehmen wir Schlesien; Sachsen wird wieder hergestellt und wir haben einmal Ruhe in Deutschland. Um den Preis mag


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    immerhin Frankreich die Rheinlande nehmen. Was liegt uns daran, ob sie deutsch oder französisch sind.«
    In Berlin suchte König Friedrich Wilhelm IV. nach einer Möglichkeit, die Isolation, ja Verachtung Preußens zu durchbrechen, um an den Verhandlungen zwischen den Großmächten wieder teilzunehmen. Auf keinen Fall wollte er die Beziehungen zu Österreich abbrechen, obwohl der »Hochverrat« Franz Josephs seinen Stolz zutiefst verletzt hatte. Hoffte er doch, über Österreich auf die Auslegung der vier Punkte Einfluss zu haben. Österreich war die Brücke zwischen den beiden gegnerischen Seiten in einem Krieg, in dem trotz der militärischen Auseinandersetzungen auf der Krim und auf den Weltmeeren die diplomatischen Kontakte niemals abreißen sollten. Friedrich Wilhelm IV. dachte nicht daran, dem Allianzvertrag zwischen den Westmächten und Österreich beizutreten, weil dies seiner Ansicht nach Krieg mit Russland bedeutete und Deutschland zum Schauplatz eines Weltkrieges machte. Er blieb bei seiner Politik der strikten Neutralität, bewaffnet oder nicht. Auch Moustier, dem französischen Gesandten in Berlin, wäre es wie Buol lieber gewesen, Preußen im Bündnis mit Russland zu sehen, weil »dann die Last geklärt und das Schlachtfeld genau bezeichnet wäre«.
    Preußens Situation war in der Tat prekär: Napoleon III. drohte mit der Wiederherstellung Polens durch die Entfesselung revolutionärer Propaganda und mit dem Durchmarsch alliierter Truppen durch Deutschland.
    In England war es Palmerston, der nur auf einen Vorwand wartete, um Preußens Häfen zu blockieren; dies war nur allzu begreiflich, da Russland über Deutschland seine geheimen Waffengeschäfte abwickelte, aus Waffenfabriken in den USA und in — England.
    Friedrich Wilhelm IV., »Treibender und Getriebener zugleich«, geriet im Winter 1854/55 fast in Panik und erweiterte den Kreis seiner Berater sehr zum Missfallen der alten Kamarilla, indem er den Historiker Leopold von Ranke, den fußkranken alten General Groeben und den Geheimrat Karl von Usedom, der den Vorzug einer englischen Gattin besaß, einlud, nach Berlin zu kommen und Denkschriften zur Lage Preußens auszuarbeiten, die er vor Gerlach und dem Prinzen von Preußen geheim hielt. Ranke hatte immerhin den guten Einfall zu schreiben, wer einen guten und dauerhaften Frieden wolle, dürfe nicht den Keim künftiger Zwietracht in die Verträge legen.


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    Der König suchte überall Rat, dachte aber nicht daran, sich von jemandem ernstlich beraten zu lassen, schwankte zwischen Parteien und Beratern, indem er sie gegeneinander ausspielte, aber nicht in seinem Ziel, Preußen aus dem Krieg herauszuhalten. Als Intrigant war er jedoch wenig geeignet und der Sphinx in Paris unterlegen, die auf dem Gebiet der Geheimdiplomatie bald ihr Meisterstück liefern würde. In den Fängen einer Kamarilla war der Preußenkönig jedenfalls nicht.
    Um die Verwirrung vollkommen zu machen, verfiel er wiederum auf seine alte Vorliebe, Sonderbotschafter in Spezialmission an die Höfe Westeuropas zu schicken, weil er sich von dem direkten Kontakt zwischen den Herrschern mehr versprach als von dem offiziellen diplomatischen Weg. Edwin von Manteuffel fuhr zum Kaiser nach Wien, Kabinettsrat Niebuhr nach Holland und Belgien, General von Wedell, der noch den Kampf gegen Napoleon I. im Schillschen Freikorps mitgemacht hatte, nach Paris, und Usedom nach London, in »Familienangelegenheiten«, wie der König seinem misstrauischen Ministerpräsidenten Manteuffel mitteilte.
    Im Fall der Queen Victoria unterschätzte Friedrich Wilhelm IV. die verfassungsmäßigen Verpflichtungen, durch die die Beziehung zwischen Regierung und Monarchie geregelt war, so daß die Staatsräson nicht so einfach durch persönliche Spontaneitat überspielt werden konnte. Da die Sonderbevollmächtigten parallel zu den offiziellen preußischen Gesandten des Auswärtigen Amtes auftraten, gab es eine- große protokollarische Verwirrung und sogar Belustigung, da d
    Regierung in London nicht wusste, an wen sie sich nun zu halten hatte. Clarendon sprach sogar von einer verfassungswidrigen Sendung. Di Verwirrung ging nachher sogar so weit, daß Usedom und Wedell s mit Manteuffel duellieren wollten, weil er sie angeblich hintergangen hatte. Der preußische Ministerpräsident und Außenminister erfuhr von den Inhalten der Vertragsentwürfe, die Usedom und Wedell im Diplomatengepäck mit sich führten, erst durch seine Gesandten, welche natürlich die Sondergespräche geschickt blockieren konnte wenn keine Anweisung von ihrem Chef vorlag, ohne daß es der König, erfuhr. Friedrich Wilhelms Angebot, Truppen an der Ostgrenze stationieren und Russland den Krieg zu erklären, wenn es Österreich angreifen würde, wurde überhaupt nicht ernst genommen. Die vielen Vertragsentwürfe für ein Sonderbündnis zwischen Paris


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    London und Berlin scheiterten zwangsläufig, als die Endredaktion redaction combinee — zwischen Clarendons, Napoleon III., Friedrich Wilhelm IV. und Manteuffel immer komplizierter wurde und die politische Entwicklung über sie hinweg ging.
    Es scheiterte aber auch Wiens Versuch, die deutschen Mittelstaaten durch das Angebot von Sonderbündnissen am deutschen Bundestag in Frankfurt vorbei auf seine Seite zu ziehen. Darin war der preußische Bundestagsgesandte Otto von Bismarck nicht unerheblich beteiligt. Bismarck war nicht etwa als prinzipieller Gegner Österreichs 1851 nach Frankfurt gegangen.
    Er hielt den Deutschen Bund für ein nützliches Instrument und die nationale Frage für einen Schwindel. Preußen und Österreich waren seiner Ansicht nach sogar in der Lage, ihr Jahrhundert in die Schranken zu fordern, wenn Österreich Preußen als gleichberechtigten Partner anerkannt hätte. Als er aber nach und nach erkennen musste, daß Österreich überhaupt nicht daran dachte, die Führungsrolle im Deutschen Bund aufzugeben oder zumindest mit offenen Karten zu spielen, schlug seine Kompromissbereitschaft in Haß um. Die Verlogenheit war für ihn von nun an der Schlüssel zur Erkenntnis des Habsburger Reiches, mit dem zusammen es keine Zukunft für Preußen geben konnte. Auf keinen Fall sollte Berlin seine »seefeste Fregatte an das wurmstichige alte Orlogschiff von Österreich koppeln«.
    Seine größte Sorge war, wie er im Dezember 1854 schrieb, »daß wir allmählich durch den Strom der Ereignisse zu einem Krieg gegen Russland im österreichischen Interesse geführt werden könnten. Ich gehöre nicht zu denen, welche die russischen Interessen mit den unseren identifizieren; im Gegenteil, Russland hat viel an uns verschuldet. Mir schwebt nur der Gedanke als Schreckbild vor, daß wir die Anstrengungen und Gefahren im Dienst Österreichs übernehmen könnten, für dessen Sünden der König soviel Nachsicht hat, als ich mir von unserem Herrn im Himmel für die meinigen wünsche«.
    Neben der Kriegsgefahr lag aber in der gegenwärtigen Krise auch die große Gelegenheit für Preußen, die Vormundschaft, ja das Bündnis mit Österreich, ein Relikt aus der Zeit der Heiligen Allianz, abzuschütteln.
    Nach Bismarck konnte Preußen nur durch eine souveräne und selbständige Neutralitätspolitik seine Großmachtstellung zurückgewinnen. Hierin stimmte er mit seinem König überein, wenn ihm auch die


