Der Flug des Adlers
Omer Pascha hatte Silistria bereits aufgegeben, als Saint-Arnaud am 19. Mai auf der Berthollet in Varna ankam. Es war das erste Mal, daß sich die drei Oberbefehlshaber der Türken, Engländer und Franzosen trafen. Die beiden Admiräle hingegen fehlten, sie waren im dichten Nebel vor Sewastopol steckengeblieben. aß er eben noch vorausgesagt hatte, das russische Heer werde in der Dobrudscha durch Krankheiten dezimiert, schien Omer Pascha verdrängt zu haben. Ohne seine Verbündeten gedachte er keinen Schritt vorwärts zu gehen; allenfalls zu dritt sollten sie den Russen eine Schlacht liefern. Obwohl Saint-Arnaud nicht wissen konnte, wie viel Truppen inzwischen in Gallipoli eingetroffen waren, sagte er Omer Pascha schnellste Hilfe zu.
Um so größer war der Schock, als Saint-Arnaud am Morgen des 26. Mai in Gallipoli eintraf: »Er hatte vergessen, daß bei einer so entfernten Expedition die unzähligen Schwierigkeiten der Schifffahrt und hundert andere Hindernisse dazwischen treten, deren Beseitigung außerhalb menschlicher Kraft liegt.«
Im Fall der englisch-französischen Expeditionsarmee aber lag gerade menschliches Versagen vor, da die Ausrüstung in Toulon und Marseille mit größter Hast und völlig planlos auf die Schiffe verteilt worden war, gleichgültig ob es sich nun um die langsamen Segler oder windunabhängigen Dampfer handelte. Den schwersten Fehler beging man bei dem Transport der Pferde, die man an Bord der Segelschiffe brachte, ohne für Transportgestelle und Gurte zu sorgen, so daß sie auf See ständig hin und her geworfen wurden.
»Sie fielen schneller hin als wir sie wieder aufstellen konnten«, schrieb der Dragoner Temple Godman seinem Vater. »Sie wieherten schrill vor Angst, auch weil die Zeltplanen über ihren Köpfen im Wind knatterten Zwei Pferde, die nicht mehr aufstanden, mussten wir mit Gewalt an Deck schleifen, um sie dort wieder aufzurichten «In Gallipoli mangelte es dann wieder an Leichtem, so daß man »die Pferde nicht selten ans Meer werfen und an Land schwimmen lassen musste« Das Lager in Gallipoli bestand aus einem einzigen Chaos Geschütze ohne Bespannung, Batterien ohne Munition, Soldaten ohne Verpflegung 24 Geschütze waren uberhaupt erst feuerbereit Die 500 ausge schifften Pferde gehörten verschiedenen Truppenkörpern an Die
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Infanterie verfügte erst über 27 Bataillone. Der Biskuit-Vorrat reichte für zehn Tage anstatt, wie geplant, für drei Monate.
»Man kann den Krieg nicht ohne Brot führen«, depeschierte der Marschall, »nicht ohne Schuhe, Kochtöpfe und mindestens 250 Kannen.« Um den Transport von Proviant und Material zu beschleunigen, schickte Saint-Arnaud alle verfügbaren Dampfer durch die Dardanellen, um die gegen den widrigen Nordwind ankämpfenden Segelschiffe abzuschleppen. Erst jetzt begann man einzukalkulieren, daß die Fahrt von Frankreich durch das Mittelmeer (über Malta und Piräus) für Dampfer rund zwei Wochen, für Segelschiffe dagegen bis zu zehn Wochen dauerte.
In Gallipoli musste Saint-Arnaud auch jene Division Forey vermissen, die er lange vor seinem eigenen Aufbruch in Toulon abgefertigt hatte. Sie war zusammen mit einem Regiment englischer Marinesoldaten von Malta aus nach Griechenland beordert worden, um dort die griechische Regierung wieder mit Gewalt auf den politischen Kurs der Alliierten zu bringen.
Am 2. April waren die ersten französischen Transporte eingetroffen. Als die Engländer feststellen mussten, daß Gallipoli zu eng und unwirtlich war, fuhren sie mit ihren Schiffen gleich weiter nach Konstantinopel, um gegenüber der Osmanischen Hauptstadt auf dem asiatischen Teil bei Skutari ihr Lager aufzuschlagen, wo riesige Kasernen- anlagen aus den 30er Jahren standen.
