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08.10.2011, 13:10
Huntington 1: Who are we? Wer sind wir?

Posted By kewil On 8. Oktober 2011 @ 12:41 In Einwanderung,Geschichte,USA | 30 Comments (http://www.pi-news.net/2011/10/huntington-1-who-are-we-wer-sind-wir/print/#comments_controls)

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Man muß nicht immer das Rad neu erfinden. Der ausgezeichnete, inzwischen verstorbene, weltbekannte Wissenschaftler Samuel Huntington hat neben dem berühmten “Kampf der Kulturen” noch andere interessante Bücher geschrieben. Darunter anno 2004 “Who are we?” (Wer sind wir?). Huntington befürchtet darin, daß die USA irgendwann in zwei Teile zerfallen. Im Gegensatz zu früheren Einwandererwellen würden sich die Latinos nicht assimilieren, und es würden auch nicht genügend Anstrengungen unternommen, das zu ändern.

Hier ein Ausschnitt, der zeigt, daß im Gegensatz dazu die USA vor über 100 Jahren große Anstrengungen unternommen haben, um die Einwanderer zu amerikanisieren. Dabei hat sicher geholfen, daß es nie Sozialhilfe gab, auch nicht für die oben abgebildete deutsche Familie auf der Einwanderer-Insel Ellis Island mit 7 Söhnen und einer Tochter.

Die Immigranten amerikanisieren

Die Amerikaner prägten den Begriff und das Konzept der Amerikanisierung Ende des 18. Jahrhunderts zusammen mit dem Begriff und Konzept des Immigranten. Sie sahen die Notwendigkeit, aus den Neuankömmlingen in ihrem Land Amerikaner zu machen. »Wir müssen«, so John Jay 1797, »dafür sorgen, daß unser Volk amerikanischer wird.«

Jefferson drückte sich ähnlich aus. Die entsprechenden Bemühungen erreichten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Amerikanisierung, so Richter Louis Brandeis 1919, bedeute, daß der Immigrant »die Kleidung, Sitten und Gebräuche annimmt, die allgemein hier vorherrschen, und anstelle seiner Muttersprache die englische Sprache verwendet«. Dies stelle sicher, daß er »seine Interessen und Gefühle dem Land hier zuwendet« und »in vollkommene Harmonie mit unseren Idealen und Zielen« gelangt und »mit uns zusammenarbeitet, um sie zu verwirklichen«. Wenn der Immigrant all dies geleistet hat, wird er »das Nationalbewußtsein eines Amerikaners« haben. Andere Verfechter der Amerikanisierung fügten zu dieser Definition noch die Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft hinzu, die Abkehr von ausländischen Untertanenpflichten und die Aufgabe doppelter Loyalitäten und Nationalitäten.

Die Ansicht, daß es erforderlich sei, die Immigranten zu amerikanisieren, erzeugte eine breite soziale Bewegung, die sich diesem Ziel widmete. Es entstanden viele verschiedene, sich teils überschneidende und teils konkurrierende Bemühungen von lokalen, bundesstaatlichen und nationalen Regierungsstellen, privaten Organisationen und Unternehmen, und dabei spielten die öffentlichen Schulen eine zentrale Rolle. »Man kann den Umfang der Amerikanisierungs-Bewegung kaum übertreiben«, hat ein Historiker geschrieben. Es war ein »sozialer Kreuzzug«, ein Schlüsselelement der Reformphase der amerikanischen Politik. Mitarbeiter sozialer Hilfswerke, Erzieher, Reformer, Geschäftsleute und Politiker bis hin zu Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson, sie alle propagierten diesen Kreuzzug oder nahmen aktiv daran teil. Die »Liste der Organisatoren der Bewegung«, notierte ein anderer Historiker, »liest sich wie eine Kombination aus Who’s Who und Social Register«.

