Willkommen bei Reconquista Europa - Für Freiheit und Demokratie.

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  1. #1
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    Standard German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Der Krimkrieg!
    Eigenes Vorwort!

    Der Krimkrieg war der erste Krieg der Moderne in dem Europäische Großmächte sich aus eigennützigen Motiven auf die Seite einer Islamischen Großmacht stellten um eine andere Großmacht daran zu hindern Christlich Europäisches Gebiet zurückzuerobern!
    Es Verbluteten fast nur Christen ! Kosten undVersorgung der Opfer trugen auch allein die "Sogenannten Christlichen Staaten" Frankreich und Enland!

    Damals war die letzte Chance Istanbul zurückzuerobern und wieder zu Konstantinopel zu machen!

    Die Russen wären Durchmarschiert und hätten, wenn sich England und Frankreich wenigstens Neutral verhalten hätte , auch nicht aufzuhalten gewesen!
    Wer weiß wie die Welt Heute aussehen würde!

    Andre
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  2. #2
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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
    Werth, German:
    Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland /
    German Werth. Mit 2 Kt. von Willy Kress. - Erlangen ; Bonn;
    Wien : Straube, 1989
    ISBN 3-927491-08-X
    Copyright by Verlag Dr. Dietmar Straube GmbH, Erlangen - Bonn - Wien
    Alle Rechte vorbehalten
    Satz und Druck: Spiegel, Ulm
    Printed in Germany
    Umschlaggestaltung: Willy Kress
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  3. #3
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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Inhalt

    Prolog .Wellingtons Tot ...9

    I. Das Gespenst der Revolution Die Sphinx von Europa …15

    Ein Sommer in London 19

    Der Streit um die Schlüssel ..24

    Der kranke Mann am Bosporus ..32

    Die schützenden Mauern Rußlands ..39



    II. Die orientalische Frage 1853 …47

    Audienz beim Zaren ..51

    Die Sendung des Fürsten Menschikow ..57

    Notenkrieg ..64

    Kalter Krieg ..70

    III. Sterben für Konstantinopel Gipfeltreffen…. 79

    Doppelmoral 84

    Ein zweites Navarino? ..88

    Das Spiel mit dem Feuer …94

    Zwischen West und Ost ..101

    IV. »Der langweilige Krieg« Ansprachen statt Kohlen. ….109

    Von der Ostsee nichts Neues ..113

    Der Flug des Adlers ..119

    Österreichs Doppelspiel …123

    Kampf ohne Ruhm ..129

    V. Die Invasion Die Landung ..139

    »Der sicherste Hafen der Welt« ..146

    Die Schlacht an der Alma ..151

    Die vier Punkte ..160

    Ein verhängnisvoller Sieg ..165

    VI. Die Belagerung Im Garten Eden ..175

    Bomben auf Sewastopol …..181

    Balaklawa — Das Tal des Todes …189

    Inkerman — »Welch eine Schlachtbank!« ..199

    Novemberstürme ….208

    VII. Zermürbungskrieg Preußen — Zwischen zwei Stühlen ..213

    General Winter ….219

    Ein neuer Alliierter ….224

    Die Lady mit der Lampe …230

    »Der Zar ist tot!« …237

    Osterbombardement …246

    VIII Der Fall von Sewastopol . Die Wiener Friedenskonferenz ….253

    Sewastopol im Mai ..257

    Stellungskrieg …262

    Tschernaja — Das letzte Gefecht …272

    Der Kampf um den Malakow-Turm …278

    IX. Der Friede von Paris Ratlosigkeit …..287

    Der Krieg der Diplomaten ….293

    Friedensmacher 1856 …300

    Friedensfeier …305

    Nachspiel …307



    Epilog Der Krimkrieg — Eine vergessene Lektion ….309

    Literaturverzeichnis ….319



    Personenverzeichnis ….327

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  4. #4
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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Prolog Wellingtons Tod

    »Papa kaufte meinem Bruder Branwell ein paar Holzsoldaten. Ich schnappte mir einen davon und rief: >Das ist der Herzog von Wellington! Dieser soll mein Herzog sein!< Mein Soldat war der hübscheste von allen und der größte. Branwell suchte sich seinen Soldaten aus und nannte ihn >Bonaparte<.«
    Charlotte Bront 1829


    Am 14. September 1852 stirbt Wellington, der »Sieger von Waterloo«, im Alter von 83 Jahren auf Walmer Castle bei Dover, in der Grafschaft Kent.
    »Ich denke wohl, in vielen Herzen sind Gebete aufgestiegen zum Allmächtigen bei diesem wunderbaren Heimgang des Helden von 1815, bei dem Wendepunkt der Geschichte Europas«, schrieb der preußische Gesandte Bunsen, als er zwei Monate später, am 18. November, an dem feierlichen Staatsbegräbnis in London teilnahm:
    »Während der ganzen Zeit sah Nelsons kolossales Standbild über die Häupter der Sänger weg auf den großen Heldenbruder, der zu ihm hinabstieg; ein geisterhafter, wunderbarer, ergreifender Anblick.« Von der Terrasse der deutschen Botschaft aus beobachtete Bunsen den Vorbeimarsch des Trauerzugs, bevor er selbst wegen der polizeilichen Absperrungen auf Umwegen zur Begräbnisstätte in der St. Paul‘s Cathedral eilte. Schaulustigen hatte der Gesandte erlaubt, das Dach der Botschaft über die Hintertreppe zu besetzen Am Tag zuvor
    waren zwei Frauen im Gedränge ums Leben gekommen, als sie sich den Herzog im Chelsea Hospital anschauen wollten, wo der Tote, ‚eben von Fahnen und Standarten, seinen Orden und Insignien auf Paradebett aufgebahrt lag »die ganze Todesszene voll kräftigen Lebens«, wie Bunsens Tochter fand.
    Wellingtons Bonmot anlässlich des Todes Friedrich von Yorks, vor ihm Oberbefehlshaber der britischen Armee, es könne kein Militärbegräbnis geben, weil »wir in England nicht genug Truppen haben um einen Feldmarschall zu Grabe zu tragen«, traf auf seine Beerdigung offensichtlich nicht zu. Den Zug eröffneten dunkel


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    gekleidete Scharfschützen des Oberkommandos (Horse Guard) mit gesenktem Gewehr, danach kam das alte Schlachtross Wellingtons - gleichsam als erster Leidtragender an der Spitze aller Trauernden. Dem prunkvollen Leichenwagen, der den Sarg an den Menschenmassen vorbei vom Chelsea Hospital zur Gruft in der St. Paul‘s Cathedral brachte, folgten zahllose Abordnungen von Regimentern des Inselreiches, Infanterie, berittene Truppen und natürlich Gardeeinheiten, im ganzen rund 4000 Mann, während durch zusätzliche Einheiten verstärkte Musikkapellen den Händelschen Trauermarsch intonierten, effektvoll unterbrochen durch die Minute für Minute abgefeuerten Geschütze vom Themse-Ufer her. Im Gegensatz zu den Tagen zuvor regnete es nicht, die Sonne schien verdeckt und erleuchtete feierlich den Saum der Wolken.
    Die schweigsame Menge schien Beobachtern an diesem Tag bedeutungsvoll, als ahnte sie, »daß niemand da war, um an die Stelle des Mannes zu treten, der da seinen letzten Weg ging«, wie Bunsen meinte. Vergessen schien, daß man mit dem Herzog nicht nur einen vergötterten Nationalhelden zu Grabe trug, sondern auch einen Politiker, der - als Premierminister einmal nur der Lückenbüßer in Ermangelung eines besseren - mehrere Jahre lang als der »unbeliebteste Mensch« ganz Englands gegolten hatte. Sein Name verband sich ja nicht nur mit Schlachten auf dem europäischen Kontinent, sondern auch mit dem Arbeiteraufstand von 1839, den »Maschinenstürmern« von Birmingham, die er zusammenkartätschen ließ. Es war der englische Dichter Lord Byron, der öffentlich gegen die Terrorgesetze protestiert hatte, die das Zerstören von Fabrikmaschinen unter Todesstrafe stellten.
    An diesem 18. November 1852 war Wellington »das edelste Beispiel« . von dem, was ein Engländer sein konnte, der »größte Mann, den
    unser Land je hervorgebracht«, »groß und unsterblich«, ein »unersetzlicher Verlust« Auch der englische Schriftsteller Thomas Carlyle stimmte in die Klage ein »Es ist in der Tat für England eine traurige und feierliche Tatsache, daß solch ein Mann Jetzt vom Schauplatz abberufen wurde, der letzte durchaus ehrliche und durchaus tapfere Staatsdiener, den dasselbe besaß Man sollte darüber mit Ehrfurcht nachdenken, und es aufrichtig bezeugen, wahrend man ihn seinem Ruheplatz anvertraut « Ganz wohl war ihm aber nicht bei dem Spektakel »Die ganze Geschichte ist zugestandenermaßen lediglich Heuchelei,


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    Lärm und kostbares Gepränge, von dem sich ein ernstgesinnter Mann in Trauer und Abscheu abwendet.« Obwohl Carlyle alle Ablenkungen hasste, die ihn von seiner Arbeit an der Biographie des Preußenkönigs Friedrich II. abhielten, gehörte er dann doch zu den dummen Narren, die sich das Schauspiel - »ein großer Sack voller Wind und Nichtigkeit« - nicht entgehen ließen. Vor der Beerdigung hatte er Bunsen einen Besuch abgestattet, und ihm von seiner Deutschlandreise, auf der er die Schlachtfelder des »Großen Friedrich« als »Punkte von geschichtlicher Bedeutung« inspiziert hatte, mit Anteilnahme zu berichten.
    Der Leichenwagen aus Bronze war so schwer, daß er mehrmals durch das Pflaster brach, da sein Gewicht, wie Carlyle schätzte, sieben oder zehn Tonnen betrug — »das abscheulich-häßlichste Ding, das mir je vorgekommen: eine zusammenhanglose Masse von kostbaren Leichentüchern, Fahnen, Decken, vergoldeten Emblemen und Querstangen«. Der Entwurf stammte vom Prinzgemahl der Queen Victoria. Die Leiche hatte man zwei Monate lang kühl gelagert, da erst nach dem Zusammentritt des Parlaments im November die Kosten für ein Staatsbegräbnis bewilligt werden konnten, wie es der Wunsch der Königin Victoria gewesen war. Unweit von Nelsons schwarzem Marmorsarg, direkt unter der Kuppel der Kathedrale, fanden Wellingtons sterbliche Überreste ihre letzte Ruhestätte zur Erinnerung an Trafalgar und Waterloo, Frankreichs Niederlage zu Wasser und zu Lande.
    Der russische Zar Nikolaus I. ehrte den »Eisernen Herzog« durch eine große Deputation, an deren Spitze Fürst Gortschakow stand - die letzte Ehre für einen Freund Russlands, der am Ende seiner politischen Laufbahn über »die Neigung der Regierung und ihrer Mehrheit im Unterhaus zu einem Krieg gegen Russland« geklagt hatte. 1826 hatte Wellington Petersburg in einer Sondermission besucht, um die Spannungen zwischen seinem Vaterland und Russland abzubauen, deren unterschiedliche Interessenlage in der Frage der griechischen Unabhängigkeit die Gefahr eines europäischen Konflikts heraufbeschwor. Nikolaus I. hatte Wellington, der offiziell angereist war, um dem neuen Zaren zum Regierungsantritt die Glückwünsche Georgs IV. zu übermitteln, damals unter großen Ehren empfangen und in den Rang eines russischen Feldmarschalls erhoben; eine kleine Entschädigung für die Strapazen einer Reise durch die verwanzten Gasthöfe im Interesse Europas. 1844, bei seiner Englandreise, hatte der


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    russische Zar wiederum in Wellington, wie er glaubte, einen aufmerksamen Zuhörer gefunden, als er seine Pläne im Hinblick auf die »orientalische Frage« enthüllte und an die alte Waffenbrüderschaft aus den napoleonischen Kriegen erinnerte.
    Auch dem Preußen Bunsen schien der Tod des Herzogs mehr zu bedeuten als nur der Abschied von einem großen Mann: »Mir sagte es der Geist im tiefsten Gemüte, daß die 37 Friedensjahre schwerlich zu 40 werden dürften, daß die Nachwelt vielleicht diesen Heimgang als die Scheide zweier weltgeschichtlicher Epochen darstellen wird. Eine zweite Belle-Alliance gib uns Herr, wenn ein zweites Waterloo nötig ist!«
    Mehr als der tote Wellington schien nämlich ein anderer die Gedanken der Menschen zu beschäftigen, dessen bloßer Name bereits düstere Erinnerungen heraufbeschwor: Louis Napoleon, der Neffe Napoleon Bonapartes, der seit seinem Staatsstreich ein Jahr zuvor Frankreich mit unbeschränkter Vollmacht regierte und nach seinen eigenen Worten nicht nur »ein Prinzip, die Souveränität des Volkes« und »eine Sache, die des Empire« repräsentierte, sondern auch »einen Makel«, nämlich Waterloo, eine Niederlage, die Rache verlange.
    1848, als Louis Napoleon Präsident der Französischen Republik geworden war, hatte in England die öffentliche Meinung eine militärische Aktion gegen Frankreich gefordert; bei der Leichenfeier Wellingtons jedoch vermied die englische Regierung mit ängstlicher Sorgfalt alles, was die Franzosen an Waterloo hätte erinnern können; man trug nicht den Feldherrn Wellington, sondern den ältesten Staatsmann und Politiker Europas zu Grabe. Den 37. Jahrestag der Entscheidungsschlacht gegen Napoleon hatte man ohnehin bereits am 18. Juni gefeiert, galt doch der Waterloo Day als wichtigster Nationalfeiertag der Briten, mit dem kein anderer Gedenktag zu konkurrieren vermochte. Noch immer besaß jener anonyme Vierzeiler aus dem Jahre 1842 allgemeine Gültigkeit:
    »Warst Du bei Waterloo?
    Ich war bei Waterloo.
    Es ist völlig gleichgültig, was Du machst —
    Hauptsache, Du bist bei Waterloo dabei gewesen.«


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    Nicht nur Häuser und Straßen, Plätze und Quais hatte man damals mit seinem Namen geschmückt, sondern auch Wellington-Stiefel getragen und körperliche Gebrechen durch Wellington-Wässerchen kuriert.
    Bunsen stand mit seiner Meinung nicht allein, nichts gleiche weder der List und der Lüge eines Napoleoniden noch der Schlechtigkeit der französischen Nation. Nikolaus I schickte nicht ausschließlich zu Ehren des Verstorbenen eine so beeindruckende Abordnung nach London. Es ging ihm darum, sein Interesse an einem engen Verhältnis zwischen dem Zarenreich und England zu bekunden, da ihn die guten Beziehungen zwischen der englischen Regierung und Louis Napoleon beunruhigten. Frankreichs Vertreter bei der Leichenfeier sollte Frankreichs Wunsch ausdrücken, »das Vergangene zu vergessen« — und das am noch offenen Grabe des Mannes, dessen »militärisches Talent Frankreich die größte Niederlage beibrachte«.
    Das Entgegenkommen Englands bzw. des englischen Kabinetts war sogar noch weiter gegangen; als es von dem Plan des Königs von Preußen erfuhr. eine zahlreiche militärische Abordnung nach London zu schicken, baten die Engländer den ehemaligen Kampfgefährten, davon Abstand zu nehmen: Frankreich könne hierin eine verletzende Geste sehen. Ein Beispiel klassischer Begräbnisdiplomatie.
    Nur eine preußische Dreiergruppe folgte dem Sarg, neben dem alten Grafen Nostitz in einer prächtigen Uniform zwei alte Kampfgefährten des englischen Feldmarschalls noch aus der Spanienzeit. beide, wie Theodor Fontane später versicherte, »von Haß gegen die napoleonische Familie erfüllt« — General von Scharnhorst, der Sohn des Reformers, und Valentin von Massow, ein Pensionär. den man schnell noch in den Rang eines Generalleutnants erhoben hatte, nachdem er längst aus dem Dienst ausgeschieden war, um sich auf sein Gut in der Mark Brandenburg zurückzuziehen. Massow war Verbindungsoffizier zwischen Blücher und Wellington gewesen, bei Belle-Alliance, wie Fontante betonte, denn wie alle Preußen ärgerte ihn, daß die Engländer die Schlacht immer als ihren Sieg erscheinen ließen und nicht nach dem Ort genannt hatten, wo Wellington und Blücher zusammengetroffen waren. Am selben Tag, ebenfalls am 18. November, gedachte übrigens der preußische Hof in einem Trauergottesdienst in Sanssouci Wellingtons.
    Es passte in dieses Bild, daß Österreich offiziell nicht bei den Beisetzungsfeierlichkeiten


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    vertreten war, obwohl von den Männern, die die Allianz gegen Napoleon geschmiedet und Europa fast vier Jahrzehnte lang eine Zeit des Friedens gebracht hatten, noch einer lebte - Fürst Metternich. Aber seit der Revolution von 1848, vor der er nach England ins Exil geflohen war, um bei Wellington Trost zu suchen, war seine Macht gebrochen; als der große Überlebende aus einer Zeit der einzigartigen Machtstellung Österreichs lebte er, nach Wien zurückgekehrt, ohne Amt und Würden, mehr Relikt als Ratgeber, »ein Don Quichotte«, nach den Worten des Wiener Dramatikers Grillparzer.
    Immerhin reichte das politische Interesse Metternichs noch soweit, die österreichische Regierung zu kritisieren, weil ihre Zurückhaltung seiner Meinung nach »einen sehr unliebsamen Eindruck auf den stets regen Geist der Engländer« hinterlassen musste; war doch Wellington Träger eines hohen österreichischen Ordens und außerdem Inhaber eines österreichischen Regiments, was die Entsendung einer Offiziersdelegation erfordert hätte, deren Regiment den Namen Wellingtons trug.
    Das Verhalten Österreichs blieb, wie Königin Victoria ihrem Onkel, dem König der Belgier, berichtete, Gesprächsthema in englischen Offizierskasinos. Österreichs Abwesenheit war eine Retourkutsche für den unliebsamen Empfang, den die Engländer dem berüchtigten österreichischen General Haynau bereitet hatten, als er 1850 als Privatmann London besuchte; Haynau war ein Jahr zuvor bei der Niederschlagung des Aufstandes in der Lombardei durch besondere Grausamkeit hervorgetreten. Für die Prügel, die General Hyäne durch einen Londoner Brauereiarbeiter bezog, hatte sich der englische Politiker Palmerston in der absichtlich hinausgezögerten Note des Auswärtigen Amtes an die österreichische Regierung zwar entschuldigt, doch - gegen den ausdrücklichen Wunsch Königin Victorias - den Satz stehen lassen, seiner Ansicht nach habe die größere Taktlosigkeit General Haynau selber bewiesen, im gegenwärtigen Augenblick überhaupt nach England gekommen zu sein. Viscount Palmerston begann, Wellington an Popularität einzuholen.
    So hing in dieser Stunde jeder politische Kopf in Europa seinen eigenen Gedanken nach, und nichts schien die Meinung, daß die Menschen am offenen Grabe zur Versöhnung bereit sind, mehr Lügen zu strafen als das, was sie insgeheim für die nächste Zeit an weitreichenden Plänen besaßen.


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    I. Das Gespenst der Revolution Die Sphinx von Europa
    ». die Welt ein droh‘nder Krater ist.«
    Theodor Fontane 1839

    Ende 1852 hatten nicht nur Politiker und Diplomaten das Gefühl, daß es bald Krieg geben werde. »Die Weltlage hat sich wieder verändert, und ich fürchte, weit mehr, als die meisten Menschen sich gestehen wollen«, schrieb der Dramatiker Friedrich Hebbel in Wien Mitte Dezember in sein Tagebuch.
    Inzwischen war eingetreten, was viele seit langem geahnt hatten. Am 2. Dezember 1852 - ausgerechnet am Jahrestag der Schlacht von Austerlitz und der Kaiserkrönung Napoleons I. - hatte der Mann, dem die Befürchtungen aller galten, seine Maske endgültig gelüftet und sich als Napoleon III. zum Kaiser von Frankreich ausrufen lassen. Die Stunde schien gekommen die »Schandverträge« von 1815. das Wiener Kongreßwerk, das Frankreich als Unrecht empfand, zu zerreißen. Allein der Name weckte ungute Gefühle, Erinnerungen an den ersten Napoleon, der ganz Europa mit Krieg überzogen hatte und nur von einem bis zur Erschöpfung gehenden Kraftaufwand der verbündeten Großmächte Russland, England, Österreich und Preußen zu bezwingen gewesen war. Hebbel gab den Argwohn vieler wieder, wenn er daran zweifelte, ob der neue Napoleon »ein Großsiegelbewahrer des Weltfriedens« sein würde, auch wenn er es wollte: weil er »eben ein Bonaparte« sei und weil er sich »Napoleon der Dritte« nenne.
    Dabei war die Rückkehr eines Napoleoniden an die Macht eines Nachkommen jenes Mannes, den man als »Feind der Menschheit« und »Friedensstörer« bezeichnete - lange Zeit von niemandem so recht ernst genommen worden. »Mit Napoleon ist für die Familie Napoleons alles erstorben, seine einzige Erbschaft ist sein Ruhm«, hatte der Schriftsteller und Diplomat Chateaubriand im August 1828 nach seinem Besuch auf Schloss Arenenberg am Bodensee in der Schweiz angemerkt, wo Hortense, vom Napoleon-Bruder Louis Bonaparte,


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    dem ehemaligen »König von Holland«, längst verlassen, allein ihre beiden Söhne aufzog, von Reliquien zur Erinnerung an bessere Zeiten umgeben. Es war Hortense, die Louis Napoleon später den »unerschütterlichen Glauben an seine Berufung zum Kaiser gab«, denn vorerst fanden sich in seinem »farblosen, unbeholfenen und zivilistischen Auftreten« nur wenige Hinweise auf den späteren Verschwörer und Putschisten, dem die Rolle des Retters zufallen sollte.
    Eine Rückkehr auf Frankreichs Thron hielt Chateaubriand für ausgeschlossen: »Die Kaiserlichen sind Invaliden, gealtert wie eine vergangene Mode, wie Operngötter und ruinierte Spieler.« Er unterschätzte die Beharrlichkeit, mit der Hortense und Louis Napoleon an ihre Mission glaubten, nachdem sein Bruder Charles Napoleon bei dem abenteuerlichen Ausflug der beiden in das aufständische Italien 1831 als Carbonari (Verschwörer) ums Leben gekommen war.
    Aber auch die - übrigens ziemlich umfangreiche - Familie der »Kaiserlichen« hatte Louis Napoleon bis 1848, als er den Sprung auf den Präsidentschaftsstuhl schaffte, nicht für voll genommen, selbst danach meinten sie ihn noch herumkommandieren zu können. Zwei Putschversuche Louis Napoleons waren ja auch davor kläglich gescheitert, 1836 in Straßburg und - nach der heimlichen Rückkehr aus der Verbannung in Amerika - 1840 in Boulogne.
    Nachdem Louis Napoleon erkennen musste, daß ein hölzerner Adler, den er jeweils bei beiden Unternehmungen als Symbol mit sich führte, und der bloße Name Napoleon nicht ausreichten, die ganze Armee bis auf ein paar meuternde Einheiten hinter sich zu bringen, hatte er sich auf den langen Weg der Legalität zur Machtergreifung gemacht, unbeirrt bis auf gelegentliche Zweifel, die verständlicherweise jemanden befallen mussten, der hinter Festungsmauern von einer Kaiserkrone träumte und lange Zeit nicht wusste, ob er sich nicht lieber der Schriftstellerei oder dem Kanalbau in Panama widmen sollte als dem unsicheren Metier der Politik. Aber nach den Notwendigkeiten der Legendenbildung war einem vom Schicksal mit einer Mission Beauftragten das »menschliche Durchschnittsleben verwehrt«. (H. Euler) Ohne seine unbeirrbaren Anhänger, die 1848 im modernen Wahlkampfstil für ihren im englischen Exil wartenden Kandidaten Propaganda betrieben, wäre Louis Napoleon wohl kaum nach Frankreich zurückgekehrt. Daß es schließlich über fünf Millionen Stimmen waren,


    Seite 16

    die ihn zum neuen Staatspräsidenten wählten, während sein Hauptgegner, der steife General Cavaignac, nur auf 1,5 Millionen Stimmen kam, war ebenso einer geschickten Wahlkampfstrategie zuzuschreiben wie Ausdruck der Hoffnungen, die sich nunmehr mit der Ausstrahlung eines Namens verbanden, den eben selbst der einfältigste Bürger und der dümmste Bauer kannten, mochte Louis Napoleon auch von seinen Gegnern als Abenteurer, Schwächung und Verschwörer bezeichnet werden und seine Wähler als schwächliche Narren, die »einen Mann« brauchten, wie Proudhon spöttelte.
    Einmal an der Macht, gab er sie nicht mehr ab und änderte die republikanische Verfassung, auf die er den Eid geleistet hatte, 1851 durch einen Staatsstreich, da das Amt des Präsidenten nur auf drei Jahre berechnet und eine Wiederwahl ausgeschlossen war.
    Im Ausland wusste man nicht so recht, ob man sich von dem neuen autoritären Regime nun Dauer und Stabilität oder neue Ungewissheit für das politische Gleichgewicht versprechen sollte. Schließlich nahmen die Regierungen und Kronen Europas die Selbstinthronisation des Emporkömmlings hin, der ja immer noch steckbrieflich gesucht wurde, da der Name Napoleon auch eine Bürgschaft für die öffentliche Ordnung versprach, und das gerade in einem Land, aus dem sich die revolutionären Ideen über den ganzen Kontinent verbreitet hatten Überdies versprach Napoleon III die Beruhigung Frankreichs undden inneren Frieden für Europa Die Großmächte konnten sich nicht zu einem gemeinsamen Schritt zusammenfinden, es blieb bei Diplomatischen Noten und moralischer Entrüstung, hinter der sich jedoch die Erwägung verbarg, den neuen Napoleon für die eigenen Zwecke einzuspannen Man schrieb eben nicht mehr 1815, Bunsen hatte das übersehen
    Die Wahl Louis Napoleons 1848 machte jedenfalls klar, daß »selbst das allgemeine demokratische Wahlrecht, das bisher mit der Revolution gleichgesetzt worden war, sich mit der Aufrechterhaltung sozialen Ordnung vereinbaren ließ«. Napoleon III. — wegen seiner
    undurchschaubaren Absichten die Sphinx von Europa genannt — ließ sich überdies auch die Tatsache des Staatsstreiches und der Kaiserproklamation durch eine allgemeine Volkswahl selbstbewusst bestätigen.
    Im Grunde konnte er sich seiner Macht sicherer sein als die Regierungen und Häupter der europäischen Staaten, die auf ihre von Gott gegebene Legitimität pochten.


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    Es konnte nämlich keine Rede davon sein, daß Europa, wie Bunsen bei der Totenfeier Wellingtons in London meinte, auf eine Epoche des Friedens zurückblicken konnte. Zwar hatte es seit dem Ende der napoleonischen Ära zwischen den Großmächten trotz aller Spannungen keine Kriege gegeben, statt dessen jedoch eine Kette von Aufständen, Revolutionen, Kleinkriegen.
    Frankreich war in Spanien einmarschiert, um den verhassten Bourbonenkönig zu stürzen. Österreich hatte mehrere Feldzüge in Italien geführt, Russland Krieg gegen die Türkei und einen Unterwerfungsfeldzug gegen die aufständischen Ungarn, von der Niederschlagung des polnischen Aufstands ganz zu schweigen. England war in Portugal gelandet, obwohl es kurz zuvor jede Einmischung einer Großmacht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes im Gegensatz zu Russland und Österreich verurteilt hatte. Ein gemeinsames Geschwader von englischen, französischen und russischen Kriegsschiffen vernichtete die türkisch-ägyptische Flotte bei Navarino, obwohl offiziell gar kein Krieg zwischen den Osmanen und Europäern bestand. Zweimal, 1830 und 1848, war Europa durch Revolutionen und Bürgerkriege erschüttert worden, die von Frankreich ausgegangen waren, dem Hauptunruheherd. Es war das Gespenst einer zweiten großen europäischen Revolution, das »Monster«, wie der Engländer Castlereagh sagte, das nach dem großen Schock von 1789 noch immer bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein die Häupter Europas ängstigte, und es war die Frage, wie lange die Dämme, die im Wiener Kongress gegen die große Flut der Volksmassen mit ihrem Wunsch nach Mitbestimmung errichtet wurden, halten würden.
    Zugleich begann sich Europa zu langweilen. Die Schrecken der Napoleonischen Kriege verblassten. Paradoxerweise war es die Erinnerung an den Besiegten von Waterloo, die in die tatenarme Zeit der innen- und außenpolitischen Erstarrung und Stagnation Abwechslung brachte.
    1833 kehrte die Napoleon-Figur auf die Vendome-Säule in Paris zurück, Davids Gemälde »Die Krönung Napoleons« wurde wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, unter der Regierung des Bürgerkönigs versöhnte sich Frankreich mit seiner unbewältigten Vergangenheit Schließlich gestattete England sogar die Rückkehr der sterblichen Überreste des Kaisers von der Insel Sankt Helena
    Noch erschien Heinrich Heine in Paris Europa als ein »großes Sankt


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    Helena» und der Fürst Metternich als sein »Hudson Lowe«, wie der Name des britischen Gouverneurs war, der den gestürzten Korsen in seiner Verbannung mit kleinlichen Schikanen überwacht hatte. Aber je weniger sich eine Änderung der Verhältnisse abzeichnete und je länger die Friedenszeit dauerte, desto stärker zog der Politiker Wellington, dessen Gesundheit »unerschöpflich« schien, Zorn und Verachtung Heines auf sich. Nicht Metternich, den man den meistgehaßten Mann Europas nannte, sondern Wellington war in den Augen Heines als der Vertreter »verjährter Rechte« der eigentlich böse Geist Europas, der wahre Antipode des Revolutionärs Napoleon. Heine konnte nicht wissen, daß Wellington seine romantische Vorliebe für die Bourbonen bald bereute und es schon 1821 für einen Fehler gehalten hatte, sich der Napoleon-Dynastie entledigt zu haben. Aus Heine sprach eine ganze Generation enttäuschter Intellektueller, für die ein aus dem historischen Zusammenhang herausgelöster und mythisierter Franzosenkaiser zur heroischen Gegenfigur der offiziellen Kabinettspolitiker wurde. Die Napoleon-Legende bereitete so den Weg für einen neuen starken Mann vor, der in der Lage war, als echter Gegner des allmächtig scheinenden Zaren aufzutreten, den man auch den Gendarm Europas nannte.
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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Ein Sommer in London

    Wellingtons Staatsbegräbnis hatte der Schriftsteller Theodor Fontane nicht mehr in London erlebt. Er war im September 1852 wieder abgereist, nach einem Aufenthalt von fünf Monaten. Es war seine zweite Reise über den Kanal, das erste Mal hatte er London 1844 als Tourist besucht, als Reisebegleiter eines Regimentskameraden. Seitdem bedeutete die englische Hauptstadt für den Berliner die »Quintessenz einer ganzen Welt«. 1852 kam Fontane als politischer Korrespondent der konservativen Preußischen Zeitung nach London. Mit dem Sohn des preußischen Gesandten, Georg Bunsen, durchstreifte er die Stadt, mied als Mitarbeiter einer von der preußischen Regierung finanzierten Zeitung die Emigrantenszene, wagte sich auch nicht bis zu den schmutzigen, menschenunwürdigen Vierteln der Fabrikarbeiter vor und beließ es bei einer allgemeinen Kritik an der englischen Oberschicht wegen »Vernachlässigung ihrer sozialen Pflichten«.