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    Anbiederungsversuche in Richtung London und Wien missfielen. Daß er sogar ein französisch-russisch-preußisches Bündnis als gar nicht abwegig empfand, diesen revolutionären Gedanken behielt er erst einmal für sich, da ihm dafür die machtpolitische Basis in Berlin fehlte.
    Preußens Absicht, bei den Westmächten auf die strikte Einhaltung des Friedensprogramms zu drängen, stellte sich als richtig heraus. Schon jetzt stand fest, daß es keineswegs bei den vier Punkten bleiben sollte. Napoleon bezeichnete sie als »sehr elastisch«, sie könnten gar nichts oder sogar die Aufteilung Russlands bedeuten: Wenn bei Friedensschluss nichts erreicht sei als die Zerstörung der russischen Flotte und Sewastopols, so würde man in Frankreich sagen, er habe »nur die Kastanien für England aus dem Feuer geholt«.
    England behielt sich vor, die »praktische Anwendbarkeit« der vier Punkte zu prüfen und wenn nötig weitere Bedingungen zu beantragen. Gerlach brachte das Hin und Her im Vorfeld von Wien auf den Punkt mit dem Satz, England und Frankreich würden gar keinen Frieden machen, solange sie die Hoffnung hätten, Sewastopol zu nehmen.
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  17. #37
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Die Lady mit der Lampe

    Am 13. Januar 1855 landete Cardigan, der Held von Balaklawa, in Folkstone, nachdem er in Paris mit Napoleon III. diniert hatte. Er wurde von einer riesigen Menge erwartet. Die Glocken läuteten. Seit Wellingtons Beerdigung hatte es keine so große öffentliche Anteilnahme mehr gegeben. Die Leute spannten die Pferde seiner Kutsche aus, um sie selbst zu ziehen, und stimmten den Chor »Seht! Der siegreiche Held kommt!« aus Händels Oper Judas Maccabäus an. Cardigans Pferd, das sein Reiter aus der Krim mitgebracht hatte, musste besonders in Schutz genommen werden, weil jeder ein Rosshaar aus seinem Schweif auszureißen versuchte, als Souvenir und Talisman. Die Fahrt nach London glich einem Triumphzug. An jeder Eisenbahnstation musste gehalten werden, damit sich Cardigan of Balaciawa der wartenden Menge zeigen konnte. In vielen Läden der Hauptstadt war ein Druck zu sehen, der ihn auf seinem Pferd im vollen Galopp zeigte, wie er gerade über eine russische Kanone setzte.

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    Aus einer Skandalfigur der britischen Armee war mit einem Schlag der populärste Soldat Englands geworden. Die Clubs, die ihm noch vor kurzem den Zutritt verwehrt hatten, öffneten sich wieder. Cardigans Todesritt, das Opfer von 600 Mann der Leichten Brigade, schien sich in das Symbol des ganzen Krieges zu verwandeln, in dem als Sieg verherrlicht wurde, was in Wahrheit das Ergebnis von Missverständnissen, blindem Gehorsam und beschränkter Intelligenz gewesen war.
    Cardigans triumphale Heimholung fiel mit einer schweren Regierungskrise zusammen. Russell hatte Recht, wenn er schrieb, daß England das Schauspiel großer Tapferkeit und Kühnheit brauchte, um sich über die katastrophalen Zustände auf der Krim hinwegzutrösten. Er musste es wissen, waren es doch seine Berichte für die Times, durch die die Öffentlichkeit über die skandalösen Zustände aufgeklärt wurde, welche die Regierung am liebsten unter den Teppich gekehrt hätte. Bereits in seinen Berichten aus Gallipoli hatte er etwas von der Desorganisation und dem Dilettantismus im englischen Expeditionskorps durchblicken lassen, so daß die Franzosen einspringen mussten.
    In einem weiteren Brief aus Skutari, wo das Hauptspital lag, berichtete er, daß die Kranken ohne Decken und Medikamente von den Schiffen an Land gebracht wurden, während der Herzog von Newcastle im Parlament behauptete, sich um jeden Komfort für die Kranken gesorgt zu haben.
    Der Kriegsminister wollte den Artikelschreiber am liebsten in Stücke reißen; mußte er doch auch auf die »Gallophobie« unter den Veteranen von Waterloo Rücksicht nehmen, wenn von Erfolgen des neuen Bündnispartners die Rede war. Noch immer wurde vermieden, englische Truppen durch Frankreich zu verlegen. Für die Tatsache, daß die englisch-französische Allianz als »unnatürlich« galt, war ein Witz bezeichnend: Der englische Oberbefehlshaber hört früh morgens im Lager ein französisches Trompetensignal, schaut noch im Halbschlaf aus dem Zelt und ruft: »Der Feind ist da!«
    Hilfssendungen aus England verschwanden in dem bodenlosen Abgrund des türkischen Zollamtes, waren nie ausgeladen worden oder fuhren, unter Stapeln von Kriegsgütern verborgen, gleich nach Balaklawa durch. Zuweilen fuhren sie auch mehrmals zwischen Skutari und Krim auf dem Schwarzen Meer hin und her, bis sie endlich durch


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    Zufall entdeckt wurden. Mitunter wurden sie auch sofort ausgeladen, nur der Empfänger nicht benachrichtigt, so daß sie auf dem Kai vergammelten. Den Soldaten wurde grüner Kaffee geschickt, doch keine Röstapparate. Lord Raglan war zu nobel, um den Skandal beim Namen zu nennen, wenn er der Queen schrieb, daß »es nicht in seiner Macht gelegen« habe, seinen Soldaten »die Bürde ihres Dienstes zu erleichtern«. Und das, nachdem er es zugelassen hatte, nur mit 21 Transportwagen für 30000 Mann an Land zu gehen, weil das Transportwesen nicht in sein Ressort fiel.
    Als Cardigan von Victoria empfangen wurde, schockte er die Queen zum Entsetzen der Anwesenden mit einer realistischen Schilderung der mangelhaften Versorgung der kämpfenden Truppe und Belieferung mit minderwertigem Material. Allerdings hielt er auch nicht mit seiner Meinung über seinen Vorgesetzten Lucan zurück und gab ihm die Schuld an jenem verhängnisvollen Angriffsbefehl. Nach einer inoffiziellen Diskussion, welcher Orden angemessen sei, wurde Cardigan am 7. Februar zum Ritter des Hosenbandordens gemacht, obwohl Aberdeen dagegen war. Lord Raglan ging weiterhin leer aus. Für die Truppe wurde die Krim-Medaille und das Victoria-Kreuz - für persönliche Tapferkeit - gestiftet. Da die Krim-Medaille jeder am Krimkrieg Beteiligte erhalten sollte, vom Lagerverwalter in Konstantinopel über den Schiffskoch bis hin zum Frontsoldaten vor Sewastopol, war von vornherein die Auszeichnung entwertet. Lord Lucan erhielt seine Versetzung. Erst Mitte des Jahres, während auf der Straße noch patriotische Lieder zum Ruhme Cardigans angestimmt wurden, tauchten erste Zweifel auf, ob der Held von Balaklawa wirklich jene Unsterblichkeit verdiente, die ihm die Poeten nachsagten, oder ob er nicht einfach nur in die falsche Richtung geritten war. Der Fall nahm endgültig peinliche Züge an, als Cardigan gegen Calthorpes »Briefe aus dem Hauptquartier oder die Wahrheit über den Krieg in der Krim« gerichtliche Schritte unternahm.
    Schon bald nach dem Erscheinen der ersten Artikel aus der Feder Russells konnte sich jedenfalls das Kriegsministerium kaum vor dem Ansturm von adligen Damen und Pfarrern retten, die sich anboten
    die Leitung der Krankenpflege auf der Krim zu übernehmen, um ihre human-sozialen Ideale in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Nur an Schwestern, die unter ihnen arbeiten sollten, mangelte es, und man musste erst das Gehalt verdoppeln, um welche aufzutreiben.


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    Die 35jährige Florence Nightingale war nur eine unter vielen anderen, doch gelang es ihr, alle Mitbewerber auszuschalten, weil sie die besseren Beziehungen zur Regierung und zum Kriegsministerium besaß. Der Staatssekretär Sidney Herbert zählte zu ihren Freunden, Lord Palmerston war ein Nachbar der Familie; er überredete den Außenminister Clarendons, auf Stratford in Konstantinopel einzuwirken, daß der oberste Militärarzt in Skutari Florence Nightingale anforderte, um die lästige, »unbremsbare« Person endlich wieder loszusein. Florence Nightingale schaffte es in einigen Fällen auch von sich aus, die Vorsteherinnen von religiösen und weltlichen Stiftungen zu überreden, selber nicht in die Türkei zu fahren, ihr jedoch das Schwesternpersonal und auch die bis dahin gesammelten Spenden zu überlassen, da sie selbst sich für die einzig geeignete Person hielt, dort das Spital zu leiten.
    In der Tat brachte sie gute Voraussetzungen mit. Sie hatte eine Stiftung für invalide, verarmte Damen der höheren Gesellschaftskreise geleitet und dabei einige Erfindungen gemacht, die sowohl dem Wohl der Patientinnen dienten wie auch die Arbeitsbedingungen der Schwestern erleichterten, so zum Beispiel eine Art Speiseaufzug und eine mechanische Daueranzeige, wenn Patientinnen läuteten, und sie hatte die Regel eingeführt, die Schwestern in der Nähe der Stationen übernachten zu lassen. Ihre praktische Ausbildung stammte von einem fünf Monate langen Aufenthalt im Diakonissenstift von Kaiserswerth bei Düsseldorf, doch waren ihr die dortigen Lehrer und Schwestern zu »anti-intellektuell« - kein Wunder bei einer Frau, die Shakespeare las und politische Bücher, so den Franzosen Thiers, studierte.
    Schließlich reiste sie mit 38 Nonnen und weltlichen Schwestern ab, die sie sorgfältig ausgewählt hatte und doch ständig beaufsichtigen musste, weil die verschiedenen Anhänger der religiösen Stiftungen, Konfessionen oder weltlichen Organisationen einander nicht ausstehen konnten, weil sich eine irische Nonne verbat, sich von einer Anglikanerin etwas sagen zu lassen, oder weil einige Schwestern dem Alkohol zusprachen. Wahrscheinlich war Florence Nightingale nur dadurch überhaupt in der Lage, sich und ihre Vorstellungen durchzusetzen, da Herrschsucht und Anspruch auf uneingeschränkte Autorität, so unangenehm sie dies im menschlichen Umgang machte, zu ihren festen Charaktereigenschaften zählten. In diesem Sinne war