Die neuen großen Industriekonzerne brauchten massenweise Immigranten als Arbeitskräfte und richteten in ihren Fabriken Schulen ein, wo die Arbeiter die englische Sprache und amerikanische Werte lernten. In fast jeder Stadt mit einem nennenswerten Anteil von Immigranten hatten die Handelskammern ein Amerikanisierungsprogramm. Henry Ford gehörte zu den treibenden Kräften bei den Bestrebungen, aus Immigranten produktive amerikanische Arbeiter zu machen, denn, wie er sagte, »diesen Männern aus vielen Nationen müssen amerikanische Gebräuche, die englische Sprache und die richtige Lebensweise beigebracht werden«. Die Ford Motor Company führte zahlreiche Amerikanisierungsmaßnahmen durch, darunter sechs bis acht Monate dauernde Englischkurse, die eingewanderte Beschäftigte besuchen mußten. Der Abschluß wurde mit einem Diplom bescheinigt, das sie zum Erwerb der Staatsbürgerschaft berechtigte. U.S. Steel und International Harvester förderten ähnliche Programme, und »eine Vielzahl von Unternehmern richtete Kurse in den Fabriken ein, finanzierte Unterricht in Staatsbürgerkunde und unterstützte sogar öffentliche Abendschulen finanziell«.
Unternehmern der Reformära lag es am Herzen, daß ihre eingewanderten Arbeiter Englisch lernten und mit der amerikanischen Kultur und dem amerikanischen privaten Unternehmertum vertraut wurden. Das sollte ihre Produktivität steigern und sie gegen gewerkschaftliche und sozialistische Anwerbungsversuche feien.

Ihre speziellen Interessen deckten sich zum Teil mit dem allgemeinen nationalen Interesse. 1916 brachte Ford das Ziel, das erreicht werden sollte, in einem glanzvollen Schauspiel auf die Bühne: In der Mitte stand ein gewaltiger Schmelztiegel. Von der einen Seite zog ein breiter Strom von Immigranten »von hinter der Bühne dort hinein, gekleidet in fremdländische Gewänder, ausstaffiert mit Zeichen, die ihre Vaterländer angaben. Zugleich traten auf beiden Seiten des Tiegels andere Menschenströme hervor, alle schmuck identisch gekleidet und jeder mit einer kleinen amerikanischen Flagge in der Hand.«

Eine große Zahl privater wohltätiger Organisationen widmete sich den Amerikanisierungsbestrebungen. Teils waren es alteingesessene Organisationen, teil neue, eigens zu dem Zweck geschaffene. Die YMCA organisierte Englischunterricht für Immigranten. Die Sons of the American Revolution und die Colonial Dames boten Amerikanisierungsprogramme an. In Springfield in Massachusetts wurde das American International College speziell für Immigranten gegründet. Ethnische und religiöse Organisationen mit Verbindungen zu Neuankömmlingen warben aktiv für ihre Programme.

Liberale Reformer, konservative Unternehmer und engagierte Bürger gründeten Gruppierungen wie das Committee on Information for Aliens (Informationskomitee für Ausländer), die North American Civic League for Immigrants (Nordamerikanische Bürgerliga für Immigranten), die Chicago League for the Protection of Immigrants (Chicago-Liga zum Schutz von Immigranten), die Educational Alliance of New York City (Bildungsbündnis von New York City), die Stiftung Baron de Hirsch Fund (speziell für jüdische Immigranten), die Gesellschaft für italienische Einwanderer und viele ähnliche Organisationen. Sie berieten Einwanderer, boten Abendkurse in Englisch und amerikanischer Lebensweise an und halfen bei der Suche nach Arbeitsplätzen und Wohnungen. Ein Großteil der Maßnahmen und der dabei aktiven Personen gingen aus den sozialen Hilfswerken hervor, die Ende des 19. Jahrhunderts in den städtischen Armenvierteln entstanden waren, so etwa Jane Addams Hull House in Chicago. Die städtischen Parteibüros spekulierten auf die Stimmen der Immigranten und hatten schon deshalb ein Interesse daran, daß die Menschen ins Land kamen. Sie verschafften ihnen Arbeitsplätze, boten soziale Unterstützung an und halfen ihnen natürlich, daß sie möglichst rasch die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht erhielten.
Samuel P. Huntington, Who are we. Die Krise der amerikanischen Identität, Goldmann 2006, Seite 169 ff.; Teil 2 folgt irgendwann demnächst.


