VIII Der Fall von Sewastopol Die Wiener Friedenskonferenz
»Wenn man bedenkt, was da noch stehn geblieben Von den gewaltgen Werken, die Nikolaus erbaute, So ergreift mich ein Wehmutsgefühl, denn
‘s ist bloß der Mallakoff, der steinern Turm im Westen, Der schon zweimal die Feinde von sich abhielt.«
Friedrich Nietzsche 1856
Im März 1855 bot Wien der Welt das bemerkenswerte Schauspiel, die Vertreter der Westmächte und Russlands am Verhandlungstisch zu vereinen, während sie sich an der Front auf der Krim feindlich gegen- überstanden. Österreich fiel der Vorsitz zu, es stand gleichsam als Makler zwischen den Westmächten und Russland, das Fürst Alexander Gortschakow vertrat. Preußen fehlte. Nur Gortschakow monierte seine Abwesenheit, aber niemand gedachte es hinzuzubitten. Buol schlug vor, den Ausdruck »fünf Großmächte« durch »die kontrahierenden Mächte« zu ersetzen, so daß das Thema vom Tisch war. Basis war das sogenannte Vierpunktepapier.
Die Unterbrechung der Feindseligkeiten infolge der schlechten Jahreszeit stellte, wie Nesselrode seinem Botschafter in Wien schrieb, eine Gelegenheit dar, Friedensverhandlungen zu führen. Andererseits war die Situation vor Sewastopol so unentschieden, daß eigentlich keine Partei gezwungen war, schwerwiegende Zugeständnisse zu machen, nur um des Friedens willen. Ohne Zweifel war es ein Erfolg des österreichischen Außenministers Graf Buol, noch einmal die österreichische Metropole zum Mittelpunkt des politischen Entscheidungsprozesses in Europa gemacht zu haben.
Aber schon die ersten Sitzungen bedeuteten für Österreich eine bittere Enttäuschung. Hier ging es um die Zukunft der Donaufürstentümer und die Freiheit der Donau-Schifffahrt. Buol hatte sich ausgerechnet, die beiden ja noch immer von österreichischen Truppen besetzten Balkanländer dem Habsburger Reich einzuverleiben bzw. die »Oberaufsicht« im Namen Europas zu erhalten als eine Art Übergangsregelung. Nicht zuletzt deshalb war er im vorigen Dezember mit den Westmächten eine Allianz eingegangen. Aber aus einer gemeinsamen
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Sprache, auf die sich Buol zusammen mit dem englischen Gesandten Westmoreland und dem Franzosen Bourqueney am 28. Dezember vorab geeinigt hatte, wurde nichts. Zur Überraschung der Österreicher trat Bourqueney mit dem Plan auf, die beiden Fürstentümer zu einem Staat zu vereinigen und ihnen unter einem Regenten überdies eine gewisse Selbständigkeit zu geben, eine Idee, die ganz eindeutig auf die Initiative Napoleons III. zurückging, zu dessen politischem Konzept die Förderung nationaler Bestrebungen gehörte.
Russland verzichtete zur Überraschung aller auf die Fortsetzung des russischen Protektorats, verlangte nur die Streichung des Begriffs Protektorat als einen für die Vergangenheit nicht zutreffenden Ausdruck, und eine Kollektivgarantie der Großmächte. Ein Papier von sechs Punkten regelte den neuen Status, bei dem das Osmanische Reich ein Mitspracherecht erhielt, zumindest das »Recht freier Würdigung«. Punkt 2 hing eng mit Punkt 1 zusammen, weil er die Schiff- fahrt auf der unteren Donau betraf und damit die wirtschaftliche Entwicklung der ganzen Region. Auch hier verzichtete Fürst Gortschakow auf alle alten Sonderrechte Russlands. Er verwahrte sich nur gegen den Vorwurf, der freien Schifffahrt Hindernisse in den Weg gelegt zu haben, obwohl allen am Tisch bekannt war, daß Russland den einzigen schiffbaren Mündungsarm der Donau hatte versanden lassen, um den Handelsverkehr über Odessa zu leiten. Man einigte sich darauf, eine europäische Kommission, zu der auch Russland gehörte, die Grundlagen eines Schifffahrt- sowie Strom- und Seepolizeireglements für die untere Donau ausarbeiten zu lassen.