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    Florence Nightingale eine Ausnahmeerscheinung in einem Zeitalter, das die Unterordnung der Frau als Selbstverständlichkeit betrachtete. Es war nur verständlich, daß die Queen bald auf sie aufmerksam wurde und mit Worten der Bewunderung nicht sparte; war ihr doch selbst das so gut wie einmalige Kunststück gelungen, sich in der Männerwelt der Politik durchzusetzen.
    Obwohl Florence Nightingale auch in Skutari die meiste Zeit damit zubrachte, ihre Helferinnen unter Kontrolle zu halten und sich selbst beim Ministerium ins beste Licht zu setzen, indem sie Beschwerdebriefe zurückhielt, um erst ihre eigene Version nach London abgehen zu lassen, veränderte sie das Berufsbild der Krankenpflegerin nachhaltig. Eine Krankenpflegerin galt bis dahin als »ein altes Frauenzimmer, immer ungebildet, meistens unsauber, oft brutal, auf du und du mit der Schnapsflasche, man konnte ihr kaum die einfachsten ärztlichen Verrichtungen anvertrauen«. Florence Nightingale verbot den Schwestern, allein zu den Kranken zu gehen oder mit den Patienten zu sprechen, um private Beziehungen zu verhindern oder die Zuteilung von Medikamenten ohne ärztliche Anweisung. Sie erreichte, daß die Sterblichkeit in den englischen Lazarettkasernen in Skutari sank, während sie in den französischen Spitälern, wo Charit-Schwestern arbeiteten, die ganze Zeit des Krieges gleich hoch blieb.
    Inder englischen Armee gab es weitaus mehr Ärzte als in der französischen, nur war der Feldsanitätsdienst schlecht organisiert, und die ersten hohen Verluste gab es durch die Zurücklassung der Sanitätskolonne in Varna. Viele Soldaten starben auch an der Sorglosigkeit, mit der man mit Verbandsstoffen und Instrumenten umging, da die Hygienekenntnisse gering und die Gefahr einer Sepsis groß waren.
    Florence Nightingale kam gerade rechtzeitig nach Skutari, um die Opfer der Schlacht von Inkerman in Empfang zu nehmen. Es war ein Schock. Die Verwundeten trafen, auf der Krim notdürftig behandelt, zu je zweihundert Mann zu einem Transport zusammengefasst, nach einer endlos langen Überfahrt an der Landungsstelle auf dem asiatischen Teil von Konstantinopel ein. Zwischen den Kranken und Verwundeten an Deck lagen die Toten und Sterbenden, »Amputierte Soldaten mit erfrorenen Gliedmaßen, oder in Fieberschauern, i letzten Stadium von Dysenterie oder Cholera, ohne Betten, oft kaum bekleidet, oft in den blutgetränkten, steifen Fetzen ihrer Uniform

    Die Überlebenden der Transporte mussten selbst sehen, wie sie über die

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    steile Anhöhe von der Anlegestelle 400m weit zum Lazarett kamen. Nur die Schwerverwundeten wurden transportiert, weil es nicht genug Bahren gab. »Die anderen wurden hinaufgetragen und -geschleppt von den Rekonvaleszenten, die gerade zur Verfügung standen und nicht selber in allzu jämmerlichem Zustand waren.«
    Ein bleibendes Problem war die Unterordnung des medizinischen Stabes unter das militärische Kommando. Auch Florence Nightingale war den Militärs unterstellt, ihr Wirkungsbereich war mit Skutari abgesteckt, wo sie in erster Linie die Kranken unter den einfachen Soldaten pflegte In den Militärlazaretten hatte sie nichts zu sagen, es bedurfte langer Schreibereien zwischen der Krim und London, bis ihr ein Besuch in Balaklawa erlaubt wurde. Ihr Hauptgegner war Dr. Hall, der besondere Vorkehrungen für kranke Soldaten wie Diätessen
    ---l Zahnbürsten als »lächerlichen Luxus« bezeichnete.
    Einen Dauerkrieg führte sie auch mit der Lagerverwaltung in Konstantinopel, um verloren gegangene Ausrüstungsgegenstände ersetzen zu lassen. Wie bei allen Armeen in der Welt war die Kluft zwischen Front und Etappe, wo der Krieg verwaltet wurde, grenzenlos.
    - Thouvenel, dem französischen Gesandten in Konstantinopel, ‚verdienten die Beamten vom Verpflegungsamt gehängt zu werden.
    ‘s war das Los der Verwundeten, die paar Habseligkeiten wie Tornister und Wäsche zum Wechseln an der Front zurückzulassen. Meins kamen sie mit zerrissener Uniform im Lazarett an. Eine neue Uniform stellte ihnen die Armee natürlich nicht zur Verfügung, weil sie schon eine hatten... Aus dem Spendenkonto der Times kaufte Florence Nightingale also auch Mäntel, Socken, Wäsche, Hosen, um Soldaten zu bekleiden. »Ich bin jetzt tatsächlich dabei«, schrieb sie Sydney Herbert, »die britische Armee einzukleiden.«
    Lazarettgebäude waren in einem verwahrlosten Zustand, die Böden verfault, die Kloaken verstopft, überall wimmelte es von Ungeziefer, von Flöhen und Läusen, und von Ratten, die zwischen verwundeten umherliefen. Es gab zu wenig Ärzte. Die Leichtverletzten ersetzten die fehlenden Krankenpfleger, die wiederum den
    Ausschuss« darstellten, da das Militär für sich die besten Kräfte auf der Krim
    Rekrutiert hatte.
    In ihren Briefen und Berichten fasste sie zusammen: Nicht genug Bettstellen, die Laken aus so grobem Segeltuch, daß die Verwundeten baten
    ihnen lieber die alten, dreckigen Decken zu lassen, keine


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    Waschgelegenheit, keine Handtücher, keine Seife, keine Scheuerlappen, keine Teller, keine Bestecke, kein Brennmaterial, keine Medikamente, Bahren, Schienen, Binden, Ärzte und Helfer überlastet, gehemmt von bürokratischen Vorschriften, beeinträchtigt durch hohes Alter, Unerfahrenheit, Unfähigkeit.
    Die männlichen Sanitäter machten weiterhin die Hauptarbeit, den Schwestern war ohnehin untersagt, sich um alles, was beim Patienten unterhalb der Gürtellinie lag, zu kümmern, ihnen blieb in erster Linie die Arbeit in der Küche, am Waschzuber, das Bettenmachen.
    Florence Nightingale führte pünktliche Mahlzeiten und Diätessen ein, sorgte für Tee und einwandfreie Verpflegung, für sauberes Bettzeug und Bekleidung. Und wenn sie nachts mit ihrer türkischen Lampe durch die dunklen Räume mit ihrem »wunderschönen fließenden Gang« glitt, um nach den Patienten zu sehen und die Toten zu zählen, schien sie der gute Geist des Hauses zu sein. »The lady with the lamp« wurde für die britische Nation zu einer Heiligen.
    Nachts schrieb sie für die Soldaten an die Angehörigen Briefe, zwischen Front und Heimat war sie die einzige Kontaktstelle, um persönliche Sorgen und Nachrichten auszutauschen und Trost zu spenden. Sie schrieb auch die Kondolenzbriefe, um die sich bisher niemand Gedanken gemacht hatte.
    Großen Zeitaufwand verbrachte sie weiterhin bei der Auseinandersetzung mit den Zulieferern, Apothekern, Händlern. Wahrscheinlich hätte Florence Nightingale weitaus mehr erreicht, wenn sie es verstanden hätte, Aufgaben zu delegieren oder zumindest gerecht zu verteilen. So aber war das Küchenpersonal völlig überfordert, während sie im Spital bald mit zehn Schwestern auszukommen meinte und alle anderen am liebsten nach Hause geschickt hätte, oder einige schlichtweg wegekelte. Nach ihren eigenen Worten war ihr eine weltliche Schwester lieber als fünf irische Nonnen.
    Auf diese Art und Weise schaffte sie es natürlich nicht, sich der Zuneigung ihrer Mitarbeiterinnen zu versichern, mit denen sie nie zusammen das Essen einnahm und denen sie selbst die Tageszeitung vorenthielt, deren Exemplare sich auf ihrem Sofa stapelten. So war es kein Zufall, daß sie nach ein paar Monaten krank wurde und zusammenbrach. Doch gönnte sie auch jetzt ihrer größten Konkurrentin Reverend Mother Francis Bridgeman, der Oberin der irischen Nonne