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    In Romanen von William Thackeray und Charles Dickens fand er seine Ansichten von der Armut der Massen und der Gleichgültigkeit der Aristokratie bestätigt. In Thackerays Vanity Fair (Jahrmarkt der Eitelkeit), dessen Lektüre er fleißig weiterempfahl, konnte Fontane auch nachlesen, daß England zunehmend von Kriegslust gepackt wurde, daß die jungen Leute »von Krieg und Ruhm« redeten, von »Bonaparte und Wellington«, und daß sie danach verlangten, »ihre eigenen Namen auf den Ruhmeslisten« zu sehen.
    Im Gegensatz zu Preußen, dessen Zustand zu stagnieren schien, fand Fontane in England ein Land vor, das sich in einem dynamischen Entwicklungsprozeß befand. Die Dampfkraft revolutionierte Verkehrswesen, Handel und Industrie. England führte in Europa mit weitem Abstand in der Stahlerzeugung und Textilherstellung, nirgendwo gab es zu diesem Zeitpunkt schon so viele Eisenbahnkilometer und Telegraphenlinien. Fontane ließ die Statistik sprechen, um Englands wirtschaftliche Kraft zu beweisen: »In den Londoner Hafen laufen alljährlich 30000 Schiffe ein, darunter 8000 aus fremden Häfen, die den Weltverkehr Englands unterhalten, und unter jenen 5000 unter britischer Flagge, während es die deutschen und preußischen Schiffe nur auf 153 brachten.«
    Trotzdem ließ er sich von der Weltstadt nicht blenden. Die Entwicklung schien ihm so hohl wie der ausgeräumte leere Kristallpalast, die berühmte Treibhauskonstruktion aus Glas und Stahl, die während der Weltausstellung von 1851 zum Symbol des neuen industriellen Zeitalters geworden war. Eineinhalb Jahre später würde er seine Skepsis beim dritten Aufenthalt in London bestätigt finden: »Nicht, daß ich damals etwa Gespenster gesehen und die Dinge trostloser geschildert hätte als sie seien. Und wenn die nächsten Tage die Nachricht brächten, daß Kronstadt oder Sebastopol ein Schutthaufen seien! Dennoch ist es wahr, daß die rätselhafte Geisterhand, die dem Belsazar erschien, auch diesem übermütigen England schon das Menetekel Upharsin an seine goldenen Wände geschrieben hat, und daß der Anfang vom Ende da ist « Kurzum »England stirbt an Erwerb und Materialismus « Er teilte nicht die Meinung der Demokraten auf dem Kontinent, England habe als »Musterstaat« mit seiner »freieren Verfassung« gleichsam als politisches Modell für alle anderen Nationen zu gelten Was sollte man von einer »politischen Freiheit« halten, die »Tausende von Arbeitern zu Manchester und Liverpool oftmals kaum


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    vor dem Hungertode schützt«?! Denn: »es gibt kein Land, das - seiner bürgerlichen Freiheiten ungeachtet * der Demokratie so fern stünde wie England. Das Wort von Freiheit und Gleichheit ist nirgends weniger eine Phrase als bei uns. Wir haben keine politische Demokratie, aber eine soziale. Wir haben Schranken, aber keine Kluft.« Trotzdem plagte ihn ein grundsätzlicher Zweifel an der Rolle Preußens in Deutschland, auch sah er in der Revolution, für die er - ein Constitutioneller - immerhin 1848 auf die Barrikaden gegangen war, keine Zukunft.
    Fontanes Beziehungen zu dem preußischen Gesandten Christian Carl Josias von Bunsen, der sich mit kirchengeschichtlichen Studien einen Gelehrtennamen gemacht hatte, blieben kühl. Unglücklicherweise hatte Fontane ein Empfehlungsschreiben in der Tasche, das seine Zugehörigkeit zu dem politischen Gegner Bunsens in Preußen, dem Ministerpräsidenten Manteuffel, erkennen ließ. Bunsen war »West- 1er«, er plädierte für eine Bindung Preußens an die Westmächte, eine Position, die auch Prinz Wilhelm und die liberale Wochenblatt-Partei vertraten; ganz im Gegensatz zu der Kreuzzeitungspartei, den Hoch- konservativen oder Spreekosaken, deren Organ die Neue Preußische Zeitung war, wegen des Eisernen Kreuzes im Kopfbild Kreuzzeitung genannt. Zu ihnen gehörte unter anderen Leopold von Gerlach, der Generaladjutant des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm IV Er befürwortete den Fortbestand der Heiligen Allianz, eine Politik, die
    zur Punktation von Olmütz, zum Verzicht auf die Führungsrolle in Deutschland und zur Unterordnung unter Österreich geführt hatte,
    unter dem Druck Russlands. Im alten Drei-Adler-Bund sah Gerlach Bollwerk gegen die »abscheuliche Gestalt des Bonapartismus«.
    er der erste Napoleon, für den sein Vater schwärmte, noch Louis Napoleon war ein Held nach dem nüchternen Geschmack Fontanes. Immerhin, gerade die beiden Balladen über den Kaiserneffen, über alle Welt sprach, hatten ihn in Berlin bekannt gemacht. Fontane Identifizierte sich nicht mit dem »Luden« Napoleon, wie er später
    Abfällig bemerken würde, sondern mit altpreußischen Helden wie
    -‚ Seydlitz oder den alten Dessauer, »Männer der Tat«, denen
    Herz wie Galle am rechten Ort« saßen.
    Mit dem - Ball in Paris, so der Titel einer Ballade, war ein glanzvoller Ball der Republik gemeint. Louis Napoleon, der »Kronendurst‘ge«, der sich selber zu »Geduld, Geduld« mahnt, hat nur Augen für ein


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    großes goldgerahmtes Wandgemälde mit Napoleon l.; er sieht »das Zepter der halben Welt«, sieht allein nur, wie der Goldreif auf der Stirn des »Allmächt‘gen« blinkt und blitzt, er sieht nicht »den tiefen Ernst«, der Napoleons Gesicht umschattet, gleichsam als Erinnerung an Revolution und Krieg, und er vergißt »über sich und seine Welt, daß rings die Welt ein droh‘nder Krater ist«.
    Auf die »offene Frage«, ob er, Louis Napoleon, sein Nachfolger sei, hatte damals der Balladendichter Fontane für den stummen Kaiser Napoleon geantwortet - mit einem »Du bist es nicht!«.
    Fontane schienen die Engländer nicht mehr so aufgeschlossen zu sein wie einst: »Ein Fremder sein heißt verdächtig sein. « Eine Anspielung auf die vielen Flüchtlinge, die seit der Revolution von 1848 und dem Ungarnaufstand von 1849 in London Asyl gefunden hatten, und »mit den Flüchtlingen, Patrioten und Ehrenmännern eben auch viel Gesindel«.
    Der Preuße Fontane erlaubte sich auch ein Urteil über die englische Armee - sie erschien als dieselbe wie vor fünfzig Jahren, die »Erfindungen und Verbesserungen eines beinahe vierzigjährigen Friedens spurlos an ihr vorübergegangen, sie träumt von ihren Siegen und wiegt sich in Sicherheit«. Das Beste schien die Infanterie noch immer im Bajonettangriff zu leisten, doch, wie Fontane ahnte, hatte sich die Kriegskunst inzwischen von der »bloßen Rauferei« entfernt. Auf seinen Streifzügen durch London stieß Fontane natürlich auch auf die Nelson-Säule auf dem Trafalgar Square. »Nur soviel: Nelson trägt Frack und Hut, aller Gegnerschaft zum Trotz, auf gut napoleonisch, und die Statue, wie sie das ist, auf den Vendome-Platz zu Paris statt auf den Trafalgar Square in London gestellt, sollt‘ es ihr nicht schwer fallen, vielen tausend Beschauern gegenüber, den englischen Admiral zum französischen Kaiser avancieren zu lassen«, schrieb Fontane in einem Artikel, der wenig später in seinem Reisebericht Ein Sommer in London erschien.
    Das Rätselraten über Napoleon III. ging weiter. In demselben Jahr, in dem Victor Hugo in Brüssel sein berühmtes Pamphlet Napoleon der Kleine veröffentlichte, legten 1852 zwei weitere Männer ihre Ansichten über den franzosischen Kaiser der Öffentlichkeit vor Die eine stammte von einem Emigranten und ehemaligen Chefredakteur der Neuen Rheinischen Zeitung, der nach seiner Ausweisung aus Paris (auf Bitte der preußischen Regierung!) und aus Brüssel nach der


    Seite 22

    misslungenen Revolution von 1848 in London lebte — Karl Marx. Er hatte bereits in der Rheinischen die Entwicklung in Frankreich von 1848 bis 1849 verfolgt und schickte nun in der amerikanischen Zeitschrift Die Revolution die Analyse bis zum Staatsstreich Louis Napoleons hinterher. Für seinen Freund. den in England lebenden Fabrikantensohn und Hobby-Militärexperten Friedrich Engels. war »Der
    18. Brumaire des Louis Bonaparte«
    der erste Versuch »ein Stück Zeitgeschichte vermittels seiner materialistischen Auffassungsweise aus der gegebenen ökonomischen Lage zu erklären«. Für Marx war Louis Bonaparte nur ein Abenteurer. Falschspieler und Ersatzmann für Napoleon I., eine »Marionette der Bourgeoisie«: und im Staats- streich und der erwarteten Kaiserkrönung sah er eine Parodie, die mit einem Katzenjammer der Gesellschaft enden und »liberte egalite, fraternite« durch »Infanterie, Kavallerie, Artillerie« ersetzen würde.
    Als einen »Tag des Lichts« dagegen feierte der andere Verfasser einer Broschüre über »den Geächteten und Gefangenen von Ham« den »neuen Brumaire«. Sie erschien in Berlin und stammte aus der Feder des Naturwissenschaftlers und Philosophen Konstantin Franz, den der Minister Manteuffel nach Paris geschickt hatte, um die Zukunftsaussichten des Prätendenten zu studieren. Franz empfahl, sich ins Unvermeidliche zu ergeben und die Herrschaft des »Neffen« als gesichert hinzunehmen, »gesichert und unantastbar«, weil ihn die Masse gewollt, gewählt habe. »Nein, nein, es gibt für Frankreich keinen anderen Ausweg als die napoleonische Verfassung. Dieses Prinzip ist heilsam für Frankreich wie für Europa, weil Louis Napoleon den Krater der französischen Revolution schloss.«
    Die Welt schien sich wieder konsolidiert zu haben. Aber für Karl Marx herrschte in Europa eine trügerische Stille. und nur die »Kurzsichtigkeit der herrschenden Pygmäen« konnte, wie er verächtlich bemerkte, der Ansicht sein, mit der Beseitigung von Anarchie und Aufruhr auch die Gefahr politischer Umbrüche und Änderungen aus dem Weg geräumt zu haben: »Immer wenn der revolutionäre Sturmwind für einen Augenblick sich gelegt hat, kann man sicher sein, eine ständig wiederkehrende Frage auftauchen zu sehen, die ewige orientalische Frage, die immer noch ungelöste Frage, die nie aufhörende Schwierigkeit: was fangen wir mit der Türkei an?«
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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Der Streit um die Schlüssel

    Der Krimkrieg hatte viele Ursachen, eine davon lag in Palästina. Allerdings war es nicht Russland, das den Stein ins Rollen brachte. Schon im Mai 1850 hatte Stratford Canning, der englische Botschafter in Konstantinopel, Palmerston besorgt mitgeteilt, es entwickle sich zwischen den christlichen Gemeinden in Jerusalem ein Streit, der »viel Aufregung« verursachen könnte.
    Das war wiederum nichts Neues. Den Besitzanspruch auf die heiligen Stätten, die mit dem Leben und Wirken Jesu verbunden waren, teilten sich die Anhänger der verschiedenen christlichen Konfessionen untereinander, die in dem von den Türken besetzten Land lebten. Zwar war im Lauf der Jahrhunderte ein großer Teil dieser Gebäude vor allem in Bethlehem und Jerusalem, dem Zentrum der Leidensgeschichte Christi, von den Mohammedanern umgebaut oder zu profanen Zwecken benutzt worden. Doch gab es inzwischen eine stattliche Liste von Denkmälern, die eine Wallfahrt ins Heilige Land lohnten, wie zum Beispiel die Geburtskirche in Bethlehem oder die Grabeskirche in Jerusalem.
    In Jerusalem gab es unter der Mehrheit der arabischen und türkischen Einwohner Mitte des vorigen Jahrhunderts ungefähr 2000 Griechisch-Orthodoxe (Byzantiner), 1000 Katholiken (Lateiner) neben 350 Armenier: Jerusalem war im Grunde eine orientalische Stadt. Man hätte meinen können, daß dieser Handvoll Christen daran gelegen gewesen wäre, inmitten einer Welt Andersgläubiger in Frieden miteinander zu leben. Doch dem war nicht so.
    Das Hauptziel aller Christen war die Kirche zum Heiligen Grab bzw. die Auferstehungskirche, errichtet auf dem Kalvarienberg der Stadt über dem mutmaßlichen Grab des Gottessohnes. Mehrmals zerstört, wieder aufgebaut und umgebaut bestand die Grabeskirche aus einem labyrinthischen Komplex verschiedener Gebäude, Anbauten, Kapellen, Nebenkapellen, Altarnischen und Grotten. Entsprechend kompliziert waren die Besitzverhältnisse. Jede Konfession versuchte, sich durch Gebetsecken, Nebenaltäre und andere Zusatzeinrichtungen ein ungestörtes Revier für den Gottesdienst zu verschaffen.
    Die Verehrung desselben Gottessohnes hinderte die frommen Mönche und Pilger jedoch nicht, die feierlichen Höhepunkte im Kirchenjahr, Weihnachten und Ostern, mit Streitigkeiten zu verbinden, die


    Seite 24

    oft in erbitterte Schlägereien um irgendwelche Privilegien ausarteten, so etwa um das Recht, an einem bestimmten Nagel einer Säule ein Bild zu befestigen oder »dort und nicht woanders« eine Öllampe anzuzünden. Mitunter hielten, wie Reisende angeekelt berichteten, die türkischen Ortsbeamten den Frieden unter den Betenden nur mit dem Gewehrkolben aufrecht, nicht gerade beeindruckt von dem Schauspiel, das ihnen die »Ungläubigen« boten. Sie sahen in diesen Zänkereien ein gutes Mittel, sich die Taschen zu füllen, d. h. Privilegien an den Meistbietenden zu verkaufen. Eifersüchtig wachte jede Konfession über ihr Revier, so daß sogar das »Kehren des Fußbodens eine gefährliche Handlung« sein konnte. Ein 1851 durchreisender Pfarrer klagte, daß in Jerusalem kaum der Schatten eines echten Christentums zu finden sei, die Mönche bezeichnete er als »Auswurf des Abendlandes«.
    Die beiden großen Konfessionen, Frankreich und Russland im Rücken, besaßen den Hauptanteil an der Grabeskirche. Doch hatte sich nach dem großen Brand der Kirche von 1808. der den Armeniern in die Schuhe geschoben wurde, eine Veränderung ergeben. Ausbesserungsarbeiten. für die die Erlaubnis der Türken eingeholt werden musste, führten nach türkischem Recht auch stets zu Änderungen im Besitzrecht zugunsten dessen, der reparieren ließ und zahlte.
    Die Griechen deren Gemeinde reicher war als alle anderen Gemeinden und daher auch erfolgreicher im Umgang mit den türkischen Aufsichtsbehörden, hatten die Katholiken nicht nur aus der Rotunde, dem hohen Kuppelbau, verdrängt, sich vielmehr auch der darin befindlichen Kapelle bemächtigt, unter deren Altar sich angeblich das Grab Christi befand. Sie besaßen zusammen mit dem Nabel der Welt (ein Loch im Boden des Mittelschiffes) nunmehr das Zentrum des christlichen Heilsgeschehens. Die Griechisch-Orthodoxen betrachteten sich ohnehin als natürliche Erben der Grabeskirche. da sie von der Mutter Konstantins des Großen, des Herrschers des byzantinischen Reiches, gestiftet worden war.
    Im Mai 1850 hatten die unzufriedenen Katholiken in dem französischen Gesandten bei der Hohen Pforte, General Aupick, offenbar endlich den richtigen Adressaten gefunden, ihre Angelegenheit mit dem notwendigen Nachdruck vertreten zu lassen, und ganz offensichtlich ging Aupick mit Rückendeckung des französischen Staatschefs vor, der - und das war kein Geheimnis die Stimmen der Katholiken


    Seite 25

    bei der nächsten Wahl benötigte. Durch Louis Napoleon hofften die Katholiken, in Palästina ihre alten Privilegien zurückzuerhalten. Akut wurde die Angelegenheit, wie die Katholiken in Jerusalem behaupteten, durch den Zustand der Hauptkuppel über der Grabeskapelle. Beide Konfessionen beanspruchten das Recht zur Ausbesserung, da sie das darunter liegende Grab als Besitz reklamierten. Zur Sprache kam gleich eine ganze Liste von Vorwürfen. So monierten die Katholiken, bauliche Veränderungen hätten die Griechen dazu benutzt, alte lateinische Inschriften zu beseitigen und an ihre Stelle Inschriften und bildliche Darstellungen aus der griechischen Liturgie zu setzen. Auch sei das Grabmal des Kreuzfahrers Gottfried von Bouillon »durch griechische Schlamperei« verfallen, seine Gebeine verstreut worden. Nicht zuletzt wurde in dem Beschwerdekatalog aufgeführt, daß die Griechen bereits 1847 den mit einer lateinischen Inschrift versehenen Silbernen Stern aus der Geburtskirche gestohlen hätten; und nicht nur das, sie hätten das Blei der Kuppelbedachung an die Türken zum Gießen von Gewehrkugeln verkauft. Im Gegenzug behaupteten die Griechisch-Orthodoxen, daß die Katholiken die Gebeine der Jungfrau Maria an den Papst versilbert hätten.
    Die Republik Frankreich nahm jedenfalls diese Vorfälle zum Anlass, bei dem osmanischen Außenminister Ah Pascha ihren Protest anzumelden, und das war, wie Stratford Canning in seinem Schreiben an Palmerston schloss, bezeichnend »für die Verwickeltheit der orientalischen Angelegenheiten« und für die Tatsache, »wie schwer es sei, die Frage der Besitzverhältnisse von politischen Erwägungen zu trennen«.
    Bis Ende des 18. Jahrhunderts war Europa das Schicksal der Christen im Osmanischen Reich und der Zustand der Heiligen Stätten in Palästina ziemlich gleichgültig gewesen. Erst Napoleons I. Feldzug nach Ägypten hatte das Interesse für den nahen Osten geweckt.
    Frankreich war lange davor das erste europäische Land gewesen, das diplomatische Beziehungen zum Osmanischen Reich hergestellt hatte. Diese Vertragsabmachungen, Kapitulationen genannt, reichten bis in das 16. Jahrhundert zurück und dienten anfangs in erster Linie nicht dem Pilgerwesen, sondern der gesicherten Abwicklung von Handelsbeziehungen, mochte man auch in der Verbindung zwischen einem christlichen Staat und dem heidnischen Sultanat die unchristlichste aller Staatsverbindungen sehen.


    Seite 26

    Der französische Gesandte Aupick berief sich auf Abmachungen aus dem Jahr 1740, die 1802 noch einmal bestätigt worden waren. Im Artikel 33 dieses Vertragswerks wurde den französischen Mönchen, welche »nach alter Gewohnheit« innerhalb und außerhalb von Jerusalem in der Kirche zum heiligen Grab wohnten, der Besitz aller in ihren Händen befindlichen Wallfahrtsorte garantiert.
    Die griechisch-orthodoxen Mönche hätten sicherlich klein beigeben müssen, wenn ihnen nicht der Zar als mächtiger Fürsprecher zu Hilfe gekommen wäre, zumal er sich als Schutzherr aller Gläubigen des griechisch-orthodoxen Ritus betrachtete. Der Zar konnte sich dabei ebenfalls auf Abmachungen berufen, auf den Vertrag von Kutschuk-Kainardschi von 1774, der das Vertragswerk von 1740 seiner Überzeugung nach erweiterte. Die Artikel des Vertrages bezogen sich nicht direkt auf die Verhältnisse in bestimmten Kirchen und sicherten den Untertanen des russischen Reiches, die als Pilger oder Touristen die Türkei bereisten, Schutz vor Belästigungen zu sowie »Pässe und Firmane der Art, wie man sie den Untertanen anderer befreundeter Mächte gibt«.
    Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen auf einen katholischen Pilger immerhin fast hundert russische Gläubige; schon an der Zahl ist ablesbar, daß es in erster Linie ein religiöses Interesse war, das Russland mit Palästina verband, während Palästina die Westmächte nur aus politischen Gründen interessierte.
    Gleich nach dem Staatsstreich von 1851 war der neue Gesandte Frankreichs, Lavalette, auf einem Kriegsschiff ins Goldene Horn eingelaufen, um Frankreichs Forderungen den gebührenden Nachdruck zu verleihen und um die »katholische Religion aus einem Zustand der Unterwürfigkeit zu befreien, der ihrer und Frankreichs gleich unwürdig sei«, wie Außenminister Drouyn de Lhuys formulierte.
    Alarmiert durch den allzu vertraulichen Umgang zwischen dem osmanischen Außenminister Ah Pascha und dem franzosischen Gesandten, betrat nunmehr der russische Gesandte Titow die Szene, um ein Schreiben zu überreichen, in dem sich der Zar gegen jede Veränderung des Status quo wandte und auch gleich mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen drohte, ein Beweis dafür, in welch starkem Maße der russische Einfluss in der Türkei zugenommen hatte
    Der Streit um die Heiligen Statten zog sich, wahrend das Dach über


    Seite 27

    dem Grab Christi immer baufälliger wurde, über das ganze Jahr 1851und noch weit bis in das nächste Jahr hinein. Auf den Vorschlag Österreichs, das ebenfalls Verträge mit dem Osmanischen Reich besaß, hatte die Pforte zunächst versucht, das Problem durch Bildung einer gemischten Kommission auf die internationale Ebene zu heben. Der Sultan bot sogar an, die Kuppel der Grabeskirche auf Staatskosten reparieren zu lassen, erregte aber schon deshalb den Zorn des Zaren, weil, wie ihm hinterbracht wurde, der türkische Kommissär «mit einer Pfeife im Munde« das heilige Grab besichtigt habe.
    Mit dem Ergebnis war der Zar jedenfalls nicht zufrieden. Eine weitere, diesmal rein türkische Kommission, wurde gebildet, die mit der üblichen Verschleppungstaktik arbeitete, bis sie schließlich mit der salomonischen Lösung herausrückte, den streitenden Parteien die gemeinsame Nutzung der Heiligtümer vorzuschlagen. Begründung:
    es gäbe schließlich unter den Katholiken und Orthodoxen auch ottomanische Untertanen, deren Besuch der Stätten in keiner Weise eingeschränkt werden dürfe; allerdings wurde auch nicht gesagt, welche Gemeinde nun die Kuppel der Grabeskirche zu reparieren hatte.
    Da die Kommission beschlossen hatte, die Geburtsgrotte in Bethlehem allen christlichen Konfessionen als gemeinsamen Besitz zuzusprechen, ergab sich nun das Problem, auf welche Weise die Katholiken durch die den Griechen auch weiterhin gehörende Kirche zur Grotte gelangten; es wurden ihnen zwei Schlüssel zum Altar und einer zur Großen Tür zugesprochen, mit der Auflage, das Kirchenschiff nur als Durchgang, nicht etwa als Gottesdienststätte zu benutzen.
    Kaum war das Ergebnis bekannt, der französische Gesandte befriedigt in den Urlaub abgereist, als der Zar, mit der Entwicklung der Dinge unzufrieden, zuerst eine schriftliche Bestätigung der Zusage in Form eines Ferman verlangte und schließlich, als er sie bekommen hatte, auch noch die feierliche Verlesung dieses Fermans durch den griechischen Patriarchen in Jerusalem statt nur der einfachen gerichtlichen Registratur. Kaum war auch dies zugestanden, als bekannt wurde, daß sich die Griechisch-Orthodoxen weigerten, den Hauptschlüssel zum Haupteingang der Kirche in Bethlehem herauszurücken mit der Behauptung, es sei in dem Ferman nur vom Schlüssel zur Nebentür die Rede, und außerdem bedeute der Besitz der Schlüssel den Besitz der Kirche!


    Seite 28

    Im November 1852 spitzte sich der Streit so zu, daß Russland wieder einmal mit der ganzen Gesandtschaft Konstantinopel zu verlassen drohte, falls vom Status quo auch nur im geringsten abgewichen würde, während Frankreich durch den wieder vor Ort erschienenen Lavalette erklärte, die Dardanellen mit der französischen Flotte zu blockieren, wenn die Pforte am Status quo festhielte.
    In dieser verzwickten Situation wandten sich die Osmanen rat- und hilfesuchend an die Engländer, die sich bisher völlig aus dem Streit herausgehalten hatten und die ganzen Kapitulationen, Fermane und Paragraphen als »Dokumente aus alter und dunkler Zeit« betrachteten mit dem sarkastischen Zusatz, daß der Streit ausschließlich um Privilegien ginge und das an einem Ort, an dem »der Herr Christus Frieden auf Erden und brüderliche Liebe zu den Menschen verkündet hatte«.
    Obwohl »Ihrer Majestät Regierung« nicht gewillt sei, sich in die Materie dieses Streits einzulassen, meinte Palmerston doch gleich mit weltpolitischem Weitblick, hier handle es sich nicht nur um einen rein konfessionellen Streit, sondern um den »Lebenskampf zwischen Russland und Frankreich«. Tatsächlich gelang es dem englischen Generalkonsul in Istanbul, Oberst Rose, in persönlichen Gesprächen mit allen Parteien den Streit zu schlichten. Die Katholiken bekamen ihren Schlüssel, die Orthodoxen Rechte für die Errichtung religiöser Bauten in Konstantinopel, Lavalette erklärte dem russischen Gesandten und dem Außenminister des Sultans überdies, daß Frankreich »keinen Anspruch auf ein Protectorat über die römisch-katholischen Untertanen der Pforte erhebt«, also ein vollständiger Rückzieher Frankreichs, so daß es Ende 1852 so aussah, als ob Europa das Fr{edensfest der Christenheit in Ruhe und Eintracht verbringen könnte.
    Napoleon III. erschien es ratsam, keine Konfrontation mit Russland zu suchen, solange England die französischen Aktivitäten im Orient missbilligte. Eine außenpolitische Krise kam ihm ungelegen, da ihm erst einmal darum zu tun war, das allgemeine Misstrauen gegen sein neues Kaisertum zu beseitigen Der ehrgeizige Lavalette wurde beurlaubt, Drouyn de Lhuys schickte auch noch aus Paris eine Depesche nach Petersburg, in der er Nikolaus mitteilte, Frankreich halte keines wegs an den geltend gemachten Ansprüchen fest Unglücklicherweise traf dieser Versöhnungsvorschlag aber auf Grund des langen Postweges erst am 10 Januar 1853 in Petersburg ein, so daß eine gute Woche


    Seite 29

    verschenkt war, um den Zaren von den friedlichen Absichten Napoleons zu überzeugen.
    Nikolaus I. hatte Englands Kritik an der Orient-Politik Napoleons III. sorgfältig registriert. Das ganze Jahr 1852 über war er bereits damit beschäftigt gewesen, in Erfahrung zu bringen, wie es die anderen Großmächte, vor allem England, mit dem Napoleoniden hielten. Es war ihm schwergefallen, die Wiederherstellung des Kaisertums in Frankreich einfach hinzunehmen. Einerseits verstieß es gegen seine legitimistischen Grundsätze, die Bourbonen fallenzulassen, andererseits imponierte ihm die Zielstrebigkeit Louis Napoleons. Hinzu kam, daß gegen eine der letzten Abmachungen aus der Zeit des Wiener Kongresses verstoßen wurde, gegen den Artikel 2 des Allianz- Vertrages zwischen den Siegermächten über Napoleon 1. vom November 1815, in dem die ewige Ausschließung Napoleon Bonapartes und seiner Familie von der Herrschaft in Frankreich festgeschrieben worden war.
    In England war es über den Fall Louis Napoleon sogar zu einer Regierungskrise gekommen. Königin Victoria war der Überzeugung, daß Louis Napoleon die Regierung »aus dem Schmutz« gezogen habe, wenn sie auch seine dem Staatsstreich folgenden Polizeimaßnahmen, die eine neue Flüchtlingswelle auslösten, missbilligte. Trotzdem war Lord Palmerston, dem an einer engeren Beziehung mit Frankreich gelegen war, abgelöst worden, weil er als Außenminister sich nicht an die Regierungslinie der strikten Neutralität gehalten und dem französischen Botschafter in London, Alexandre Walewski, sofort seine vollständige Billigung des Staatsstreiches mitgeteilt hatte. Zur Freude des Zaren wurde Lord Aberdeen, der als russenfreundlich galt, überdies 1852 neuer Premier.
    So ganz ohne Vorbehalte gedachte der Zar nun doch nicht den neuen Machthaber von Frankreich in den Kreis der europäischen Monarchen aufzunehmen. Während die Engländer, Österreicher und Preußen ihre Anerkennungsschreiben (Kreditbriefe) mit der üblichen Anrede Monsieur mon frere versahen, verweigerte Nikolaus Napoleon III. die brüderliche Anrede, die beide Souveräne im Rang gleichstellte, und redete ihn mit Mon cher ami an, was einer Beleidigung gleichkam, wenn er ihm auch damit nur zu verstehen geben wollte, daß er ihn nicht für das gekrönte Haupt einer Dynastie ansah.
    Als Napoleon III. und sein Außenminister sich weigerten, das Beglaubigungsschreiben


    Seite 30

    des russischen Botschafters Graf Kissilew anzunehmen, und Österreichs Botschafter Hübner daraufhin sein Schreiben auf Anweisung Wiens zurückzog, kam es im Dezember 1852 in Paris zu einer Krise, in der der englische Gesandte Cowley bereits den nächsten Krieg am Horizont sah. Der Empfang zur feierlichen Übergabe der Akkreditierungspapiere musste ständig verschoben werden. Über seinen Gesandten Hübner ließ Karl-Ferdinand Buol-Schauenstein, Österreichs Minister des Äußeren, auch noch Louis Napoleon bitten, kein Napoleonsfest am 15. August zu veranstalten und das Bildnis Napoleons I. auf dem Kreuz der Ehrenlegion zu entfernen als das Bildnis jenes Mannes, der »der Schrecken Europas war und den es geächtet hat«.
    Erst durch seine engsten Berater ließ sich Napoleon III. schließlich umstimmen, Kissilew doch noch einmal zu empfangen, um sein Dokument entgegenzunehmen — nunmehr mit der Anrede Sire und guter Freund. Napoleons Entgegenkommen fiel zeitlich mit seinem Verzicht auf eine selbständige Politik im Orient zusammen.
    Nikolaus 1. hatte sich angeblich erst nach der Lektüre der »Napoleonischen Ideen« zu seiner ablehnenden Haltung entschlossen. Diese Schrift, 1839 in London publiziert, ein Jahr später bereits in deutscher Übersetzung erschienen, stellte so etwas wie die Programm- und Kampfschrift des Thronanwärters (Prätendenten) dar, ein Bekenntnis zu den Idealen und Wohltaten von 1879, zu Napoleon I. als Vollender der französischen Revolution, deren Errungenschaften, fortschrittliche Gesetzgebung und nationale Selbständigkeit, den Völkern Europas — wie Louis Napoleon meinte — noch immer in guter Erinnerung seien: »Der große Schatten des Kaisers möge in Frieden ruhen! Sein Andenken vergrößert sich täglich. Jede Woge, die sich an dem Felsen von St. Helena bricht, bringt, mit einem Hauch aus Europa beseelt, eine Huldigung seinem Andenken, einen Seufzer seiner Asche, und das Echo von Longwood wiederholt an seinem Sarg: Die freien Völker arbeiten überall an der Wiederherstellung deines Werkes.«
    Es war für die Anwälte von Ruhe und Ordnung unerhört, daß hier so offen der Revolution das Wort geredet und an den göttlichen Rechten der Monarchie gezweifelt wurde. Dem Zaren musste missfallen, daß der Verfasser den Polen Hoffnung auf Selbständigkeit machte und sich selbst indirekt als Testamentsvollstrecker Napoleons 1. bezeichnete. In ferner Zukunft prophezeite der Verfasser die Aufteilung der


    Seite 31

    Welt unter den »beiden Colossen, welche an den Enden der Welt liegen: Nordamerika und Russland«. In der Gegenwart aber ging es um den Kampf zwischen England und Russland, wobei Frankreich, das natürlich an der Spitze der Zivilisation marschierte, ein kräftiges Wort mitzureden gedachte.
    Napoleon III. musste auch noch weiteren Ärger hinunterschlucken, als er auf Schwierigkeiten stieß, in ein europäisches Herrscherhaus einzuheiraten, was ihn empfindlich an seine nicht ganz geklärte eigene Herkunft erinnern musste, wenn er sich von den alten Kontinentalhöfen als Emporkömmling behandelt sah. Denn von Anfang an gab es Gerüchte, daß Louis Napoleon, der seinem Onkel so gar nicht ähnlich, sah, geschweige denn dessen Temperament besaß, nicht den König von Holland (Louis Bonaparte) zum Vater hatte.
    Kurz entschlossen machte Napoleon III. - während er seinen bisherigen Lebensstil der Mätressenwirtschaft nicht aufgab - einem jungen Mädchen aus spanischem Adel den Hof und ließ am 30. Januar 1853 die festliche Trauung in der Kathedrale von Notre Dame erfolgen, wobei er den französischen Adel brüskierte und seine Minister, die die Verbindung als nicht standesgemäß empfanden.
    »Während dieser Zeit hat Frankreich die Aufmerksamkeit Europas voll in Anspruch genommen. Man merkt kaum die Wolken, die sich am Horizont im Osten zusammenziehen«, schrieb Hübner Ende Januar 1853. In der Tat hatte der Zar bereits seine nächsten Schritte geplant. Unter den Schlüsseln von Jerusalem lagen mehr Dinge verborgen als eine simple »affaire de sacristrie«, wie Drouyn de Lhuys orakelte.