Weiterlesen... (http://www.pi-news.net/2011/10/huntington-1-who-are-we-wer-sind-wir/)

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09.10.2011, 13:10
Huntington 2: Who are we? Wer sind wir?
Posted By kewil On 9. Oktober 2011 @ 13:04 In Buch-Tipp,Einwanderung,USA | 27 Comments (http://www.pi-news.net/2011/10/huntington-2-who-are-we-wer-sind-wir/print/#comments_controls)

http://pi-news.net/wp/uploads/2011/10/huntington-who-are-we.jpg?f764e8 (http://www.pi-news.net/2011/10/huntington-2-who-are-we-wer-sind-wir/) [1]

Hier Teil 2 des Auszugs aus Huntingtons übersetztem Buch “Who are we” (Abb.). Wer Teil 1 gestern nicht gelesen hat und das sinnvollerweise nachholen möchte, der Link ist da (http://www.pi-news.net/2011/10/huntington-1-who-are-we-wer-sind-wir/#more-214760) [2]! Das Buch handelt über die amerikanische Identität und die Gefahr eines Auseinanderbrechens der USA, da sich die Latinos nicht genügend assimilieren, woran sich seit Erscheinen des Buches nichts geändert hat. Natürlich liest man solche Bücher auch, um mögliche Parallelen und Lehren für Europa zu ziehen.

Der Ausschnitt handelt von den wenig bekannten früheren Anstrengungen der USA, die vielen Einwanderer zu amerikanisieren:

Vor dem Ersten Weltkrieg drängten protestantische, katholische und jüdische Gruppen auf die Integration ihrer eingewanderten Glaubensgenossen in die amerikanische Gesellschaft. »Die römisch-katholische Kirche mobilisierte ihren Klerus, ihre Schulen, ihre Presse, wohltätigen Organisationen und Interessenvereine, daß sie auf die Immigranten einwirkten, ihre ausländischen Kulturmuster aufzugeben und sich den amerikanischen Gepflogenheiten anzupassen.

Erzbischof John Ireland, ein irischer Immigrant, übernahm die Initiative unter den amerikanischen Bischöfen. Er kämpfte gegen die Bestrebungen katholischer Immigranten, ihre Sprache und Traditionen zu bewahren.« Und »jüdische Hilfswerke ermunterten in vielen Städten die Kinder jüdischer Immigranten, die englische Lebensweise zu übernehmen, öffentliche Schulen zu besuchen und innerhalb des amerikanischen Rahmens ihre Identität zu bewahren«.

Die Amerikanisierungsbewegung begann mit privaten Organisationen an der Basis. Sie übten dann Druck auf lokale und bundesstaatliche Stellen aus, entsprechende Bemühungen zu fördern und sich daran zu beteiligen. Bald verabschiedeten mehr als dreißig Bundesstaaten Gesetze über Amerikanisierungsprogramme, Connecticut richtete sogar ein Ministerium für Amerikanisierung ein. Schließlich wurde auch die Bundesregierung aktiv, die Einbürgerungsbehörde im Arbeitsministerium und die Erziehungsbehörde im Innenministerium wetteiferten um Geld und darum, die jeweils eigenen Assimilierungsbemühungen voranzubringen.

1921 beteiligten sich 3526 Institutionen in Bundesstaaten, Städten und Gemeinden an Programmen der Einbürgerungsbehörde. Der Schwerpunkt lag auf Englischunterricht, die Regierungen unterstützten die Programme massiv ideell und finanziell.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die wichtigste Institution für die Amerikanisierung das allgemeine Schulwesen. Tatsächlich wurden die öffentlichen Schulen Mitte des 19. Jahrhunderts zum Teil im Hinblick auf die erwarteten Erfordernisse der Amerikanisierung konzipiert und eingerichtet. Wie Carl Kaestle es formuliert hat: »Bildung zur Assimilierung wurde zu einem Hauptanliegen der Schulverantwortlichen im 19. Jahrhundert.« Die Schulen pochten darauf, daß die Immigranten »angloamerikanische protestantische Traditionen und Werte« übernahmen.