    Seite 236

    und von ihr boshaft Ehrwürden Ziegelsteinbrocken genannt, nicht den Triumph, es länger ausgehalten zu haben.
    Die Zahl der Krankenschwestern, die insgesamt in der Zeit zwischen Winter 1854 und Frühjahr 1856 in Skutari gewesen waren, sollte schließlich 142 betragen. Ihre Arbeit war so segensreich und verdienstvoll, daß sie später nach dem schlimmen Winter sogar die Zahl der Krankeneingänge fälschen, d. h. frisieren und ii die Höhe treiben musste, um ihre Existenzberechtigung in Skutari nachzuweisen. In die Legende, an der Russell und Kinglake arbeiteten, ging dies ebenso wenig ein wie das Gerangel auf den Stationen um die Seelen der Sterbenden. Denn die katholischen oder evangelischen Schwestern versuchten oft, einen sterbenden Soldaten, bei dem sich nicht eindeutig die Konfessionszugehörigkeit bestimmen ließ, durch eiliges Taufen schnell noch der eigenen Kirche zuzuführen. »Wenn Sie in die Heimat zurückkehren«, schrieb die Queen der »Heiligen der Nation« nach erschüttert vom Anblick der nach England zurückgekehrten Invaliden, »so wird es mir eine große Ehre sein, jemanden zu empfangen, der unserem Geschlecht ein so leuchtendes Vorbild gesetzt hat«.

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  18. #38
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Man muss nur Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" gelesen haben, der hat 1923 Rußland schon vorne gesehen.

  19. #39
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Der Zar ist tot!«

    Inzwischen ging die Pressekampagne der Times gegen die Regierung eiter und nahm groteske Züge an. So wurde Prinzgemahl Albert vorgeworfen, Lord Raglan beauftragt zu haben, Preußen zuliebe nur einen Scheinkrieg gegen die Russen zu führen und die Soldaten in den leeren Gräben ihrem Schicksal zu überlassen. »Die Times scheint alles und jedes zu bekämpfen, ohne eine Idee zu haben von den Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben«, klagte Stabsoffizier Calthorpe auf der Krim, den die journalistischen Übertreibungen
    ärgerten. Er bedauerte lebhaft, die unverschämten Lügen der Zeitungen über Raglan nicht widerlegen zu können, da er den englischen Oberkommandierenden selbst auf seinen zahllosen Wegen zur Front die Lager begleitete.
    Natürlich war ihm nicht verborgen geblieben, daß die minderwertigen Stiefel der englischen Infanteristen nach einer Woche Grabendienst zerschlissen, und daß die neuen Holzbaracken kaum zu transportieren warenund die Nägel fehlten, um sie zusammenzusetzen. Immerhin

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    war die englische Armee einheitlich mit dem weitreichenden Minie-Gewehr ausgerüstet und besaß damit die modernste Handfeuerwaffe, im Gegensatz zu den Franzosen, wo nur Jäger- und Zuaveneinheiten diese zielgenaue Waffe führten, die aber auch noch ein Vorderlader war.
    Nach dramatischen Szenen im Unterhaus kam es Anfang Februar 1855 zur Bildung einer neuen englischen Regierung. Das Koalitionskabinett Aberdeen, einst als »Ministerium aller Talente« angetreten, war nicht mehr in der Lage, dem Ruf nach dem starken Mann angesichts der Misere auf der Krim Widerstand zu leisten, oder sich zumindest zur Ablösung des Kriegsministers durchzuringen. Nach Disraeli war Newcastle ein Günstling des Prinzgemahls; Albert wiederum saß Tag und Nacht über Reformideen und Verbesserungsvorschlägen.
    Als der offizielle Untersuchungsbericht auf sich warten ließ und die Regierung die Forderung der Opposition nach der Einsetzung eines Ausschusses, der die Verantwortlichen zur Rechenschaft zog, blockierte mit dem Argument, mitten im Krieg doch nicht die Mängel des Kriegsministeriums an die Öffentlichkeit und damit auch zur Kenntnis des Feindes zu bringen, brach das Ministerium auseinander. Premier Aberdeen, der so lange vergeblich versucht hatte, den Krieg zu vermeiden, verschwand von der politischen Bühne und widmete sich wieder seinen archäologischen Studien. Da ein Versuch zur Regierungsneubildung nach dem anderen scheiterte, blieb der Königin nichts anderes übrig, als Palmerston - »Lord Feuerbrand« - zu beauftragen. Die englische Öffentlichkeit sah ohnehin seit langem in ihm den Mann, der dem Krieg den alten Glanz wiedergeben würde. Die neue Regierung wurde natürlich besonders von Napoleon III. begrüßt, denn für ihn war Palmerston seit 1852 der Garant des Zusammengehens zwischen Frankreich und England.
    »Palmerston scheint mir jetzt der Unvermeidliche zu sein, obwohl er in Wirklichkeit ein Hochstapler ist, völlig ausgemergelt und
    alter auf geschminkter Hanswurst, total taub, total blind, und mit falschen Zähnen, die ihm beim Sprechen aus dem Mund fallen würden, wenn er nicht immer druckste«, so äußerte sich Disraeli voller Zweifel, ob der 71jährige gichtbrüchige Palmerston der Mann war den »offiziellen Herkules« (Karl Marx) abzugeben. Doch gleichzeitig
    ahnte er etwas von der Sturheit des alten Routiniers: »Wenn Lord


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    Palmerston erfolgreich ist, kann der Krieg so lange dauern wie der Peloponnesische oder der Dreißigjährige Krieg in Deutschland.«
    Aber auch Palmerston hätte nun am liebsten auf die Einsetzung einer Untersuchungskommission verzichtet, um die Bloßstellung hochgestellter Regierungs- und Parteimitglieder zu vermeiden, doch bestand Lord John Russell darauf, der wichtige Ämter innehatte; schließlich war er ja aus diesem Grund zur Opposition übergeschwenkt und hatte Aberdeen zu Fall gebracht. Palmerston plädierte zwar dafür, die russische Festung Kronstadt in die Luft zu sprengen, und ließ sich mit dem Erfinder eines Unterwasserbootes ein, doch änderte sich im Grunde nichts. Es gelang ihm nur, das Durcheinander der Kompetenzen zu ordnen, das zu einem »unglaublichen Hin- und Herschieben« der Verantwortung geführt hatte, doch blieb es ansonsten bei der Einsetzung von Kommissionen, zum Beispiel zur Verbesserung des Hospitals- und Verpflegungswesens. Der Bau einer Feldeisenbahn auf der Krim und einer Telegraphenlinie zwischen Varna und Balaklawa waren ohnehin noch von der alten Regierung in die Wege geleitet worden.
    Vor allem scheiterte die neue Regierung daran, neue Truppen aufzustellen, um das Ungleichgewicht auf der Krim zu Gunsten der Engländer zu ändern. Stattdessen beschloss man die Anwerbung von Freiwilligen im Ausland für eine Fremdenlegion und übersah, daß in Deutschland, wo nach Ansicht der Engländer das Hauptreservoir von Rekruten lag, der Krieg gegen Russland höchst unpopulär war.
    Schließlich bekam Lord Raglan auch noch einen General an die Seite gestellt, der sich speziell um Organisationsfragen kümmern sollte, den rotnasigen, malenden James Simpson, der fast so alt wie Raglan war. Als nach fast einem Jahr der Untersuchungsbericht dann vorlag, glänzte er durch die Feststellung, daß das frühere Ministerium sich »über die Schwierigkeiten einer Krimexpedition getäuscht« und »keine ausreichende Vorsorge für einen Winterfeldzug« getroffen hatte, Versäumnisse, die mehr einem verrotteten System als einzelnen Persönlichkeiten angelastet wurden. Seit Waterloo hatte sich so gut wie nichts geändert, nur der Ruhm war verblasst.
    Unsichtbar saß auf der Anklagebank auch der »alte Herzog«; er hatte zu lange in den Horse Guards, der militärischen Oberbehörde, regiert, so daß es trotz aller Gefahrenzeichen wie der Niederlage in Afghanistan nicht zu einer Modernisierung der Armee gekommen