»Die Ansicht von Konstantinopel, Pera etc. vom Bosporus aus ist das schönste, was ich je gesehen habe«, schrieb Temple Godman begeistert nach Hause. »Es ist unbeschreiblich, wie eine Szene aus Arabian Night oder einem Märchen. Das Vielerlei der Häuser, Paläste, Moscheen mit ihren Minaretten, mit dem wundervollen Grün der Bäume zwischen ihnen - nur wenn man an Land kommt, ist es damit aus; die Straßen sind so eng, dunkel und winklig, daß man nichts sieht!«
Auf die Franzosen dagegen machte die Türkei den denkbar schlechtesten Eindruck. »Jedermann, der dieses verpestete Nest, welches man Gallipoli nennt, gesehen hat, der seine düsteren, engen, Unrat bedeckten Gassen kennt, begreift leicht, daß sich alle Geißeln der Erde dort ein Stelldichein geben und in der verpesteten Atmosphäre üppig fortwuchern mussten«, stellte Baron de Bazancourt fest, der vom französischen Kriegsminister beauftragte Chronist des Krieges.
Aus diesem Grund wurde das Truppenlager 14km entfernt auf der
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Ebene von Bulahir zwischen den Dardanellen und dem Golf von Enos eingerichtet. Da noch immer mit einem Durchbruch der Russen bis nach Konstantinopel gerechnet wurde, sollte die Halbinsel sogar durch ein Verteidigungswerk abgeriegelt werden.
Wegen dieses »gefürchteten Durchbruchs« in die Ebene von Rumelien fasste Saint-Arnaud übereilt einen neuen Plan. Er beschloss, Gallipoli als operatives Zentrum aufzugeben und seine Truppen teils in Eilmärschen, teils zu Schiff in der Gegend um Burgas (zwischen Varna und Konstantinopel) aufmarschieren zu lassen, konnte sich jedoch mit Lord Raglan nicht einig werden, der an dem ursprünglichen Plan festhielt, alle Truppen in Varna zu konzentrieren und den Russen noch vor Erreichen der Balkanpässe bei Schumla zusammen mit den Türken eine Schlacht zu liefern. Raglan vermutete, daß Saint-Arnauds »kleinmütiger Plan« von General Trochu stammte, den man im englischen Heer für den eigentlichen Vertreter der Ideen des Kaisers Napoleon hielt, während Saint-Arnaud wiederum davon überzeugt war, daß Raglan von dem eifersüchtigen Stratford unter Druck gesetzt wurde, am ursprünglichen Plan festzuhalten.
Nun musste Saint-Arnaud, als er bei Burgas das Schiff verließ, aber feststellen, daß der Hafen unsicher und die Stadt nur ein armseliges Dorf war, in dem es nicht einmal genug Wasser für die Bewohner gab, so daß überhaupt nicht daran gedacht werden konnte, »an diesem Ort eine stehende Proviantierungsbasis anzulegen, auf die sich eine Armee stützen könnte«. Er änderte wiederum seinen Plan und hielt erst einmal in Gallipoli eine Parade ab, um einen Überblick über seine Truppen zu erhalten, bevor er Ende Mai den Befehl zum Abrücken gab.
Während sich die Kavallerie nach Adrianopel auf den Weg machte, wurden die meisten Infanteristen auf Schiffen nach Varna gebracht. Für die rund 6000 Mann starke Brigade unter General Canrobert, die dazugehörige Bagage und Artillerie mitsamt ihren Zugpferden waren sechs französische Dampffregatten, zwei ägyptische Fregatten, eine Corvette und vierzig Handelsschiffe zum Transport notwendig.
Eine Division wurde auf dem Landweg in Marsch gesetzt, um nach der endlosen Fahrt zur See wieder den Gebrauch ihrer Beine zu erlernen, wie es im Generalstabsjargon hieß.