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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Der kranke Mann am Bosporus

    »Es ist lange die Aufgabe der abendländischen Heere gewesen, der osmanischen Macht Schranken zu setzen«, stellte Helmuth von Moltke 1836 fest: »Heute scheint es die Sorge der europäischen Politik zu sein, ihr das Dasein zu fristen.« Es war schon lange kein Geheimnis mehr, daß der Mann am Bosporus »krank« war. Im Mund des Zaren sollte diese Feststellung bald zu einer sprichwörtlichen Redewendung werden. Doch lange vor ihm hatte der griechische Fürst Maurokordatos in einer Denkschrift aus dem Jahr 1820 auf den Verfall des türkischen

    Seite 32

    Reiches aufmerksam gemacht, indem er es mit einem kranken Mann verglich, »welcher der Amputation eines brandigen Gliedes den langsamen und qualvollen Tod vorzieht«.
    Nur wollte sich der Mann am Bosporus weder freiwillig amputieren lassen noch aufs Sterbebett legen.
    Aber die Orakel vom Ableben des einstigen Feindes der Christenheit waren sogar noch älter. Gleich nach der Schlacht am Kahlen Berge vor den Mauern Wiens 1683 hieß es in einem Lied, das die Gassenbuben sangen, »Der Türk‘ ist krank«, was mit Gewissheit zu früh war, denn das besiegte Osmanenheer war auch weiterhin noch zu starken Schlägen gegen seine europäischen Gegner fähig. Doch der Nimbus der Unbesiegbarkeit war dahin, die Türkengefahr im Grunde gebannt.
    Anfang des 18. Jahrhunderts war die Expansionskraft der Osmanenherrscher endgültig gebrochen, der langsame Rückzug aus den besetzten Gebieten begann, das Weltreich schrumpfte, nun aber wurde der frühere Erbfeind als politischer Machtfaktor im europäischen Kräfte- spiel interessant, bald sogar als Koalitionspartner im Kampf einer europäischen Macht gegen die andere, denkt man an die Bemühungen Friedrichs des Großen, die Türken als Bundesgenossen zu gewinnen, um den Druck Russlands und Österreichs auf Preußen abzuschwächen, beiden Ländern also einen Zweifrontenkrieg aufzuzwingen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Türken als »nicht bündnisfähig« gegolten. Friedrich der Große dachte in diesem Punkt revolutionär, auch wenn er sich selbst mit dem Teufel verbündet hätte, um Preußen im Siebenjährigen Krieg zu retten.
    Für die Österreicher waren Preußen und Türken in der Mitte des 18. Jahrhunderts gleichermaßen »Todfeinde«, wie Kanzler Kaunitz erklärte. Österreich und Russland operierten gemeinsam gegen die Türkei, bevor die Rivalität beider Großmächte auf dem Balkan ihr Verhältnis mit Spannungen auflud. Schließlich kam es 1771 sogar zu einer österreichisch-türkischen Allianz als Gegengewicht zum preußisch-russischen Bündnis. Pläne zur Aufteilung der Türkei reichten bis in diese Zeit zurück. Damit begann auch die Orientalische Frage eine wichtige Rolle in der Geschichte der europäischen Politik zu spielen. Das politische Gewicht des Zarenreiches war lange Zeit geringer als das des Osmanenreiches, doch seit dem 18. Jahrhundert begann sich dies umzukehren. Region für Region wurden die Türken


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    aus dem südöstlichen Raum Europas verdrängt. Im Frieden von Kutschuk-Kainardschi 1774 (ein Ort bei Silistria an der unteren Donau) verlor die Pforte die Krim und das Land zwischen Bug und Dnjepr an Russland und war damit nicht mehr Herr auf dem Schwarzen Meer.
    Die vielen Kriege gegen die beiden europäischen Großmächte hatten das Osmanenreich erschöpft. Auf dem Balkan nahm die Unzufriedenheit unter der christlichen Bevölkerung zu. Es fehlte bald eine starke Hand, die weit entfernt liegenden Provinzen des Reiches unter Kontrolle zu halten. Günstlingswirtschaft, Habgier und Korruption breiteten sich mit dem Sinken der Autorität des Sultans aus. »So ist die osmanische Monarchie heute in der Tat ein Aggregat von Königreichen, Fürstentümern und Republiken geworden, die nichts zusammenhält als lange Gewohnheit und die Gemeinschaft des Koran«, urteilte Moltke, der auf seinen Reisen durch das Osmanenreich 1835 bis 1839 einen Einblick in die innenpolitischen Verhältnisse wie kein anderer Europäer erhalten hatte.
    Nach 1815 waren es zwei schwere Krisen, die zu einer Kollision der europäischen Großmächte mit dem Osmanischen Reich führten. Beide Male ergaben sich völlig unterschiedliche Koalitionen, so daß sich die Aufteilung der Machtverhältnisse in den Block der konservativen Ostmächte bzw. der Heiligen Allianz (Russland, Österreich, Preußen) und den der liberalen Westmächte (England, Frankreich) als falsch erwies. In Wirklichkeit stellte das politische Kraftfeld ein Dreieck dar, gebildet aus England, Russland und Frankreich, in dem ein Staat mit einem anderen nach der jeweiligen Interessenlage ein Bündnis einzugehen versuchte, um den dritten zu isolieren.
    Den Kampf der Griechen um ihre Unabhängigkeit hätten die Großmächte zuerst am liebsten ignoriert, da England das Osmanische Reich als Bollwerk gegen den russischen Expansionsdrang erhalten wollte, und der Zar aus Furcht vor dem »Weltbrand der Revolution« keine Rebellen zu unterstützen gedachte. Auch Metternich fürchtete, daß mit der Unterstützung des Nationalgedankens auf dem Balkan das türkische Reich ebenso wie der österreichische Vielvölkerstaat gefährdet wurde. Trotz allem stellte das christliche Russland die Hoffnung der orthodoxen Griechen dar. Bevor der Westen auf ihren Freiheitskampf aufmerksam wurde, kämpften russische Offiziere auf Seiten der Griechen gegen die osmanische Fremdherrschaft. Als sich der Bürgerkrieg mit seinen entsetzlichen Massakern, bei denen sich


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    die Inselgriechen ebenso hervortaten wie die türkischen Truppen, nicht eindämmen ließ und auch die öffentliche Meinung in Westeuropa Partei für die Hellenen nahm, einigten sich England und Russland im Petersburger Protokoll 1826 darauf, den Sultan zur Gewährung einer gewissen Selbständigkeit Griechenlands zu zwingen. Navarino, eine Seeschlacht ohne Kriegserklärung, sorgte durch einen Sieg der vereinigten Geschwader Russlands, Englands und Frankreichs für den nötigen Nachdruck.
    Gewissermaßen im Windschatten des griechischen Konflikts führte Russland, von Frankreich, das sich kolonialen Zugewinn versprach, moralisch unterstützt, 1828/29 einen regulären Krieg gegen die Osmanen, besetzte die türkischen Donaufürstentümer Moldau-Walachei und zwang die Türken schließlich zum Friedensschluss (Frieden von Adrianopel). Hauptergebnis war die Entmilitarisierung der Donaufürstentümer, in denen Russland ein außen- und innenpolitisches Mitspracherecht erhielt. Die endgültige Anerkennung Griechenlands nebenbei mit ab, ein Erfolg der russischen Diplomatie
    1833 kam es sogar zu einem militärischen Beistandspakt (Vertrag von Hunkar Skelessi) zwischen der Türkei und Russland, als der Pascha von Ägypten seine Vasallenabhängigkeit aufkündigte und das Osmanische Reich an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Der Pascha Mehmet Ah wurde von Frankreich unterstützt, das seinen Einfluss im Orient festigen wollte. Die Beziehungen zwischen Russland und England waren abgekühlt, da England die aufständischen Bergvölker im Kaukasus mit Waffen belieferte und wegen der Niederschlagung des polnischen Aufstandes eine antirussische Stimmung in England herrschte. Das Verhältnis zwischen England und Frankreich war ebenfalls gestört, weil England bei einer Aktivität Frankreichs im Orient seine Wege nach Indien und seine Handelsstehlung gefährdet sah. Schließlich kam es zwischen den fünf Großmächten 1841 zum Londoner Dardanellenvertrag, auf dem die Schließung der Meeresenge für Kriegsschiffe festgelegt und die Integrität bzw. der Erhalt der Türkei garantiert wurde
    Das Schicksal der Christen war den Westmächten dabei völlig gleichgültig. Für kurze Zeit hatte der modern und liberal denkende Ägyptische Pascha Palästina aus dem Zustand der Verkommenheit und Abgeschiedenheit befreit, an dem das jahrhundertealte System der türkischen Misswirtschaft Schuld war, statt dessen opferte England


    Seite 35

    den Pascha, um aus machtpolitischen Gleichgewichtsgründen das Osmanische Reich zu retten. Die Furcht vor Russland trieb die Türkei in die Arme Englands.
    An Reformen kamen die Osmanen aber nicht mehr vorbei. Der erste »echte Reformsultan« war Sultan Mahmud II. Ihm gelang es endlich 1826, die Macht der Janitscharen zu brechen. Die Janitscharen, aus denen sich die Verwaltungsbeamten und vor allem die Soldaten rekrutierten, waren einst eine Eliteeinheit gewesen, stellten aber nun nur noch eine unfähige und reformfeindliche, auf ihre Vorrechte pochende Körperschaft dar, die jeder modernen Truppeneinheit unterlegen sein musste Nach dem Krieg gegen Russland 1828I29 der verlorenging, weil er die Türkei gerade in der Phase der Umbildung der Armee traf, fasste Mahmud II. den Plan, seine Armee zu modernisieren. Er griff dabei auf preußische Offiziere als Instrukteure und Ausbilder zurück, weil er in ihrem Fall nicht mit dem Protest einer europäischen Großmacht zu rechnen brauchte, da sich Preußen bisher aus den orientalischen Angelegenheiten herausgehalten hatte und neutral geblieben war. Das Hauptproblem blieb aber die Tatsache, daß es beim besten Willen des Sultans und seiner Reformbefürworter nicht möglich war, den wirtschaftlichen und technischen Vorsprung des Westens aufzuholen.
    Aber um 1850 besaß das Reich des Sultans immer noch gewaltige Ausmaße. Es erstreckte sich über drei Kontinente bis nach Europa, Asien und Afrika hinein, in Regionen, die durch ihre Lage und Geschichte von größter kultureller, wirtschaftlicher und politischer Bedeutung waren. Vor allem der Balkan stellte einen Herd ständiger Beunruhigung dar. 12 Millionen Christen waren auf Dauer nicht durch eine mohammedanische Minderheit zu beherrschen, auch wenn den Türken Glaubensangelegenheiten ziemlich gleichgültig waren; Hauptsache, die Steuern und Abgaben wurden entrichtet. Schließlich war die griechisch-orthodoxe Kirche offiziell anerkannt und durch einen Patriarchen in Konstantinopel vertreten. »Es entsprach dem Prinzip islamischer Herrschaft, nicht den Glauben, sondern Macht auszubreiten.«
    Wahrscheinlich wäre das Osmanische Reich schon längst zusammengebrochen, wenn nicht die Rivalität der europäischen Mächte den kranken Mann künstlich am Leben erhalten hätte. Sie schreckten vor der Schwierigkeit zurück, wie mit seiner Erbschaft zu verfahren war –


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    die berühmte Orientalische Frage. Auf diese Weise wurde zwar ein großer Krieg verhindert, jedoch eine permanente Krisensituation geschaffen. Karl Marx, nach dessen Überzeugung ein europäischer Krieg die Revolutionäre Situation beschleunigen musste, sah das anders: »Die Türkei ist der wunde Punkt des europäischen Legitimismus. Die Impotenz des legitimistischen, monarchischen Regierungssystems findet seit der ersten französischen Revolution seinen Ausdruck in dem einen Satz: Aufrechterhaltung des Status quo. In dieser allgemeinen Übereinstimmung, die Dinge so zu belassen, wie sie von selbst oder durch Zufall geworden sind, liegt ein Armutszeugnis, ein Eingeständnis der völligen Unfähigkeit der herrschenden Mächte, irgend etwas für den Fortschritt oder die Zivilisation zu tun. Den Status quo in der Türkei erhalten! Ebenso gut könnte man versuchen, den Kadaver eines toten Pferdes in einem bestimmten Stadium der Fäulnis zu erhalten, in dem er sich befindet, ehe die vollständige Verwesung erfolgt. Die Türkei verfault und wird immer mehr verfaulen, solange das jetzige System des europäischen Gleichgewichts der Aufrechterhaltung des Status quo andauert.«
    Karl Marx war, was einem so weitgereisten Mann wie dem Fürsten Pückler eben nicht passieren konnte, völlig entgangen, daß das Reformwerk Mahmuds II. auch nach dessen Tod 1839 mit großer Energie fortgesetzt wurde. Gewährsmann dieser Kontinuität war der Außenminister Reschid Pascha, der als Diplomat mehrere Jahre in London und Paris verbrachte und 1838 in die osmanische Hauptstadt zurückkehrte, gerade rechtzeitig, um dem erst l6jährigen neuen Sultan Abdul Meschid I. zur Seite zu stehen.
    Ein gerechtes Steuersystem, eine bessere Militärdienstzeit, die Reorganisation des Justizwesens nach europäischem Vorbild, die Gründung der Banque de Constantinople und einer modernen Universität — alles das wurde Schritt für Schritt realisiert Nach den imponierenden Kasernenbauten in Skutari, auf dem gegenüber von Konstantinopel gelegenen asiatischen Ufer, den repräsentativen steinernen Neubau der englischen, russischen und französischen Gesandtschaften im
    Stadtteil Pera gegenüber der Stambuler Altstadt, ließ sich 1850 der junge Sultan einen neuen Palast am Bosporus errichten, dessen Bau und Architektur die Öffnung des Osmanischen Reiches gegenüber Europa sichtbar machte. Die Verlegung des Regierungssitzes vom i Diwan im Serail an die Pforte, nach dem Eingang zu den Ministerien


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    benannt, symbolisierte die politische Zugehörigkeit zum europäischen Mächtekonzert.
    Wie modern er dachte, zeigte sich am Beispiel des wohl berühmtesten Bauwerkes der Christenheit. In der Öffentlichkeit Westeuropas war man erst seit kurzem wieder auf das Schicksal der Hagia Sophia aufmerksam geworden, als der italienische Architekt Caspare Fossati 1852 seine Bleistiftzeichnungen und Lithographien in London veröffentlichte. Die Aufmerksamkeit galt eigentlich mehr dem historischen Bauwerk als der in eine Moschee umgewandelten Krönungskirche der byzantinischen Kaiser aus dem 6. Jahrhundert. Fossati war, obwohl er den Titel eines offiziellen Hof Architekten des Zaren besaß und in den vierziger Jahren den klassizistischen Bau der russischen Botschaft im Europäerviertel abgeschlossen hatte, 1847 von Abdul Meschid mit der Restaurierung und Sicherung der einsturzgefährdeten Sophienkirche betraut worden. Da zu dem Auftrag auch auf ausdrücklichen Befehl des Sultans die vorübergehende Freilegung der byzantinischen Mosaiken gehörte, die ja auf Grund des Verbots figürlicher Darstellungen im Islam nach der Umwandlung der Kirche in eine Moschee sofort übertüncht oder verputzt worden waren, hatte Fossati als erster jene Wunderwerke der Mosaizisten sehen und zeichnen können - und als letzter, übrigens zusammen mit anderen Restauratoren wie dem von Friedrich Wilhelm IV. schnell noch nach Konstantinopel geschickten preußischen Bauinspektor Wilhelm Salzenberg.
    Eins der wichtigsten neuen Gesetze war in dem Edlen Großherrlichen Handschreiben bereits 1839 verkündet worden, dem Edikt von Gülhane, das die Diskriminierung der Andersgläubigen aufheben sollte.
    Die Gleichstellung von Christen und Muslimen sollte gleichzeitig den europäischen Mächten die Möglichkeit entziehen, sich »unter dem Vorwand, ihre christlichen Glaubensgenossen schützen zu wollen, in die inneren Angelegenheiten des Osmanischen Reiches einzumischen«. Dies sollte sich als ein Irrtum herausstellen.


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  9. #9
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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    »Die schützenden Mauern Rußlands«

    Am 15. November 1852 ging die russische Kriegsfregatte Pallada in Portsmouth vor Anker. Erst jetzt kam Iwan Gontscharow, der sich an Bord befand, zum Schreiben. Für die Strecke von Kronstadt bei St. Petersburg bis zur englischen Küste hatte die Pallada mehr als fünf Wochen gebraucht. »Das Fahren mit dem Segelschiff erscheint mir als Beweis für die Schwäche des menschlichen Verstandes«, klagte der Schriftsteller, »beim Setzen oder Streichen der Segel, beim Wenden des Schiffs und bei jedem etwas komplizierteren Manöver erlebt man eine derartige Kraftanstrengung, daß man in einem Augenblick der ganzen Geschichte der Bemühungen innewird, die man benötigt, um die Meere befahren zu können.«
    Die Revolution der Schifffahrt hatte längst stattgefunden. Im März 1838 hatte die Great Eastern, ein englisches Dampfschiff, die Strecke Bristol-New York in 15 Tagen zurückgelegt, die Hälfte der Zeit, die ein Segelschiff bei idealen Windverhältnissen benötigte.
    1812 war in den USA das erste dampfangetriebene Kriegsschiff gebaut worden. 1838 gewann ein mit einer Antriebsschraube ausgestatteter Dampfer die Wettfahrt mit einem Raddampfer. Den Zeitgenossen blieb eine Szene aus dem Jahr 1839 von symbolischer Bedeutung im Gedächtnis, die William Turner festgehalten hatte — das englische Linienschiff Temeaire auf dem Weg zum Abwracken, gezogen von einem kleinen Schleppdampfer - »ein kleiner Dämon, feuerrote, bösartige Rauchschwaden ausstoßend, während ihm das brave, alte Schiff langsam, traurig und majestätisch folgt«, wie Thackeray schrieb. »Das Wort Tod stand unsichtbar auf ihr geschrieben.« Die Temeraire war jedem Engländer ebenso bekannt wie die Victory: sie hatte in der Schlacht von Trafalgar das feindliche Feuer vom Flaggschiff Nelsons auf sich abgelenkt.
    Das hochmastige Segelschiff wurde aber nicht von heute auf morgen durch den hässlichen Dampfer ersetzt Im Hafen von Portsmouth lagen Dampfschiffe teils mit, teils bereits ohne zusätzliche Takelung, die meisten jedoch ein »gemischter Typ«, halb Dampfer, halb Windjammer, auch »schnellsegelnde Dampfer« genannt Ein Zeichen, daß man der Funktionstüchtigkeit der Maschine noch nicht ganz trauen konnte, aber auch noch Segel benötigte, um Energie zu sparen, wenn sich die Dampf Segler unterwegs bei günstigem Wind mit gelöschtem


    Seite 39
    Kessel treiben ließen — Kohlen waren teuer! Zwar befreite die Dampfmaschine von der Wind- und Strömungsabhängigkeit, vom Schrecken der Flaute und Windstille, doch wurde der Aktionsradius des Dampfers wiederum durch den Brennstoffvorrat begrenzt. Auch war ein Dampfer, dessen Maschine ausfiel, völlig manövrierunfähig — kein Wunder, daß die Kriegsmarine erst einmal der Handelsschifffahrt die Umstellung auf Dampf überließ.
    England hatte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zuerst französische Beutekriegsschiffe aus dem Krieg gegen Napoleon auf Dampf- kraft umgebaut. 1850 war in Frankreich das erste moderne Kriegs- schiff, die Napoleon, als heckangetriebener Schraubendampfer in den Dienst geteilt worden, denn die Schraube überzeugte die vorsichtigen Marinestrategen endgültig von der Nützlichkeit der Dampftechnik. Die alten konservativen Admiräle, von denen Englands Seeherrschaft zu diesem Zeitpunkt abhing, konnten sich das Meer voller qualmender, segelloser Schiffe einfach nicht vorstellen und akzeptierten erst einmal nur Dampfkorvetten und kleine Dampfer, die im Notfall die Linienschiffe, die Dickschiffe der damaligen Zeit, abschleppen konnten. Man debattierte über die Frage, ob die Dampfausstattung die bisherigen Flottenstärken zugunsten Frankreichs umkehren könnte. Es würde sich bald herausstellen, in welchem Maße »ein so kleines Instrument wie eine Schiffsschraube große politische Ereignisse beeinflusst«.
    Gontscharow war von dem Anblick der Dampfer fasziniert: »Nach der Erfindung der Dampfer ist der Anblick eines Segelschiffs peinlich.« Die Pallada war zu einer Weltreise aufgebrochen, mit dem offiziellen Auftrag, die russischen Besitzungen in Alaska zu besuchen. In Wirklichkeit handelte es sich um ein Geheimunternehmen mit dem Ziel, Handelsbeziehungen mit Japan zu knüpfen und damit anderen Staaten zuvorzukommen. Es war der zweite Versuch der Russen, in unbekannte Meeresregionen vorzudringen. Vor Putjatin hatte der berühmte Kapitän Adam Johann von Krusenstern während der napoleonischen Kriege im Auftrag des Zaren eine Expedition unternommen, um Handelskontakte mit China und Japan herzustellen.
    Den Engländern war die maritime Aufrüstung der Russen seit langem ein Dorn im Auge. Die Kombination von Land- und Seemacht wurde in England als eine gefährliche Anmaßung empfunden. Aufmerksam verfolgten sie Modernisierungsmaßnahmen, die Umrüstung der Raddampfer


    Seite 40

    auf die technisch bessere Schraube, den Ausbau der Festungsstadt Sewastopol zum Kriegshafen. Mitte 1852 machte der Zar Nikolaus 1. durch seine Inspektionsreise an die Gestade des Schwarzen Meeres, an der auch ausländische Beobachter teilnehmen durften, selbst auf die Bedeutung der Krim aufmerksam.
    Allerdings war die Marine von seinem Vorgänger Alexander 1. ziemlich vernachlässigt worden; die Kriegsschiffe verfaulten in ihren Häfen. Und erst seinem Nachfolger war die Wiederbegründung der russischen Seemacht zuzuschreiben wie auch der Ausbau Sewastopols zum Marinearsenal, nachdem seine »vortreffliche Lage« (General Diebitsch) erkannt worden war.
    Der englische Gesandte Seymour sammelte alle Informationen, deren er habhaft werden konnte, um die militärischen Ergebnisse der Inspektionsreise des Zaren auswerten zu können. Am 28. Oktober 1852 teilte er Lord Malmesbury in einem geheimen Bericht, der durch einen französischen Kurier überbracht wurde, seine Ergebnisse mit, nicht ohne ernstliche Bitte, den Bericht streng vertraulich zu behandeln. Eine genaue Beschreibung Sewastopols lag bei, auch eine Aufstellung der in Sewastopol liegenden Kriegsschiffe.
    Zur Mannschaft bemerkte Seymour, sie sei zwar mit der auf den englischen Kriegsschiffen nicht zu vergleichen, die russischen Seeleute hätten jedoch in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht.
    Die Wirklichkeit sah nicht sehr erfolgversprechend aus. Die technische Umrüstung vollzog sich nur mit größter Langsamkeit. Über die Ostseeflotte, die baltische Flotte, schrieb der Großfürst Konstantin, daß die Linienschiffe überhaupt nicht in der Lage warn, »ohne Gefahr Fahrten in entfernte Gewässer zu unternehmen« und notfalls der Schwarzmeerflotte durch das Mittelmeer zu Hilfe zu kommen. »Die Schiffe waren aus feuchtem Fichtenholz, schwach gebaut und sehr mittelmäßig ausgerüstet « Die Schwarzmeerflotte wurde wiederum von einem speziellen Übel heimgesucht, das die Lebensdauer der Schiffe um ein Drittel verkürzte, durch den »Bohrwurm«
    Das alles war den Augen der Engländer natürlich nicht verborgen geblieben, doch hatte man großen Respekt vor der Energie des Kaisers und nicht vergessen, daß er mehr als einmal seine Flotte zur Unterstutzung Englands angeboten hatte, der Gedanke, einen künftigen Rivalen rechtzeitig zu beseitigen, konnte durchaus auftauchen


    Seite 41

    Auch in Deutschland und Österreich erschienen Artikel über die russische Flotte und Armee, hier galt der russische Seemann als kein Seemann im Sinne eines englischen, holländischen oder französischen. In der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 7. August 1853 hieß es: »Die Schiffsmanöver werden bedeutend langsamer ausgeführt als bei der englischen Flotte. Der starrste Mechanismus herrscht im russischen Seedienst. Den Zusammenhang seiner einzelnen Dienstverrichtung mit dem Leben und Wohlbefinden des ganzen Schiffes kennt der Russe sehr oft gar nicht. Er rollt nicht ein herumliegendes Tau auf und legt‘s beiseite; er zeigt‘s dem Lieutenant an, und der sieht erst im Tagebuch nach, wer das Aufräumen zu besorgen hat, und reißt den Säumigen an den Ohren herbei. Das ist Ordnung und Disziplin. - Die russische Kriegsflotte wird sich daher auch nicht als erobernde Armee, sondern nur als schützende Mauer brauchen lassen.«
    Nun besaß zwar die englische Marine eine lange Tradition, die einmal zum Aufbau eines guten Offizierskorps geführt hatte, doch konnte man beim Gros der englischen Seeleute ebenfalls nicht von einer angeborenen Liebe zum Meer sprechen, da sie zum Dienst gepresst, von Marinesoldaten mit Gewalt auf die Schiffe gebracht und an Bord durch ein übermäßig strenges, ans Sadistische grenzendes Reglement überwacht wurden. Strafmaßnahmen kamen oft einem Todesurteil gleich. Die großen Schlachtschiffe gingen meistens nicht in England, sondern in ausländischen Häfen in ihr Winter-Liegequartier, um die Desertionsflut zu stoppen.
    Rein zahlenmäßig bestand die englische Flotte 1852/53 aus über 100 Linienschiffen und Fregatten, doch täuschten diese beeindruckenden Zahlen »eine größere Kampfbereitschaft und Kampfkraft vor, als in Wirklichkeit vorhanden« war, weil Besatzungen fehlten und das Offizierskorps überaltert war. Die meisten Kapitäne hatten die siebzig überschritten, die Admirale die achtzig.
    Bei Kriegsausbruch musste man auf Männer zurückgreifen, die bis dahin noch nie die See gesehen hatten, auf Fabrikarbeiter und Droschkenkutscher. In seiner Zeitschrift Die Grenzboten versuchte der Redakteur Gustav Freytag seinen Lesern klarzumachen, daß Europa vor Russlands Landmacht ebenfalls nicht zu zittern brauche. »Gegen eine civilisierte Macht hält eine Horde von Wilden auf die Dauer nicht stand!« Der moralische Zustand der Soldaten sei beklagenswert,


    Seite 42

    der Infanterist humple in seinen plumpen kurzen Stiefeln und seinem langen braunen schnittlosen Filzkittel »wie ein Züchtung« vorüber, kein Wunder, da die ganze Armee nur durch Prügel kommandiert werde! Natürlich fehlte der Hinweis auf die »bestialische Branntweinsucht« nicht, alle vier Monate sei das ganze Heer betrunken, wenn es Sold gegeben habe - »eine Art geduldeter und gesetz- kräftiger Unzurechnungsfähigkeit«.
    Ganz anders äußerte sich Freytag über die Bewaffnung — sie könne nicht getadelt werden. Jedenfalls seien die Waffenstücke der Infanterie sehr gut gearbeitet, schwer und dauerhaft. Typisch wäre für die russische Taktik die Massierung von Artillerie.
    Dagegen war die Untersuchung, die der Historiker und Diplomat Theodor von Bernhardi 1854 für einen kleinen Kreis verfasste, ernster zu nehmen, obwohl auch er die Schwächen und Mängel der russischen Armee hervorhub; der Krankenstand sei in der russischen Armee höher als in allen anderen Armeen Europas, Sterblichkeit und Ausfälle so hoch, daß die wirkliche Stärke der Armee in keinem Verhältnis zur Zahl der Einberufenen stünde. Die Regierung habe allein schon durch die Festsetzung der Militärdienstzeit auf 25 Jahre die Scheu vor dem Soldatsein gesteigert, und mit ihr das Gefühl der Fatalität, sie unternehme auch nichts, um Vorstellungen von der Würde und Ehre des Soldatenberufes zu erhöhen. Das Grundübel der ganzen Armee bestünde im sogenannten Gamaschendienst, vom Zaren bis zum Exzess betrieben, der das Hauptgewicht auf die mathematisch exakte Ausführung von Paradeformationen verlangte, unter dem Begriff der »Reinheit des Exerzierens« zusammengefasst Nach der Ansicht der russischen Generale verderbe der Krieg nur den Soldaten, es sei sogar vorgekommen, daß Regimentskommandeure vor einem Gefecht die besten und schönsten Soldaten hinter die Front schickten, um sie nicht als Paradestucke zu verlieren! Durch den ständigen Krieg an der Kaukasusfront gegen die Bergvölker gäbe es Kader kampferprobter Soldaten, doch sei der »Kleinkrieg« in den Vornehmen Petersburger Offizierskreisen unbeliebt Über einen Soldaten, den man bei Paraden gesehen habe, sei keine Aussage möglich, was sein Verhalten im Krieg beträfe
    er die Tugenden der Russen im Gefecht äußerte sich dagegen Helmuth von Moltke »Unerschütterlichste Ruhe und Standfestigkeit der Infanterie in der Gefahr, ebenso standhaft in der Ertragung von


    Seite 43

    Mühseligkeiten und Entbehrungen.« Der russische Soldat vertausche sogar gern die Gefahren im Kriege »gegen die peinliche Parade-Dressur und die Quälereien der Garnison«.
    Für den Zaren bedeutete der Parademarsch die »Hauptsache der Kriegskunst«. Und in der Tat hatte sich die russische Armee zu einer Manöverarmee entwickelt, in der der Friedensdienst gefährlicher war als der Kriegsdienst. Nikolaus‘ Gewohnheit, die Armee nur nach ihrem äußeren Erscheinungsbild zu werten, trug entscheidend zur Aushöhlung ihrer Schlagkraft bei.
    Nicht anders sah es allerdings auch in Frankreich oder England aus. In Frankreich war der Militärdienst eine Sache der »armen Leute und der asozialen Elemente, die in düsteren überfüllten Kasernen zusammengepfercht wurden, immer zu zweit auf eine Bettstatt angewiesen, zu acht aus einer Schüssel essend, dürftig bekleidet und ausgerüstet«. In England war die Rekrutierung von Soldaten für die Armee eine Art organisierte Menschenjagd; die lange Militärzeit führte zu einer Isolierung der Kasernenarmee vom bürgerlichen Leben, zu einer Kluft zwischen Soldaten und Bürgern, das »Erscheinen der Soldateska in bürgerlicher Gesellschaft« empfand man als shocking, der gemeine Mann galt »als Rohling, wohl gar als berufsmäßiger Trunkenbold, dem man möglichst aus dem Weg ging«. Es interessierte niemanden, wie hoch die Verluste im Feld waren, lag doch bereits »die Friedenssterblichkeit in der Armee, besonders durch Tuberkulose, hoch über dem Durchschnitt der Zivilbevölkerung«. Als vaterländischer Ehrendienst wurde der Dienst bei der Fahne nicht verstanden. Nur noch in England gab es die Prügelstrafe für Soldaten, für die sich noch der alte Wellington begeistert hatte. Es war fast schon Tradition, daß das englische Parlament beim Landheer sparte. Seit dem Wiener Kongress, nach dem sich England wieder auf seine Insellage zurückgezogen hatte, blieb das Heer ein Provisorium. Alte Gefängnisse ersetzten neue Kasernenbauten, für die fachliche Ausbildung der Offiziere wurde nichts getan. Die ganze Armee litt unter dem System des Kaufs und Verkaufs von Offizierspatenten. Allein in Frankreich wurde durch Napoleon III. mit der Verbesserung der materiellen Lage und des sozialen Status einiges geändert. 1852 gab er der Armee die alten Adler aus der Napoleonzeit wieder; der Erfolg sollte nicht ausbleiben.
    Mit der Flotte Louis Philippes hatte Napoleon III. eine gut ausgebildete


    Seite 44

    und durch die Operationen im Mittelmeer im Gefecht geschulte Marine übernommen. Im Gegensatz zu dem englischen Schiffsbestand war die französische Flotte wesentlich kleiner, doch waren die wenigen Kriegsschiffe »neu oder fast neu, vorzüglich konstruiert, bewaffnet und ausgerüstet«.
    Allerdings sollte es so sein, daß »die industrielle Kraft Englands es der Royal Navy ermöglichte, den Vorsprung, den die Franzosen bei der Konstruktion einzelner Schiffe vorübergehend errangen, jedes Mal wieder aufzuholen«. Zu der Fähigkeit, mehr und schneller zu bauen, kam schließlich der unerschöpfliche Vorrat der besten Heizkohle. Jedenfalls war Prinzgemahl Albert im Juni 1853 von der großen Flottenparade vor Spithead begeistert: »Die ungeheuren Kriegsschiffe, darunter die Duke of Wellington mit 131 Kanonen, gingen ohne Segel, nur durch die Hilfsschraube getrieben, 11 Meilen die Stunde, und dies gegen Wind und Flut!«
    Ohne Maschine ausgestattet, lag die Pallada zusammen mit hundert anderen Segelschiffen Ende 1852 14 Tage auf der Reede fest — der Wind blies in die verkehrte Richtung. Mehrere Schiffe, die sich trotzdem in den Kanal wagten, kamen »zerfetzt und gerupft« zurück, ein Schiff war, wie man erfuhr, auf ein Riff aufgelaufen und untergegangen. Mit Dampf wäre das wohl kaum passiert! Erst am 7. Januar 1853, dem Dreikönigstag, konnte die Pallada endlich frühmorgens bei günstigem Wind den Anker lichten.