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    war. »Wenn auch der Krieg im Orient zu nichts anderem taugt«, meinte treffend Karl Marx, »so wird er doch einen guten Teil des militärischen Ruhms des verstorbenen Herzogs von Wellington zerstören.«
    Kaum war die innenpolitische Krise vorbei, sorgte der französische Kaiser bei seinem Allianzpartner für einen Schock: er äußerte die Absicht, auf die Krim zu reisen und durch sein persönliches Erscheinen dem Krieg neuen Schwung zugeben. Nachdem er seinen früheren Traum, am Krieg von 1828/29 im Donauraum teilzunehmen, nicht hatte realisieren können, glaubte Napoleon III. nun, es seinem großen Vorbild gleichtun und sein eigenes Austerlitz schlagen zu können. Wie Hübner festhielt, roch sein Vorzimmer in den Tuilerien, das mit Adlern, Fahnen und Reitausrüstungen angefüllt einen kriegerischen Anblick bot, »förmlich nach der Krim«. In Konstantinopel bereitete der Sultan für seinen hohen Besuch bereits einen Palast vor, was Stratford schwer verärgerte. Nach englischer Überzeugung drohte die geplante Reise Napoleons III. die Rolle Englands ungebührlich zu verkleinern, ja wie Clarendon meinte, auf »die Rolle als Fuhrknecht« zu reduzieren, gut genug dafür, »in den Laufgräben vor Sewastopol zu verfaulen«, während Ehre und Ruhm des neuen Feldzugs einzig und allein die Franzosen einheimsten. Aber auch die engsten Mitarbeiter von Napoleon III. versuchten, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, indem sie ihm suggerierten, daß sich die Truppe nach dem harten Winter ungern von einem Zivilisten befehligen lassen würde, und daß seine Abwesenheit, die auf vier Monate geschätzt wurde, sofort revolutionären Unruhen ausgenutzt werden könne, wenn nicht so zu einem Putsch aus nächster Umgebung, womit Jerome Napoleon die »Plage der Familie«, gemeint war. Auch die Gefahr, an T oder Cholera zu erkranken, wurde ihm vor Augen gehalten. Da traf am 2. März die Nachricht vom Tod des Zaren ein. »Welch Ereignis!« schrieb Baron Hübner in Paris, »Europa atmet freier auf In Frankfurt hielt Prokesch fest, daß die meisten nun Friedenserwartungen mit dem Ableben Nikolaus I. verknüpften. Wilhelm von gelegen war weniger optimistisch: »Viele hoffen nun auf Friederich andere sehen den Krieg jetzt erst recht für unheilbar an.« Bismarck war ratlos und betroffen von dem »Sturz einer Eiche seiner Ansicht nach musste es Napoleon III. leichter fallen, mit dem Nachfolger von Nikolaus Frieden zu machen. Napoleon III. und


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    Vitoria von England schickten offiziell Beileidsbezeugungen, als ob sich ihre Völker nicht im Krieg miteinander befänden. »Der Krieg zwischen Frankreich und Russland wird ohne Feindseligkeiten geführt«, sagte Nesselrode, »der Friede wird geschlossen werden, wenn Kaiser Napoleon es will.« Ein Wink aus Petersburg. Am 3. März telegraphierte Franz Joseph, er könne sich »nicht an den Gedanken gewöhnen, einen solchen in allen Wechselfällen erprobten Freund verloren zu haben und das gerade in einem Augenblick, wo er dem entschlafenen Kaiser gerade die Beweise seiner Treue durch die Tat beweisen wollte.« Er meinte die bevorstehende Friedenskonferenz von Wien.
    Wahrscheinlich wurden nur in Berlin keine politischen Krokodilstränen vergossen. Friedrich Wilhelm IV. war tief bewegt, als er erfuhr, daß die letzten Worte des Zaren Preußen und seiner Person gegolten hatten, eine Mahnung, für Russland »immer derselbe zu bleiben«.
    Ohne Zweifel war Nikolaus I. zuletzt bewusst, was er Friedrich Wilhelm IV. zu verdanken hatte. Im Nachlass seines engsten militärischen Beraters, Fürst Paskiewitsch, wurde ein Brief gefunden, in dem der alte Marschall festhielt, »nicht die heldenmütige Verteidigung Sewastopols hat die Österreicher zurückgehalten, sondern die Festigkeit des Königs von Preußen, der großmütig genug die unverantwortlichen Verhöhnungen, ja die Frechheiten vergessen hat, welche wir ihm im Jahre 1848 und während der folgenden Jahre zugefügt hatten«.
    Auch durch Russland ging ein Aufatmen, als man von dem plötzlichen Hinscheiden des allmächtigen Zaren hörte. Nikolaus war an einer grippeähnlichen Erkältung gestorben, die er sich bei einer offiziellen Veranstaltung in der schneidenden Kälte Petersburgs zugezogen hatte. Schuld an seinem Tod war der Zustand völliger Erschöpfung und Depression, in dem er sich seit Kriegsausbruch befand. Der fehlgeschlagene Angriff bei Eupatoria, ausgerechnet gegen die verhassten Türken, an und für sich ein unerhebliches Gefecht, war die letzte einer ganzen Reihe von schlechten Nachrichten. Schon vor seinem Tod hatte man in Petersburg »den Glauben an unsere Unbesiegbarkeit, an die Unerschöpflichkeit unserer Mittel und an die Charakterfestigkeit unseres Zaren verloren«.
    Nikolaus I. hatte sich nach dem Jahr 1850, für ihn der Höhepunkt seiner außenpolitischen Macht, lange Zeit ein falsches Bild von Russland gemacht. Sein Land befand sich in einem Prozess geistiger Erstarrung,


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    durch den jede wirtschaftliche und soziale Entwicklung blockiert wurde. Es war bereits Alexander I. nicht gelungen, den geschlossenen Kreis einer übermächtigen und undurchschaubaren Bürokratie zu durchbrechen und die unübersehbare Masse der Erlasse und Verordnungen zu kontrollieren. Auch Nikolaus 1. hatte es nicht geschafft, sich gegen die Barbarei des Strafrechts, die Eigenmächtigkeit der Behörden, das Elend der Leibeigenschaft, den Schlendrian der Verwaltung und den Starrsinn des Adels durchzusetzen. Eine Ursache dafür lag in der autokratischen Selbstherrlichkeit des Zaren selbst begründet, der sich als ersten Diener des Staates bezeichnete und ein asketisches, selbstverleugnendes Arbeitsleben führte, aber auch der erste Zuchtmeister der Nation war. Eine weitere Ursache lag in der Kluft, die zwischen Zar und Wirklichkeit klaffte, in der gewaltsamen Abschirmung von der westlichen Welt, in der Tatsache, daß die Nachrichten, die ihn erreichten, nur ein Zerrbild darstellten, weil sie durch zu viele Hände gegangen waren, weil die Angst vor ungerechter Bestrafung das Bild absichtlich verfälschte.
    Beim Begräbnis zeigte es sich, daß mit seinem Tod auch die Ära Nikolaus‘ gestorben und »die eisige Kälte, mit der er regiert hatte, verschwunden war«. Es gab weder eine zeremonielle, noch militärische Ordnung. »Man kannte weder den Platz, den man einzuhalten hatte, noch ging man in Reih und Glied. Von Trauer und Feierlichkeit keine Spur. Man unterhielt sich lebhaft über die zu erwartenden Veränderungen.«
    Auf der Krim ließ General Canrobert die über den Telegraphen eingetroffene Nachricht vom Tod des Zaren dem Kommandanten von Sewastopol mitteilen - der Umweg von Petersburg über Warschau, Berlin und Paris und von dort wieder über Konstantinopel und Varna nach Balaklawa war schneller als der direkte Weg von der Hauptstadt auf die Krim. Denn inzwischen hatte eine englische Firma das von Varna 600 km entfernte Balaklawa durch ein unterirdisches Kabel verbunden Die Sprechapparate stammten von der preußischen Firma Siemens & Haiske in Berlin. Es waren die gleichen Apparate mit aufeinander folgender Seriennummer, die die Firma später auch in Sewastopol installierte.
    Im Herbst 1854 hatte Werner von Siemens bereits die Kabellinie zwischen Petersburg und Moskau verlegt. Auch Kiew und Odessa waren bereits verbunden. Nun hatte Siemens den Auftrag, ja den