Nun trat aber am 26. März wie zu erwarten in der sechsten Sitzung die erste Stockung ein, als es an Punkt 3 ging, der die Revision des Dardanellenvertrages von 1841 betraf und als Ziel hatte, dem Übergewicht Russlands auf dem Schwarzen Meer ein Ende zu bereiten.
Die Westmächte traten für eine weitgehende Neutralisierung des Schwarzen Meeres ein. Es sollte nur noch Handelshäfen und eine begrenzte Zahl von kleinen Kriegsschiffen für die Küstenpolizei neben ein paar Transportschiffen geben, was für Russland und die Türkei galt. Da eine Neutralisierung des Schwarzen Meeres von Gortschakow strikt verworfen wurde, schlug Buol vor, gleich zu Punkt 4 überzugehen, was jedoch bei Clarendon in London keine Zustimmung fand.
Die nun folgende Pause, bei der alle Verhandlungsteilnehmer Rücksprache
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mit ihren Regierungen nahmen, kam allen gelegen, da auch die Wiederaufnahme des Bombardements auf Sewastopol verschoben worden war.
Am 6. April betrat der französische Außenminister Drouyn de Lhuys die Szene, um den schleppenden Verhandlungen einen neuen Schwung zu geben. Der Franzose hatte vorher seinen Kollegen in London konsultiert, um eine einheitliche Marschoute festzulegen und um gleichzeitig Österreich zu einer klaren Entscheidung für die Westmächte zu bewegen. Buol weigerte sich jedoch entschieden, Russland wegen der Ablehnung von Punkt 3 ein Ultimatum vorzulegen bzw. »um zwei Schiffe mehr oder weniger« mit der Eröffnung von ‘Feindseligkeiten zu drohen. Nun suchte Drouyn de Lhuys nach einem Kompromiss. Wie er Franz Joseph offenherzig sagte, war er weniger des Friedens mit Russland willen als um der Festigung des Bündnisses mit Österreich nach Wien gekommen.
Mit dem Fortgang der Verhandlungen wurde damit Österreichs Position schwieriger - Ausdruck des Dilemmas, in das es sich durch Buols doppelgleisige Politik selbst manövriert hatte: Russlands Vorherschaft auf dem Balkan zu brechen, zwecks Rückendeckung mit dem Westen zu kooperieren und doch den Krieg mit Russland zu vermeiden.
Buols Politik dem Versuch der Quadratur des Kreises glich, kam seinem Lösungsvorschlag für Punkt 3 zum Ausdruck, den er bei Geimverhandlungen mit den Westmächten auf den Tisch legte; er schlug ein Einfrieren der russischen Flotte auf dem Zahlenstand vor ;Kriegsausbruch vor und die Stationierung von ebenso vielen englischen, französischen und türkischen wie russischen Kriegsschiffen;
eine permanente Nachrüstung auf den jeweils aktuellen Stand sollte
dann »System der Gegengewichte« bilden bzw. das maritime
Gleichgewicht auf dem Schwarzen Meer erhalten, eine Art Gleichgewicht durch Abschreckung.
Da der Plan die Unterstützung Drouyn de Lhuys fand und John Russel
selber zu den Gemäßigten im englischen Kabinett gehörte,
reiste Lord John am 23. April ab, mit dem Vorschlag Buols in der Tasche. Er hätte gewarnt sein müssen, weil Clarendons bereits vorher ein Gleichgewicht der Kräfte« wegen seiner Labilität als »bewaffneten Waffenstillstand« abgelehnt hatte. Wie zu erwarten, verweigerte das Kabinett unter Palmerston den Kompromiss, Gladstone verließ
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aus Protest die Regierung, Russell folgte einige Zeit später. »Wenn wir Buols Plan annehmen«, meinte Clarendon zu Russell, »könnte keiner von uns vor tätlichen Angriffen auf der Straße sicher sein, und das würde uns recht geschehen.«
Danach kühlte sich das Verhältnis Österreichs zu den Westmächten merklich ab. Aber es war Buols Glück, daß die Westmächte nicht daran dachten, die Allianz mit Österreich einem Härtetest zu unterziehen. Nach dem harten und verlustreichen Winter auf der Krim konnten es sich die Westmächte nicht leisten, auf einen potentiellen Bundesgenossen zu verzichten. Alexander Gortschakow wiederum hatte in Erfahrung gebracht, daß Buol vor einem offensiven Bündnis mit dem Westen zu diesem Zeitpunkt zurückschreckte. Russland dachte also nicht daran, in Wien ohne Not als geschlagene Nation aufzutreten, obwohl seine Schwarzmeerflotte, der Stolz des Zaren, auf dem Grund der Bucht von Sewastopol lag. Nicht Buol, sondern der russische Bevollmächtigte erwies sich in Wien als die dominierende Persönlichkeit.