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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    II. Die orientalische Frage



    »Die Dardanellenfrage ist nur ein Symptom der orientalischen Frage selbst, der türkischen Erbschaftsfrage, des Grundübels, woran wir siechen, des Krankheitsstoffes, der im europäischen Staatskörper gärt und der leider nur gewaltsam ausgeschieden werden, kann.«
    Heinrich Heine 1841
    1853

    Für die Welt der griechisch-orthodoxen Gläubigen war das Jahr 1853 kein Jahr wie jedes andere. In Russland war eine alte Prophezeiung nicht in Vergessenheit geraten, vier Jahrhunderte nach dem Fall Konstantinopels, der Einnahme der Stadt durch die Türken im Mai 1453, werde erneut das christliche Kreuz von der Hagia Sophia leuchten. Von Mehmet dem Eroberer war damals die von Justinian errichtete Kirche zur heiligen Weisheit, der großartige Kuppelbau aus der ersten byzantinischen Epoche, in eine Moschee umgewandelt worden, die lange Zeit kein »Ungläubiger« betreten durfte. Die byzantinischen Mosaiken waren mit Kalkschlamm übertüncht, die christlichen Symbole durch arabische Schriftzeichen verdeckt worden. Justinians Altar gab es nicht mehr.
    Eine alte Legende hatte sich am Leben erhalten: Als die Janitscharen in die Kirche eindrangen, soll der Priester in einer Säule verschwunden sein, bevor er dem Gemetzel unter den Betenden zum Opfer gefallen wäre. »Manchmal, so sagt man, hört man aus dem alten Gemäuer undeutliche Psalmen. Es ist der immer noch lebendige Priester, der, wie Barbarossa in seiner Grotte, schlafend unausgesetzt Liturgien murmelt. Wenn die Sophienkathedrale einst dem christlichen Kirchenwesen zurückgegeben wird, wird sich das Mauerwerk von allein öffnen und der Priester, aus seiner Zurückgezogenzeit heraustretend, wird am Altar die vor vierhundert Jahren begonnene Messe zelebrieren« — so der französische Schriftsteller Thophile Gautier in einem 1853 in Paris erschienenen Reisebericht: »Hinsichtlich der aktuellen Orientfrage könnte diese Legende, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag, durchaus Wirklichkeit werden. Wird im Jahr 1853 der Priester von 1453 das Schiff der Sophienkathedrale


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    durchschreiten und mit gespenstischem Schritt die Stufen zum Altar des Justinian betreten?« Und der Historiker Wolfgang Menzel zitierte ein prophetisches Zarenwort, das in Europa kursierte: »Die furchtbare Faust Russlands wird die Feinde zu Boden werfen und von Nikolaus aufgepflanzt wird das Heilige Kreuz leuchten über dem byzantinischen Lande. «
    Das klang nicht einmal so abwegig. Zwischen dem Zarenreich und dem byzantinischen Reich gab es eine religiös-mystische und doch auch politisch motivierte Verbindungsbrücke. Nach dem Untergang von Byzanz im 15. Jahrhundert verstand sich Russland als Nachfolgestaat des tausendjährigen byzantinischen Kaisertums; schließlich gab es jetzt in Russland mehr Orthodoxe als in der ganzen griechischen Welt.
    Der bald vielzitierte Mythos von Moskau als dem Dritten Rom diente vor allem in den Kreisen der Slawophilen dazu, Russlands Ausdehnungsdrang zur christlichen Mission zu erheben, zur heiligen Verpflichtung, die orthodoxen Völker von der Türkenherrschaft zu befreien und ein neues russisch-byzantinisches Kaiserreich zu schaffen und damit die Wiedervereinigung aller getrennten orthodoxen Gemeinden.
    Daß das russische Reich auch eine historische Wurzel im Tatarentum besaß, sollte in Vergessenheit geraten. Aber selbst Iwan der Schreckliche fand im alten Byzanz seine Entsprechung, wo oft genug Gift und Dolch, Gewalt und Intrigen geherrscht und bestimmte kanonische Vorstellungen von Gott und Trinität mit Mord und Totschlag durchgesetzt worden waren. Der letzte Schlag des Osmanen Mehmet II. gegen Byzanz 1453 hatte eine Hauptstadt ohne Reich, ein erschöpftes Gebilde getroffen, an dessen Weiterbestehen im christlich-katholischen Europa kein Interesse bestand. Man muss hinzufügen, daß Mehmet II. bald die Griechen in seine neue Hauptstadt zurückgeholt und mit Schutzbriefen versehen hatte, um überhaupt Verwaltung und Handel aufbauen zu können, und daß es auch weiterhin — mit ausdrücklicher Erlaubnis der Pforte - einen griechischen Patriarchen in Konstantinopel gab, der nicht nur die Gläubigen im türkischen Machtbereich vertrat, sondern auch der ranghöchste Beamte der orthodoxen Kirche blieb.
    Zu dieser byzantinischen Erbschaft traten aber noch andere Programmvorstellungen. Durch Europa geisterte seit Jahrzehnten das


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    sogenannte Testament Peters des Großen. In diesem Schriftstück aus dem Jahr 1812 sollte der Zar angeblich seinen Nachfolgern genaue Verhaltensregeln an die Hand gegeben haben, Schritt für Schritt Russlands Anspruch auf die Herrschaft über Europa und schließlich über die ganze Welt zu verwirklichen.
    Daß es sich bei diesem Papier um eine Fälschung handeln konnte, spielte in den Augen der Russlandkritiker keine Rolle. Im Gegenteil, der Gang der russischen Politik diente gerade als der sicherste Beweis seiner Echtheit — »in einem Augenblick, wo die wichtigste Verfügung, die Eroberung des Bosporus, zur vollendeten Tatsache wird«. So Friedrich Engels, der mit Karl Marx auf die Fälschung hereingefallen war. Als weiterer Beweis für Russlands »Griff zur Weltmacht« diente auch das Vermächtnis Katharinas der Großen, deren großes, unerreichtes Ziel gewesen war, ein neugriechisches Reich auf dem Balkan zu gründen, natürlich in Vasallenabhängigkeit von Russland.
    Auch Heinrich Heine in Paris glaubte nicht an ein Ende der orientalischen Krise und prophezeite den Zusammenstoß von England und Russland: »Wenig kümmert es die Russen, daß die Engländer mehr und mehr Indien verschlingen und sich schließlich selbst Chinas bemächtigen; der Tag wird kommen, wo die Engländer genötigt sein werden, ihren Raub zugunsten der Russen fahren zu lassen, die sich in der Krim befestigen, die sich schon zu Herren des Schwarzen Meeres gemacht haben, und die immer dasselbe Ziel verfolgen: den Besitz des Bosporus, Konstantinopels. Wie schrecklich ist die orientalische Frage!«
    Der »Griff nach den Dardanellen« erschien den Zeitgenossen als notwendige Folge des russischen Ausdehnungsdranges In erster Li nie jedoch lag den Russen an einer ungehinderten Passage durch den Bosporus und die Dardanellen, nachdem sie die Schwarzmeerküste erobert und die Bucht von Sewastopol zu einem modernen Kriegshafen ausgebaut hatten Ein Drittel des gesamten russischen Exports wickelte sich über Odessa und Nikolajew ab — Richtung Bosporus Schon Alexander 1 hatte die Dardanellen als die »Schlüssel seines Hauses« bezeichnet Und Konstantinopel lag an dem Punkt, an dem die Haustür entriegelt oder verriegelt werden konnte Dem Riesen reich Russland fehlte, abgesehen von der inneren Rückständigkeit gegenüber den anderen europäischen Großmächten, ein entscheiden der Machtfaktor Politisch und wirtschaftlich gesehen musste Russland



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    eine zweitrangige Großmacht bleiben, wenn es ihm nicht gelang, sich den Zugang zu den Weltmeeren zu öffnen, und eine Seemacht konnte es nur werden, wenn es über eisfreie Häfen und damit ganzjährig benutzbare Ausgangsbasen für seine Flotte verfügte. Eine Großmacht, deren Schiffe sechs Monate eingefroren waren, konnte wohl kaum auf Reputation als Seemacht hoffen.
    Nur im Süden, an der Schwarzmeerküste, konnte die Lösung dieses Problems liegen, nachdem seit Peter dem Großen die Zaren keine Kosten, Mühen und Lehrgeld gescheut hatten, eine Flotte zu bauen und zu unterhalten. »Dies ist Russlands natürliche und darum auch vollkommen berechtigte äußere Politik«, stellte der Militärschriftstel1er Wilhelm von Rüstow, ein »Achtundvierziger« und späterer Freund Garibaldis, in den 50er Jahren fest, »daß diese Politik der Politik des ganzen übrigen Europa feindlich ist, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel.«
    Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hätte, weil er eine religiöse Natur war, gerne das Kreuz auf der Hagia Sophia und die Befreiung der Christen vom »türkischen Joch« gesehen, doch fürchtete er die politischen Verwicklungen. Auf seine Initiative hin war es nach 1840 in enger Zusammenarbeit mit England zur Einrichtung eines anglo-preußischen Bistums in Jerusalem gekommen, so daß endlich ernsthafte Bemühungen einsetzen konnten, das heruntergekommene Land wieder zu besiedeln und zu kultivieren. Die offizielle Anerkennung der Protestanten in Palästina durch den Sultan folgte. Ein Krieg war dem König gar nicht recht, ein russisch-türkischer erst recht nicht, weil Preußen als Verbündeter Russlands mit hineingezogen werden konnte. »Die orientalische Frage wird immer verwickelter, aber doch sieht man schon eine Art Ende«, so sein Generaladjutant Leopold von Gerlach am 5. Juni 1853, ebenfalls ein frommer Mann, »obschon der Jahrestag der Einnahme von Konstantinopel mich etwas irre macht. «
    Übrigens hatte der italienische Architekt Fossati bei seinen Restaurierungsarbeiten in der Hagia Sophia auch eine zugemauerte Tür gefunden - vielleicht jene Stelle, von der Gautier gesprochen hatte? Als er die Mauer mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Sultans durchbrach, fand er allerdings nur altes Gerümpel und keinen murmelnden Priester. Vielleicht ein Hinweis darauf, daß die alte Magie von Byzanz längst gebrochen war.


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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Audienz beim Zaren

    Nun begann England die Entwicklung im Nahen Osten doch Sorgen zu bereiten. Es war ihnen nicht verborgen geblieben, daß es in Bessarabien in der Nähe der türkischen Grenze Truppenbewegungen gab. Der englische Gesandte in Petersburg, George Hamilton Seymour, bat am 8. Januar 1853 Nesselrode um eine Erklärung für den »Marsch von 50000 Russen«, doch antwortete Nesselrode ausweichend. Er wusste noch nicht einmal zu sagen, ob ein oder zwei Korps die Marsch- order erhalten hatten, doch müsse die Diplomatie Russlands durch eine Demonstration der bewaffneten Macht unterstützt werden. Auf keinen Fall wünsche der Zar den Fall der Türkei.
    Als ob Seymour danach gefragt hätte! Auch seiner Meinung nach waren die Franzosen die Schuldigen an der gegenwärtigen Krise, doch empfahl Seymour in der Depesche, in der er das Außenministerium in London über das Gespräch mit dem Zaren informierte, auf jeden Fall den Eindruck von Entschlusslosigkeit oder Schwäche gegenüber den Türken zu vermeiden.
    Der Bericht Seymours war noch nicht in London eingetroffen, als der Botschafter zusammen mit seiner Frau von der Großfürstin Helene gebeten wurde, sich mit der Zarenfamilie in ihrem Palast zu treffen; eine Einladung, die dem Gespräch mit dem Zaren offenbar den Charakter einer Privatunterhaltung geben sollte. Als der Zar die Unterredung mit der Bemerkung eröffnete, daß es doch nur sehr wenige Punkte gäbe, worüber »wir nicht einverstanden sind«, gab sich Seymour ahnungslos und bezog diese Frage auf die »dynastische Ziffer Napoleons III.«.
    Nebenbei, im Aufbruch begriffen, während er Seymour die Hand gab, gewissermaßen zwischen Tür und Angel, ließ der Zar dann doch die Katze aus dem Sack Was andere denken oder tun, sei im Grund ohne Bedeutung — nur im Fall der Türkei nicht Dieses Land sei in einem kritischen Zustand, es sei wichtig, daß England und Russland zu einem vollkommenen Einverständnis kamen
    Natürlich unterrichtete Seymour sofort geheim und vertraulich seinen Kabinettschef Russell von diesem Gespräch und auch von seiner diplomatischen Antwort Es sei Sache des Großmutigen und Starken, den kranken und schwachen Menschen zu schonen Er überlege, den Kanzler Nesselrode offiziell über das Gespräch zu informieren, um


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    Klarheit zu bekommen. Nesselrode sei ein Mann der Mäßigung, soweit es in seiner Macht stehe.
    Es war nicht das erste Mal, daß der Zar vom kranken Mann am Bosporus sprach. Bei einem Besuch in London 1844 hatte Nikolaus I. die Spitzenpolitiker der Tones (Wellington, Aberdeen, Robert Peel) auf die Notwendigkeit eines Einverständnisses zwischen England und Russland im Fall der Türkei hingewiesen, »da sie in den letzten Zügen liegt«. Von diesen Gesprächen war damals nichts nach außen gedrungen. Nesselrode hatte 1844 nach dem Besuch des Zaren, der ganz offensichtlich optimistisch nach Petersburg zurückgekehrt war, sofort eine Denkschrift entworfen, in der er von der Interessengleichheit zwischen Russland und England ausging, vom »Prinzip einer vollkommenen Solidarität« (perfect identity). Vergessen hatte der Zar ganz offensichtlich, daß er auch Metternich damals die Zusage gegeben hatte, Österreich bei der Erbschaft der europäischen Türkei zu berücksichtigen.
    Inzwischen gab es für den Zaren einen aktuellen Anlass. Aus der Türkei hatte den Zaren ein Brief erreicht, in dem sich griechische Notabeln, wichtige Persönlichkeiten der griechischen Gesellschaft, über die »wenig würdige Stellung« beklagten, die Russland im Vergleich zu Frankreich und England in Konstantinopel einnehme. »Als Mittel, eine Wandlung herbeizuführen, wurde eine außerordentliche Botschaft empfohlen, deren Führer, wenn er im Diwan eine feste und zuversichtliche Sprache führe, erreichen wird, daß Kaiser Nikolaus unbedingte Autorität über die griechische Kirche im Reiche des Sultan erlangen werde.«
    Der Zar wurde in seinem Entschluss, einen Sonderbotschafter nach Konstantinopel zu schicken, auch durch die Initiative bestärkt, die neuerdings Wien im Balkanraum an den Tag legte. Österreich hatte bisher nur eine passive Rolle gespielt, doch bot sich unerwartet ein Möglichkeit, sich wieder als europäische Macht ins Spiel zu bringen — durch den neuen Krisenherd in Montenegro (das heutige Albanien). Das unruhige Bergvolk hatte sich bereits seit langem dem Anspruch des Sultans auf Oberlehnsherrschaft widersetzt, aber durch seine Beutezüge in benachbarte Regionen auch die christliche Bevölkerung belästigt und die Grenze zu Österreich verletzt.
    Der Landesfürst Danilo Petrowic, 1851 ans Ruder gekommen, plante, die rein weltliche, erbliche Dynastie einzuführen, unterließ es aber, in


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    Konstantinopel um die Bestätigung in seinem Amt nachzusuchen, was die Osmanen in ihrem Verdacht bestärkte, Danilo ginge es im Grunde um die völlige Unabhängigkeit. Die Türken mobilisierten daraufhin ein starkes Truppenkontingent, unterstellten es einem ihrer fähigsten Generale, dem Militärgouverneur von Bosnien, Omer Pascha, und ließen es nach Montenegro vorrücken, was ein Blutbad zur Folge haben musste.
    Nicht die Türkei, die noch immer Montenegro als Bestandteil des Osmanischen Reiches betrachtete, hatte die Absicht, den Status quo auf dem Balkan aufzuheben, sondern Österreich. Wiens Mann in Konstantinopel, Kleil, empfahl eine »derbe Züchtigung« der Türken, und ein österreichischer General meinte, den »hitzigen Türken die Faust unter die Nase zu halten, wie es Russland und Frankreich immer mit Erfolg getan hätten«. Wien plante, in Montenegro militärisch vorzugehen und Bosnien zu annektieren, hütete sich aber, seine Pläne Russland zu Ohren kommen zu lassen, das ansonsten Österreich bei der Pforte unterstützte.
    Gleich in den ersten Januartagen des Jahres 1853 schickte Wien den Feldmarschall-Leutnant Graf Leiningen in einer Sondermission nach Konstantinopel und verlangte die Entfernung der Rebellen von 1848/ 49 aus der Armee des Sultans, den Rückzug der türkischen Truppen aus Montenegro, die Beseitigung von Handelsbeschränkungen und die Gleichstellung der Christen im Osmanischen Reich. Zur Unterstützung seiner Forderungen setzte der österreichische Kaiser 15000 Mann in Marsch, mit der Begründung, es handle sich nur um eine »temporäre Besetzung« von Bosnien und Montenegro.
    Die Verhandlungen zogen sich in die Lange, doch im Endergebnis steckten beide Machte zurück Wien kam eine Revolte gegen die Habsburgische Herrschaft in Oberitalien an die Quere Auch gab die Hohe Pforte den meisten Forderungen Leiningens nach, als sie zum
    Zeitpunkt von der Mission eines russischen Sonderbeauftragten erfuhr. Man einigte sich auf die Wiederherstellung des Status quo. auf die Entfernung der ungarischen und polnischen Offiziere in Omer Paschas Armee ließ sich der Sultan jedoch nicht ein.
    Damit hatte Österreich noch vor der, vom Zaren in die Wege geleiteten»Sendung Menschikows« Südosteuropa in eine schwere Krise gestürzt.
    Die »Montenegro-S*****e», wie Karl Marx damals sagte, sich also doch ganz anders als seine pessimistische Prophezeiung


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    entwickelt, daß »schließlich auch die türkische >Ordnung< über die tschernogorzische homerische Barbarei siegen müsse«.
    Das energische Auftreten Leiningens sollte auf den Zaren nicht ohne Wirkung bleiben. Er sah darin die Probe aufs Exempel und wollte sich auf keinen Fall durch die Österreicher ausstechen lassen. Die Österreicher hätten es sich eigentlich an allen zehn Fingern abzählen können, daß die türkische Antwort im Fall der Emigranten gar nicht anders lauten konnte; denn schon nach den Revolutionsunruhen von 1848/49 hatten die Osmanen die Auslieferung der Flüchtlinge abgelehnt, die sich von Ungarn aus auf türkisches Territorium retten konnten, auch als der Zar mit dem Einmarsch von 50000 Russen drohte. Neben England und dem italienischen Piemont gehörte das Reich am Bosporus zu den Ländern, die politischen Flüchtlingen großzügig Asyl gewährten, ein Beweis für den Wandel unter Abdul Meschid.
    In der Flüchtlingsfrage hatte England der Türkei den Rücken gestärkt und mit Frankreich zusammengearbeitet. »Wir haben den stolzen Selbstherrscher gezwungen, von seinen übermütigen Ansprüchen abzulassen«, schrieb Palmerston Stratford Canning: »Wir haben Österreich genötigt, auf eine neue Gelegenheit, eine Schale Blutes zu schlürfen, zu verzichten, wir haben die Türkei vor der äußersten Demütigung und Erniedrigung gerettet. Das alles wird in Europa gesehen und gefühlt werden.«
    Die Depesche, in der Seymour Lord Russell über das Gespräch mit Nikolaus I. informierte, war noch nicht in London eingetroffen, als es nach förmlicher Einladung zur Audienz zu einer weiteren Unterredung zwischen dem englischen Botschafter und dem Zaren kam. Nikolaus gab sich leutselig und »besonders gnädig«, als ob ihn Seymour um den Termin gebeten hätte. Dann holte er weit aus, kam auf die Zarin Katharina zu sprechen. Zwar hätte er, der Zar, unermessliche Territorialbesitzungen geerbt, nicht aber Katharinas Visionen und Absichten Russland sei saturiert, eine große, vielleicht die ein zige Gefahr bestunde gerade in einer weiteren Ausdehnung eines bereits großen Reiches
    Vom Reich der Osmanen habe Russland heute nichts mehr zu befurch ten Aber nun sei es »nach und nach in einen solchen Zustand der Hinfälligkeit gesunken, daß der Kranke, so sehr allen auch seine verlängerte Existenz am Herzen liege, plötzlich in unseren Armen


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    sterben könne«. Gerade er, der Zar, könne sich der Erfüllung der bestimmten Pflicht und Sorge nicht entziehen, die Interessen der Millionen Christen in der Türkei zu überwachen, und dies mit gutem Recht, denn schließlich käme Russlands Religion aus dem Osten. Eine Anspielung auf Byzanz.
    Und wiederum stellte er Seymour die Frage, ob es nicht besser sei, den Todesfall des hinfälligen Patienten am Bosporus vorauszusehen, als sich »dem Chaos, der Verwirrung und der Gewissheit eines europäischen Krieges auszusetzen, was alles die Katastrophe begleiten müsse, wenn sie unerwartet kommt — so sehr uns die verlängerte Existenz des Kranken am Herzen liegt«.
    Eine Verständigung mit England ginge ihm über alles! Noch einmal kam er schwärmerisch auf Wellington zu sprechen, damals wäre es das Interesse der Engländer gewesen, gegen »gewisse Ereignisse« Vorsorge zu treffen; diese Ereignisse könnten ihn, gerade in Ermangelung eines Einvernehmens in der Gegenwart, zwingen, »in einer der Ansicht der englischen Regierung entgegengesetzten Weise zu handeln«
    - und dazu gehörte die vorübergehende Besetzung Konstantinopels! Eine unverhüllte Drohung, die Seymour jedoch nicht aus der Fassung brachte.
    Seymour nahm die Audienz beim Zaren ernst und empfahl in seiner neuen Depesche, die Tage des sterbenden Mannes gemeinsam zu verlängern.
    In der Antwort, die Lord Russell am 9. Februar Petersburg zugehen ließ, wandte Russell geschickt die in der Diplomatie übliche Taktik an, den Gesprächspartner beim Wort zu nehmen und durch sich selbst zu interpretieren.
    Mit der freundlichen Gesinnung, die sowohl die Königin von England wie der Zar von Russland für den Sultan hegten, sei es in der Tat kaum verträglich, im voraus über die Provinzen seines Reiches zu verfügen, zumal keine aktuelle Krise vorläge, die die Lösung »dieses ungeheuren europäischen Problems« als notwendig erscheinen lasse. Im Gegenteil: Übereinkünfte beschleunigten eher die Eventualität eines Zusammenbruchs der Türkei, »gegen welche sie vorbeugen soll«.
    Die Sprache war trotz aller Schmeicheleien deutlich, und sie war doch nicht deutlich genug Noch immer schien der Zar nicht davon überzeugt, daß England die russischen Plane ablehnte Es folgten noch zwei weitere Unterredungen zwischen dem Zaren und dem englischen


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    Botschafter, in denen mit der üblichen diplomatischen Höflichkeit alle bereits bekannten Argumente und Einwendungen wiederholt wurden, als ob es sich um einen Dialog von Schwerhörigen handle. Jedenfalls behauptete der Zar beide Male, daß die englische Regierung ihn nicht richtig zu verstehen scheine: es ginge ihm nicht so sehr um die Frage, was geschehen solle, wenn der Kranke stirbt, als darum, was in jedem Fall nicht geschehen solle!
    Dann spielte er wieder einmal seinen eigenen Teilungsplan der Türkei durch und teilte England Ägypten und Candia (Kreta) zu. Der Appetit der englischen Admiralität auf Kreta war ihm bekannt.
    Zur gleichen Zeit schrieb der Zar General Paskiewitsch, seinem engsten Berater, einen Brief, in dem er schon mit dem Gedanken an eine Aktion gegen die Türkei spielte: »Die Türken verlieren den Verstand und nötigen mich, einige Vorsichtsmaßregeln zu treffen.«
    Paskiewitsch hatte bereits einen Kriegsplan entworfen, in dem er die Ansicht vertrat, daß die Besetzung der Donaufürstentümer genügen werde, die Türken zur Vernunft zu bringen. »Erkläre man, daß es sich nur um eine zeitweilige Besetzung handle zur Unterstützung der russischen Rechtsansprüche, so werde dies auch keinen allgemeinen Krieg zur Folge haben.«
    Natürlich waren den Türken die Absichten der Russen nicht unbekannt. Sie hatten den Bosporus vom Schwarzen Meer bis Konstantinopel mit einer Reihe von Etagenbatterien auf beiden steilen Uferseiten gespickt, die jedes Landungsunternehmen zu einem äußerst waghalsigen Abenteuer machten; nicht zuletzt hatte sich auch Helmuth von Moltke in seiner Zeit als Militärberater des Sultans mit diesem Thema beschäftigt und alle Möglichkeiten, die Stadt am Goldenen Horn im Handstreich zu nehmen, durchgespielt.
    Es ging dem Zaren durchaus nicht um eine Annexion der Stadt am Bosporus. Seine mehrmals wiederholten Beteuerungen, er werd& nicht einen einzigen Zoll türkischen Bodens beanspruchen, solange dies auch niemand anderes tue, entsprachen der Wahrheit.
    Inzwischen war es in London zu einer Kabinettsumbildung gekommen. Lord Clarendon übernahm das Außenministerium und schien sich ganz offensichtlich erst einmal in die Materie der orientalischen Frage einarbeiten zu müssen. In einer umständlichen Depesche an Seymour machte er sogar den Fehler, auf die Kriegslust der Franzosen hinzuweisen, die der Zar ja ohnehin in Verdacht hatte, auf eine


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    Zerstückelung des Osmanischen Reiches hinzuarbeiten. Beweis war für ihn der Aufbau des französischen Kolonialreiches in Afrika auf Kosten der Türken. Es bestand die Gefahr, daß Nikolaus darin doch wieder einen Hinweis auf die gleichen Interessen von England und dem Zarenreich erblickte.
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    Die Sendung des Fürsten Menschikow

    Es verhieß nicht gerade Gutes, als das russische Kriegsschiff Donnerer, den Sonderbeauftragten des Zaren mitsamt einem großen Stab an Bord, am 28. Februar 1853 in das Goldene Horn einlief. Zuvor hatte Fürst Menschikow Truppeneinheiten in Bessarabien und die Flotte in Sewastopol gemustert, »auffällig lärmend«, wie es hieß. Zum Stab des Marineministers gehörten der bekannte Admiral Kornilow und der Fürst Galitzin, sowie ein Sohn des Grafen Nesselrode. Alle Welt rätselte, in welcher Absicht diese Ansammlung von hochstehenden Persönlichkeiten anreiste, da niemand wusste, worin die eigentliche Mission Menschikows bestand. Der Jubel, mit dem Menschikow von der griechischen Bevölkerung am Kai empfangen wurde, konnte ihn jedenfalls in seinem Selbstvertrauen nur bestärken.
    Obwohl Nesselrode den westlichen Diplomaten in Petersburg versicherte, es entwickele sich in Konstantinopel alles zum Besten, zumal es sich bei Menschikow um eine friedliche Mission im Gegensatz zur drohenden Haltung Leiningens handle, nahm der Auftritt des Sonder- bevollmächtigten des Zaren von Anfang an eine Wendung zum Dramatischen.
    Im Gepäck führte Menschikow einen ganzen Katalog von Forderungen mit sich, zu einem Paket verschnürt, so daß von vornherein Bagatellforderungen mit wichtigen Klarstellungen unlösbar verbunden schienen darunter einen explicativen Firman, der die Schlüssel frage in der Bethlehemkirche und die Aufstellung des silbernen Sterns in der Grotte regelte, einen »großherrlichen Befehl« für die sofortige Ausbesserung der Kuppel über dem Christusgrab ohne Mitwirkung der Katholiken, sowie die Beseitigung der Haremsbauten neben der Grabeskirche, und - last not least - die Genehmigung für den Neubau einer Kirche und die Errichtung eines Spitals für Pilger in Jerusalem - alles Punkte, die kaum die Anreise auf einem Kriegsschiff erfordert


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    hätten. In Wahrheit ging es dem Zaren auch um ganz andere Verhandlungsziele.
    Vor allem gedachte Menschikow nicht, mit dem osmanischen Minister für auswärtige Angelegenheiten, Fuad Effendi, zu verhandeln, der sie nach Ansicht der Russen bei den letzten Abmachungen über die Heiligen Stätten »betrügerisch« hereingelegt hatte. Um seine Missachtung Fuad Effendis auszudrücken, begab sich Menschikow gleich am
    2. März, nachdem er am Tag zuvor vom türkischen Zeremonienmeister im russischen Botschaftsgebäude begrüßt worden war, eben nicht zum Außenminister, wie es üblich gewesen wäre, sondern zum Großwesir (Kanzler) Mehmet Ah Pascha, zu einem privaten Gespräch, wie er dachte. Der Großwesir empfing ihn jedoch offiziell, so daß es gleich zu einer Verletzung der Etikette kam, auf deren korrekte Einhaltung westliche wie orientalische Diplomaten äußerst erpicht waren. Da Menschikow durch einen ungeheizten Gang gehen musste, nahm er seinen Überrock, den er über seinem Frack trug, nicht ab; er hoffte, dies in einem Vorzimmer noch tun zu können, und stand daher, als ein Vorhang weggezogen wurde, plötzlich dem Großwesir im Gala-Anzug gegenüber, so daß er seinen Überrock auf den Arm nehmen und ihn dann, während des Gesprächs, neben sich auf den Diwan legen musste, als ob er sich im Cafe befände. Es blieb ungeklärt, ob es sich um ein Missverständnis oder um eine absichtliche Protokollverletzung handelte, und wer nun eigentlich wen brüskiert hatte.
    Der Außenminister hielt den Vorfall nicht mit der Würde der Pforte
    vereinbar und nahm — was ungewöhnlich war — seinen Abschied. Nun wurden Fragen der Etikette im osmanischen Konstantinopel allerdings auch überbewertet, und sie begannen zunehmend die realen Machtverhältnisse zu ersetzen. Die türkischen Diplomaten waren inzwischen so empfindlich geworden, daß sie bereits das Erscheinen in
    ungeputzten Stiefeln als vorsätzliche Beleidigung interpretierten.
    Am 8. März, kaum war ein neuer Minister des Auswärtigen ernannt, wurde Menschikow feierlich vom Sultan empfangen. Danach folgte der nächste Affront: er besuchte Chosrew Pascha, den man auch den Talleyrand oder Metternich der Türken nannte, einen alten Freund Russlands. Er gehörte noch zu den Ministern, mit denen 1833 während des Krieges gegen den ägyptischen Pascha verhandelt worden war. Menschikow übereichte ihm ein mit Brillanten eingefasstes Bildnis von Zar Nikolaus; man hätte fast meinen können, er hätte in Chosrew


