Integrationspolitik
1.11.2009
Mord an Islamkritiker sorgte in Amsterdam für Politikwechsel
Die Ermordung von Theo van Gogh, die sich zum fünften Mal jährt, hat in den Niederlanden das Verhältnis zwischen Einheimischen und Migranten grundlegend verändert.
Amsterdam - Fünf Jahre ist es her, dass ein junger Niederländer marokkanischer Abstammung den islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam auf offener Straße erstach. Die Tat schürte in der niederländischen Hauptstadt tiefe Spannungen zwischen den Kulturen und zwang die Behörden, ihre Integrationspolitik zu ändern.
"Es war, als ob es vor dem Mord an van Gogh keine Muslime in den Niederlanden gegeben hätte. Von einem Tag auf den anderen hat man gemerkt, dass es sie gibt und dass etwas unternommen werden muss", sagt der aus Marokko stammende Bürgermeister des Amsterdamer Vororts Slotervaart, Ahmed Marcouch, im Rückblick auf den 2. November 2004.
Mord veränderte alles
In Amsterdam, das bis dahin für seine "multikulturelle Toleranz" bekannt war, veränderte der Mord an van Gogh alles. Mit einem Mal herrschten "Angst und Unverständnis" zwischen Migranten und Niederländern, erinnert sich der Politik-Berater Joris Rijbroek. Moscheen wurden angezündet. In der Stadt, in der jeder zweite Einwohner einen Migrationshintergrund hat, kam die soziale Integration von Einwanderern deshalb auf den Prüfstand.
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Seit der Ermordung von Theo van Gogh hat sich
die Politik in den Niederlanden verändert.
Bild: Reuters
Noch bis zum Jahresende 2004, also binnen weniger Wochen, brachte die Stadt einen Notfallplan auf den Weg, um eine Gewaltspirale zu verhindern. Darin wurden fünf bis sieben Millionen Euro jährlich freigegeben, mit denen einer Radikalisierung von jungen Einwanderern entgegengewirkt und das soziale Zusammenleben gefördert werden sollte.
Projekte von Migrantenverbänden erhielten Finanzspritzen. Der Stadtrat eröffnete einen Dialog mit Vertretern von Moscheen. Sogar eine Reality-Show über türkische und marokkanische Familien wurde ins Leben gerufen.
Tiefes Misstrauen
Fünf Jahre nachdem der junge Mohammed Bouyeri auf den Provokateur van Gogh schoss, einstach und ihm die Kehle durchschnitt, zeigt eine Studie, wie tief das Misstrauen zwischen den Kulturen heute ist: Rund zwei Prozent der muslimischen Bevölkerung in Amsterdam, also rund 1500 Menschen, sind den Ergebnissen zufolge für radikale Gedanken empfänglich. "Diese Gruppe ist groß genug, um einen besonderen Politikansatz - wie den von Amsterdam - zu rechtfertigen", sagt der Politikwissenschaftler Jean Tillie, der die Erhebung geleitet hat.
Vor allem 16- bis 18-jährige Muslime fühlen sich der Studie zufolge diskriminiert und hegen gegenüber der Politik Misstrauen. Van Goghs Mörder Bouyeri hatte sich vor Gericht freimütig zu seiner Tat bekannt: "Ich übernehme die volle Verantwortung.
Ich habe allein im Namen meiner Religion gehandelt", sagte er im Juli 2005. "Das Gesetz zwingt mich, jedem den Kopf abzuhacken, der Allah und den Propheten beleidigt." Van Gogh hatte in seinem Film "Submission" mit drastischen Bildern die Unterdrückung von Frauen in islamischen Gesellschaften gegeißelt.
Sonderbeauftragter gegen Radikalisierung
Der zu lebenslanger Haft verurteilte Bouyeri war im Amsterdamer Vorort Slotervaart aufgewachsen. Von dort stammen auch andere junge Islamisten, die nach der Ermordung van Goghs festgenommen worden waren.
Die Gemeinde hat deshalb im Jahr 2007 einen Sonderbeauftragten für den Kampf gegen die Radikalisierung ernannt: Hassan Maimouni hat seitdem 35 junge Muslime aufgespürt, bei denen die Gefahr bestand, dass sie sich einer radikalen Gruppe anschließen könnten. Dabei arbeitete er mit Sozialarbeitern, der Polizei und der muslimischen Gemeinschaft zusammen. "Unser Ziel ist es, sie in die Gesellschaft wieder einzugliedern, ihnen Hilfestellung zu geben", sagt Maimouni.
Zur Annäherung der Kulturen plant Bürgermeister Ahmed Marcouch ein besonderes Projekt: Er will in Slotervaart eine sogenannte "Polder-Moschee" errichten, in der Männer und Frauen gemeinsam predigen können - auf Niederländisch. Marcouch rechnet allerdings weiter mit Spannungen, unter anderem auch angesichts der Beliebtheit des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders. "Die Muslime fürchten, ihre Identität zu verlieren, und die niederländische Gesellschaft hat Angst vor ihnen." (AFP)
http://tt.com/tt/home/story.csp?cid=...&sid=57&fid=21




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Amsterdam. Vor fünf Jahren ermordete ein fanatischer Islamist den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh. Seitdem haben sich die Niederlande von Grund auf verändert. Angst, Sicherheitswahn und erregte Debatten über den Islam prägen das Land.
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