Während der Wiener Friedenskonferenz hatte Napoleon III. seinen lang erwarteten Staatsbesuch in England absolviert, in dem Land, in dem ihm als politischer Flüchtling einst so großzügig Asyl gewährt worden war. Auf zwei Ministerbesprechungen war in London der weitere gemeinsame politische Kurs festgelegt worden. Ein Militärübereinkommen hielt die Abmachung fest, die Belagerung von Sewastopol - auch bei Misserfolgen - weiterhin aufrechtzuerhalten und zwei Operationsarmeen aufzustellen, davon eine Armee unter dem Befehl des französischen Kaisers Napoleon III konnte die sechstägige Reise am 21. April zu voller Zufriedenheit abschließen. Der englische Hof hatte ihn mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen, pikanterweise hatte er dieselben Zimmer in Schloß Windsor bewohnt wie Nikolaus 1. 1844 bei seinen Eröffnungen über die orientalische Frage; ihm zuliebe war der Waterloosaal, wo der Empfang und Ball stattfand, in The Picture Gallery umbenannt worden. Wollte man den Zeitungen glauben, war Napoleon III. auch von den Londonern ein enthusiastischer Empfang bereitet worden, während Thomas Carlyle als Augenzeuge nur »zwei dünne, sehr dünne Reihen der verworfendsten menschlichen Geschöpfe« als Jubelspalier gesehen hatte, »Lahme, Krumme und Krüppel, mit schmutzigen Hemden und der Miene von Taschendieben und wahren Schakalsgesichtern. Kaum
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ein halbwegs anständig Gekleideter war unter ihnen, viel weniger ein der besseren Klasse Angehörender«.
Der Gegenbesuch wurde auch gleich festgelegt; er sollte im Juli in Paris stattfinden, als Höhepunkt der geplanten Weltausstellung, mit der Napoleon III. das Londoner Vorbild von 1851 zu übertreffen gedachte. Ein Besuch am Sarg Napoleon I. würde das Bündnis zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich besiegen, die endgültige Rückkehr in den Kreis der europäischen Häupter. In London war Napoleon III. mit neuem Selbstbewusstsein ganz auf die Linie Palmerston-Clarendons eingeschwenkt, nach der ein Friede mit Russland, wie ihn Österreich vorgeschlagen hatte, unehrenhaft und haltlos war. »Die Londoner Reise ist ihm zu Kopf gestiegen«, notierte Baron Hübner; die geplante Allianz Paris-Wien, ein Ärgernis für London, war damit zerbrochen.
Er werde um nichts in der Welt irgendetwas annehmen, was den Stand vor dem Kriege beibehält, erklärte der Kaiser seinem Außenminister:
Wir haben Besitz vom Schwarzen Meer ergriffen, wir werden es nur um den Preis bedeutender Konzessionen wieder verlassen.« Drouyn
Lhuys sah sich durch diese neue Entwicklung nach eigenen Worten Wien und London bloßgestellt und nahm seinen Abschied.
Damit stand fest, daß nicht etwa Russland am Abbruch der Gespräche schuld war; Clarendons war mit der festen Absicht nach Wien gegangen, den Krieg bis zum endgültigen militärischen Sieg auf dem Schlachtfeld weiterzuführen.
Buol der gedacht hatte, wie einst Metternich als Dirigent des europäischen Konzerts auftreten zu können, kaschierte das Scheitern der der Wiener Friedenskonferenz und führte am 26. April die 13: Runde weiter, als ob nichts Endgültiges geschehen sei, und vertagte dann die Konferenz auf unbestimmte Zeit.




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