    Seite 58

    seinen Kandidaten für die Stelle des Großwesirats bezeichnet. In den Sitzungen mit dem neuen Außenminister kamen nun allerdings auch die zusätzlichen Forderungen der Russen zur Sprache, die in der Tat ungewöhnlich waren. Zwischen Petersburg und der Pforte sollte ein förmlicher Vertrag abgeschlossen werden, der die Rechte der orthodoxen Kirchen »für alle Zukunft« regelte; aber dies war nicht alles. Um der Pforte den Rücken zu stärken für den Fall, daß Frankreich protestierte, sollten Türkei und Russland ein Defensiv-Bündnis eingehen, eine Art Neuauflage der Abmachungen von 1833, als der Zar die Hilfe seiner Flotte und seines Landheeres angeboten hatte.
    Da der Zar seinen »liebsten Verbündeten», nämlich England, nicht sofort über diese Hintergründe der Mission Menschikows informierte, trugen alle Verhandlungen von vornherein den Stempel von Geheimverhandlungen und muhten alle Vertreter der Großmächte auf den Plan rufen. In London beorderte Clarendon den gerade frisch zum Viscount de Redcliffe ‘erhobenen Stratford Canning, einen Orientspezialisten, nach Konstantinopel zurück; fast zur gleichen Zeit erschien Frankreichs neuer Botschafter, von Lacour, in der orientalischen Metropole. Inzwischen war dem englischen Geschäftsträger Oberst Rose, der Stratford vertrat, das Vertragspapier Menschikows zum Einblick übergeben worden, da sich die Pforte nicht auf Geheim- Verhandlungen mit den Russen einlassen wollte, und hatte voller Panik um die Verlegung der englischen Mittelmeerflotte von Malta in Dardanellennähe gebeten, was Admiral Dundas aber von sich aus ablehnte Nachträglich billigte das englische Kabinett sogar dessen Handlungsweise, erteilte Rose einen Rüffel und sprach gegenüber der franzosischen Regierung ihre Missbilligung aus, da Napoleon III unter Einfluss seiner ehrgeizigen Berater Persigny und de Lhuys die Verlegung der franzosischen Flotte von Toulon nach Salamis erlaubt hatte Noch immer gedachte Clarendon die Menschikow Mission nicht zu dramatisieren, »nicht unempfindlich gegen die größeren Anspruche Russlands«, meinte aber damit nur die Fragen der Heiligen Statten
    In der Tat enthielt der Vertragsentwurf, den Menschikow aufgesetzt hatte, einige Ungereimtheiten, die stutzig machen mussten So wurde im Artikel 1 nicht wie bisher von den Rechten der orthodoxen christlichen Konfession gesprochen, die den beständigen Schutz der Pforte genießen sollte, sondern vom »orthodoxen griechisch russischen


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    Glauben, der in ganz Russland und ebenso von den Einwohnern der Moldau, der Walachei, Serbiens und anderen christlichen Untertanen der Türkei ausgeübt wird«; und es hieß weiterhin, daß dem kaiserlich- russischen Gesandten wie früher das Recht zustehen solle, sich »zu Gunsten der Kirchen in Konstantinopel und anderwärts« und ebenso für die Geistlichkeit zu verwenden, was als Änderung des Vertrages von Kutschuk-Kainardschi ausgelegt werden konnte, wo nur von Konstantinopel die Rede gewesen war.
    Es stellte sich überhaupt als ein Irrtum Menschikow heraus zu glauben, der Pforte einen förmlichen Vertrag aufdrücken zu können; die bisherigen Fermane und Kapitulationen hatten die Form freiwilliger Zugeständnisse gehabt, einen Staatsvertrag sahen die Türken als Eingriff in die Souveränität des Sultans als Territorialherrn über die Heiligen Stätten an.
    Durch das Ultimatum, das Menschikow mit dem Vertragsentwurf verband - unterschreiben oder Abbruch der Verhandlungen! - setzte er sich selber unter Zugzwang, galt doch »im Orient jede Nachgiebigkeit als Schwäche«. Aber selbst Menschikow Auftreten, in der westlichen Presse bald als besonders ungeschickt und brutal beschrieben, war nicht so ungewöhnlich neu oder undiplomatisch. Als die Pforte zur Zeit Ludwigs XIV. die Bestätigung alter Abmachungen und Erweiterungen verweigerte, schlug der Franzose d‘Arvieux vor, mit der Flotte gleich bis nach Konstantinopel durchzufahren, den Botschafter abzuholen, einen neuen Gesandten zum Sultan zu schicken und ihn erklären zu lassen »Unterschreiben! Oder ich reise ab!«, was einer Kriegserklärung gleichkam; »die Türken seien die stolzesten und arrogantesten Menschen der Welt, unfähig, andere als die Gründe zu verstehen, die aus den Mündungen von Kanonen kämen«.
    Die Frage war, ob Menschikows »Mischung aus Drohung und Schmeichelei« erfolgreich sein würde, und die grundsätzliche Frage blieb, ob es überhaupt richtig gewesen war, einen Mann zum Sultan zu schicken, der die Türken hasste wie Menschikow und in seiner bekannten aristokratischen Art Ratschlägen unzugänglich war.
    Da traf am 5. April 1853 Stratford Canning als frisch gebackener Lord de Redcliffe am Goldenen Horn ein. Er hatte sich Zeit genommen und war über Paris und Wien gereist, um sich bei beiden Kaisern nach deren Einschätzung der orientalischen Krise zu erkundigen.
    Dabei ging es Stratford, dessen Jähzorn sprichwörtlich war, obwohl er


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    ihn hinter seinen Manieren eines perfekten Diplomaten zu verbergen wusste, gewiss nicht um Rückendeckung. In Paris hatte er übrigens auch den österreichischen Botschafter gesehen. »Langer Besuch des gefürchteten britischen Botschafters bei der Hohen Pforte«, notierte Hübner danach, »gefürchtet besonders von seiner eigenen Regierung, deren Befehle er nur dann ausführt, wenn sie nach seinem Geschmack sind.«
    Der steife, dürre und stets korrekte Stratford, mittlerweile der englische Sultan genannt, war nicht das erste Mal in Konstantinopel. Bereits 1807 hatte er als Sekretär seines berühmten Vetters Canning die osmanische Mentalität bei Verhandlungen kennengelernt. Seitdem galt er als Spezialist für orientalische Krisen. Er war für das Zusammengehen von England und Frankreich, obwohl er die Zunahme des französischen Einflusses im Orient misstrauisch beobachtete, er erkannte aus langjähriger Erfahrung durchaus den »traurigen Zustand« der Türkei, plädierte aber für die Rettung des Landes aus übergeordneten politischen Gründen und war schon deswegen kein Freund Russlands.
    Mit den Verhandlungsunterlagen vertraut gemacht, bestärkte er sofort den unsicheren Sultan, Menschikows Plänen entschieden entgegenzutreten, natürlich unter Rückendeckung Englands und seiner Flotte. Andererseits wollte Stratford aber auf keinen Fall einen Bruch mit Russland —noch nicht! Die Besetzung der Fürstentümer Moldau / Walachei nahm er in Kauf, dies bedeute keineswegs Krieg, da »Nikolaus l. unmöglich seinem den Mächten wiederholt gegebenen Versprechen so stark zuwiderhandeln könnte«.
    Stratford Canning war in erster Linie durch die unvorsichtige Wendung Menschikows hellhörig gemacht worden, Russland könne sich nicht mit einer sekundären Stellung zufrieden geben, zu der man es erniedrigen wollte.
    Menschikow konnte es sich eigentlich denken, daß die Antwort, die ihm die Pforte zukommen ließ, die Handschrift Stratfords trug, und daß alle seine Versuche, den Sultan zu geheimen Abmachungen mit Russland zu überreden, dem Engländer gleichsam noch brühwarm mitgeteilt werden mussten. Während er der Pforte wiederholt ultimativ mit dem Abbruch der Verhandlungen und seiner Abreise drohte, gab er sich anderen Diplomaten gegenüber betont harmlos, behauptete, daß es ihm nur um die Montenegro-Frage ging oder daß er


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    verhindern wolle, die Mazzinischen Ideen auf den Balkan einschleppen zu lassen, ja er bezeichnete sich selbst einmal nur als einen Unterhändler, der weniger Befugnisse besäße als der Fürst Leiningen.
    Einen Monat nach dem Eintreffen Stratfords gab die Hohe Pforte überraschend zwei Fermane heraus, in denen allen Forderungen, die die Heiligen Stätten betrafen, im Sinn des Zaren geregelt wurden; bis auf die Kleinigkeit, daß die Haremsbauten, von Europäern gern als Bordell bezeichnet, neben der Grabeskirche nicht abgerissen, sondern nur die Fenster mit dem Blick auf das Allerheiligste der abendländischen Christenheit zugemauert werden sollten. Aber trotzdem ließ noch am selben Tag, kurz vor Mitternacht des 5. Mai, Menschikow bei der Pforte durch einen Boten erneut seine Forderung nach einem Vertrag überreichen.
    Auf dem Donnerer wurden schon die Kessel geheizt, um Menschikows Ultimatum Druck zu geben.
    Auf einer Krisensitzung, zu der Stratford alle Vertreter der Großmächte, auch den preußischen Gesandten, einlud, wurde beschlossen, den Vertreter Österreichs zu Menschikow zu schicken, um »zu vermitteln« - umsonst, da der Russe hinter allem und jedem nur noch das Intrigenspiel Stratfords sah.
    Ganz wohl war ihm und Nesselrode aber doch nicht, jedenfalls verzichtete Menschikow, nachdem ein Schnelldampfer eine neue Weisung des Kanzlers gebracht hatte, dann doch auf die Unterzeichnung eines Staatsvertrages und wollte sich mit einer Note zufrieden geben, die er auch schon bereits aufgesetzt hatte. Unglücklicherweise kam es in diesem Augenblick zu einer Kabinettsumbildung, die auf eine Intrige zurückging, um Menschikow auszuspielen. Mehmet Ah verlor seinen Posten als Kanzler und wurde Kriegsminister, neuer Großweser wurde Reschid Pascha, der wohl renommierteste türkische Diplomat, ein Mann der Westorientierung.
    Reschid Pascha dachte aber nicht daran, die Verhandlungen fortzusetzen, erbat sich erst einmal fünf Tage Bedenkzeit zum Studium der Akten und stellte dann Frankreich und Russland dieselbe Note zu, in der dem katholischen und dem orthodoxen Ritus absichtlich in recht allgemeiner Weise weitere Bürgschaften zugesichert wurden; Menschikow blieb nunmehr nichts anderes übrig, als die Verhandlungen abzubrechen. Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in Konstantinopel


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    reiste der Fürst am 21. Mai mit der gesamten Botschaft ab und ließ nur den Kanzleidirektor Balabin, übrigens einen Intriganten, zur Geschäftsführung zurück.
    Der eigentlich Schuldige war Stratford; mit seiner Unterstützung war der Machtkampf zugunsten der Russlandgegner im Kabinett entschieden worden. Stratford, um Worte nie verlegen, schickte sofort eine seitenlange Rechtfertigungsschrift nach London und eine noch längere an Seymour in Petersburg und empfahl sogar Rüstungsmaßnahmen: Bei Menschikows Vorgehen habe es sich »nicht um die Amputation eines Gliedes, sondern um die Einflößung des Giftes in den Körper des kranken Mannes« gehandelt. Stratford verkniff sich auch nicht eine Bemerkung über die korrupte orthodoxe Geistlichkeit in der Türkei.
    Clarendons Vertrauen in Stratfords Verhandlungstaktik war immer noch so groß, daß er ihm daraufhin am 31. Mai die Vollmacht erteilte, die englische Flotte aus Malta zu rufen, während Nesselrode der Hohen Pforte noch einmal acht Tage Bedenkzeit gab, um die von Menschikow zurückgelassene Note zu unterzeichnen. Als der Zar am 28. Mai von dem Scheitern der Mission erfuhr, schrieb er sofort einen bitteren Brief an Paskiewitsch, in dem er Nesselrode die Schuld daran gab, der Sendung des Marineministers eine so feierliche Form gegeben zu haben, daß ein Misserfolg das Fiasko nur noch steigern konnte. Er kündigte die »kampflose Besetzung« der Fürstentümer an und wollte dann abwarten, was die Besetzung bringt Dem französischen Gesandten ließ er mitteilen, wie im Jahr 1828 — als Russland in die Donaufürstentümer einmarschierte — ginge es ihm auch diesmal um keinen Zoll türkischen Bodens, bei der Besetzung handle es 1ch nicht um eine »feindselige Aktion«, sondern um die Beschaffung »materieller Bürgschaften«.
    Der nächste Schritt wurde von den Westmächten getan, die den Zaren vor Übereilten Schritten warnen wollten England und Frankreich ließen auf Befehl vom 2 Juni hin ihre Mittelmeergeschwader in die Besikabucht, die alte Bucht von Troja, einlaufen, wo die Schiffe, nur rund 20km von der Einfahrt zu den Dardanellen entfernt, gewisser maßen auf dem Sprung nach Konstantinopel lagen - ebenfalls unter der Versicherung, daß es sich nicht um einen feindseligen Akt handle Erst jetzt kam der Zar auf die Idee, die Reihenfolge der Ereignisse umzudrehen und zu behaupten, die Entsendung der beiden Geschwader


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    in die Levante würden ihn zu seinem Schritt »über den Pruth« veranlassen. Dabei hatte er bereits Wochen vorher Magazine in Bessarabien anlegen lassen, um den Einmarsch in die Moldau-Walachei vorzubereiten.
    Auf dem Ball der Queen Victoria am 1. Juli teilte Baron Brunnow, der russische Botschafter in London, Prinz Albert und den anwesenden Diplomaten als große Neuigkeit die Tatsache mit, daß der Befehl zur Okkupation der Fürstentümer am 26. Juni aus Petersburg abgegangen sei. Die militärische Invasion der Russen bildete das Hauptgespräch des Abends. »Der Rubikon ist überschritten!« kommentierte Bunsen das Geschehen: »Es bleibt jetzt nur die Alternative: europäische Conferenz oder Krieg.«

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  13. #13
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    Standard AW: Werth, German Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Notenkrieg

    Die Diplomaten blieben nicht untätig, im Gegenteil. Die Vertreter der Großmächte versuchten sich gegenseitig mit Circulardepeschen, Vermittlungsangeboten, Notenentwürfen, Notenverbesserungen, Denkschriften zu übertreffen, in der festen Absicht, die Krise in die Hand zu bekommen, eine »Mischung aus Drohungen und Beschwichtigungen«, und im Grunde bald ein unentwirrbares Knäuel.
    »Versuchen Sie es weiterhin!« antwortete Graf Nesselrode auf die Anfrage des englischen Gesandten, ob trotz der militärischen Eskalation noch auf eine friedliche Lösung zu hoffen sei, am 8. Juli 1853. Nesselrode tappte selbst im Dunkeln, was die Absichten seines Herrschers betraf, der seine einsamen Entschlüsse im Arbeitszimmer von Zarskoje Selo fasste. Der Staatskanzler erfuhr oft erst von den Absichten Nikolaus I., wenn sie bereits allen bekannt waren. Der über 70, Jahre alte Nesselrode war der am längsten amtierende Minister Europas, der letzte aus der Ära Metternichs. Umsonst versuchte er, mäßigend auf den Zar einzuwirken, der darauf bestand, daß es sich um eine rein russisch-türkische Angelegenheit handelte.
    Um nicht zu völliger Passivität verurteilt zu sein, beschäftigte sich Nesselrode mit dem unermüdlichen Abfassen von umfangreichen Memoranden und Analysen von Noten, um das Schlimmste abzuwenden und Russlands Schritte wenigstens logisch erscheinen zu lassen, auch wenn er sich dabei winden und drehen musste.


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    »Wie man Hunden Knochen zuwirft«, so meinte Marx in seiner unverbesserlichen Russophobie, »so wirft Russland den westlichen Diplomaten wohl nur deshalb so viele Noten zu, damit sie eine unschuldige Unterhaltung haben, während Russland den Vorteil genießt, dadurch mehr Zeit zu gewinnen. England und Frankreich beißen natürlich auf den Köder an.«
    Nachdem der Zar bei Seymour regelrecht abgeblitzt worden war, hatte er noch mit dem französischen Botschafter Castelbajac dasselbe Spiel versucht. Schließlich war Nikolaus mit einem Vermittlungsversuch der Österreicher einverstanden. Nur war es nicht ganz in seinem Sinn, wie Buol-Schauenstein, der Nachfolger des unerwartet gestorbenen Schwarzenberg, dies nun zu arrangieren gedachte, nämlich durch die Einberufung eines Gremiums der Botschafter Englands, Frankreichs, Preußens und Österreichs in Wien, und dies wiederum auf Drängen der Franzosen, die dem neuen Kaiserreich einen festen Platz unter den großen Fünf verschaffen wollten. Damit verärgerte Buol den Zaren ein zweites Mal, der wenig Willen zeigte, sich einem »von ihm immer gefürchteten europäischen Aeropag« zu unterwerfen.
    Buol war natürlich bewusst, daß der Zar fest mit der Anhänglichkeit und Dankbarkeit Franz Josephs, vor allem mit einer Gegenleistung für die Niederwerfung des ungarischen Aufstandes 1849 rechnete, und überdies »mit der allbekannten Hinneigung des Militärs zu Russland«. Auch stand Buol selbst unter persönlichem Druck, da der russische Gesandte Baron Meyendorff sein Schwager war; der würde ihn bald einen »Hundsfott« nennen! Doch wollte sich Buol aus einer eindeutigen Parteinahme heraushalten, zumal es auch noch gar nicht feststand, ob Frankreich mit England überhaupt eine Koalition bilden würde.
    Wien bot also an, eine von der Pforte erstellte Note nach Petersburg weiterzuleiten, wartete aber den Eingang des verabredeten türkischen Notenentwurfs, der nicht gleich fertig wurde, da sich die Falken und Tauben am Diwan noch nicht einig waren, erst gar nicht ab und ließ den österreichischen Geschäftsträger den eigenen Vermittlungsentwurf Ende Juli in Petersburg übergeben, nachdem Nesselrode die Annahme sogar telegraphisch zugesichert hatte - unter einer Bedingung allerdings daß die Pforte das Vermittlungspapier ohne Wenn und Aber, d h ohne Veränderungen unterzeichnen


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    Damit war durch Buols Übereifer, Wien endlich wieder zur Schalt- stelle der internationalen Politik zu machen, der Konflikt gleichsam vorprogrammiert. Bezeichnend war nämlich, daß die österreichische Note, die als Wiener Note vom 31. Juli 1853 in die Geschichte eingehen sollte, vom französischen Botschafter Bourqueney in Abstimmung mit den anderen drei Botschaftern stammte, so daß der Sultan, falls er nunmehr diesem Papier zugestimmt hätte, gleichsam aus dem Mund der Westmächte gesprochen hätte. Und noch riskanter war die Tatsache, daß dieses Papier auch Elemente aus dem Ultimatum Menschikows enthielt, so daß Marx einmal recht hatte, wenn er die Wiener Note als »russische Note« bezeichnete, die nunmehr durch de vier Großmächte an den Sultan gerichtet worden sei.
    Kaum war jedoch die Wiener Note in der Diplomatenpost, als der türkische Entwurf in Wien eintraf, an dem wiederum Lord Stratford wesentlich mitredigiert hatte. Der Eklat war da. Es war natürlich kein Wunder, daß der Sultan trotz freundlichster Empfehlung des österreichischen Kaisers die Annahme der Wiener Note verweigerte mit der wiederum verständlichen Begründung, daß allein der Sultan zu einem Urteil in Fragen der Unabhängigkeit des Osmanischen Reiches befugt sei. In der Tat war die Wiener Note so vage formuliert, daß sie dem Zaren Genugtuung verschaffte, für den Sultan dagegen inakzeptabel sein musste, weil in ihr die Frage der Souveränität ausgeklammert wurde. Drouyn de Lhuys gewöhnte es sich an, nur noch von »La note Harlequin« zu sprechen.
    Auf Anraten Stratfords gab der Sultan jedoch seine Bereitwilligkeit zur Unterschrift zu erkennen, wenn der Wiener Note ein modifizierendes Papier beigefügt würde, und zur Überraschung aller sagte auch der Zar wiederum die Prüfung des türkischen Zusatzpapiers zu, obwohl er sich eigentlich jeden Kommentar verbeten hatte, und beauftragte sein Außenministerium mit einer besonderen Ausarbeitung über die Differenz zwischen der Wiener Note und der türkischen Modifikation. Und somit ging der Notenkrieg weiter, wobei jede Seite ständig monierte, aus dem Schreiben der anderen einen »drohenden Ton« herauszuhören.
    Das mehrseitige Gutachten Nesselrodes - die »russische Prüfung« — war eigentlich nur für den Zaren bestimmt, wurde aber dennoch »streng vertraulich« dem russischen Gesandten in Wien, Baron Meyendorff, mitgeteilt, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als es dem französischen


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    Botschafter weiterzugeben, so daß bald überall als Tatsache feststand, daß alle Bemühungen umsonst gewesen und man im Grunde seit der brüsken Abreise Menschikows keinen Schritt weitergekommen war. Las doch Nesselrode aus dem Türkischen Änderungsentwurf nichts anderes als die bekannte Tatsache heraus, daß der lateinischen Kirche mehr Privilegien eingeräumt wurden als der orthodoxen und daß hinter dem ganzen Papier eine übelwollende Absicht der osmanischen Minister steckte. Und dies, obwohl alle Seiten ständig versicherten, nicht etwa gegen den Status quo verstoßen zu wollen und nichts mehr zu wünschen, als das osmanische Reich als »ein notwendiges Element des europäischen Gleichgewichts aufrechtzuerhalten«.
    Die Diskussion entzündete sich bereits am ersten Passus bzw. Paragraphen des Wiener Notenentwurfs, in dem es hieß: »Wenn zu allen Zeiten die Zaren von Russland ihre tätige Sorgfalt für die Aufrechterhaltung der Immunitäten und Privilegien der orthodoxen griechischen Kirche in dem ottomanischen Reiche dargelegt haben, so hatten die Sultane sich niemals geweigert, dieselben von neuem durch feierliche Akte zu bestätigen.« Nesselrode hatte diese Formulierung akzeptiert, doch hieß es in den Einwendungen des osmanischen Ministers Reschid Pascha: »Daß die Zaren von Russland ihre Sorgfalt für das Wohl der Kirche und des Glaubens darlegen, zu welchen sie sich bekennen, dagegen ist natürlich nichts zu sagen. Nach dem oben angeführten Paragraphen aber würde man zu der Ansicht kommen, daß die Privilegien der griechischen Kirche in den Staaten der Hohen Pforte nur durch die tätige Sorgfalt der Zaren von Russland aufrechterhalten worden seien« - was nach Auffassung der Osmanen »Vorwände in sich fassen und der russischen Regierung die Handhabe bieten würde, Ansprüche zur Einmischung in dergleichen Dinge zu erheben« Denn »Nicht ein einziger Diener der erhabenen ottomanischen Kaiserfamilie wurde es wagen, oder imstande sein, Worte nie der zuschreiben, welche dahin abzielten, den Ruhm von Institutionen zu schwachen, welche die ottomanischen Herrscher aus freiwilligem Antriebe ihrer persönlichen Großmut und ihrer angeborenen Mild herzigkeit gestiftet haben « Um jegliche Möglichkeit einer Einmischung auszuschalten, wurde klargestellt, daß die Privilegien der grie chisch orthodoxen Kirche in der Türkei Ausfluss des Wohlwollens des Sultans fur seine christlichen Untertanen waren und nicht etwa der


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    »steten Sorge des Zaren für seine Glaubensgenossen zu verdanken«.
    Bei der Abfassung der Antwortnote hatte Reschid Pascha Lord Stratford hinzugezogen, der zwischen Konsultationen mit den westlichen Botschaftern in Konstantinopel und persönlichen Audienzen beim türkischen Kanzler hin und her pendelte.
    Aber von einer Einmütigkeit unter den Botschaftern der Großmächte in Konstantinopel konnte keine Rede sein. Im Juni 1853 schickte Wien als neuen Vertreter Freiherrn von Bruck nach Konstantinopel, der damit den bisherigen Geschäftsträger ablöste und mehr Kompetenzen besaß als sein Vorgänger; ein Schritt zur Normalisierung der Beziehungen, die wegen der Flüchtlingsfrage äußerst kühl gewesen waren.
    In Konstantinopel stieß Bruck sofort mit Stratford zusammen, als er auf Ersuchen Franz Josephs bei der Pforte für die Wünsche Russlands Verständnis zu finden suchte, um einen Krieg zu vermeiden.
    In ihrer Note konnten es sich die Türken nicht verkneifen, bis zu Sultan Mehmet, den Eroberer »ruhmreichen Angedenkens«, zurückzugehen, um ihre Großzügigkeit herauszustellen, fremden Konfessionen Rechte einzuräumen: Die Paragraphen, welche die Pforte in die Note aufnehmen könnte, dürften nichts anderes ausdrücken als »Versicherungen, welche geeignet wären, die von der russischen Regierung vorgebrachten Zweifel, welche den Gegenstand dieser Meinungsverschiedenheiten gebildet haben, schwinden zu machen«; sie dürften ihr aber niemals »Motive geben, die Ausübung eines Rechtes der Beaufsichtigung und der Einmischung zu beanspruchen«, und damit »Anlass zur Gefährdung der Unabhängigkeit des osmanischen Reiches«. Die Pforte konnte jedoch nicht um die Feststellung herum- reden, »die Berücksichtigung ihrer Souveränitäts- und Unabhängigkeitsrechte der Billigkeit und Gerechtigkeit der Großmächte anheimzugeben«. Das war wiederum Stratfords Handschrift.
    »Man kann diese ganze Prozedur als eine im Grunde haarspaltige, von byzantinischem Geist durchwehte bezeichnen; aber es ist dies nicht das erste Beispiel in der Geschichte, daß Eigensinn und Fanatismus die Kriegsfurie an Fäden entfesseln, die der Vernunft fast unergründbar sind«, meinte 1892 der Historiker Felix Bamberg.
    Bald wusste nämlich kein Mensch mehr genau zu sagen, worum es eigentlich ging. Jedenfalls sah Lord Clarendon in London, einer der


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    »Tauben« im Kabinett Aberdeens, zwischen qem Passus der Wiener Note und der von der Pforte vorgeschlagenen Änderung keinen wesentlichen Unterschied, der »für Missdeutung Raum ließe«.
    Clarendon glaubte, an den gesunden Menschenverstand der Gesandten zu appellieren, wenn er alle Wortklaubereien mit der Überzeugung wegwischte, »die Befugnisse des Sultans, nicht darauf zu hören, nämlich auf die Einwände der europäischen Großmächte, ist nie in Frage gestellt worden, und das Recht der christlichen Mächte, sich einzumischen, kann auch weiter und weiter geübt werden, ohne Präjudiz für die Unabhängigkeit der Pforte«. Nur daß Clarendon, in London durch Welten vom »byzantinischen Geist« getrennt, die sprichwörtliche Empfindlichkeit der Osmanen nicht hinreichend einkalkulierte, die noch immer eine eigene Politik zu treiben gedachten.
    Die »Schriftgelehrten« unter den Diplomaten glaubten, nichts anderes als Russlands Anspruch auf das Protektorat, eine »umfassende Schutzherrschaft« - und damit einen Alleinvertretungsanspruch - über alle 12 Millionen Christen im osmanischen Herrschaftsbereich herauszulesen, d. h. also auch über osmanische Untertanen christlicher Konfession, und nicht etwa nur über die griechisch-orthodoxen Mönche und Geistlichen griechisch-katholischen Untertanen der Pforte zu wachen, aber selbst in Stambul wusste keiner mehr so recht, wer was nun eigentlich meinte. Als der Ministerrat der Hohen Pforte, bestehend aus siebzehn Mitgliedern, den Beschluss fasste, die Wiener Note zu verwerfen, eben weil sie von den Großmächten verfasst worden sei, mussten sie sich durch Reschid Pascha sagen lassen, daß diesem Text auch eigene türkische Zusicherungen zugrunde lagen, die er damals Menschikow gemacht habe! Darauf setzen die Ratsmitglieder eine neue Beratung an. Auf den listigen Vorschlag Stratfords, der einen Boten in die Sitzung schickte, die Note erst einmal anzunehmen, aber unter der Bedingung, »zu ihren Gunsten die bedenklichen Stellen auszulegen und ihre Interpretation der Bestimmung der vier Machte zu unterbreiten«, gingen sie nicht ein Von den sechzig Mitgliedern des Großen Rates ließen sie sich schließlich ihren Beschluss bestätigen, die Wiener Note nur zu akzeptieren, wenn die türkischen Änderungen darin aufgenommen wurden Der Sultan gab sogar ein kriegerisches Manifest heraus, in das er den Satz einfließen ließ, die Seemächte England und Frankreich hatten »leuchtende Beweise ihres guten Willens«


    Seite 69

    gegeben, mit all ihrer Macht die Autorität des Sultans zu unterstützen
    - ein deutlicher Beweis, daß die Flottendemonstrationen ihren Zweck verfehlt hatten: anstatt die Russen einzuschüchtern, machten sie die
    Türken übermütig. Nesselrode hatte guten Grund, die Schuld an der verfahrenen Angelegenheit nunmehr den Westmächten zuzuschieben, die nicht einmal einen korrekten Notenwechsel zu organisieren imstande waren. Nach seiner Ansicht gab es nur ein einziges Mittel/zu einer Lösung zu kommen: »Dieses ist, daß Österreich und die Mächte der Pforte offen und fest erklären, daß sie, nachdem sie ihr umsonst den einzigen Weg geöffnet, der zur unmittelbaren Herstellung ihrer Beziehungen zu uns führen konnte, fortan die Aufgabe ihr allein überlassen. Wir glauben, daß sobald die Mächte diese Sprache einmütig gegen die Pforte führen, die Türken den Ratschlägen Europas nachgeben und, statt auf seinen Beistand in einem Kampf gegen Russland rechnen, die Note, so wie sie ist, annehmen und aufhören werden, ihre Lage auf so ernste Weise zu kompromittieren, um sich die kindische Genugtuung zu geben, einige Ausdrücke in einem Schriftstück verändert zu haben, welche wir ohne Erörterung angenommen haben.«
    Der Zar verstand offensichtlich gar nicht, weshalb die Besetzung der Donaufürstentümer auf einmal solche Erregung in Europa auslöste. Er hatte bereits mehrmals die Moldau-Walachei-Region eingenommen, um ihre Besetzung als Druckmittel gegenüber den Osmanen zu benutzen und sah ganz offensichtlich in dem politischen Verfall der Türkei eine Möglichkeit der Verbesserung seiner Südostflanke. Es war sogar verständlich, wenn er nun - wie Alexander I. - mit einem ihm aufgezwungenen Krieg drohte. Vor allem aber fühlte er sich in seiner Würde als Schutzherr der Christenheit gekränkt.«

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    Kalter Krieg

    Allen Voraussagen zum Trotz erwies sich der französische Kaiser nicht als Kriegstreiber - auch zur Enttäuschung der französischen Opposition im Exil wie im Fall Victor Hugos, der in Versform spottete: »0 Soldaten, welch‘ Erwachen! Das Kaiserreich ist die Flucht! 0 Soldaten, das Kaiserreich ist die Furcht!«


    Seite 70

    »Welchen Weg gedenkt Napoleon III. einzuschlagen? Wohin zeigt sein Kompass? Niemand weiß es«, seufzte der österreichische Botschafter in Paris, Baron Hübner, übrigens ein unehelicher Sohn Metternichs. »Man erforscht seine Züge, die nichts sagen, seinen Blick, der matt und schläfrig ist... überall derselbe Gesprächsstoff: Die Sphinx, o die Sphinx.«
    Aber hatte Louis Napoleon nicht den Krieg »als Geißel der Menschheit« bezeichnet und in seinen »Idees Napoleoniennes« festgestellt, die »Zeit der Eroberungen< sei vorbei?!
    Im April und Mai, ausgerechnet während der Menschikow-Mission, war der Kaiser für die Minister nicht erreichbar und für die Diplomaten unnahbar, da er durch eine Erkrankung der Kaiserin Eugenie völlig in Beschlag genommen schien.
    In den Juni 1853 fiel überdies die Ablösung des bisherigen Seine- Präfekten, der sich Napoleons III. Bauplänen für die Umgestaltung von Paris widersetzte, und seine Ersetzung durch Georges-Eugenie Haussmann, in dem der Kaiser den idealen Interpreten seiner eigenen Pläne fand.
    Wie er bei der Grundsteinlegung der Markthallen verkündete, plante er, ». . . in den Boden Frankreichs einige Fundamente zu legen, auf denen eine soziale Ordnung ruht, die stabil genug sein wird, um Wildheit und Veränderlichkeit der menschlichen Leidenschaften zu trotzen«.
    Hinter den Plänen Napoleons stand ein umfassendes politisches Programm zur Bekämpfung des Pauperismus und eben nicht ausschließlich die Strategie des ehemaligen Artilleristen, der in der Schweiz sein Offiziersdiplom gemacht hatte, mit der Freilegung von Straßenschneisen dem Militär ein günstiges Schuß- und Manöverfeld zu verschaffen, wie so gerne behauptet wurde.
    Zum einen wollte Napoleon III ‚ dem als Vorbild die großzugig gestaltete Metropole aus seiner Exilzeit, nämlich London, vorschwebte, durch die Modernisierung von Paris dem zweiten Kaiserreich die entsprechende glanzvolle repräsentative Kulisse verschaffen, zum an deren aber auch verhindern, daß ihm in Paris dasselbe Schicksal blühte wie seinen Vorgängern, die von der Gewalt der Straße hinweg gefegt worden waren Der beste Weg dazu schien ihm ein langfristiges Bauvorhaben, das den Pariser Arbeitern Beschäftigung und Brot garantierte