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    Befehl erhalten, zwischen der Krim und Petersburg die Verbindung herzustellen, Dies war sicher keine leichte Aufgabe, da die englischen Kriegsschiffe auf der Ostsee Jagd auf alle Frachter mit Material für Russland machten. Mochte auch Telefondraht die Informationen beschleunigen, so marschierten die russischen Verstärkungen nach Sewastopol doch nicht schneller, da es keine Eisenbahnverbindungen gab.
    Obwohl der Krieg in Russland bei den Adelsschichten nicht populär war, sah sich der Nachfolger Nikolaus I., sein 37jähriger Sohn Alexander II., verpflichtet, den Kampf im Sinne seines Vaters weiterzuführen, um Russland die Demütigung eines Diktatfriedens zu ersparen. Noch war Sewastopol ja nicht gefallen. Im Gegensatz zu dem verstorbenen Nikolaus I. sympathisierte der Adel eher mit Frankreich und verstand nicht, warum ein Krieg gegen ein Land geführt wurde, zu dessen Kultur viel engere Beziehungen bestanden als mit England.
    Auf der Krim wurde der bisherige Oberbefehlshaber Fürst Menschikow durch Fürst Michael Gortschakow - Gortschakow II - ersetzt, der unter Paskiewitsch die Donau-Armee bis nach Silistria geführt hatte. Angesichts des Stellungskrieges erschien die Bestallung eines Organisationstalents die beste Lösung. Diese Maßnahme ging noch auf Nikolaus L zurück, den Menschikows Passivität bis zur Weißglut gebracht hatte.
    Tatsächlich änderte sich unter Gortschakow einiges. Während des Oberbefehls von Menschikow war das ganze Transportwesen »mehr dem Zufall anheimgegeben«, im Hauptquartier war niemand für die Beschaffung von Transportmitteln zuständig. Auch hier galt es eine Untersuchungskommission, die den Fehlern und Versäumnissen auf der Spur war. Schwerwiegend betroffen waren durch die allgemeine Desorganisation die Lazarett-Transporte. Augenzeugen fanden die bergige Strecke Sewastopol-Baktschisarai in einer Strecke von 5 Meilen buchstäblich mit Wagen von Kranken, Kriegs- und Lebensvorräten gestaut. »Kleine offene Wagen oder schwere Zugwagen, mit Ochsen, Pferden oder Kamelen bespannt, bewegten sich nur schrittweise oder standen mit den Rädern im Straßenschlamm versunken auf der SteIle, jeder mit nicht weniger als drei bis vier vor Kälte und Nässe zitternden Patienten beladen. Zugleich hörte man das Stöhnen und Achsen der Kranken, das wilde Geschrei der Führer, das Krächzen von Raubvögeln, die scharenweise das umherliegende Aas zerfleischten


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    ten, das Rauschen der vom Regen angeschwollenen Bergflüsse und in der Ferne das Donnern der Sewastopoler Kanonen.«
    Auch auf russischer Seite gab es eine Art Rotes Kreuz. So einmalig war das Erscheinen von freiwilligen weiblichen Krankenpflegerinnen, durch die die Lücken in der medizinischen Versorgung geschlossen wurden, nicht, wie es die Verehrer von Florence Nightingale behaupteten.
    Von November 1854 an trafen auf russischer Seite 300 tüchtige und im Pflegedienst geschulte Schwestern im belagerten Sewastopol ein, um auf den Verbandsplätzen und in den Operationssälen unter der Aufsicht der Ärzte zu arbeiten, also im gefährdeten Frontbereich. Diese Schwestern stammten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und gehörten einem Frauenverein zur Krankenpflege an, den barmherzigen Schwestern der Gesellschaft der Kreuzeserhöhung, der auf eine Stiftung der Großfürstin Helene zurückging, einer deutschen Prinzessin, die ehemalige Prinzessin Charlotte von Württemberg. Man nannte sie später auch »die russische Nightingale«.
    In Russland war nach Kriegsausbruch sofort die Anwerbung ausländischer Ärzte angelaufen, um den Ärztemangel in der Armee zu beseitigen. In Sewastopol operierten zwei berühmte Kriegschirurgen mit ausgebildeten Assistenten, doch gab es auch hier nur wenige, gut geschulte Sanitätsgehilfen. Auf russischer Seite starben während des Krieges 354 Ärzte. Der Mangel an Sanitätern machte sich doppelt negativ bemerkbar. In Ermangelung von Blessiertenträgern wurden Schwerverwundete von Soldaten ihrer Einheit zum Verbandsplatz getragen. Da aber auch marschfähige Verwundete von zwei, drei Kameraden unterstützt dort ankamen, wurden viele kampffähige Soldaten der Front entzogen, weil sie sich natürlich nicht sehr beeilten, zur Front zurückzukehren, sondern die Gelegenheit nutzten, sich zu »verkrümeln«.
    Florence Nightingale hatte jedoch auch im Lager der Alliierten auf der Krim eine Konkurrentin. Ironischerweise war sie, als sie ihre Hilfe anbot, bereits in England abgewiesen worden. In Balakla
    lagen nicht nur die Schiffe der englischen Kriegsflotte, sondern auch neutrale Frachtschiffe, die entweder im Auftrag der Alliierten Material, Tierfutter und Lebensmittel brachten, oder dort sogar britische Offizieren und Besuchern als Quartiere dienten, zum Beispiel Norweger Phönix, der dem Vater des späteren Südpolbezwinger


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    Amundsen gehörte. Die eigentliche Attraktion stellte für alle, die vom Hafen auf das Schlachtfeld hinauf mussten, das Britische Hotel in »Spring Hill« vor Kadikoi dar, das eigentlich mehr eine Ansammlung von Steinhaus, Baracken und Hütten war, die als Laden, Kantine, Ställe, Pension für kranke und verwundete Offiziere und als Lagerräume dienten. Auf dem Weg zur Front oder zum Hafen war es ein Ruhepunkt und ein Ort, um Rat zu holen. Die Angehörigen der Land- Transport-Kolonne tranken hier morgens ihren schwarzen Kaffee mit einem Stückchen Butter, weil die Milch für die Patienten aufbewahrt wurde, oder während des Tages in der heißen Jahreszeit kühlen Cidre. Hier gab es auch Raritäten wie frisches Gemüse und Eier.
    Die Seele dieses Etablissements war eben die Frau, deren Hilfe abgelehnt worden war und die auf eigene Kosten auf die Krim reiste - Mother Seacole, eine Farbige aus Jamaika.
    In der unübersehbaren Literatur über Florence Nightingale war sie so gut wie keine Fußnote wert - außer einigen Erwähnungen im Punch, obwohl auch Russell bei ihr einmal Halt machte. Sie war eine inzwischen fünfzig Jahre alte verwitwete echte »Mammie«, die viele Offiziere des 48. und 97. Infanterieregiments bereits bei ihrer Stationierung in Jamaika kennengelernt hatten. Sie hatte auf abenteuerliche Weise den Isthmus von Panama überquert und ließ sich durch nichts einschüchtern. In medizinischen Dingen war sie durch ihre Kräuterkenntnisse so bewandert, daß Dr. Hall und auch alle anderen Ärzte nichts dagegen einzuwenden hatten, daß sie an Cholera, Durchfall, Gelbsucht Erkrankte behandelte, geschweige denn ihr zu verbieten, während der Gefechte auch in den Feuerbereich zum Feldlazarett zu gehen, wo sie den Kranken Erfrischungen brachte und erste Verbände anlegte. Florence Nightingale musste ihre ganze Autorität in die Waagschale werfen, um sich durchzusetzen. Mrs. Seacole überzeugte einfach durch ihre Offenheit, Erfahrung und praktischen Lebenssinn, obwohl sie gleichzeitig Geschäftsfrau war, um existieren zu können. »Die Fliegen sind entsetzlich, Mami«, klagte der verwundete Prinz Viktor Hohenlohe-Langenburg, der spätere Count Leichen, der sich der Fliegenplage nicht zu erwehren vermochte, »ich bin ihr Abendessen, der Kampf mit ihnen ist schlimmer als die russischen Kugeln«. Und sofort besorgte Mrs. Seacole Kattun, aus dem sie ein Moskitonetz herrichtete.
    Mit den Dankschreiben der Offiziere vom Generaladjutanten bis