Insbesondere in Neuengland mit seinem hohen Anteil an Einwanderern »betrachteten die Menschen die Schulerziehung als den besten Weg, angloamerikanische protestantische Werte weiterzugeben und den Zusammenbruch der republikanischen Institutionen zu verhindern«. Mit Blick auf die längerfristige Wirkung hat Stephen Steinberg geschrieben: »Mehr als jeder andere einzelne Faktor hat das öffentliche Schulwesen verhindert, daß Immigrantengruppen ihre heimische Kultur an ihre in Amerika geborenen Kinder weitergeben konnten.«

Die dominierende protestantische Atmosphäre und Wertewelt in den Schulen führte natürlich zu einer Gegenreaktion der katholischen Kirche und der Einrichtung katholischer Schulen, die im Laufe der Zeit jedoch ebenfalls zu Einrichtungen der Propagierung amerikanischer Werte und patriotischer Gefühle wurden.

Die Schulen hatten vor dem Ersten Weltkrieg überragende Bedeutung für die Bemühungen zur Amerikanisierung der Immigranten aus Süd- und Osteuropa. »Der Fortschrittliche glaubte an die Bildung«, sagt Joel M. Roitman. »Er verwendete sie als das wichtigste Werkzeug bei den Bemühungen zur Assimilierung (Amerikanisierung) der Millionen von Menschen, die in der Zeit von 1890-1924 in die Vereinigten Staaten kamen.« Die Schulen wurden angehalten, Unterricht in Englisch und amerikanischer Landeskunde für erwachsene Einwanderer anzubieten. Eine führende Organisation der Amerikanisierungsbewegung, die North American Civic League, veröffentlichte 1913 einen Plan für die Bildung des Immigranten. Das Federal Bureau of Education förderte diese Bemühungen und drängte 1919 darauf, daß Schulen nicht nur Orte sein sollten, an denen tagsüber Kinder lernten, sondern daß sie auch Abendprogramme für die Amerikanisierung von Erwachsenen einrichteten.

1921-1922 unterhielten zwischen 750 und 1000 Gemeinden »spezielle Programme an allgemeinbildenden Schulen zur Amerikanisierung von im Ausland geborenen Personen«. Zwischen 1915 und 1922 nahmen über eine Million Immigranten an solchen Programmen teil (aber nicht alle hielten bis zum Ende durch).

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, so berichtet Reed Ueda, versuchten Lehrer »Kindern von Immigranten ein Gefühl der amerikanischen nationalen Identität zu vermitteln. Die verwendeten Lehrbücher für Literatur und Gesellschaftskunde stellten die Institutionen und die politische Geschichte Amerikas in den Mittelpunkt und präsentierten große Männer und Frauen als heroische Vorbilder des Nationalcharakters.« Im ganzen Land wurde das Schulsystem »geprägt durch aufeinanderfolgende Generationen von Reformern von Horace Mann bis John Dewey, die das öffentliche Schulwesen als ein Instrument ansahen, aus der wuchernden Vielfalt, die durch die Immigration und die damit verbundenen sozialen Veränderungen entstanden war, eine geeinte Gesellschaft zu formen«.

An den späteren Phasen der Amerikanisierungsbewegung wurde kritisiert, es sei übermäßiger Druck auf Immigranten ausgeübt worden und die Bewegung sei nativistisch und immigrationsfeindlich geworden, was 1924 zum drastischen Rückgang der Immigrantenzahlen geführt habe. Ohne die Amerikanisierungsbemühungen seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wäre der Einbruch bei der Zuwanderung jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach schon früher erfolgt. Die Amerikanisierungsbemühungen machten die Immigration für die Amerikaner annehmbar. Der Erfolg der Bewegung wurde offensichtlich, als Immigranten und ihre Kinder zur Fahne eilten und für Amerika in den Krieg zogen. Der Erste Weltkrieg fachte den Patriotismus an und hob die nationale Identität gegenüber anderen Identitäten hervor.

Ihren Höhepunkt erreichten die nationalen Identitätsgefühle jedoch im Zweiten Weltkrieg, als rassische, ethnische und Klassenidentität der nationalen Loyalität untergeordnet wurden…
(Samuel P. Huntington, Who are we. Die Krise der amerikanischen Identität, Goldmann 2006, Seite 169 ff.)


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