    Seite 71

    Louis Napoleon hatte sich während seiner Haftzeit mit den Lehren des Sozialutopisten Samt-Simon beschäftigt und wollte zuerst einmal Frankreichs Wirtschaft beleben, um Englands Vorsprung als Industriemacht einzuholen. Die Börse spiegelte das Vertrauen, das die finanzstarken Kreise in seine Regierung setzten. Es war der allgemeine Eindruck, daß ihn der Ärger über den Zaren zu England hintrieb; jedenfalls übte er Zurückhaltung und Mäßigung, um England nicht Anlass zum Argwohn zu geben. Um so mehr drängten Persigny und Drouyn de Lhuys Napoleon, die Initiative zu ergreifen, als sich die Befürchtungen als grundlos abzeichneten, Frankreich würde im Dreiecksverhältnis mit England und Russland allein dastehen. Am 19. August informierte der französische Außenminister die englische Regierung, daß Frankreich den Russen ein Ultimatum zu setzen gedenke: die Flotte in die Dardanellen einlaufen zulassen, falls Russland nicht bis zum 1. Oktober die Donau-Fürstentümer geräumt hätte. Von England erwarte man den gleichen Schritt! Gleichzeitig aber ließ Drouyn de Lhuys durch den Gesandten in Konstantinopel der Pforte die Missbilligung Frankreichs wegen der Ablehnung der Wiener Note aussprechen, und teilte dies wiederum auch Nesselrode in Petersburg mit, gleichsam zur Besänftigung. Napoleons politischer Gegner Thiers traf den Nagel auf den Kopf, als er meinte: »Die Schwierigkeit wird für ihn nicht sein, Krieg zu machen, sondern zu vermeiden.«
    Auch London war mit der Haltung der Pforte unzufrieden. Dem Kabinettschef Aberdeen war die ganze Entwicklung sowieso nicht recht. Er wollte alles versuchen, eine übereilte Entscheidung zu verhindern, wie er Königin Victoria schrieb, und vor allem die Möglichkeit zu friedlichen Verhandlungen offenlassen. »Es mag zweifellos sehr angebracht sein, den Kaiser von Russland zu demütigen«, schrieb er, »aber Lord Aberdeen hält dieses Vergnügen für etwas zu teuer bezahlt, wenn dadurch das Gedeihen und Wohl unseres glücklichen Landes Einbuße erleiden und Europa mit Verderben, Elend und Blut bedeckt wird.«
    Als junger Diplomat war Aberdeen in der Gesellschaft Metternichs über das Schlachtfeld von Leipzig gefahren. Das Toten- und Trümmerfeld, das noch nicht aufgeräumt worden war, hatte ihn erschüttert. Ein älterer Bruder war bei Waterloo gefallen. Er wurde von einer Artilleriekugel zerrissen, kurze Zeit nachdem er Wellington gebeten


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    hatte, sich nicht so zu exponieren. Lange Zeit hatte sich Aberdeen lieber mit Antiquitäten befasst und auf Reisen nach Griechenland als Archäologe betätigt, als das Angebot, Botschafter in Petersburg zu werden, anzunehmen, bis er sich dann doch der Diplomatie zuwandte. In Wien hatte er sich 1813 von Metternichs Charme allerdings gleich so einwickeln lassen, daß er abgelöst wurde und der Außenminister Castlereagh sich veranlasst sah, die Insel zu verlassen, was für einen britischen Außenminister ein Novum war.
    Aberdeen hatte als Jüngling eine große Ähnlichkeit mit Byron, schließlich waren sie ja auch Cousins, und sollte erst als Außenminister seinen romantischen Byron-Look verlieren. Seine Kritiker fanden, daß er gegenüber dem russischen Botschafter nicht entschieden genug auftrat und sich in seiner Verurteilung eines europäischen Kriegs so allgemein äußerte, daß der Zar seine Zurückhaltung als Einverständnis Englands mit seiner Orientpolitik auslegen musste.
    Immerhin wurde Lord Aberdeen von seinem Schatzkanzler William Gladstone unterstützt, dessen Budgetpolitik und Beredsamkeit dem Kabinett Glanz und Stabilität gaben, bis das »Kriegsgespenst« näher rückte.
    »Der Weg des Friedens und der Verhandlungen entbehrt sicherlich des romantischen Interesses, das heroischen Kriegstaten anhaftet«, so Gladstone in einer Rede im Herbst 1853, »aber wenn sein Ergebnis ist, die Vergeudung menschlichen Blutes zu ersparen und das Unglück zu vermeiden, das dem Wirtschaftsleben und der Ernährung der Nation droht, dann ist das Opfer gewiss gering und der Lohn angemessen.«
    Da trat wie immer Palmerston, inzwischen als Minister des 1nneren in das Kabinett zurückgekehrt, als Vertreter des »Gesamtgeistes der englischen Nation« auf. Wieder argumentierte er, daß es ihm nicht um die Türkei ginge, sondern um die Weltstellung Englands, wiederum warnte er vor der Vereinzelung Englands, falls Russland und Frank reich zusammengehen wurden Das jetzige Vorgehen Russlands dürfe nicht als zufälliges und vorübergehendes Ereignis betrachtet werden, sondern als Teil und Bestandteil eines großangelegten politischen Plans
    Das war ganz im Sinn von Friedrich Engels, der die Debatte im Unterhaus aufmerksam verfolgte und als Ghostwriter von Marx fur den New York Daily Tribune berichtete Die russische Diplomatie


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    baue fest auf die Feigheit des Westens und führe nur deshalb eine so mutige Sprache, weil sie mit der Nachgiebigkeit Englands rechne.
    Den Diplomaten kamen nun auch noch die Admiräle in die Quere, denen der Eintritt der Schlecht-Wetter-Zeit mit der Zunahme der Nordostwinde aus dem Schwarzen Meer Sorgen bereitete. In der Tat wollten die Franzosen nicht den Ablauf des Ultimatums abwarten, um ihre Flotte von der Besikabucht abzuziehen und in den Dardanellen in Sicherheit zu bringen. Am 1. September erklärte die französische Regierung der englischen, sie werde die Pforte um Erlaubnis bitten, innerhalb der Dardanellen Anker zu werfen. Nesselrode wurde informiert, daß allein »nautische Erwägungen« diesen Entschluss notwendig machten, was die Russen nur als eine durchsichtige Ausrede ansehen mussten, da für die englische Flotte in der Bucht offensichtlich ein anderes Wetter herrschte als für die Franzosen. Ironisch hatte Nesselrode schon bei Empfang des Ultimatums der Franzosen gemeint, der »geringste Windstoß« werde sicherlich bald die Geschwader nötigen, den Ankerplatz zu vertauschen. 1843 und 1849 war schon einmal eine westliche Armada von der Besika-Bucht, dieser »Wetterecke der orientalischen Frage«, in die Dardanellen vorgedrungen mit der Begründung, das schlechte Wetter hätte sie zu diesem Schritt gezwungen. Auf jeden Fall lag eine Verletzung des Meerengenvertrags von 1841 vor, der Kriegsschiffen die Einfahrt Richtung Marmarameer nur im Kriegsfall erlaubte. Als Entschuldigung konnten die westlichen Alliierten natürlich geltend machen, daß sich auch Russland vertragswidrig im Donauraum aufhalte, denn die Konvention von Balta Liman erlaubte dies nur bei revolutionären Unruhen.
    Nun waren die Wetterverhältnisse am Ausgang der Dardanellen bei dem alten Troja in der Tat problematisch. Der deutsche Reisende A. M. Jahn schrieb 1828, daß die Handeisschiffe »wegen des Nord- windes, der hier zwei Drittel des Jahres hindurch herrsche, oft drei Wochen in den Dardanellen zubringen, welche doch nur neun Stunden lang, aber zum Lavieren zu schmal sind«.
    Eine Kriegsflotte, die drei Wochen hätte manövrieren müssen, um in die Dardanellen einzufahren, war wohl für jeden Admiral ein Alptraum. Daß jedoch im Zeitalter der Dampfschifffahrt das Wetter Politik machen sollte, war merkwürdig, ließen doch die Franzosen am 11. September nicht etwa die anfälligen Segelschiffe nach Konstantinopel


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    vorfahren, sondern ein paar dampf angetriebene starke Kriegsschiffe.
    1852 hatte das französische Schlachtschiff Charlemagne zweimal demonstriert, wie mühelos ein Kriegsschiff mit modernem Schrauben- antrieb die starke Strömung in den Dardanellen zu überwinden imstande war. Von dieser Demonstration französischen Kriegsschiffbaus hatte der damalige englische Geschäftsträger Rose nach London berichtet, welchen starken Eindruck die Charlemagne, die »mit allen ihren Geschützen und ihrer zahlreichen Besatzung die stärkste Strömung des Bosporus allein mit der Kraft ihrer Schraube überwand«, bei den Türken hinterließ.
    Im Herbst 1853 tappten wohl alle im Dunkeln, was die große Politik betraf.
    Inzwischen hatte auch der Prinzgemahl Albert den Notenhaufen um ein Memorandum vergrößert, in dem er die Abschaffung von Memoranden vorschlug: Es sei nutzlos, weiterhin den Versuch zur Regelung des Streits durch die Redaktion von Noten zu unternehmen. Nur die armen Soldaten würden ihre Schuldigkeit auf das glänzendste ausüben, doch sobald die Angelegenheit wieder in die Hände der Politiker und Diplomaten gelange, fange das Pfuschen und Verwirren wieder an.
    Das Papier Prinz Alberts stellte aber nur den Anlass dar, John Russell, Clarendon, Aberdeen und Palmerston ebenfalls zu Denkschriften zu veranlassen, die ihre Verfasser in zwei Lager teilten; beide Parteien sahen in England keinen Vermittler, sondern Bündnispartner bzw. Vertragspartner der Türkei, deren Selbständigkeit verletzt worden sei
    — nur betonten die einen, daß die Verhandlungsbereitschaft der Türkei Bedingung für die Unterstutzung sei und meinten, es sei klüger, erst die Friedenspräliminarien auszuhandeln, bevor man den Ruckzug der Russen aus den Fürstentümern fordere; während die anderen die Herstellung des Status quo verlangten, bevor die Verhandlungen weitergingen. Es war klar, wer der Wortführer der »anderen« war — Palmerston, zur Überraschung lieferte er gleich noch weiterreichende
    mit: der österreichischen Monarchie die Überlassung der der Donaufürstentürme zu versprechen, um den Preis der Trennung von Russland.
    Es war klar, daß nun auch die westlichen Alliierten in eine Zwickmühle gerieten, so daß ihre Flotten nicht auf ihren vorgeschobenen


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    Ankerplätzen liegen bleiben konnten: Sollten sie in die Dardanellen einfahren, konnte das Krieg bedeuten - kehrten sie jedoch nach Malta und Toulon zurück, bedeutete dies in den Augen der Öffentlichkeit einen »schimpflichen Rückzug«. In demselben Dilemma befand sich auch der Zar, der seine Truppen nicht ohne Gesichtsverlust aus den besetzten Donaufürstentümern abziehen konnte - was Palmerston zu der Pointe veranlasste, der Räuber verlange erst den Rückzug der Polizei, bevor er sich selber in Sicherheit bringe.
    Da die Russen keine Anstalten zum Rückzug aus dem Donauraum machten, konnte sich Ende September Aberdeen, um das gebrechliche Koalitionskabinett zu retten, nicht mehr länger gegen Palmerston und Stratford durchsetzen, zumal nun auch die Queen meinte, daß »Russland uns hintergangen« habe. In der Presse wurde Aberdeen zum Rücktritt aufgefordert. So kam es, wie es kommen musste. Am 30. September erklärten Clarendon im Oberhaus, Russell im Unterhaus, daß England und Frankreich gemeinsam an der Unverletzlichkeit der Türkei festhielten und sich auch gemeinsam von der Wiener Note distanzierten, da »die russischen Erklärungen ihr einen fremden Sinn unterlegten«, und das, obwohl sie selber nur halbherzig den Wiener Vermittlungsversuch unterstützt hatten.
    Ein gutes Alibi, nun endlich auch der englischen Flotte den Befehl zum Einlaufen ins Marmarameer zu geben, kam noch zur rechten Zeit: der Bericht des französischen Botschafters Walewski über Unruhen in den Straßen Konstantinopels, über Ausbruch des »muselmanischen Fanatismus«, der die Regierung gefährde- der Sultan brauche Unterstützung!
    Als nach elf Tagen die Anweisung zum Verlassen des Ankerplatzes in Konstantinopel eintraf - die übliche Zeit für die Übermittlung von Nachrichten, da der elektrische Telegraf bisher nur bis Wien reichte-, hatten sich die Unruhen allerdings gelegt.
    Die Rückwirkung der neuen Sprache gegenüber Russland blieb nicht aus. In Konstantinopel erschien beim Sultan eine Abordnung der Ulemas, der oberen Schicht der Geistlichkeit und der Rechtsgelehrten, um ihn vor die Alternative Krieg oder Abdankung zu stellen. Vor den Moscheen predigten die Derwische den »heiligen Krieg«.
    Ultimativ forderte die Pforte am 4. Oktober 1853 Russland zum Rückzug innerhalb von vierzehn Tagen auf.
    Genau dies hatte Aberdeen befürchtet. Vergeblich hatte er darauf


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    gedrungen, den Türken klar zu machen, nicht mit britischer Unterstützung rechnen zu können, falls es bei der Weigerung bliebe, die Wiener Note zu unterschreiben. Doch hatten Clarendon und Palmerston den Text der Note an die Pforte in einer Weise geändert, daß sich die Falle schloß, der Aberdeen zu entkommen suchte. Anstatt der Formulierung »alle Feindseligkeiten zu unterlassen« stand nun der Zusatz »die Feindseligkeiten innerhalb eines vernünftigen Zeitraums« zu unterlassen. Die Türken nutzten den Vorteil der Ungenauigkeit aus, da ihnen die Interpretation der Note überlassen blieb.

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  15. #15
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    III. Sterben für Konstantinopel? Gipfeltreffen

    »Wer ist der Bösewicht, wer der Held? Alle sind gut, und
    alle sind schlecht,«
    Leo Tolstoi 1855


    Während des Notenwechsels versuchte der russische Zar, die Mitglieder der alten Heiligen Allianz - der Begriff spukte noch immer in den Köpfen - in persönlichen Gesprächen auf seine Seite zu ziehen. Ende September 1853 traf er zuerst den jungen österreichischen Kaiser Franz Joseph in Olmütz. Wie immer wurden diese Gipfeltreffen durch Manöver aufgelockert. Diesmal kamen sogar Theaterabende dazu, da Franz Joseph einen Teil der Hofburgschauspieler und Hofopernsänger mitgebracht hatte.
    Als Beobachter Frankreichs war auch der Adjutant Napoleons III., Goyon, anwesend und wurde, wie man aufmerksam registrierte, im Gegensatz zu dem Engländer Lord Westmoreland vom Zaren ausnehmend wohlwollend begrüßt. Nikolaus 1. versprach Franz Joseph, um seine Kompromissbereitschaft zu beweisen, seine Truppen auf keinen Fall über die Donau gehen zu lassen. Alle weiteren Zugeständnisse machte er von dem Einverständnis der Türken mit der Wiener Note abhängig. Er dachte überhaupt nicht daran, mit den Westmächten zu verhandeln.
    Eine neue Note machte dies auch gleich aktenkundig. Der Zar verlangte nur noch die Einhaltung des Status quo sowie die Gleichberechtigung aller Konfessionen in der Türkei. Ausdrücklich hielt er fest, daß Russland kein Interventionsrecht beanspruche.
    Für Nesselrode war es ziemlich peinlich, als sich der Zar damit von dem Gutachten seines Kanzlers distanzierte, indem er es als private Mitteilung an Baron Meyendorff hinstellte.
    Friedrich Wilhelm IV. war nicht eingeladen worden, wurde aber gewissermaßen durch Prinz Wilhelm vertreten, der in seiner Eigenschaft als Inspekteur der Bundestruppen den Manövern beiwohnte und


    Seite 79

    wiederum von Franz Joseph mit großer Aufmerksamkeit bedacht wurde. Augenzeugen berichteten, daß der Prinz mit seinem Sohn allein aufrecht stehenblieb, als die ganze Armee mitsamt den Monarchen bei einem Feldgottesdienst in die Knie sank - »ein eindrucksvolles Symbol der Stellung Preußens zwischen den Mächten«. Nach landläufiger Meinung konnte es Preußen kaum etwas angehen, »wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen«.
    Kurz vor seinem Tod hatte Friedrich Wilhelm III. noch einmal strengste Neutralität anempfohlen, falls es zum Krieg auf dem Balkan käme, und moralischen Beistand bei friedlichen Lösungen. Es erwies sich jedoch als ein Irrtum, sich auch diesmal aus der neuen Orientkrise heraushalten zu können, nachdem Fürst Menschikow nach den Worten des Ministerpräsidenten Otto von Manteuffel »unter Zurücklassung eines wahren Schwefeleklats« aus Konstantinopel verschwunden war.
    Bereits im Juni hatten Paris und London auf ein »gemeinsames Wirken« mit den Westmächten bestanden und den dringenden Wunsch ausgesprochen, Preußen als Signatarmacht bei der Verteidigung der Londoner Abmachungen von 1841 (Integrität der Türkei, Dardanellenregelung) auf der Seite der Westmachte zu wissen
    Anfang September bestellte Clarendon den preußischen Botschafter zu sich und forderte von Preußen mehr »männliche Offenheit« und eine ebenso klare Sprache wie Österreich, nur das sei einer selbständigen Großmacht würdig.
    Am 4. Oktober trafen sich die drei Souveräne Russlands, Österreichs und Preußens in Warschau. Goyon fehlte diesmal, Napoleon III. hatte ihm die Reiseerlaubnis verweigert. Aus gutem Grund! Der Zar hatte die Gelegenheit in Olmütz genutzt, Napoleon III. nach Petersburg einzuladen mit dem Angebot, ihn dort en frre zu empfangen, ihn nachträglich also doch noch als gleichgestellten Souverän zu behandeln, was Napoleon III. nun als Taktlosigkeit wertete.
    Mitten in die Beratungen platzte das Ultimatum der Türken, innerhalb von vierzehn Tagen die Donaufürstentümer zu räumen oder mit der Eröffnung von Feindseligkeiten zu rechnen. Damit war die Entwicklung über die Olmütz-Note hinweggegangen.
    Friedrich Wilhelm IV. war nur widerstrebend nach Warschau gefahren. Tagelang hatte er zuvor im engsten Vertrautenkreis seine Unlust geäußert. Ihm behagte nicht, gleichsam Arm in Arm mit zwei absoluten


    Seite 80

    ten Monarchen eine Demonstration der Einigkeit abzugeben und in die Politik Russlands hineingezogen zu werden. Auch war er der ständigen Aufsicht und Bevormundung durch den Zaren und des permanenten Hineinredens Österreichs in die preußische Politik überdrüssig. Noch immer fand der Zar die Konzessionen in der Verfassungsfrage »des Teufels«; seiner Ansicht nach hatte der König das Testament seines Vaters verraten. Vor allem aber wollte der preußische König nicht in England den Eindruck der Abhängigkeit von Russland erwecken. Während er Russland respektierte und Österreich noch immer als Verkörperung der römisch-deutschen Reichsherrlichkeit achtete, grenzte seine Neigung zu England geradezu an Schwärmerei für das evangelische »Bruderland«.
    Es war schlichtweg falsch, wie Clarendon von einer klaren Politik Österreichs zu sprechen.
    Auch in Wien gab es Meinungsverschiedenheiten über den politischen Kurs. Die Gruppe der Russlandfreundlichen Generalität plädierte in Erinnerung an die Zeiten der Waffenbrüderschaft für eine Unterstützung des Zaren. Die »Westler« dagegen versprachen sich eine Stärkung der Position Österreichs auf dem Balkan gegen Russland aus dem Zusammengehen mit England und Frankreich. Zu ihrer Überraschung konnten sie sich sogar auf den alten Metternich stützen, nach dessen Worten man die Russen aus den Donaufürstentümern hinauswerfen sollte. Alle waren sich nur in einem Punkt einig: Österreich gehörte die Vormachtstellung in Deutschland. In den Worten Prokesch-Ostens: »Österreich duldet niemand neben sich!« Außenminister Buol-Schauenstein ärgerte, daß der Zar mit den Ministern des österreichischen Kaisers »umging wie mit seinen Bedienten«. Letzten Endes bestimmte aber nicht er die Richtlinien der Politik, sondern der Kaiser, der nach dem Tod Schwarzenbergs aus diesem Grund auch nicht mehr den Posten des Ministerpräsiden besetzt hatte Friedrich Wilhelm IV unterzeichnete kein Ab kommen Er suchte, wie er dem Zaren mutig erklärte und später Bunsen schrieb, in »absoluter, unparteilicher Neutralität das Heil Preußens« Damit war das Stichwort gefallen, das die Politik Preußens in den nächsten Jahren bestimmen sollte Wie es möglich sein sollte, sich aus den kommenden Auseinandersetzungen herauszuhalten, »ablehnend nach West und Ost«, ohne sich Feinde zu schaffen, das musste die Zukunft zeigen


    Seite 81

    Aber auch bei Franz Joseph kam der Zar nicht weiter. »Im Grunde war das Resultat von Olmütz und Warschau gleich null«, wie Graf Münster dem preußischen Ministerpräsidenten schrieb, »d. h. eine große Parade.«
    Selbst Leopold von Gerlach fand Russlands Politik zunehmend rücksichtslos und in der orientalischen Angelegenheit geradezu »widerwärtig«. Erst aus der Zeitungslektüre hatte die Berliner Regierung von dem Nesselrode-Gutachten Kenntnis erhalten. Verwirrt auch über die Bewunderung des Zaren für Napoleon III. - »und das ist der ausgezeichnetste Monarch der Christenheit, die Stütze der Legitimität!« - beunruhigte Gerlach der Gedanke, daß die Sturheit des Zaren England in die Arme Frankreichs trieb und damit in den »Incest«. Die Furcht vor einem Zusammenschluss Russlands und Frankreichs kam aus einem alten Trauma, aus der Zerschlagung Preußens 1807, nachdem Alexander I. einen Allianzwechsel vollzogen und eine Koalition mit Napoleon I. eingegangen war.
    Nicht durch Russland, durch Österreich geriet Preußen in Zugzwang. Im Mai des nächsten Jahres wurde die Verlängerung des Bündnisvertrages von 1851 fällig - eine Gelegenheit, die Beziehungen zwischen Berlin und Wien neu zu überdenken. Die drohende Kriegsgefahr, die veränderten weltpolitischen Konstellationen, machten die Abfassung neuer Verbindlichkeiten und eine Abstimmung der preußischen und österreichischen Außenpolitik doppelt heikel, zumal Österreich den Fehler beging, den preußischen Standpunkt bereits auf den Österreichs festzunageln, bevor es überhaupt zu Gesprächen kam. Als es nämlich Ende Oktober um eine gemeinsame Erklärung Preußens und Österreichs auf dem Frankfurter Bundestag ging, schickte Buol nicht nur den falschen Mann nach Berlin, sondern teilte auch noch obendrein den eigenen Entwurf anderen Ländern des Deutschen Bundes mit, als wäre er bereits eine beschlossene Sache. Ausgerechnet der Bundespräsidialgesandte Freiherr von Prokesch-Osten, ein erklärter Vertreter der Vormachtstellung Österreichs, den es nie nach Berlin gezogen hatte, erschien bei Manteuffel zur Einholung der Unterschrift; ein Jahr zuvor war er erst auf Bitten des Königs als Gesandter aus Berlin zurückgezogen worden. Ein Affront, da Buol die Missstimmung Preußens über Prokesch nicht unbekannt war - der österreichische Geheimdienst pflegte nämlich die Depeschen zwischen Berlin und der preußischen Gesandtschaft in Wien zu lesen. Manteuffel


    Seite 82

    wiederum lavierte zwischen allen Fronten, er tadelte Österreich wegen zu großer Nachgiebigkeit gegenüber dem Zaren und arbeitete fast gleichzeitig eine Denkschrift aus, in der er über die Unzuverlässigkeit des Wiener Kabinetts Klage führte, eine Denkschrift für den Zaren! Auch gab er den österreichischen Entwurf dem russischen Gesandten zu lesen, was die Österreicher ärgern musste. Dabei war Manteuffel gerade nicht derjenige, der Österreich aus Deutsch1and hinauszudrängen beabsichtigte. Nur war ihm der Gedanke an eine »vollkommen gesicherte Friedens- und Kriegsgemeinschaft« mit Wien unheimlich, er wollte weder Russland noch Österreich »Vorspanndienste« leisten, das Spiel des Zaren mit dem - wie er sagte - »Ernst der Weltlage« erfüllte ihn mit wachsendem Verdruss. Nun zeugte Manteuffels Politik auch nicht gerade von Gradlinigkeit. Er brachte die Österreicher schon dadurch zur Verzweiflung, daß er so gut wie nie zu sprechen war und wegen Anhäufung diplomatischer Tätigkeiten keine Zeit für eingehende Beratungen zu haben meinte, allein schon durch die tägliche Fahrt von Berlin nach Sanssouci zum König verliere er über vier Stunden!
    Im Oktober lehnte er jede gemeinsame Neutralitätserklärung ab:
    Österreich, »dieser Koloss auf tönernen Füßen«, solle aufhören, Preußen durch den Deutschen Bund zu majorisieren; das Wiener Kabinett müsse sich abgewöhnen, einseitig aufzutreten, es dürfe keinen Schritt ohne Abstimmung mit Preußen unternehmen!
    Da machte Friedrich Wilhelm IV. eine überraschende Kehrtwendung, um wieder Rückhalt bei dem alten Verbündeten zu finden. Des Rätsels Losung dazwischen lag die Mission des Grafen Pourtales, die Manteuffel als Privatmission des Grafen bezeichnete, nachdem sie
    gescheitert war.
    Zwar war es dem Sonderbeauftragten in London gelungen, Clarendon zu beruhigen, was einen etwaigen Übertritt Preußens auf russische Seite betraf. Aber es erwies sich als eine Illusion, nun auch gleich noch die deutsche Frage auf den Tisch zu bringen - nämlich den Wunsch, Preußen in Deutschland freie Hand zu lassen bei der Bildung eines Bundesstaates zu einer union militaire, falls Österreich auf die Seite Russlands treten wurde und der alte Deutsche Bund damit gesprengt sei
    »Wie verwickelt sich dies alles je langer je mehr«, seufzte Gerlach, »England dringt in Preußen, mit ihm die Emanzipation der Christen in


    Seite 83

    der Türkei durchzusetzen... Louis Napoleon bedauert gegenüber Kissilew, daß die Türken auf dem linken Donauufer nicht gründlich zusammengehauen worden wären.« Die Welt schien auf dem Kopf zu stehen, wie Aberdeen zu Brunnow meinte: »Wer will den Krieg und wer will ihn nicht?«
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  16. #16
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Doppelmoral

    Die Olmützer Erklärung des Zaren vom September 1853 versetzte London und Paris in Verlegenheit. Der englische Botschafter in Paris Cowley meinte, sie würde »die Westmächte eher zu Advokaten Russlands machen« und nicht »als Freunde der Pforte erscheinen lassen«; er vermisste in dem Papier die Formulierung »christliche Untertanen der Pforte«. Drouyn de Lhuys kam sie gar nicht recht, weil er es für besser hielt, »einen höheren Ton« anzuschlagen, um Russland zum Nachgeben zu zwingen. Hübner empfand sie nur als »neue Phase der orientalischen Komplikationen«. Napoleon III. dagegen wollte »die neuen O1mützer Vorschläge« nur annehmen, »falls England sie annehme«. Man drehte sich also im Kreise. Selbst Bunsen fand den Vorschlag »das Friedfertigste und für Russland Annehmbarste, was unter den gegebenen Umständen hier geschehen konnte«, fragte sich aber gleichzeitig, ob der Zar nicht nur »friedfertig« sei, weil er im Frühjahr »erst kriegsfertig ist«.
    Schließlich setzte sich Palmerston durch, obwohl es eigentlich seine Aufgabe war, als Minister des Inneren sich um die Kanalisation Londons zu kümmern und nicht um Nahostfragen, von denen er, nach Meinung vieler, ohnehin nichts verstand. »Die Politik Russlands« - so an Clarendon - »ist stets gewesen, seine Übergriffe so weit gehen zu lassen, als die Apathie oder der Mangel an Festigkeit auswärtiger Regierungen es erlaubt, aber stets zurückzuziehen, wenn es auf entschlossenen Widerstand stößt, und auf die nächste Gelegenheit zu warten, um einen neuen Sprung auf sein Opfer zu machen.«
    Frankreich und England lehnten es also ab, ihre Bedenken fallen zu lassen. Sie fürchteten noch immer eine »austro-preußisch-russische Allianz«, wie Hübner mutmaßte. Napoleon III. bestärkte dagegen durch übergroße Freundlichkeit den russischen Botschafter Kissilew in dem Glauben, daß er niemals mit England zusammengehe - nach


    Seite 84

    Hübner lebte Kissilew immer noch im Jahr 1840, als Frankreich und England auf Kollisionskurs waren.
    Ohne Zweifel war das englische Kabinett noch in der Lage, den Krieg zu vermeiden, aber dazu hätte es sich einig sein müssen. Nur Aberdeen sah die Doppelmoral in einer Politik, die sich für ein halbzivilisiertes und despotisches Land wie die Türkei, wo jede Hoffnung auf Reform vergeblich sei, stark machte: »Wenn wir Krieg führen wollen, so muss es für Zwecke sein, die wir vor uns und Europa rechtfertigen können. Ich bin bereit, bis zum Krieg zu gehen, um den Besitz Konstantinopels und der Dardanellen seitens Russlands zu hindern, aber wenn ein Kampf um diese Frage entsteht, würde er wahrscheinlich andere Gegenstände umfassen als die Sicherheit der Türkei.«
    Solche Skrupel plagten Palmerston nicht, er hielt die Türkei weder für verfallsbedroht, noch für reformfähig und schlug sogar einen Pakt mit den Osmanen vor. »Nur durch kräftige Unterstützung können wir unseren Einfluss behalten, denn die Unterstützung ist in unserem eigenen Interesse.«
    Stratford ging als Botschafter in Konstantinopel sogar so weit, das Verhalten der eigenen Regierung sprich Aberdeens - als ehrlos zu bezeichnen: »Er werde die Welt erfahren lassen, daß sein Name Canning sei.« Gegenüber der Unaufrichtigkeit Stratfords fühlte sich Aberdeen machtlos, nachdem er das Kabinett nur durch die Konzession hatte zusammenhalten können, Stratford Aktionsfreiheit zuzugestehen; ein schwerer Fehler, wie Queen Victoria und ihr Prinzgemahl ahnten, da »die Türken sich die Gelegenheit eines Krieges mit Russland nicht entgehen lassen würden, wenn sie mit England und Frankreich Seite an Seite kämpfen«.
    Ende Oktober entschloss sich Nikolaus I. zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er schrieb der Königin einen Brief, in dem Glauben, über sie Einfluss auf die Kabinettspolitik auszuüben und sich über den Kopf Napoleons hinweg mit England zu einigen bei den Gesprächen mit Seymour könne es sich nur um ein Missverständnis gehandelt haben Er könne nicht glauben, daß die englische Flagge neben dem Halbmond wehen solle, um »das Kreuz des heiligen Andreas zu bekämpfen«
    Nun kam der Brief zu einem Zeitpunkt, an dem die Königin an Stratfords Verhalten in Konstantinopel zweifelte, der ganz kaltblutig bereits fest mit der Entwicklung zum Krieg zu rechnen schien