Der Vormarsch Richtung Konstantinopel entlang des Marmarameeres stellte sich jedoch als eine Strapaze heraus, die die Kampfkraft der
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Soldaten unterhöhlte, da es keine Straßen gab, also gar kein Landweg existierte. Die Truppen der Vorhut, ein Jägerbataillon, mussten der Artillerie mit Hacken und Brecheisen einen Weg durch das Felsgestein bahnen. Den ganzen Weg entlang wurden Fronbauern vorausgeschickt, um den Soldaten den Pfad durch die Schluchten zu zeigen. Nach Rodosto hörten die Schwierigkeiten auf, doch hatte man nun unter der Sonne und dem Staub zu leiden, der in riesigen Wolken auf wirbelte .
Prinz Napoleon erwartete derweil die Division in seinem kühlen Palast am Bosporus und fand den Anblick seiner Soldaten mit ihren zerrissenen und staubbedeckten Uniformen trotzdem herrlich.
Am 17. Juni ließ er sie auf einer gemeinsamen Parade dem Sultan vorführen, bevor sie eingeschifft wurden. Das Defilee der Truppen störte nur ein Pascha der Türken, der wie ein »fetter Sack« (Calthorpe) auf seinem Pferd saß. Besonderes Aufsehen erregte ein türkisches Regiment, das praktische Gamaschen statt der Pluderhosen trug, eine Neuerung Omer Paschas, die wegen ihrer »Irreligiosität« von den Muselmanen angefochten wurde, wie der Berichterstatter der Leipziger Illustrierten Zeitung zu berichten wusste. Er bedauerte auch, daß die Franzosen statt der prächtigen Tschakos Feldmützen trugen. »Die Epauletten der Offiziere sind gleichfalls für die Dauer des Feldzugs abgeschafft worden, da sie stets das Ziel der feindlichen Schützen bilden.«
Die Franzosen ärgerten sich darüber, daß ihre Kameraden aus England in Droschken spazieren fuhren, während Marx im fernen London phantasierte, die alliierten Landtruppen würden sich beim Genuss ungeheurer Mengen des dortigen schweren und süßen Weines verbrüdern. Argwöhnisch orakelte er, daß der Krieg im Osten »ein gut Teil des militärischen Ruhms des verstorbenen Herzogs von Wellington zerstören« würde.
Tatsächlich fielen die englischen Soldaten eine Zeitlang nach der Landung in Konstantinopel durch stereotype Betrunkenheit auf, aber nur weil Alkohol billig war, die Soldaten jedoch nicht ausreichend zu essen hatten. Am Anfang landeten einmal 2400 Mann volltrunken auf der Wache - bei 14000 Mann Armeestärke.
Das Interesse der Einwohner Stambuls an der Militärrevue war allerdings gering, was als Beweis für die sprichwörtlich bekannte Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit des »morgenländischen Volkes«
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gewertet wurde. Nur die Europäer hatten sich in solchen Scharen eingefunden, daß kein Pferd und kein Wagen mehr zu bekommen waren, unter ihnen Abenteurer und Schlachtenbummler aus fast allen Nationen Europas, die sich in den Hotels von Pera niedergelassen hatten und denen der Krieg nicht rasch genug voranging; vor allem äußerten sie sich missmutig über Omer Pascha und dessen zaudernde Kriegführung.
Einen Tag später, am 18. Juni, begann die Einschiffung, während die Türken ihr Ramadan-Fest feierten. Am Abend boten Goldenes Horn und Bosporus mit den erleuchteten Schiffen und Barken und den illuminierten Moscheen jenes »feenartige Schauspiel«, dessen Erlebnis von den Besuchern der alten osmanischen Hauptstadt überall als einmalig und unverwechselbar gerühmt wurde. Der Donner von Kanonen wurde als nicht störend empfunden.
Aus Paris erhielt Saint-Arnaud nachträglich die Billigung seines neuen Kriegsplans durch den Kriegsminister: »Nützen Sie das Schuhwerk Ihrer Infanteristen ab, lassen Sie die Gesichter unserer ausgezeichneten Leute von der Sonne bräunen!« Zur selben Zeit schrieb einer der Generalstabsoffiziere des Marschalls: »Genau betrachtet, wissen wir eigentlich gar nicht, was bei den Russen vorgeht; es fehlt uns an Spionen oder doch wenigstens an guten Spionen.«





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