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    zum Inspektor des Hospitalwesens auf der Krim hätte sie ihre Wände tapezieren können. Der türkische Pascha kam gerne zum Schwätzchen, »entgegen seinen Prinzipien beim Bier oder Cherry«, und schickte ihr türkische Soldaten als Arbeiter, wenn sie auch »die meiste Zeit beim Beten verbrachten oder sich in den Schlaf rauchten«. Für Mary Seacole waren sie die anständigsten auf der Krim. Aber die Türken konnten auch sie nicht vor den Dieben beschützen, die das Hinterland um Balaklawa verunsicherten: Zuaven, Griechen und Malteser, die am Kai während des Entladevorgangs stahlen und nachts aus den Ställen Pferde, Schafe, Geflügel raubten, so daß Mary Seacole einmal ein Pferd, das sie besaß, sich mehrmals wiederbeschaffen musste, bis es endgültig verschwand. Das Leben im Hinterland der Armeen war wegen der Kriminalität im Schlepptau des Krieges, der das Gesindel anzog, gefährlich, ein Raubmord keine Ausnahme.
    In ihrem Hotel stiegen auch die Touristen ab, die im Frühjahr an die Krim reisten, und auch die Angehörigen von Offizieren, so Ellen Palmer, die spätere Frau eines Peel-Neffen, die ihren Bruder bei der Leichten Brigade besuchte. Lord Raglan stellte ihr sogar eines seiner Pferde zur Verfügung, mit dem sie als elegante Amazone die Front abritt, ein Privileg höherer Kreise, das die Russen wie Kavaliere durch eine Feuerpause honorierten. Von Raglan wusste Mrs. Seacole später in ihrer Autobiographie Wonderful Adventures zu berichten, daß er pausenlos im Sattel saß, um seine Männer zu sehen - »jeder Soldat wird sich daran erinnern«.
    Patriotisch, Antiislamisch, Proisraelisch, Für ein Europa der Nationen und der Christlich-Jüdisch (-Heidnischen) Identität pro-Köln Pro-Nrw Pro-Berlin Pro-Deutschland

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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Osterbombardement

    Ende Januar 1855 schickte Napoleon III., der immer unzufriedener mit dem Verlauf der Belagerung wurde, seinen Generaladjutanten Niel zu einem umfassenden Lagebericht auf die Krim. Der französche Oberbefehlshaber General Canrobert erwartete ihn mit gemischten Gefühlen.
    Napoleon III. gab Canrobert und Raglan, diesem »alten Weib«, Schuld an der Stagnation. Aber auch die französische Armee hati unter dem Mangel an Winterbekleidung zu leiden, sie war erst• Januar eingetroffen. Es war sogar vorgekommen, daß Soldaten nachts auf den Friedhöfen Gefallene ausgruben, um sich ihre Kleider zu


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    holen. Die niedrigen, leichten Zelte stellten sich für eine längere Unterbringung als völlig ungenügend heraus, die Soldaten nannten sie »Hundehütten«. Canrobert war unermüdlich unterwegs, um seine Soldaten an der Front und in den Lazaretten zu besuchen, er stellte sogar seine eigene Holzbaracke als Krankenstation zur Verfügung. Die Zahl der Soldaten, die an Krankheiten starben, war so groß, daß die Toten nur noch nachts begraben wurden, um das Massensterben geheim zuhalten.
    Statt besserer Verpflegung trafen 4000 Brustharnische ein, die in aller Eile in Frankreich aufgetrieben worden waren, eine der vielen Ideen Napoleons III. Sie sollten von den Spitzenleuten der Sturmkolonnen getragen werden, um sie gegen das Gewehrfeuer zu schützen, erwiesen sich aber als so schwer und hinderlich, daß sie niemals zur Anwendung kamen. In den Augen der Generäle streifte diese Maßnahme die Grenze des Lächerlichen. Kein Gedanke mehr daran, den Russen die Erinnerung an das Jahr 1812 heimzuzahlen, wie Gustave Dor in einer Karikatur im Jahr davor versprochen hatte: Französische Soldaten stopfen dem Zaren die Zahl 1812 mit dem Gewehrkolben gewaltsam in den Mund - »So, alter Freund, jetzt kannst du endlich verdauen, was du uns so oft vorgekaut hast!« Es waren eher die Erinnerungen an Napoleons Zug nach Moskau, die zurückkehrten. Der Russe erwies sich eben nicht wie in einer Karikatur Daumiers als aufgeblasener Gummikosak, mit dem sich die Pariser Bürger erschrecken ließen.
    Der Februar 1855 wurde zum folgenschwersten Monat der ganzen weiteren Belagerung. Lord Raglan erklärte sich damit einverstanden, seine eigene Front zu verkleinern und sich ganz auf den großen Redan an der Kriegshafenbucht zu konzentrieren, während die Franzosen neben der Stadtseite auch noch den Angriff gegen den Malakow-Turm übernahmen. Die Franzosen rahmten damit das kleine Heer der Engländer ein, da im Gegensatz zu ihrem Verbündeten ihr Heer nun laufend vergrößert wurde. In seinem Bericht an Napoleon III. war es General Niel, der den Malakow-Hügel als unstreitig einzig richtigen Angriffspunkt bezeichnete und die Autorität des französischen Kaisers in die Waagschale warf, um die Änderung des ganzen bisherigen Verfahrens durchzusetzen. Damit kritisierte er vor allem Canroberts. Entscheidung, die Stadt von der Westseite zu Fall zu bringen - bei »der rastlosen Tätigkeit und Energie der Verteidiger« läge die Annahme nahe, daß je näher man der Stadt mit dem bisherigen Angriff


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    rückte, die Schwierigkeiten sich umso mehr häufen würden; mit einem Eindringen in die Mast- und Zentralbastion sei nichts gewonnen, von dort aus würden sich die eigenen Streitkräfte nicht entfalten können und außerdem sofort auf weitere Verteidigungslinien stoßen.
    Nun war die Idee, gegen den Malakow-Turm vorzugehen, gar nicht so originell. General Bourgoyne, der englische Belagerungsexperte, hatte gleich zu Beginn der Belagerung vorgeschlagen, den Schwerpunkt auf die Ostseite Sewastopols zu verlegen, doch war der Boden hier wenig geeignet für die Anlage von Sturm- und Laufgräben, da wegen der Felsen kaum genug Erde vorhanden war, um Schutzwälle aufzuwerfen.
    Mit den Verstärkungen aus Frankreich war auch ein neuer General auf der Halbinsel erschienen, den viele schon für den Nachfolger Canroberts hielten - General Pellissier. Auch er hatte seine Erfahrungen im Algerienkrieg gesammelt. Die französische Armee (83 000 Mann stark) erhielt eine neue Organisationsform. Sie wurde in zwei Armeekorps (zu je vier Divisionen) und eine Reserve eingeteilt.
    Den ganzen Winter über liefen die Tranche-Arbeiten weiter. Die Franzosen trieben ihre Parallelgräben und den Batterienbau bis vor die Quarantäne-Bastion, den Eckpfeiler Sewastopols am Meer, und bis zu der zwischen Mast- und Quarantäne-Bastion gelegenen Zentralbastion vor. Und sie begannen nun auch mit dem Bau von unterirdischen Tunneln, um Minensprengungen vorzubereiten. Die Engländer kamen nur langsam voran, die ihnen zugeteilten Türken entpuppten sich »als faul, schlaff und unzuverlässig«. In Ermangelung von Maultieren und Pferden dienten die Türken als »Arbeitstiere«, um Verpflegung oder Munition zu transportieren; zwei Mann trugen an einem über die Schulter gelegten Stock in Sandsäcken die 24- oder 32-Pfund-Granaten oder Kartuschenbüchsen. Da die Wirkung von Vollkugeln zusehends verpuffte, wurde nunmehr größerer Wert auf die schweren Mörser mit ihren Sprenggranaten gelegt.
    General Todleben, neben dem Festungskommandanten Osten-Sakken und Admiral Nachimow, Verteidiger von Sewastopol, blieb nicht lange verborgen, daß die Alliierten einen neuen Schwerpunkt gewählt hatten. Aus der Anlage von Paralleigräben vor dem Grünen Hügel, dem Mamelon Yen, der rund 1000 m vor dem Malakow-Turm lag, und dem Bau neuer Batterien sah er, daß die Malakow-Bastion, nach dem