    Seite 85

    Die Königin stellte Aberdeen die Frage, ob es nicht besser sei, Stratford abzulösen, da er mit dem Franzosen Baraguay d‘Hilliers die gleichen extremen Ideen hätte, nämlich die Flotten ins Schwarze Meer zu schicken, was einer tatsächlichen Kriegserklärung gleich- käme.
    Ausführlicher als der Zar antwortete sie vierzehn Tage später, natürlich war der Brief mit Aberdeen und Clarendon abgestimmt. Sie erinnerte Nikolaus daran, daß sie beide sich zwar nicht in Übereinstimmung befanden, was den Gesundheitszustand des osmanischen Reiches betraf, aber doch vielleicht über die Notwendigkeit, es leben zu lassen; die wahren Absichten des Zaren seien sicher »wegen der Form« falsch verstanden worden. Victoria teilte ihm mit, daß die Besetzung der Fürstentümer in den letzten vier Monaten eine allgemeine Verwirrung in Europa angerichtet hätten und zu weiteren Ereignissen führen könnten!
    Palmerston hatte immer für ein Zusammengehen mit Frankreich plädiert und kam damit den Wünschen Napoleons III. entgegen, der schon früh davon träumte, das Bündnis zur Achse seiner künftigen Politik zu machen. Den grundlegenden Fehler von Napoleon I., mit dem britischen Koloss anzubinden, wollte sein Neffe nicht wiederholen. In dieser Absicht hatte er sich schon beim Leichenbegängnis Wellingtons vertreten lassen.
    Das Problem war nur, daß die englische Öffentlichkeit nicht unbedingt frankophil war und die französische Landbevölkerung ausgesprochen antibritisch eingestellt; ein Anlass fehlte, beide Nationen zu einer festen Partnerschaft zusammenzuführen.
    Da setzte Palmerston durch einen gerissenen Schachzug das englische Kabinett matt. Im Dezember 1853 legte er sein Amt nieder, nach seinen Worten aus Protest gegen ein geplantes Gesetz zur Wahlreform, in Wahrheit, wie Aberdeen wusste, »wegen der friedfertigen Politik der Regierung«. Der aktuelle Anlass war die Initiative Clarendons, der Wiener Botschafterkonferenz und damit Buol noch einmal die Chance zu geben, zu einem Ausgleich mit Russland zu kommen. Eine neue Note - das Wiener Protokoll - sollte nichts weiter als den Wunsch Clarendons aussprechen, dem »Blutvergießen an der Donau ein Ende zu machen«. Doch war das Angebot von Waffenstillstandsverhandlungen auf neutralem Boden mit der zusätzlichem Drohung gekoppelt, Englands Flotte in das Schwarze Meer zu schicken, falls


    Seite 86

    Russland zur See einen türkischen Hafen Angriffe - was eine Demütigung und Provokation Russlands darstellte. Betrachtete doch Russland das Schwarze Meer als eigene Domäne, als Lac Russe. Ausdrücklich betonte Brunnow in London, beim ersten Zusammenstoß mit einer türkischen Flotte werde Russland so handeln, als ob es kein englisch-französisches Geschwader gäbe!
    Königin Victoria und ihr Prinzgemahl mochten »Pilgerstein« nicht, wie sie den Lord respektlos nannten. In den Augen der Öffentlichkeit aber war Old Pam der starke Mann, der die anderen Staaten das Fürchten lehrte, und Palmerston selber führte sich so auf, als ob er allein für die Ehre Englands verantwortlich wäre. »Hat der Teufel einen Sohn, heißt er sicher Palmerston«, wurde in Preußen gedichtet.
    Für Karl Marx blieb Palmerston ein Rätsel. Vom 22. Oktober 1853 bis zum 11. Januar 1854 verfolgte er die Laufbahn von »Lord Feuerbrand« - wie Engels und er gerne sagten - in einer Artikelserie, die so etwas wie eine Fortsetzung seines Pamphlets gegen Louis Napoleon sein sollte, doch nicht dessen analytische Brillanz aufwies. Marx verwickelte sich in eine Reihe von Widersprüchen, weil er gerade Palmerstons vollstes Vertrauen in die Redlichkeit Russlands vorwarf. Für Marx war Palmerston nur ein Prahlhans, der »dem Schwachen hochmütig und tyrannisch, dem Starken demütig und winselnd entgegen- trete«. Marx sah in ihm nicht den Mann großangelegter Pläne und Ziele, wenn auch den besten Kenner aller parlamentarischer Tricks und gestand ihm zugleich zu, feste Prinzipien von Canning übernommen zu haben: »Die Doktrin von Englands Mission, den Konstitutionalismus auf dem Kontinent zu propagieren.« Das Beste war noch die Pointe, Palmerston sei zwar als Staatsmann nicht jeder Aufgabe gewachsen, doch als Schauspieler jeder Rolle. Kurzum: Für Englands Politiker sei der Tod des alten Wellington rechtzeitig gekommen:
    »Der alte Bulle hätte im Moment einer Krise noch immer über eine traditionell gewordene Autorität zu kommandieren!«
    Weitaus treffender war ein Buch über Palmerston von dem ehemaligen österreichischen Diplomaten Graf Ficquelmont, 1852 in Wien publiziert. Dahinter steckte die Absicht, Österreich vor England zu warnen, das, »den Weltfrieden auf den Lippen«, sich die Berechtigung anmaße, Waffen in die ganze Welt zu liefern oder sich das Recht nehme, »überall von seiner Macht Gebrauch zu machen« In der


    Seite 87

    Öffentlichkeit löste der Rücktritt Palmerstons einen Sturm der Entrüstung aus, weil man hinter ihm die Absicht des deutschen Prinzen Albert vermutete, einen entschiedenen Gegner Russlands auszuschalten und damit Preußen einen Dienst zu erweisen. Inzwischen war jedoch ein Ereignis eingetreten, das alle Noten zur Makulatur machte und Palmerstons Rücktritt zu einem Triumph.
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    Ein zweites Navarino?

    Die ersten Schüsse waren längst an der Donau gefallen, bevor das Ultimatum der Türken abgelaufen war. Es handelte sich um Vorpostengefechte, Patrouillenunternehmen und Artillerieduelle von einem Ufer zum anderen. Die 80000 Mann, mit denen der Zar in die beiden Fürstentümer einmarschiert war, reichten bei weitem nicht aus, die ganze Donaulinie von 470 km Länge zu decken, geschweige denn offensiv zu werden. Da die befestigten Orte und kleinen Festungen (Vidin, Rustschuk, Silistria) auf Grund früherer Abmachungen alle auf der türkischen Donauseite lagen, waren die Russen von vornherein in einer schlechteren Position.
    Oberbefehlshaber war Fürst Michael Gortschakow, ein wortkarger Artillerist, der als Mann von mangelnder Entschlusskraft galt, aber neben langjähriger Kriegserfahrung die Kenntnis der Verhältnisse in der Walachei mit sich brachte, was ihn nicht hinderte, auf die türkischen Soldaten mit größter Verachtung zu blicken Gortschakow war zulange zweiter Mann gewesen, unter anderem 22 Jahre Stabschef bei dem berühmten Polen und Türkenbezwinger Paskiewitsch, so daß ihm im Alter das Charisma des Feldherrn fehlte, zumal Paskiewitsch im Chef des Stabes beim Feldmarschall nur den »ältesten Schreiber in dessen Kanzlei« gesehen hatte Doch war gerade Gortschakow vom Zaren ausgewählt worden, da er als außerst tapfer galt und bei den einfachen Soldaten ein großes Ansehen genoss, doch niemals auf die Idee verfallen wäre, etwa selbständig zu handeln Wegen seiner Ei genschaften, auf das Wohl seiner Untergebenen bedacht zu sein wurde der Brillenträger Gortschakow von einem Teil seiner Stabsoffiziere sogar belachelt, galt doch in ihren Augen »der Tod des einzelnen
    Menschen im Krieg nicht mehr als ein Spänchen Holz, welches ab splittert, wenn man eine mächtige Eiche fällt«


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    In den Dörfern wurde eine Proklamation Gortschakows verlesen, die Truppen des Zaren seien nicht in feindlicher Absicht gekommen, es handle sich nur um eine vorübergehende Besetzung, die Lieferungen von Lebensmitteln würden zu dem mit der Regierung verabredeten Preis aus der Kriegskasse bezahlt. Die Bevölkerung, an fremde Besatzer gewohnt, von ihren eigenen Fürsten unterdrückt, stand den Russen gleichgültig gegenüber; ihre Religion hatten sie auch unter den Türken ausüben können, die das Land allerdings jahrzehntelang hatten verkommen lassen, der Bauer bestellte meist nicht mehr Land, als er für seine eigene Familie brauchte, nur die Großgrundbesitzer profitierten vom Reichtum des Landes als Kornkammer.
    Im Widerspruch zu allen Versicherungen verlangte der Chef der Zivilregierung Baron Budberg von den Hospodaren, den Regenten des Landes, den sofortigen Abbruch jeglicher Verbindungen zur Pforte, führte als Zwangskurs das russische Papiergeld ein und verhängte auf Kontakte von höheren Beamten mit der Türkei sogar die Todesstrafe. Die Hospodare flohen nach Österreich. Die Bevölkerung trauerte ihnen nicht nach. Die Hospodare, die Ober- und Beamtenschicht waren noch weniger beliebt als die Türken. Sie wurde von den Griechen gebildet, die aus einflussreichen Familien außerhalb des Landes kamen, Fanarioten genannt, weil sie im Stadtviertel Fanar von Konstantinopel saßen. Aus diesem Grund hatte sich die Bevölkerung auch weder für den griechischen Unabhängigkeitskrieg, noch für die Errichtung eines byzantinischen Balkanstaates gewinnen lassen, von dem der Zarenadjutant Ypsilantis 1821 geträumt hatte.
    Es war eine Gegend, auf der der Fluch lastete, der »beständige Schauplatz von Verwüstungen, Krieg und Durchzügen zu sein« (Moltke). Für fremde Heere waren vor allem die klimatischen Verhältnisse verheerend, so der große Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht, der für Fiebererkrankungen anfällig machte; nicht ohne Grund lebte das Land in permanenter Furcht vor der Cholera und Pest
    Wie Moltke feststellte, waren die Russen 1828/29 unfähig gewesen, sich den besonderen Lebensbedingungen anzupassen, was sie die Hälfte ihrer Truppen gekostet hatte Es war noch frisch im Gedächtnis der Russen, daß einmal eine ganze Truppeneinheit von der Front zurückgezogen werden musste, um sie nicht dem Hungertod preiszugeben, und daß die Kavalleriepferde zuletzt so schwach gewesen


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    waren, daß sie nicht einmal mehr den Sattel tragen konnten, geschweige denn ihren Reiter. So gut vorbereitet wie im Juli 1853 war allerdings noch nie eine russische Armee gegen die Türken gezogen. Es waren Magazine angelegt und 5000 Bauernfuhrwerke zusätzlich zu den Truppenfahrzeugen requiriert worden. Vorsorglich hatte die russische Führung auf ihre schwere Kavallerie ganz verzichtet und für die restlichen Pferde dem Troß 12000 Sensen mitgeliefert zum Heumachen auf den Donauwiesen.
    Zur großen Überraschung der Russen aber waren die Türken von 1829 nicht wiederzuerkennen. Bei Kalafat an der Westgrenze, gegenüber von Vidin, und bei Oltinitza in der Frontmitte mussten die Russen Niederlagen einstecken, als die Generäle im Vertrauen auf die Tüchtigkeit ihrer Leute im Nahkampf ohne ausreichende Artillerievorbereitung stürmen ließen. Die Redensart des berühmten Generals Suwurow, einem weiteren Türkenbezwinger aus vergangenen Tagen, »Die Kugel ist eine Närrin, das Bajonett ein ganzer Kerl«, hatte geradezu die Bedeutung einer Vorschrift im Infanterie-Reglement angenommen und gehörte zur Lehre vom Sieg.
    »Sie unterschätzen ihre Gegner in einer Weise, die kaum Ihresgleichen hat«, kommentierte Friedrich Engels. In Omer Pascha stand Gortschakow ein Mann gegenüber, der den Russen übrigens gut bekannt war. Zusammen mit seinen Truppen hatten sie 1848/49 bei dem gemeinsamen Unternehmen Russlands und der Türkei gegen die Aufständischen auf dem Balkan die beiden Fürstentümer besetzt. Er galt als der berühmteste und berüchtigtste Türkenführer seiner Zeit, als Spezialist für Strafexpeditionen, und war gerade deshalb so furchterregend, weil er als österreichischer Kadett in die Türkei desertiert und vom christlichen Glauben abgefallen war. Seine Expedition gegen Aufrührer hinderte ihn übrigens nicht, polnische und ungarische Offiziere in seine Armee aufzunehmen, die vor den Österreichern und Russen in die Türkei geflohen waren. Nach der türkischen Heeresreform verfügte er über moderne Artillerie und ausgebildete Truppen, die er mit der Kunst des geschulten Offiziers erfolgreich einzusetzen verstand.
    Beide Feldherren begingen jedoch den Fehler, ihre Truppen zu verzetteln, beide scheuten sich vor großen Schlachten, beide spielten den »Cunctator«. Omer Pascha erhielt außerdem nach einem erfolgreichen Gefecht den Rückzugsbefehl, als sich die Hohe Pforte auf Drängen


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    gen der Westmächte Zurückhaltung auferlegen musste, so lange noch die Verhandlungen in Wien und Konstantinopel liefen. Der merkwürdige Rückzug bei Oltenitza war es, der im Herbst 1853 die Gemüter Europas als »Rätsel an der Donau« beschäftigte. Engels hatte den richtigen Instinkt, als er die Diplomatie dafür verantwortlich machte, Omer Pascha die Früchte des Sieges gestohlen zu haben.
    Als die Londoner am 13. Dezember 1853 ihre Tageszeitung aufschlugen, konnten sie zu ihrem Erstaunen lesen, ein türkisches Schiff sei trotz der Anwesenheit der englischen und französischen Flotte im Bosporus von einem russischen Fahrzeug ungestraft gekapert worden. Gleichzeitig berichtete die französische Tageszeitung Le Moniteur universel von der Vernichtung eines ganzen türkischen Schiffsgeschwaders bei Sinope.
    »Unsere Flotte ist jedenfalls nicht deswegen dort, um die Russen an einem Angriff auf die Türkei zu hindern!« hieß es ironisch in einem konservativen Blatt, »die Flotte ist nicht deswegen dort, darüber zu wachen, daß das Schwarze Meer nicht zu einem russischen Binnensee wird. Die Flotte ist nicht deswegen dort, ein zweites Navarino nach dem berühmten Muster zu verhindern. Wird das Volk solch kostspielige Scherze lange dulden?« Auf jeden Fall war der Stolz der Engländer gekränkt, die die russische Marine immer noch als Anfänger betrachteten. Sie fanden es - laut Times - überdies unerhört, daß die Russen trotz der gespannten Situation auch weiterhin ihre Kriegs- schiffe in englischen Häfen reparieren lassen konnten und daß die englischen Behörden geflohene russische Matrosen mit Gewalt auf die russischen Schiffe zurückbrachten.
    Dem Zaren kam der Erfolg bei Sinope sehr ungelegen. War doch Gortschakow gerade im Begriff, den Feldzug von 1853 zu beenden und in die Winterquartiere einzurücken. Im Winter sollte den Diplomaten das Feld überlassen bleiben
    Die englische Presse war außer sich über diese »neue Szene der diplomatischen Komödie« in den Donaufürstentümern und über die haltlose Politik des rußen freundlichen Kabinetts Aberdeen, das sich weigere, Nikolaus angebliche Defensivhaltung als Taktik zu durch schauen und dem Zaren die Maske der Heuchelei vom Gesicht zu reißen Die Morning Post gab ihren Lesern zu verstehen, daß der unliebsame Vorfall bei Sinope sich niemals ereignet hatte, wenn Palmerston Premier oder wenigstens Außenminister gewesen wäre Von


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    Hinterlist und Barbarei, einem heimtückischen Attentat und Gemetzel war die Rede.
    Der russischen Führung waren die Nachschubtransporte der Türken an der Nordküste Anatoliens entlang Richtung Batum seit langem ein Dorn im Auge. Die Türken unterstützten im Kaukasus nicht nur die aufständischen Bergvölker, sondern seit kurzem auch eigene Truppen, die auf russisches Gebiet vorgedrungen waren.
    Als Vizeadmiral Nachimow, der das in Sewastopol stationierte Schwarzmeergeschwader befehligte, von einem schnellsegelnden Dampfer die Nachricht erhielt, daß sich ein Großteil der türkischen Flotte auf dem Weg nach Batum in die Bucht von Sinope zurückgezogen hatte, um dort vor schlechtem Wetter Schutz zu suchen, lief er unverzüglich aus, schickte zwei Dampfer zum Rekognoszieren los und drang dann, als die Türken sich nicht rührten, mit 15 Schiffen in die tiefe, pilzförmige Bucht ein, um die dort vor Anker liegenden Schiffe zusammenzuschießen. Das Ganze hatte, wie Engels am 9. Januar 1854 nach dem Einholen aller zur Verfügung stehenden Informationen treffend feststellte, mehr den Charakter einer Kanonade auf dem Festland, da die Russen selber Anker geworfen hatten, um nicht an die Küste getrieben zu werden.
    Die Meldungen waren widerspruchsvoll. Obwohl die Türken, die mit ihren Schiffen seit sechs Tagen auf der Reede von Sinope lagen, von den Minaretten der Stadt aus das Auftauchen von Mastspitzen hätten beobachten können, waren sie völlig überrascht worden. Engels schenkte den türkischen Meldungen mehr Glauben als den russischen; wohl nicht der Nebel, sondern das Hissen der britischen Fahne hätte den Russen die unbehinderte Annäherung ermöglicht. Die sprichwörtliche Arroganz der Seefahrernation hatte offensichtlich auf ihn abgefärbt; abfällig schrieb er, daß »die Möglichkeit, ganz auf seemännische Taktik und auf jegliches Manövrieren verzichten zu können, den Russen sehr zustatten kam, da der Mannschaftsbestand ihrer Flotte im Schwarzen Meer sich fast ausschließlich aus >Landratten<, besonders polnischen Juden, zusammensetzt«. Die taktische Kühnheit dieser Operation entging ihm völlig.
    Der Kampf hatte sich von halb ein Uhr mittags bis eine Stunde nach Sonnenuntergang, rund vier Stunden lang, hingezogen. Die Küstenbatterien - Kastelle aus Zeiten, in denen es noch keine Artillerie gab
    - hatten dabei kaum in den Kampf eingreifen können, weil die eigenen


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    Schiffe im Schussfeld lagen. Vor allem hatte sich der Pulvervorrat in den türkischen Transportschiffen als Verhängnis erwiesen.
    Aber auch die Russen waren nicht ohne Verluste geblieben. Mehrere Kriegsschiffe, durch den Verlust ihrer Masten manövrierunfähig, mussten von Dampfern aus der Bucht bugsiert und abgeschleppt werden.
    Überall bekamen nach der Seeschlacht von Sinope die Falken Auftrieb. Der Außenminister Frankreichs gab dem französischen Admiral Hamelin die Erlaubnis, ins Schwarze Meer einzudringen, doch sollte sich die Form des Aufeinandertreffens zwischen den Flotten erst einmal nach höflichen Spielregeln abwickeln, nämlich »jedes russische Fahrzeug, welchem die unsrigen auf dem Meer begegnen, künftig einzuladen, nach dem Hafen von Sewastopol zurückzukehren«. Die Besitznahme des Schwarzen Meeres war nunmehr als Gegenpfand bis zur Räumung der Fürstentümer gedacht.
    Der englische Gesandte gestand immerhin den feinsinnigen Unterschied zu, daß man sich anders verhalten würde, wenn das türkische Geschwader an der asiatischen Küste Russlands und nicht auf türkischem Boden angegriffen worden wäre; dann hätten sie die Schlacht »nur als einen der gewöhnlichsten, wenn auch traurigen Wechselfälle des Krieges betrachtet«. Trotz langer Memoranden brachte Nesselrode die Angelegenheit auf den Punkt mit der Frage, was daran zu tadeln sei, wenn Feindseligkeiten mit Feindseligkeiten beantwortet würden, schließlich befänden sich Türkei und Russland im Krieg. Er schlug vor, um die gefährliche Situation - die »drohende Anwesenheit von 3000 Feuerschlünden« - zu entschärfen, eine Art Waffenstillstand zur See einzuführen. Schließlich gäbe es berühmte Beispiele:
    trotz der Seeschlacht von Navarino, als Engländer und Franzosen während des griechischen Befreiungskrieges das türkisch-ägyptische Geschwader versenkten, »hörten England und Frankreich niemals auf, sich als im Frieden mit der Türkei befindlich zu erklären«.
    Doch die Eskalation ließ sich nicht aufhalten und bewies einmal mehr die Gültigkeit des Sprichwortes: Wenn zwei dasselbe tun, ist es niemals dasselbe. »Ein unheilvoller Triumph für die Sieger«, kommentierte der Franzose Bazancourt. In der Tat brachte die Seeschlacht bei Sinope nur den Türken Vorteile. Am 7. Januar 1854 überbrachte die englische Fregatte Retribution in Sewastopol die Erklärung der Westmächte, daß sie von nun an mit eigenen Schiffsabteilungen die türkischen


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    Transportschiffe auf dem Weg in Richtung Kaukasus begleiten würden.
    »Die Wracks der in den Grund gebohrten und verbrannten Schiffe waren noch sichtbar, als wir in dem elenden kleinen Seehafen ankamen, der ein so schreckliches Interesse erlangte«, schrieb der Engländer Humphrey Sandwith, als er ein Jahr später auf dem Weg nach Armenien mit einem Dampfer in Sinope ankam, um als Arzt auf Seiten der Türken zu arbeiten.
    Immer noch war keine Klarheit über den Ablauf der Schlacht zu bekommen: »Nach einigen Berichten fochten die Türken wie die Löwen, nach anderen flohen sie wie die Schafe davon.« Aber seiner Meinung nach wäre es selbst für ein englisches Geschwader keine Schande gewesen, sich dieser Übermacht ergeben zu haben. Selbst für die »armen Matrosen«, die auf der Flucht von den sinkenden türkischen Schiffen die flüchtenden Bewohner an der Küste beraubt hatten, fand Sandwith Verständnis; schließlich waren es Conscribirte, also Gepresste, die nur die Gelegenheit ergriffen, in ihre Heimat zu desertieren. Die Mannschaft eines gesunkenen englischen Schiffes war sogar aller ihrer Kleider beraubt worden.
    Die Marineexperten trafen die Vorgänge von Sinope wie ein Schlag. Die Russen hatten zum ersten Mal durch den Einsatz von Sprenggranaten den Beweis geliefert, daß die Zeit der hölzernen Kriegsschiffe vorbei war, welche die Admiräle in London und Paris noch immer den eisernen Schiffsrümpfen vorzogen. Im Gegensatz zu den alten Vollkugelgeschossen waren die neuartigen Explosivgranaten nicht nur in der Lage, die Schiffswände zu durchschlagen, sondern auch in Brand zu setzen. Es war Prinz Albert, der die Schlacht von Sinope für ein erstes Zeichen der »größten Revolution in der Kriegsführung zur See« hielt.

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  18. #18
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland

    Das Spiel mit dem Feuer

    Als am 16. Dezember das sogenannte Wiener Protokoll am Bosporus eintraf, war es durch die Ereignisse von Sinope bereits überholt. In der Zwischenzeit hatten die vier Gesandten unter Stratford aber wieder einmal selbst die Initiative ergriffen und ein Schriftstück für die Türken aufgesetzt, das auf Anweisungen von Clarendon und Drouyn de Lhuys von Ende November zurückgriff. Einzige Vorbedingung für



    Seite 94

    die Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen war die Räumung der Fürstentümer durch Russland, also genau das, was der Zar erst nach einer befriedigenden Regelung zu tun gedachte. Als das Wiener Protokoll dann schließlich eintraf, beschlossen die vier Gesandten, es erst einmal nicht weiterzugeben, um Komplikationen zu vermeiden, was nun wiederum beträchtlichen Ärger in Wien auslöste. Besorgt schickte Clarendon der Anweisung zum Einlaufen der Flotten in das Schwarze Meer die Auflage hinterher, die Türken von Seeoperationen ohne vorherige Absprache mit den beiden Admirälen abzuhalten. Trotz allem: der Schutz türkischer Flotteneinheiten und Häfen bedeutete eine Defensivallianz mit der Türkei, ohne es so zu nennen; Aberdeen und Gladstone konnten hoffen, daß »auf diese Weise der Frieden auf dem Schwarzen Meer erhalten bleibe; Palmerston wusste, daß man so zum Krieg kommen müsse, und die Königin ahnte es«.
    Die Times entzog nach Sinope Aberdeen ihre Unterstützung und schrieb am 14. Dezember, das englische Volk sei entschlossen, »nicht zu erlauben, daß Russland Europa Bedingungen diktiere oder das Schwarze Meer zu einem russischen See mache. Es verlange, daß eine Politik der vollendeten Heuchelei durch eine exemplarische Niederlage bestraft werde.«
    Zwei Wochen nach seinem Rücktritt trat Palmerston wieder in Aberdeens Kabinett ein. Die »Komödie der Demission« war gelungen, seine Position nun gefestigter als vorher, nachdem er vor der Öffentlichkeit die Unfähigkeit Aberdeens als Krisenmanager bewiesen hatte. Am 31. Dezember 1853 notierte Prokesch-Osten in Frankfurt:
    »Der Wiedereintritt Lord Palmerstons und die Nachricht der Preußischen Zeitung von der russischen Mobilmachung gelten hir für Anzeichen, daß der Krieg unaufhaltsam sei.«
    Für Prokesch arbeiteten Stratford und vor allem Palmerston auf den Bruch hin: »Die Macht, die von Anfang an einen anderen Weg ging, war England... Und wollte England den Krieg, so schrumpfte die Sendung Menschikows zu einem Vorwand zusammen!« Bestürzt schrieb er Graf Ficquelmont, von den protestantischen Regierungen sei nach seiner Ansicht »gar kein Verständnis religiöser Bedürfnisse mehr zu erwarten und von den katholischen kaum mehr. Daher auch die gänzliche Nichtachtung der religiösen Seite der orientalischen Frage. Keine Regierung, mit Ausnahme der russischen, kennt das Gewicht des religiösen Elements. Die sogenannten Bestrebungen der


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    Westmächte für die Christen sind ein schlagender Beweis ihres Unglaubens und ihrer Unfähigkeit, religiöse Bedürfnisse zu verstehen«.
    Daß die Türken in ihrer Antwortnote an die Großmächte darum baten, Mitglied der europäischen Föderation zu werden - ein Punkt, der zur Zeit des Wiener Kongresses niemals überhaupt zur Debatte gestanden hätte -‚ war eine bemerkenswerte neue politische Entwicklung, da sich damit das Osmanische Reich der völkerrechtlichen Praxis unterwarf, und dies, nachdem es ein paar Monate vorher noch jedes Vertragswerk rigoros abgelehnt und immer auf gnädig erteilten Versicherungen bestanden hatte.
    Andererseits ahnten die selbständigen türkischen Staatsmänner, daß das Osmanische Reich mehr und mehr in neue Abhängigkeiten geriet und die eigene Entscheidungsfreiheit zunehmend eingeengt wurde. In der Tat wurden die Türken gar nicht gefragt, ob sie mit dem Erscheinen der westlichen Kriegsschiffe im Schwarzen Meer überhaupt einverstanden waren. Reschid Pascha fühlte sich in einem Ausmaß brüskiert, daß er bemerkte, sich »am Ende noch mit den Russen verstehen zu müssen«. Bruck hatte klar erkannt, daß es England um die Schwächung Russlands und die Hegemonie in Europa ging und nicht um das vielzitierte Gleichgewicht. Wie er meinte, schwebte England die Errichtung eines zweiten Gibraltar bei den Dardanellen vor, um das Mittelmeer von einem Ende bis zum anderen zu beherrschen. Die Zeiten waren vorbei, in denen es sich die Türken verbaten, das »Marmarameer als eine Herberge anzusehen, wo die ganze Welt ohne ihre Zustimmung ein und aus gehen könne«.
    Am 18. Januar 1854 erklärten sich die Vertreter der vier Mächte in Wien mit der türkischen Antwort auf ihr Protokoll identisch, um den beiden kriegführenden Parteien eine Gelegenheit zu bieten, »in würdiger und ehrenhafter Weise sich wieder einander zu nähern, ohne daß Europa noch langer durch das Schauspiel des Krieges betrübt wird« Aber inzwischen war eine neue Entwicklung eingetreten, die über Buols Vermittlungskünste hinwegging
    Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt brach Ende Januar 1854 in dem noch von den Türken besetzten Teil Griechenlands ein Aufstand aus, der sich von Thessalien bis nach Albanien und Mazedonien ausbreitete und einen griechischen General veranlasste, die provisorische Regierung eines neuen byzantinischen Reiches auszurufen Diesmal


    Seite 96

    wollte der Zar die Revolte für seine Zwecke ausnutzen und ließ seinen diplomatischen Vertretern im Ausland ein Rundschreiben zur Kenntnis bringen, indem er die Empörung der christlichen Untertanen der Pforte offen billigte.
    Auch im Königreich Griechenland dachte man daran, nunmehr eine Korrektur der damaligen Verträge vorzunehmen, in denen das freie Hellas auf der Peloponnes und den Süden der Halbinsel bis Thessalien beschränkt worden war. Sie unterstützten die Aufständischen durch Sammlungen und Waffenlieferungen. Das Osmanische Reich geriet dadurch ebenso wie die Westmächte in eine peinliche Lage: »Die Pforte rechnete bei dem Kampf gegen Russland auf den Beistand der christlichen Staaten, namentlich Englands und Frankreichs. Sie konnte also zu dem Krieg gegen die Aufständischen nicht als Kampf für den Islam aufrufen«, so Wilhelm Rüstow 1855. Und auch die Westmächte machten sich unglaubwürdig. Nur dreißig Jahre zuvor hatten die Westmächte zusammen mit Russland den Krieg gegen die Türkei zur Befreiung Griechenlands mit dem Hinweis auf die Todfeindschaft zwischen Christentum und dem Islam geführt; nun galt es, die öffentliche Meinung um 180 Grad herumzureißen und für einen Krieg zu begeistern, bei dem der ehemalige Todfeind der Verbündete und der ehemalige Bündnispartner, ein Mitglied der christlichen Pentarchie von Wien, nunmehr der Feind, der Vertreter eines »abscheulichen Weltreichs« war.
    Die Politiker versuchten, sich dadurch aus der Affäre zu ziehen, indem sie den Insurgenten vorwarfen, ihre Zeit falsch gewählt zu haben! Auch stand es in der Öffentlichkeit mit dem Ansehen Russlands nicht zum Besten. Seit der Niederschlagung des polnischen und ungarischen Aufstands galt Nikolaus 1. als der Gendarm von Europa. Nachdem er sich zum Schiedsrichter in den Angelegenheiten Preußens und Österreichs gemacht hatte, wollten England und Frankreich es nicht dulden, daß er sich auch noch die Schiedsrichterrolle in der orientalischen Frage anmaßte. Die Erinnerung an die Verdienste Russlands als Befreier von Napoleon I. waren verblasst. Nur Österreich war bei den Demokraten Europas noch verhasster als Russland; schließlich hatten die Ungarn, als der Aufstand 1849 zusammenbrach, darauf bestanden, vor den Truppen des Zaren zu kapitulieren und nicht vor den Österreichern.
    Der Gang der Ereignisse schien unaufhaltsam. Victoria sprach in


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    einem Brief an Aberdeen den Verdacht aus, daß Stratford nur einen Anlass suche, einen Zusammenprall zwischen der russischen und der englisch-französischen Flotte zu provozieren, um »uns damit unwiderruflich zu engagieren. Warum sollten drei arme türkische Dampfer nach der Krim gehen, wenn nicht um die russische Flotte zu reizen, aus Sewastopol herauszukommen«. Düster gestimmt zweifelte Aberdeen an den letzten Friedenschancen, da »die friedfertige Sprache von beleidigenden und feindlichen Handlungen begleitet wird«.
    Auch Nikolaus hoffte nicht mehr, die Feindseligkeiten auf einen rein russisch-türkischen Krieg begrenzen zu können. Am 25. und 26. Januar stellten Brunnow und Kissilew in London und Paris die Frage, ob die Türkei berechtigt sein solle, Russland anzugreifen und ob es richtig sei, den türkischen Schiffen den Transport von Kriegsmaterial zu erlauben, den russischen dagegen zu verbieten. Die beiden westlichen Flotten erlaubten den Türken die offensive Kriegsführung - »das aber hieße tätigen Anteil an einem Kriege nehmen, welchen die beiden Mächte uns zur Stunde nicht erklärt haben«.
    Am Monatsende erhielten die beiden russischen Gesandten eine Antwort, die ihnen keine andere Möglichkeit mehr als die Schließung der Botschaften und die Abreise ließ: Die beiden westlichen Flotten seien im Schwarzen Meer, um »ein zweites Sinope« zu verhindern. Die Vernichtung der »friedlich« vor Anker liegenden türkischen Flotte habe ja bewiesen, daß die versöhnliche Stimmung der britischen und der französischen Regierung verkannt oder unbeachtet geblieben sei. In einer Depesche sprach Clarendon sogar von zwei großen Armeen, die der Zar auf die Beine gebracht habe, um Konstantinopel zu erobern; es war die alte Legende vom Griff nach den Dardanellen. Russland stand vor den Scherben seiner Orientpolitik. Hübner bekam nachträglich Recht mit seiner Feststellung, mit dem Tag, an dem die Russen den Pruth überschritten hätten, habe sich »die orientalische Frage zu einer europäischen verwandelt«.
    Noch bevor der Bruch der Westmächte mit Russland unabwendbar schien, schrieb Napoleon III. am 29. Januar dem Zaren einen Brief, der sehr persönlich schien und doch nur in erster Linie dazu diente, den Verfasser in ein gutes Licht zu setzen.
    Er wies die Behauptung zurück, das von beiden Seemächten beliebte »System des Drängens« habe allein der orientalischen Frage einen bösartigen Charakter gegeben. Im Gegenteil, die Pforte sei durch


    Seite 98

    Russland in ihrer Würde verletzt und in ihrer Unabhängigkeit bedroht worden, und habe es vorgezogen, lieber den Krieg zu erklären als in diesem Zustand der Ungewissheit und Erniedrigung zu verharren.
    Sinope diente als Alibi. Man sei nun an einem Punkt angelangt, an dem es endlich zu einer Verständigung oder zu einem Bruch kommen müsse. Als »ehrenvollen Vergleich« schlug er die Rücknahme der Flotten vor, wenn der Zar die Fürstentümer räumte, als ersten Schritt wohlgemerkt!
    Bevor der Brief Napoleons III. überhaupt in den Händen des Zaren war, traf am 2. Februar in Wien die russische Antwort auf die letzte Depesche der WienerKonferenz ein. Der Zar gab zwar seine Zustimmung zu direkten Verhandlungen mit der Pforte an einem neutralen Ort - also genau das, was ihm angeboten worden war -‚ nur war von der bereitwilligen Räumung des Donauraums keine Rede. Im Gegenteil. Er verlangte als Gegenforderung noch einmal zuerst den Abschluss eines Friedensvertrages, der die bisher geltenden russisch- türkischen Verträge bestätigte.
    Damit waren die Bemühungen, eine Basis für Friedensverhandlungen zu finden, gescheitert.
    Am 9. Februar beantwortete der Zar auch den Brief Napoleons III., den er sowieso, wie eine Randglosse belegt, als »würdelosen Hohn« empfand. Es war sogar ganz geschickt, daß er den Spieß umdrehte und die Frage stellte, ob nicht Napoleon, der ja von dem lebhaften Gefühl für Nationalwürde gesprochen habe, sich in seiner Lage nicht genauso verhalten würde, Drohungen und Ultimaten wären nicht geeignet, den Abschluss des Friedens zu erleichtern.
    Zum Schluss konnte er sich nicht eine verletzende Anspielung versagen: »Russland, dafür verbürge ich mich, wird sich im Jahr 1854 so zeigen wie 1812.«
    Napoleon III teilte Hübner mit, nun bleibe ihm nichts anderes übrig, als »unsere englische und französische Expeditionsarmee nach Konstantinopel zu senden« Dann ging er zu einem Kostümball
    Es war nur konsequent, daß die beiden Botschafter in Petersburg daraufhin ihre Demission einreichten - Seymour übrigens kühl und unfreundlich behandelt, Castelbajac dagegen vom Zaren mit einem hohen Orden ausgezeichnet Dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen folgte in London die Veröffentlichung der Seymour Gespräche und in Paris die Publikation des Zarenbriefes Nun begann


    Seite 99

    sich auch die französische Öffentlichkeit mit einem Krieg abzufinden; der Hinweis auf das Jahr 1812 und den Untergang der Großen Armee musste die Franzosen verletzen und geradezu Hassgefühle wecken.
    Napoleon III. war sich nun sicher, an der Seite Englands in den Krieg zu gehen. Im Februar schlug er der britischen Regierung vor, die Streitkräfte der Alliierten zu vereinen: Frankreich solle den Oberbefehl zu Land und England den zur See übernehmen, was angesichts der Tatsache, daß England zwar über die größte Flotte der Welt, doch nur über eine lächerliche Anzahl von Soldaten verfügte, ganz vernünftig klang. Im französischen Offizierskorps gab es aber auch Stimmen, die von einem englischen Krieg sprachen, der auf sie zukäme, wenn auch Napoleon III. nicht daran dachte, etwa nun die Rolle des britischen Festlandsdegens zu übernehmen.
    Auch die Thronrede vom 2. März trug dazu bei, die Franzosen mit dem Gedanken eines Krieges vertraut zu machen, obwohl das Land lieber einer Zeit der wirtschaftlichen Erholung entgegengesehen hätte: Der russische Einfall in die Donaufürstentümer bedrohe die Zivilisation. Wenn Russland Konstantinopel besitze, beherrsche es das Mittelmeer. Der Zweck des Kriegs sei, sowohl den Sultan zu verteidigen als auch die Rechte der Christen zu sichern - und Deutschland vor einem übermächtigen Nachbarn zu schützen!
    So ganz uneigennützig schien dieser Verteidigungskrieg dann doch nicht zu sein, da er hinzufügte: »Konstantinopel beherrschen heißt das Mittelmeer beherrschen. Diese Politik verfolgen wir nicht erst seit gestern. Seit Jahrhunderten hat sie jede patriotische Politik in Frankreich vertreten, und ich werde nicht davon abgehen.«
    Und nun ging alles Schlag auf Schlag. Am 12. März unterzeichneten England und Frankreich mit der Türkei einen Allianz vertrag. Am 14. März gab England Russland eine Frist zum Abzug aus den Fürstentümern bis zum 30. April - die Russen hätten sich sogar noch mehr beeilen müssen, ihr nachzukommen, da die Franzosen die Räumungsfrist nur bis zum 15. April zugestanden. Am 18. März gab Russland aus dem Mund Nesselrodes die klassische Diplomatenformulierung ab, der Zar hielte es nicht für nötig, den englischen und französischen Noten eine Antwort zu erteilen. Am 23. März gingen die Russen mit rund 33000 Mann über die Donau. Und am 27. und 28. März - noch hatten sie vom Angriff Russlands keine Kenntnis-, erklärten England und Frankreich Russland den Krieg.


    Seite 100

    »Aber ich kann doch nicht für die Türken kämpfen«, meinte Aberdeen verzweifelt in London. Am 28. März notierte Gladstone, dem das Osmanenreich ein Land voll von Anomalien und Elend schien: »Krieg, Krieg, Krieg! Das ist die Aufregung und der Wirbel des Augenblicks, und ich fürchte, er wird alles Gute und Nützliche verschlingen.«
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  19. #19
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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland


    IV. »Der langweilige Krieg« Ansprachen statt Kohlen
    »Nimm dich in acht
    vor dem Beginn des Streits. Doch bist du drin, führ‘ ihn so, daß dein Gegner sich
    nicht in acht genug kann nehmen.«
    Shakespeare, Hamlet


    Wie wenig die Westmächte auf einen Krieg eingestellt waren, bewies der Stand der militärischen Vorbereitungen. Über ein halbes Jahr dauerte schon der russisch-türkische Krieg; als aber die Westmächte am 12. März 1854 den Bündnisvertrag mit der Türkei unterzeichneten, wusste man weder in London noch in Paris, wie man überhaupt das versprochene Expeditionskorps auf den Kriegsschauplatz bringen sollte. Schon am 24. Februar hatte die Queen in einem Schreiben an Aberdeen vorwurfsvoll festgestellt, die Verpflichtung eingegangen zu sein, 25000 Mann nach dem Osten zu schicken, aber noch nicht einmal 10000 Mann zur Verfügung zu haben. »Welche Zeit erfordert diese neue Organisation?« fragte sich verächtlich der preußische General Roon: »Wie lange wird die Werbetrommel gerührt werden müssen, um diese Puddingfresser aus ihren Werkstätten fortzulocken in das verhasste rote Röckchen?«
    Neben Transportern fehlte es sogar an Heizungsmaterial für die Dampfschiffe, so daß der französische Marschall Saint-Arnaud beim Marineminister Ducos, einem völlig überforderten ehemaligen Kaufmann aus Bordeaux, ironisch anfragen ließ, ob man denn die Kessel anstatt mit Kohlen mit dem Patriotismus der Matrosen zu heizen beabsichtige. Die Nachricht vom Übergang der Russen über die Donau schlug wie eine Bombe ein. Pessimisten sahen die Zarenarmee wie immer schon vor den Toren von Konstantinopel.
    Immerhin war bereits im Januar von dem englischen General Burgoyne und dem französischen Genieoberst Ardant, die man nach Konstantinopel geschickt hatte, die Halbinsel Gallipoli als günstigste Operationsbasis bzw. bester Verteidigungspunkt bestimmt worden, wo man sich notfalls wieder einschiffen konnte.
    Am 11. März beschloss Frankreich, eine Orientarmee in der Stärke


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    von 50000 Mann aufzustellen. Oberbefehlshaber wurde auf Wunsch Napoleons III. Kriegsminister Leroy de Saint-Arnaud, der 1851 die Operationen gegen die Kabylen in Algerien geleitet hatte und nach seinen Verdiensten beim Staatsstreich 1851 in den Rang eines Marschalls befördert worden war. Um den Engländern durch eine Elitetruppe zu imponieren, zog man rund 20000 der besten Soldaten aus allen Regimentern ab, »welche das stärkste Bindemittel und die Kandidaten für Unteroffiziere waren, jetzt aber wenig Aussicht auf Beförderung hatten und daher unzufrieden waren«.
    Auf englischer Seite war das Durcheinander noch größer. So musste der erste Seelord, der die Verantwortung für die Operation trug, feststellen, daß es sieben unabhängige Ämter gab, die bei jeder Organisationsfrage zu berücksichtigen waren. Im Februar 1854 stand der Admiralität kein einziges Transportschiff zur Verfügung, da der Transport in die Kompetenz des Proviantierungsamtes fiel. Da gleichzeitig die Ostseeflotte aufgestellt wurde, war an dampfgetriebenen Kriegsschiffen ein so großer Mangel, daß die Admiralität erst einmal Postdampfer requirierte, was zu einem Engpass in der Postlieferung führte.
    So blieb der Transport der Artillerie und des schweren Kriegsmaterials den Segelschiffen vorbehalten mit dem Ergebnis, daß die Infanteristen, die auf den Dampfern auf dem Weg in die Levante gut vorankamen, auf ihre Kameraden von der Artillerie warten mussten, da die Segelschiffe bei Gegenwind liegenblieben.
    Nach einem Bonmot des Prinzgemahls waren die zuständigen Behörden nur daran interessiert, die Armee auf eine Ansammlung von Bataillonen zu reduzieren, so undurchsichtig war der Vorgang von Bestellung, Lieferung und Kontrolle. Bei Manövern, die nun angesetzt wurden, kamen ganze Einheiten abhanden, weil die Offiziere sie nicht zu kommandieren verstanden. Nur die Uniformierung galt als brillant. Ein Artillerieoffizier fasste den Zustand der britischen Armee in den Worten zusammen, daß sie aus einem heillosen Durcheinander bestehe - »wie ein Misthaufen«.
    Zu Beginn des Feldzugs gab es keinen Offizier, der nun hätte genau sagen können, worum es in diesem Krieg eigentlich ging.
    Der öffentlichen Begeisterung tat dies keinen Abbruch. Die Königin konnte es nicht fassen, welche Popularität der Krieg gegen Russland besaß. Durch die Straßen Londons zog die Menge mit entrollten


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    Fahnen, patriotische Lieder singend, vor dem Buckingham-Palast jubelte sie der Queen zu, die sich auf dem Balkon mit Prinzgemahl Albert und dem zwölfjährigen Prince of Wales zeigte. Ein Geistlicher schwärmte davon, daß der Krieg den gärenden Unglauben beseitigen würde wie die »weibische Frivolität, die unsere Dichtung ebenso wie unsere Aktionen paralysiert«. Im Oberhaus erklärte Lord Lyndhurst unter tosendem Beifall, die Russen seien eine barbarische Nation, der Feind allen Fortschritts, und wenn Russland zum Herzen Europas vorstoßen würde, dann sei dies das größte Unglück für die menschliche Rasse.
    Der Schriftsteller Thomas Carlyle blieb nüchtern: »Der russische Krieg; die Soldaten marschieren ab usw. Niemals zeigte sich ein solcher Enthusiasmus unter dem Volk. Mich läßt die ganze Sache völlig kalt«, notierte er.
    Nicht der Kriegsausbruch, sondern die Einrichtung eines geräuschfesten Zimmers in seinem Haus in Cheyne Row, in das er sich vor den Störungen der Welt zurückziehen konnte, um endlich ungestört an »jenem elenden Friedrich« weiterzuarbeiten, stellte für Thomas Charlyle das große Ereignis dar. »Was dann das Anwachsen der russischen Macht usw. betrifft, so würde ich lieber warten, bis Russland sich in meine Sachen mischte, ehe ich das Schwert zöge, um das Anwachsen seiner Macht zu hindern. Es ist das müßige Volk der Zeitungsschreiber, das diesen Zustand herbeigeführt hat. Man sieht es deutlich, daß selbst die Minister wider Willen in der Sache vorwärts gehen. Ich habe noch keinen vernünftigen Menschen gesehen, der sich nicht privatim völlig meiner Meinung zuneigte.«
    Zwar hatten sich der Herzog von Cambridge, der eine Englische Division führte, zusammen mit Saint-Arnaud und dem neuen Kriegsminister Vaillant bei Napoleon III. in den Tuilerien zu Beratungen getroffen, aber einen Kriegsplan gab es auch noch nicht, als die ersten Truppen in Marseille schon Mitte März verschifft wurden. Was den Feldzug beträfe, so meinte der in Frankreich lebende polnische General Chrzanowski, so habe man das Geheimnis bewahrt wie die Freimaurer das Ihrige, indem sie keines haben - die Pläne könnten gar nicht preisgegeben werden, »weil es keine gäbe«. Entsprechend groß war die Unordnung auch in den Einschiffungshäfen Toulon und Marseille. Viele Fahrzeuge waren seeuntüchtig, das Kriegsmaterial stellte sich als mangelhaft heraus. Niemand habe »bezüglich des zukünftigen


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    Kriegsschauplatzes eine Ahnung«, gestand der Herzog von Cambridge Hübner ein, nachdem er Vertrauen zu ihm gefasst hatte: »Wird er an der Donau, in der Krim oder in Asien sein? Niemand weiß es. Und doch sind wir unterwegs, aber wohin? Ins Unbekannte hinein.«
    Unliebsame Erinnerungen kamen in Frankreich hoch, als mit Lord Raglan ein ehemaliger Adjutant des Siegers von Waterloo von der englischen Regierung zum Oberkommandierenden der britischen Invasionsarmee ernannt wurde. Immerhin war Raglan, der bei Waterloo einen Arm verloren hatte, Napoleon III. nicht unbekannt; der Kaiser hatte ihn während seines Exils in London kennengelernt und war durch ihn auch Wellington vorgestellt worden. Lord Raglan hätte eigentlich dessen Nachfolger werden sollen, bekam aber nur den Posten des Chefs des Nachschubwesens. Der nunmehr 65 Jahre alte Lord galt als umgänglich und arbeitswütig. Es war bekannt, daß er auch nach Dienstschluss Akten mit nach Hause nahm, obwohl niemand so recht zu sagen vermochte, worin nun eigentlich seine Arbeit bestand.
    Am 24. April musterte Marschall Saint-Arnaud in Toulon die Division Forey vor der Einschiffung, nicht ohne eine seiner bekannten heroisch-knappen Ansprachen zu halten, ganz im Geist des ersten Tagesbefehls aus Marseille: Die Türken seien ungerechterweise angegriffen worden, Frankreich und England nun Freunde und Verbündete; es gelte Einigkeit und Herzlichkeit im Lagerleben zu zeigen, da man Seite an Seite nicht nur mit Engländern, sondern auch mit Türken und Ägyptern kämpfen würde - »die Adler des Kaiserreiches beginnen aufs neue ihren Flug, nicht um Europa zu bedrohen, sondern um es zu verteidigen«. Nach dem Ende seiner Ansprache hatte der neue Oberbefehlshaber aber erst einmal Schwierigkeiten, überhaupt einen Dampfer nach Konstantinopel zu bekommen, da die ersten, die ihn an Bord nehmen sollten, durch Maschinenschaden ausfielen.
    Kaum in Konstantinopel eingetroffen, wurde die neue Waffenbrüderschaft zwischen den westlichen Verbündeten einer Zerreißprobe unterworfen, als es um die Frage des Oberbefehls über die gesamte Invasionsarmee ging. Für Saint-Arnaud war es das Selbstverständlichste, daß der ranghöchste und zahlenmäßig über das stärkste Kontingent verfügende Befehlshaber - also er selbst! - auch das Oberkommando übernahm, was von Lord Raglan sofort zurückgewiesen


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    wurde, der sich ausschließlich dem Staatssekretär in London unterstellt betrachtete. Stratford, der von dem abgereisten eifersüchtigen d‘Hilliers nichts mehr zu befürchten hatte, klärte Saint-Arnaud über den Artikel IV des Vertrages von Konstantinopel vom 12. März auf, in dem ausdrücklich festgelegt war, »daß der allgemeine Kriegsplan zwischen den Oberbefehlshabern der drei Heere beraten und vereinbart werden wird«.
    Acht Tage vor Saint-Arnaud war bereits am 1. Mai Prinz Napoleon (Plonpion) in Konstantinopel angekommen und bekam vom Sultan den Palast Ftig zur Verfügung gestellt, als ob es sich um den Oberkommandierenden handelte. Saint-Arnaud bezog außerhalb der Stadt sein Quartier und bekam als Geschenk sechs Reitpferde.
    Er wurde von zwei französischen Offizieren erwartet, die bereits in Schumla Omer Pascha kennengelernt hatten, sodass sie ihren Chef auf das geplante Zusammentreffen mit dem türkischen Generalissimus vorbereiten konnten: er besäße eine vornehme Physiognomie, sei ganz offen, benutze nie eine Landkarte und wüsste nicht einmal, wie groß seine Armee sei! Zu den Plänen Omer Paschas wussten sie nur mitzuteilen, daß er in Schumla stehen bleiben wolle, weil es den Russen vermutlich gesundheitlich genauso schlecht gehe wie den Türken; wenn sie sich einen Monat in der Dobrudscha aufgehalten hätten, dann bedeute das für ihn so viel wie eine gewonnene Schlacht.
    Diese orientalische Gemütsruhe behagte dem französischen Oberkommandierenden überhaupt nicht. Er hielt eine längere Untätigkeit in der gegenwärtigen Lage für unerträglich, da die Diplomatie an der Grenze ihrer Wirksamkeit angelangt sei: »Die Türken warten ab, die Österreicher warten ab, die Wallachen warten ab, Europa wartet ab.«
    Patriotisch, Antiislamisch, Proisraelisch, Für ein Europa der Nationen und der Christlich-Jüdisch (-Heidnischen) Identität pro-Köln Pro-Nrw Pro-Berlin Pro-Deutschland

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    Standard AW: German Werth Der Krimkrieg : Geburtsstunde der Weltmacht Russland


    Von der Ostsee nichts Neues

    Da es noch keinen Kriegsplan gab und der Transport der Landtruppen in den Orient auf sich warten ließ, beschloss die englische und französische Führung, erst einmal ihre Seestreitkräfte einzusetzen, um den Fuchs in seinen Bau zu treiben. Charles Napier, der frisch zum Befehlshaber der Ostseeflotte ernannte Dampfschiffspezialist, forderte die Konzentration aller Kampfmittel in der Ostsee und die Einnahme von Petersburg. Er war gegen jedes Orientabenteuer, weil er eine


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    Invasion Russlands auf den britischen Inseln befürchtete, obwohl die Vereisung der Ostsee bis ins späte Frühjahr einen russischen Angriff unmöglich machte.
    Noch vor der offiziellen Kriegserklärung verließ am 11. März, am Tag des Abschlusses der englisch-französischen Allianz, eine erste Flotteneinheit unter Admiral Napier die Reede von Spithead, um die russischen Häfen in der Ostsee zu blockieren und die neutralen Handelsschiffe, die mit Konterbande, d. h. für die Russen kriegswichtigen Gütern unterwegs waren, abzufangen. Da er auf kein einziges Segelschiff angewiesen war, verfügte Napier über eine große Beweglichkeit; die Franzosen folgten mit großer Verspätung.
    »Jungens, der Krieg ist erklärt. Wir werden es mit einem kecken und zahlreichen Feind zu tun haben! Wetzt Eure Messer und der Tag ist Euer!« hieß es in Napiers Tagesbefehl. »Dieser Zuruf« - so ein Kommentator aus Leipzig - »welcher unmittelbar vor einem Gefecht Wunder der Tapferkeit hätte hervorbringen können, hatte das Schicksal aller unzeitig gegebenen Tagesbefehle: er kontrastierte mit der Wirklichkeit«. Die Dampfgeschwader der Engländer suchten vergeblich nach russischen Kriegsschiffen. Karl Marx in London begnügte sich damit, »von der Ostsee nichts Neues« zu vermelden.
    In den folgenden Monaten unternahm die alliierte Flotte verschiedene Vorstöße und beschoss im Finnischen Meerbusen Häfen und Werftanlagen. Dabei schadete sie weniger der russischen Militärmacht, »als daß sie den bescheidenen Wohlstand der kleinen finnischen Hafenorte vernichtete«.
    Es stellte sich heraus, daß der Schiffsverkehr zwischen Preußen oder anderen neutralen Staaten mit Russland gar nicht unterbrochen werden konnte, da er dicht unter der Küste verlief und die Alliierten keine flachgehenden Dampfboote besaßen, um in Küstennähe zu operieren. Da viele Handeishäuser davor zurückschreckten, sich während des Krieges auf größere Unternehmungen einzulassen, bekamen besonders risikofreudige Kaufleute große Profitmöglichkeiten, wenn es ihnen egal war, wer gegen wen Krieg führte. Zu diesen Kriegsgewinnlern gehörte auch der seit 1847 in Petersburg lebende Deutsche Heinrich Schliemann. Er konnte mit Kriegsmaterialien (Salpeter, Schwefel, Blei) beträchtliche Gewinne erzielen und galt bald in Moskau und Petersburg - wie er selber sagte - als »der schlauste, durchtriebenste und fähigste Kaufmann«, und das in einer Zeit, in der viele


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    Geschäftsleute ihr Geld durch »Bankrotte, Feuer, Börsenkrach, Pech« verloren. Nach dem Krieg plante er, sich den Wechselfällen des Handels zu entziehen und seine Jugendträume zu verwirklichen.
    Im August ließen sich die beiden Flottenadmiräle, um mit Einsetzen der Schlechtwetterzeit nicht mit leeren Händen zurückzukehren, auf ein spektakuläres Unternehmen ein. Sie bombardierten die russische Festung Bomarsund auf den Alands-Inseln und setzten innerhalb kurzer Zeit 11 000 Mann mitsamt Artillerie an Land, um die Festung anzugreifen. Die Einnahme Bomarsunds aber war bis auf den Propagandaerfolg wenig nützlich. Die Forts wurden gesprengt. Kaum war der letzte Marinesoldat an Bord, kehrten die Russen zurück.
    Währenddessen war es im Schwarzen Meer schon längst zum ersten ernsthaften Zusammenstoß zwischen Russland und den beiden Westmächten gekommen. Am 21. April erschienen Dampfschiff-Abteilungen der englischen und französischen Flotte vor Odessa, um die Hafenstadt zu beschießen. Beide Admiräle ließen sich das Schauspiel nicht entgehen. Man hatte auch einen offiziellen Anlass gefunden, um eine Bombardierung der kaum geschützten Stadt zu rechtfertigen. Am 6. April war die englische Dampffregatte Furious (500 PS) nach Odessa gefahren, um, wie es hieß, den englischen Konsul an Bord zu nehmen. Dabei waren, während die Schaluppe mit dem Parlamentär zur Fregatte zurückkehrte, von der Hafenbatterie mehrere Schüsse auf das Schiff abgefeuert worden, ein Vorgang, den Vizeadmiral Hamelin als ohne Beispiel in der Kriegsgeschichte der zivilisierten Welt bezeichnete.
    Nach der Lesart der Russen dagegen hatte sich die Fregatte unter dem Vorwand, eine Depesche abzugeben, Hafen und Mole genä1ert, um herauszufinden, wo sich die im Bau befindlichen Batterien befanden. Da keinem feindlichen Schiff die Annäherung auf Tragweite der Kanonen gestattet war, ließ der Kommandant das Feuer eröffnen, das übrigens niemandem Schaden zufügte und auch als Abfolge von sieben Warnschussen gewertet werden konnte Der Kapitän der Furious wiederum gab später zu, daß sein Schiff infolge einer mäßigen Nordwestbrise ganz langsam zur Hafenseite getrieben worden sei
    Am Abend des 22 April standen die Ufergebäude, Wohnhauser und Speicher in Flammen, ein Pulvermagazin flog in die Luft, russische Handelsschiffe sanken Aber auch mehrere französische und englische Kriegsschiffe waren schwer getroffen worden, obwohl sie durch


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    ständigen Platzwechsel »wie Walzertänzer« versucht hatten, den Landbatterien kein festes Ziel zu bieten. Das ganze Unternehmen war ein Fehlschlag. Die westlichen Marineexperten mussten die Erfahrung machen, daß »selbst die elendsten Landbatterien eine unbestreitbare Überlegenheit über Schiffsgeschütze haben«.
    Fürst Paskiewitsch, seit Mitte April verantwortlicher Oberbefehlshaber der Süd front, hatte seit langem mit Beschießungen oder Landungsversuchen gerechnet. Die Getreidevorräte, die in den riesigen Speichern lagerten, waren - ebenso wie übrigens auch die Strafgefangenen - abtransportiert, die Festungsgeschütze mit Munition versorgt und auch mit Glühöfen ausgestattet worden, die man benötigte, um die Kugeln zu erhitzen, mit denen Schiffe in Brand geschossen wurden.
    Paskiewitsch hatte auch Anordnungen für den Fall einer feindlichen Landung herausgegeben; es war der Befehl, »sofort nach dem Ausschiffungsort zu eilen, um das Landen energisch zu verhindern!« Ihm war ganz offensichtlich bewusst, daß eine Invasion wahrscheinlich erfolgreich verlaufen würde, falls man den Gegner nicht möglichst noch am Strand stellte und in das Meer zurückwarf, in einem Augenblick, in dem eine Landungstruppe am empfindlichsten zu treffen war. Die Missachtung dieser Anweisung sollte sich bald als verhängnisvoll erweisen.
    Für seine neue Aufgabe hatte sich der 72jährige Feldmarschall durch tägliche Massagen und Fechtübungen sorgfältig vorbereitet, um nach dem luxuriösen Leben in Warschau für die unvermeidlichen Strapazen eines Feldzugs gewappnet zu sein. Es war eigentlich nur noch der Zar, dessen Vertrauen er besaß; die Langsamkeit und Umständlichkeit seiner Operationen im Ungarnfeldzug waren nicht in Vergessenheit geraten. Besorgt meinte Gerlach in Berlin, die Ernennung »dieses Fabius Cunctator sei die sicherste Bürgschaft gegen kühne Unternehmungen«. Und tatsächlich hatte Paskiewitsch alles andere im Sinn, als große Schlachten zu schlagen oder etwa auf Konstantinopel loszumarschieren. Paskiewitsch stand dem ganzen Unternehmen mit großer Skepsis gegenüber, hatte es jedoch nicht geschafft, dem Zaren den Übergang über die Donau auszureden - »Europa würde es uns in keinem Fall gestatten, unsere Eroberungen zu behalten«. Seiner Meinung nach war die Offensive schon aus dem Grund unsinnig, da eine Versorgung der Truppen auf dem Seeweg entlang der Küsten wie


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    1828/29 wegen der Anwesenheit der alliierten Flotte nicht möglich war, auch wenn ein Fuhrpark von 10000 Gespannen zur Verfügung stand. Denn deren Bespannung, ob Ochse oder Pferd, musste ja mit ernährt werden, so daß nur ein Bruchteil der Fracht am Ende der Truppenversorgung zur Verfügung stand. Paskiewitsch betrachtete die Einnahme Silistrias als »das Äußerste, was man zu erreichen hoffe«.
    Silistria war den Russen noch aus mehreren Feldzügen in guter Erinnerung. 1810 war die Festung von den Russen innerhalb von fünf Tagen erobert und dann geschleift worden. 1828/29 wurde die von den Türken wieder ausgebaute Festung fast ein Jahr von den Russen belagert, wobei - wie Moltke berichtete - die Erd- und Mineur arbeiten und nicht die Artillerie die Hauptrolle gespielt hatten, um Breschen in die Wälle zu sprengen und der Infanterie den Weg zu ebnen, »man zwang alles mit dem Spaten und der Spitzhacke«.
    Nach Beginn der orientalischen Krise war der Platz wieder gut ausgebaut worden, so daß seine strategische Bedeutung nicht mehr »im umgekehrten Verhältnis zur Fortifikation« (Moltke) stand. In einem Abstand von einem Kilometer umgab sie ein Ring neu errichteter einzelner Außenforts bzw. kleinerer Erdwerke, die durch tiefe Schluchten getrennt waren.
    Moltke hatte in seinem Buch über den russisch-türkischen Krieg von 1828/29 lobend erwähnt, daß die Russen bei der Belagerung systematisch, Schritt für Schritt vorgegangen waren, um nichts zu riskieren. Diesmal dagegen waren die Russen entschlossen, kurzen Prozess zu machen, obwohl ihre Kräfte, 12000 Mann, nicht einmal dazu ausreichten, das ganze Festungsgebiet (ein Halbbogen von 16km) ganz einzuschließen und die Belagerten vom Hinterland abzuschneiden.
    Leichtsinnigerweise hatte General Schilder, der verantwortliche Ingenieur, d. h. Belagerungsfachmann, der schon 1829 vor Silistria gelegen hatte, versprochen, die Festung innerhalb von 14 Tagen nach dem ersten Spatenstich zur Eröffnung der ersten Tranche, also des ersten Laufgrabens, einzunehmen. In Kiew hatte er sich auf einem Erprobungsgelände ein besonderes Verfahren ausgedacht, das die langwierigen Stellungsarbeiten ersparen sollte. Anstelle von Laufgräben sollten Trichter gesprengt und aus ihnen dann Gräben feindwärts weitergeführt werden. »Bresche gelegt« wurde zuletzt durch Minen, d. h. durch Sprengladungen, die in unterirdischen Stollen unter die feindlichen


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    Wälle vorgetrieben wurden. Die herkömmlichen Artilleriegranaten besaßen noch keineswegs eine Sprengkraft, die imstande war, Trichter aufzureißen.
    Der wichtigste Mann in Silistria war kein Türke, sondern ein ehemaliger preußischer Unteroffizier, ein Artillerist, der nach 1841 auf Bitten des Sultans vom König von Preußen freigestellt worden und 1848 dann ganz in türkische Dienste übergewechselt war: Oberst Friedrich Grach. Bei den Türken genoss er wegen seiner freiwilligen Anpassung an die türkischen Sitten große Popularität. Grach lag eine Kriegsführung nach europäischen Spielregeln am Herzen. So setzte er bei seinem türkischen Chef das Verbot durch, den toten Russen die Ohren oder Köpfe abzuschneiden und nach Gefechten als Trophäen zurückzubringen.
    Von Anfang an wurde die Geduld der Belagerer auf eine harte Probe gestellt. Die türkischen Artilleristen hielten die russischen Infanteristen auf Distanz, die Minensprengungen verpufften, weil die türkischen Wallanlagen nicht aus Mauerwerk, sondern aus Erdaufschüttungen bestanden. Schilders Untergebener und Schüler Todleben hatte auf diese Weise Gelegenheit, die Widerstandskraft von Erdwerken zu studieren.
    Gegenangriffe der Türken hemmten die Belagerungsarbeiten. Ein misslungener Nachtangriff kostete die Russen 1000 Mann Verluste, als auf Grund von Missverständnissen der Zeitplan durcheinandergeriet und ein Hornist ausgerechnet in dem Augenblick, als die Russen schon den Fortgraben erreicht hatten und dem Durchbruch nahe waren, das Signal zum Rückzug gab - ein Trick der Türken, die die Signale der Russen kannten. Ein Handstreich auf die Festung missglückte, der verantwortliche Offizier fiel. Ein Außenstehender bemerkte, daß die Russen sich selbst im Wege standen. »Die Offiziere wurden nicht zu selbständigem Denken und Handeln erzogen. Die Kunst, seinen Weg, also Karriere zu machen, besteht darin, daß man sich unbedingt dem herrschenden System fügt und genau den Forderungen entspricht, die von maßgebender Stelle gestellt werden, niemals etwas unternimmt, das nicht verlangt wird oder befohlen ist.«


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