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    Tod General Kornilows nun Kornilow-Bastion genannt, das Ziel des Angriffs sein sollte. Die Franzosen blieben auch dabei, als sie nunmehr ganz neue Schwierigkeiten auf sich zukommen sahen. Die Bettungen für die Geschütze mussten zum Teil in den Fels gesprengt, Geschützstände durch Sandsackbarrieren gedeckt werden. Für den Bau der Batterie Nr.5 wurden 25000 Sandsäcke gestapelt, 150000 Sandsackfüllungen waren notwendig, um Deckungen aufzuschütten. Sandsäcke hatten nur den Nachteil, daß sie in der Feuchtigkeit schnell verfaulten.
    Daraufhin ging Todleben in die offensive Verteidigung den »Angreifern mit dem Spaten in der Hand entgegen«. Im Februar errichteten die Russen in der Nacht zwei Außenstellungen, die sie mit Infanterie und Geschützen besetzten, die Redouten Selenginsk und Volhynien. Beide lagen an der Sapeurstraße am nördlichen Rand der Kiel- Schlucht, an der Stelle, wo am 5. November die Angriffskolonne von General-Leutnant Sojmonow gegen das englische Lager vorgerückt war. Ihre Bekämpfung machte wiederum den Bau neuer Gegenstellungen und Batterien notwendig, so daß die Terminpläne der Alliierten durcheinander gerieten.
    Zu der größten Überraschung der Engländer und Franzosen stand auch am Morgen des 9. März auf dem Grünen Hügel ein weiteres Erdwerk, die Redoute Kamtschatka, mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit ausgebaut und befestigt. Sie bildete das Zentrum einer neuen vorgeschobenen Verteidigungslinie zwischen den beiden Redouten an der Kiel-Schlucht und den Steinbrüchen in der Woronzow-Schlucht vor dem großen Redan.
    Die Russen brachten es durch ihren Erfindungsreichtum zur Meisterschaft in der Verteidigung. Sie verwandelten die ehemalige Festungsmauer in ein tiefgestaffeltes Stellungssystem und führten die elastische Verteidigung ein, um dem Gegner möglichst große Verluste zuzufügen. Vor den Bastionen, der Hauptkampflinie, legten sie Schützenlöcher und Schützengräben an, die außerordentlich schwer von der Artillerie getroffen werden konnten und einen geradezu verschwenderischen Munitionseinsatz zu ihrer Zerstörung erforderten. Die klassische Festungslehre kannte diese Einrichtungen als Jägerlöcher (Embuscades, rifle pits) oder Jägergräben, da in ihnen die Scharfschützen lauerten, um Offiziere und Kanoniere in den gegnerischen Linien zu erschießen, doch wurden sie unter Todleben, im


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    großen Maßstab angelegt, zu einem integralen Bestandteil des Stellungskrieges.
    Je näher die Franzosen und Engländer Sewastopol kamen, umso weiter schien sich die Festung zu entfernen. Nun musste erst der Grüne Hügel gestürmt werden, um an den Malakow-Turm heranzukommen.
    Als Mitte Februar zum ersten Mal wieder die Sonne durchkam und das bisherige »weiße Leichentuch der Schneedecke« sich in einen freundlichen Anblick zu verwandeln versprach, nahm die Kampftätigkeit sprunghaft zu. In der Nacht vorn 19. zum 20. Februar scheiterte ein Angriff unter General Bosquet, durch den die russischen Truppen unter General Liprandi bei Tschorgun vertrieben werden sollten. Bosquets Divisionen gerieten in einen plötzlich eintretenden Schnee- sturm, die Truppen wurden mühsam durch Trompetensignale zusammengehalten; bis alle Bataillone wieder zum Rückmarsch beieinander waren, marschierte die Hauptmacht auf Befehl im Kreis, um einem Erfrieren die Gliedmaßen oder dem Tod durch Erschöpfung im Schnee vorzubeugen.
    Auch die Russen mussten einen schweren Rückschlag hinnehmen. Am 17. Februar scheiterte ein Großangriff von 22000 Mann gegen Eupatoria, wo nun die Türken in einer Stärke von über 30000 Soldaten unter Omer Pascha standen. Derselbe russische General, der in Eupatoria das Gefecht abgebrochen hatte, als sich der Misserfolg andeutete, hatte auch bei einem nächtlichen Angriff vom 22. auf den 23. März gegen die Stellungen vor dem Grünen Hügel kein Glück; mit
    1300 Mann Verlusten, darunter 387 Toten, war dies das schwerste Gefecht nach der Schlacht von Inkerman. Im Gegensatz zu Menschikow bat General Osten-Sacken am nächsten Tag um einen Waffenstillstand, um die Toten und Verwundeten zu bergen.
    »Drei Stunden hindurch gingen und kamen schweigsam die Träger, um auf ihren Bahren Leichname zu bringen und fortzutragen«, so beschrieb Bazancourt das »dustere und traurige Geschafft« des Austausches der Toten »In der Ebene mitten unter den Trümmern des Kampfes bemerkte man zwei Gruppen von Offizieren deren eine die franzosische, die andere die russische Uniform trug Diese Gruppen vermengten sich für einen Augenblick miteinander und die Offiziere beider Nationen unterhielten sich gegenseitig voller Zuvorkommenheit und Artigkeit «


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    Innerhalb einer Woche fanden im März nicht weniger als vier Gefechte in diesem Frontbereich statt.
    Am 12. März erschien zum ersten Mal der türkische Generalissimus vor Sewastopol, um mit Raglan und Canrobert zusammen den weiteren Einsatz der verstärkten türkisch-ägyptischen Einheiten zu bestimmen. Sollten sie selbständig gegen das russische Hinterland operieren oder vor Sewastopol als Hilfstruppen der Alliierten eingesetzt werden? Das Foto, das der Krimkriegphotograph Roger Fenton vom Kriegsrat der drei Oberbefehlshaber bald machte, täuschte die Öffentlichkeit. Omer Paschas Rat war nicht mehr gefragt. Die Türken marschierten erst einmal nach Kadikoi, um den Rücken der Belagerer zu decken.
    Das neuartige Verteidigungssystem der Russen bewirkte auch auf französischer Seite eine Abkehr von der klassischen Festungsschule. Die Franzosen passten ihre Stellungsführung den geographischen Gegebenheiten an, den vielen kleinen Steinbrüchen, aus denen einmal das Baumaterial für die Stadt gebrochen worden war, sowie den zahllosen Bodenfalten und Einschnitten - die Russen waren gewissermaßen ihre Lehrmeister. Auch während der Vorbereitung für das Bombardement der Stadt gab es Anordnung, bestimmte Punkte der gegnerischen Front unter Feuer zu halten, Redouten, Sammelplätze für Infanterie, Straßen. Alle zehn Minuten feuerten Mörser in der Nacht auf den Grünen Hügel und auf die Kiel-Schlucht, um die Russen bei ihren Arbeiten zu stören. Um nachts möglichst schnell Truppen an die Brennpunkte zu werfen, wurden Signale verabredet:
    Sternraketen bei einem Angriff gegen den rechten, Schwärmer bei einem Angriff gegen den linken Flügel.
    541 Geschütze waren Anfang April eingerichtet, 270 000 Schuss lagen bereit, für jedes Geschütz durchschnittlich 500 Schuss. Dazu 24000 Raketen, die nur den Nachteil besaßen, zu früh zu explodieren. Trotz allem gab es für die Ablieferung russischer Geschosse einen Finderlohn. Die schweren Geschütze überwogen, die Engländer hatten viele ihrer 24-Pfünder durch 32-Pfünder ersetzt, ihr schwerstes Kaliber waren die 64-Pfünder, bei den Franzosen die 30-cm-Geschütze.
    Inzwischen war General Niel wieder auf höheren Befehl auf die Krim zurückgekehrt, mit ihm die Nachricht, daß der Kaiser selber vor Sewastopol erscheinen würde. Den Generälen war klar, daß damit für



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    sie wenig Lorbeer übrig blieb. Nur die Engländer baten zum Ärger Niels um Aufschub, da sie mit ihren Vorbereitungen noch nicht fertig waren.
    Am 8. April hatte die orthodoxe Bevölkerung in Sewastopol Ostern gefeiert. Frauen und Kinder gingen auf die Bastionen hinaus, um ihren Männern und Vätern den Osterkuß zu geben. Es war ein schöner Sonnentag. Um Mitternacht begann es zu regnen, um 5 Uhr morgens brach ein höllischer Orkan aus Eisen und Stahl über die Stadt herein. Aber der Regen bedeutete kein gutes Vorzeichen für Alliierten. Die vorderen Gräben soffen ab, Grabenwände stürz ein, die schweren Mörser rutschten auf den schlüpfrig gewordene Bettungen hin und her, so daß sie sich kaum richten ließen. Im Grunde war es wie bei dem ersten Bombardement sechs Monate zuvor. Den Verteidigern gelang es meist über Nacht, die Zerstörungen zu beheben und die demontierten Geschütze zu ersetzen. Vor Mastbastion wurden unterirdische Minen von 26220 kg Pulver gezündet, um in ihren Trichtern sofort neue Stellungen anzulegen. die Mastbastion und die Redoute Kamtschatka auf dem Grünen Hügel war nur noch ein Schutthaufen. Die russischen Verluste waren dreimal so hoch wie die englischen und französischen, nämlich rund 3 Mann täglich. Die Antwort der Belagerer blieb diesmal schwach Admiral Nachimow hatte vor Munitionsverschwendung gewarnt und ruhiges Zielen befohlen.
    Nach 14 Tagen stellten die Alliierten ihr Feuer ein. Die Sturmtrupps kehrten in ihre Lager zurück. Doch nach Todlebens Überzeugung waren die Alliierten einem Durchbruchserfolg so nahe gewesen wie noch nie.
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